Staffel 2 von Star Trek TNG: Streiks, Sturköpfe und Sternen-Storys

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Staffel 2 von Star Trek TNG: Streiks, Sturköpfe und Sternen-Storys
Quelle: Paramount

Teil 7 unserer Star-Trek-Retrospektive führt Autor Sebastian Göttling zurück auf den Fernsehbildschirm und in die zweite Staffel von The Next Generation!

Für Goldbergs Guinan baute man daraufhin das aufwendigste neue Set, das die Enterprise zum Staffelauftakt spendiert bekam: Die Bar Ten Forward, auf Deutsch Zehn Vorne, die, wie der Name schon sagt, auf dem mittleren Deck der Untertasse am Bug des Schiffes gelegen ist und durch große Panoramafenster den unmittelbaren Blick auf die Sterne preisgibt (ein wenig wie ganz vorn auf der Titanic, wo Jack ruft: "Ich bin König der Welt!"). Mit Ten Forward sollte nicht bloß Guinan einen Arbeitsplatz, sondern auch die Crew endlich einen Ort bekommen, wo sie gemeinsame Freizeit auch dann verbringen konnte, wenn Whoopi Goldberg in der Episode der Woche anderweitig beschäftigt war.

Weitere Set-Umbauten gab es auf der Brücke zu sehen, wo die dunklen Seitenwände einem hellen Schubladensystem wichen, von dem bis zum Ende der Serie mysteriös blieb, was genau darin steckte. Die beiden Stühle an den vorderen Stationen Conn und Ops waren nun auch nicht mehr Liege-Ledersessel - wahrscheinlich waren Data, Worf und Geordi zu oft weggenickt -, sondern aufrechte Stühle. Und apropos Geordi: Der war vom Navigator mittlerweile zum Chefingenieur in den Maschinenraum befördert worden, wo sich in der ersten Staffel noch eine ständig wechselnde Schar von Chefingenieurinnen und -ingenieuren die Klinke in die Hand gegeben hatte.

Hintergrund dieser Unstetigkeit war, dass man bei TNG nicht die Rollenverteilung der Originalserie 1:1 kopieren wollte. Deswegen gab es erst einmal keinen Scotty und selbst eine Chefärztin hätte man dem Publikum beinahe vorenthalten, wenn das Autorenteam nicht für die mitreisende Mutter des Teenagers Wesley eine Beschäftigung gesucht hätte.

Eine weitere optische Änderung war, dass Worf seine bronzefarbene Schärpe, die er vom Klingonen Kor aus der Originalserie geerbt hatte, ablegte und durch eine eindrucksvollere, kettengliedrige Silberschärpe ersetzte. Aber auffälligsten war aber, dass Babyface Riker auf einmal mit Vollbart daherkam - einem Look, der unglaublich viel tat für den Charakter des ersten Offiziers.

Wem gehört Data? Das ist in dieser klassischen Episode die Frage. Quelle: Paramount Wem gehört Data? Das ist in dieser klassischen Episode die Frage. Darsteller Jonathan Frakes hatte sich seine Gesichtsbehaarung die ultralange Sommerpause über stehen lassen und war damit nonchalant zu Gene Roddenberry ins Büro spaziert, dem sofort gefiel, was er dort sah: "Jonathan, das ist nautisch!" Frakes fügte hinzu, wie froh er war, dass seine Gattin Genie ebenfalls von dem Bart angetan war, denn sie musste fortan sechs Jahre damit leben.

Was tat sich hinter den Kulissen? Mit Staffel 1 hatte Chef Roddenberry noch versucht, nahtlos an die Originalserie anzuknüpfen, indem er alte VeteranInnen wie Dorothy Fontana, David Gerrold und Bob Justman anstellte. Doch die hatten nach und nach das neue Schiff verlassen, was zu einem großen Teil an den Eskapaden von Roddenberrys Anwalt Leonard Maizlish lag, von denen der vorherige Artikel bereits berichtete. David Gerrold setzte ebenfalls arg zu, dass er seine HIV-Parabel "Blood and Fire" nicht produziert bekam.

Außerdem, in Gerrolds eigenen Worten: "Gene Roddenberry ist kein netter Mensch. Er weiß einfach nicht, wie man Kompromisse eingeht, weil er immer der Boss war und auch immer der Boss sein möchte. Er kennt das gar nicht anders, denn er war stets Häuptling, niemals Indianer."

Spezialeffekt-Designer Doug Drexler zeichnet ein etwas anderes Bild vom Abgang Gerrolds und Fontanas. Drexler meint, die beiden hätten ständig aufeinander gehockt, gelästert und auch nach ihrem Ausscheiden oft "bitchy" Interviews gegeben über die ersten beiden Jahre der Next Generation und all ihre Unzufriedenheiten.

Womöglich berechtigt, aber dennoch schlechter Stil, findet Drexler, und etwas, das Roddenberry trotz all seiner Fehler niemals tat. Die Wahrheit liegt womöglich irgendwo in der Mitte.

Doch auch ansonsten ist die zweite Staffel dafür bekannt, dass sie eine wahre Drehtür war für Autorinnen und Autoren, die sich am Stil der Serie abarbeiteten, aber auch an Roddenberry, an seinem Anwalt, am Dauerstress und an der generell miserablen Arbeitsatmosphäre. Bestes Beispiel ist Autor Sandy Fries, der eines schönen Freitags feierte, dass er endlich ein eigenes Drehbuch von der Chefetage abgesegnet bekommen hatte.

Data, Worf und der nunmehr bärtige Riker sind gefangen im surrealen "Hotel Royale". Quelle: Paramount Data, Worf und der nunmehr bärtige Riker sind gefangen im surrealen "Hotel Royale". Der Schampus floss, doch als Fries montags darauf zurückkehrte ins Büro, wurde ihm überraschend eröffnet, dass er gefeuert sei und nun seine Sachen packen dürfe.

Köpfe rollten fortwährend, kein Set in Hollywood hatte einen solchen kreativen Verschleiß wie "Star Trek: The Next Generation" im Jahr 1988 und es bildete sich ein Ruf unter Kreativen, der schlechter nicht hätte sein können: "Bloß nicht bei Star Trek anheuern!"

Am Bug dieses Schiffes, das durch dermaßen schwere See fuhr: Maurice Hurley, der bärbeißige Showrunner von Staffel 2. Er hatte schon ab etwa Mitte Staffel 1 für die Serie gearbeitet, übernahm aber nun das Tagesgeschäft und das AutorInnenzimmer. Was für ein harter Kerl Hurley war, zeigt sich an seiner Reaktion auf die durchaus überraschende Beförderung: "Ihr könnt mich gar nicht meinen, denn ich schreibe kein utopisch freundliches Star Trek, ich schreibe harte Action. Am Ende eines meiner Teaser sind zwölf Leute tot."

Da übertreibt er sicherlich ein wenig, aber Hurleys vorhergehender Job war bei "Miami Vice" - eine Serie mit deutlich härterer Gangart als "Star Trek: The Next Generation". Nun stand dem willensstarken Roddenberry ein nicht minder tapferer Haudegen gegenüber, was eigentlich wie ein Rezept für eine Vollkatastrophe klingt.

Auch war Hurley überhaupt nicht einverstanden mit der Star-Trek-Philosophie des Trek-Erfinders, die nämlich besagt, dass es unter den perfekten Föderationsleuten des 24. Jahrhunderts keinerlei Konflikte geben darf - nur Friede Freude, Eierkuchen auf der Enterprise. Hurley nannte dieses Grundkonzept "wacky-doodle" und sagte in einem zeitgenössischen Interview: "Wer daran glaubt, der sollte besser weggesperrt werden."

Noch mehr Potenzial also für eine Explosion zwischen Roddenberry und Hurley. Doch trotz dieser unterschiedlichen Ansichten und Starrköpfigkeiten - oder vielleicht auch gerade *wegen* dieser Verbissenheit - begegneten sich die beiden gesetzten Herren auf Augenhöhe. Sie waren längst nicht immer einer Meinung, konnten sich aber dennoch miteinander arrangieren. Womöglich war es auch die gemeinsame Liebe für braune Spirituosen, die die Zusammenarbeit erträglich machte.

Sicher ist aber auch, dass Gene Roddenberry - vor der Öffentlichkeit sorgsam von seiner Ehegatten Majel Barrett verborgen - aufgrund seines exzessiven Lebenswandels der vorangegangenen Jahrzehnte mehrere kleine Schlaganfälle erlitt und ab etwa 1988 zunehmend tattriger wurde.

Die einzigen offenen Anzeichen dafür waren, dass sich Roddenberry ausschließlich mit einem Golfwägelchen über das Paramount-Gelände bewegte und sich in dem ein oder anderen Meeting absonderlich verhielt.

Der große Erfinder Star Treks fing an, abzubauen und das erforderte einen Mann vom Format eines Maurice Hurley, um das langsam entstehende Vakuum zu füllen.

Außerdem: Dank des frisch überwundenen Autorenstreiks ging es immer noch darum, die Produktionsmaschine Woche für Woche mit einem brandneuen und polierten Drehbuch zu füttern.

Zeitzeugen berichten, dass Maurice Hurley der Einzige war, der in der Lage war, diesen herkulischen Akt zu vollbringen. Nicht zuletzt deswegen, weil er Gene Rodenberry, der immer noch Hand anlegte an Rewrites einzelner Episoden, als einziger straffrei Storys entreißen und sagen konnte: "Jetzt ist mal gut, Gene, wir müssen fertig werden, ich übernehme ab hier."

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