Ein Sommer wie damals, und ein Captain Kirk, wie man ihn kennt und liebt: In unserer gigantischen Reportage blicken wir auf den Zusammenhang zwischen Mondlandung und Star Trek.
Auch bei Trek am Dienstag, dem Star-Trek-Podcast, den ich jede Woche mit Simon Fistrich moderiere und mich darin in Ausstrahlungsreihenfolge durch sämtliche Episoden aus den ersten vierzig Jahren des Franchise arbeite, ist die dritte Staffel nicht sonderlich gut weggekommen. Gerade einmal neun von 24 Episoden bekamen von uns eine - wohlgemerkt höchst subjektive - überwiegend positive Bewertung. In Staffel 2 war die Quote 15 von 26, im Debütjahr stellare 22 von 29.
Persönliche Highlights des durchwachsenen dritten Jahres sind The Enterprise Incident (Die unsichtbare Falle), ein Spionagethriller rund um eine Tarnvorrichtung tief in romulanisch-feindlichem Raum, The Paradise Syndrome (Der Obelisk), worin der von seiner Arbeit völlig gestresste Captain Kirk das Gedächtnis verliert und daraufhin fried- und liebevolle Monate als Stammeshäuptling verbringt, The Tholian Web (Das Spinnennetz), die einzige Episode in Staffel 3 mit sensationellen Spezialeffekten und zudem eine wunderbare Spukgeschichte, in der niemand Geringeres als Captain Kirk selbst zum Gespenst wird, die vorgenannten Spectre of the Gun und The Empath, sowie die vorletzte Episode All Our Yesterdays (Portal in die Vergangenheit), worin Spock in die Eiszeit zurückreist, seinen inneren Neandertaler freischaltet und eine Liebesbeziehung eingeht.
Als Lowlight sehe ich den Opener Spock's Brain wie gesagt nicht an, weil er immerhin unterhaltsames High Camp darstellt. Doch dann sind da leider noch jede Menge Folgen wie And the Children Shall Lead (Kurs auf Marcus 12), in der Kinder von einem bösartigen Engel/Teufel kontrolliert werden, Plato's Stepchildren (Platons Stiefkinder), wo die Crew der Enterprise zu Marionetten dekadenter Überwesen gemacht wird, Whom Gods Destroy (Wen die Götter zerstören), worin ein verrückt gewordener, wenn auch legendärer Sternenflottenkapitän ein Irrenhaus in Geiselhaft hält, The Lights of Zetar (Strahlen greifen an), wo eine fremde Macht die Besatzung der Zentralbibliothek der Föderation tötet, und The Savage Curtain (Seit es Menschen gibt), wo auf einem Lavaplaneten eine inszenierte Klopperei mit Abraham Lincoln, Dschingis Khan und anderen fiktiv-historischen Persönlichkeiten steigt.
Insbesondere die zweite Hälfte der dritten Staffel ist kreatives Ödland, bestenfalls durchschnittliche Qualität und bietet nur wenige Höhepunkte. Star Trek war 1968/69 eine Serie, bei der langsam die Lebenserhaltungssysteme versagten.
Quelle: Paramount
"Portal in die Vergangenheit" hätte ein mehr als würdiges Serienfinale abgegeben.
Gefährlicher Tausch
Star Trek war also auf einem kreativ absteigendem Ast, als die Geschichtsschreibung das Jahr 1969 erreichte - ein Jahr des großen Wandels, insbesondere kulturell. Am 30. Januar gaben die Beatles das Rooftop-Konzert, was ihr letzter öffentlicher, gemeinsamer Auftritt werden sollte, ebenso wie sie parallel Abbey Road aufnahmen, um es Ende September als ihr finales Album zu veröffentlichen.
Am 27. Mai starb Schauspieler Jeffrey Hunter, der 1964 im ersten Star-Trek-Pilotfilm den Captain Pike dargestellt hatte, im Alter von gerade einmal 42 Jahren. Am 28. Juni kam es zu den Stonewall-Unruhen, benannt nach der Bar, in welcher sie begannen. Die Polizei stürmte gewaltsam diesen Stützpunkt der LGBTQ-Community, und dieses dramatische Ereignis wurden zum Startschuss in ihrem Kampf für Gleichbehandlung und Anerkennung.
Im Kino war die Ära der Monumentalschinken vorbei; das Medium Film wurde neugeboren als etwas Unmittelbares, Zeitkritisches, Aufrührerisches - und nichts stand so sehr für das Zeitalter des New Hollywood wie die Premiere von Easy Rider am 14. Juli. Ein Monat später die zweite und noch bedeutsamere, riesige Musikveranstaltung der Hippiebewegung: Woodstock.
Während Star Trek den Bach hinunterging und sich die Welt veränderte, lief es bei der NASA seit der erfolgreichen Weihnachtsmission reibungslos. Apollo und die damit verbundene Mondlandung schienen unaufhaltsam. Auch, wenn die Sowjetunion weiterhin fleißig Propaganda verbreitete und sich immer noch als ernst zu nehmender Konkurrent gerierte, hatte man auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs das Rennen um den Mond eigentlich schon aufgegeben, ohne dass man das dem Rest der Welt verriet.
Als die Wundermission Apollo 8 am 27. Dezember 1968 zur Erde zurückkehrte, war dies lediglich vier Tage vor Produktionsbeginn der allerletzten Star-Trek-Episode am Silvestertag 1968. Von jenem Tag bis zum 9. Januar 1969 wurde Turnabout Intruder (Gefährlicher Tausch) gedreht.
Im Laufe dieser letzten Tage besuchte auch Joan Winston das Set - ebenso wie die Eheleute Trimble ein aktiver Star-Trek-Fan der ersten Stunde. Winstons Bericht aus der Götterdämmerung Star Treks wurde 1975 ein Kapitel des hoffnungsvoll betitelten Buches Star Trek Lives!. Die Reportage handelte von einem der Drehtage und hielt fest, dass Hauptdarsteller William Shatner sich eine schwere Grippe eingefangen hatte und sich sein Schauspiel deswegen nur unter größter Kraftanstrengung aufrechterhalten ließ.
Bei einer Gelegenheit musste Shatner Sandra Smith, den Gaststar der Woche, auf Händen tragen, was ihm aufgrund der Erkrankung sichtlich schwerfiel. Irgendwann soll er gesagt haben: "Baby, ich liebe dich, aber du musst unbedingt sechs Zoll deines Hinterns verlieren." Shatner konnte diese Entgleisung immerhin auf seine Grippe schieben; alle anderen Anwesenden, die in schallendes Gelächter ausbrachen, hatten als einzige Entschuldigung, dass 1969 eine andere Zeit war.
Quelle: NASA
Neil Armstrongs Schritte auf dem Mond
In einem weiteren Outtake soll Shatner zu seinem Kollegen Leonard Nimoy gesagt haben: "Spock, du warst es immer. Du weißt doch, dass du es immer warst. Sag, dass du mich auch liebst."
Eigentlich war die Produktionscrew drauf und dran, nach Turnabout Intruder noch zwei weitere Episoden zu filmen - unter anderem The Joy Machine, eine Folge, bei welcher der hier noch erkrankte Shatner erstmalig selbst die Regie übernommen hätte. Doch was viele schon ahnten, wurde der Crew an diesem Tag endgültig mitgeteilt: Star Trek war abgesetzt, und zwar ab sofort.
Die beiden letzten Episoden der Staffel waren gestrichen, es sollten nur 24 statt der geplanten 26 werden. Der ehemalige Chef Gene Roddenberry selbst überbrachte die unglückliche Kunde, während er einen durchaus prominenten und Jahrzehnte später höchst umstrittenen Gast persönlich über die Sets führte: Footballspieler O. J. Simpson.
Als an Drehtag Nummer 7 William Shatner und Sandra Smith vor einer Techno-Zauberwand die allerletzten Szenen performten, war im Hintergrund schon großer Krach zu hören, denn die ikonischen Sets der Enterprise-Brücke wurden noch im laufenden Betrieb abgebrochen. Star Trek war vorbei.
Nur wenige Tage später wurde Richard Milhouse Nixon als 37. Präsident der Vereinigten Staaten eingeschworen. Als harter Hund, der verbissen am längst nicht mehr zu gewinnenden Vietnamkrieg festhielt, wurde er eines der Feindbilder der Jugend und der Friedensbewegung. Ein paar Jahre später sollte er über die Watergate-Spionageaffäre stolpern.
Doch bis dahin konnte Nixon als einer der republikanischsten unter den Republikanern das weltweite politische Wohlwollen ernten, das der Erfolg der Apollo-Mission mit sich brachte. Ein Projekt, begonnen und beflügelt vom demokratischsten aller demokratischen Präsidenten, John F. Kennedy. Manchmal hat der Empfänger von Beifall oder auch Kritik einfach nur mit Legislaturperioden zu tun, weniger mit eigenem Zutun.
Am 14. März 1969 lief die vorletzte Star-Trek-Episode All Our Yesterdays im US-Fernsehen. Eigentlich sollte nur eine Woche später das Staffelfinale Turnabout Intruder folgen, doch NBC entschied kurzerhand, die von Henry Fonda moderierte Reportage Hollywood: The Selznick Years auszustrahlen und infolgedessen die letzte Ausgabe von Star Trek noch eine Woche zu verschieben.
Doch am 28. März funkte ein weiterer US-Präsident dazwischen, diesmal war es John F. Kennedys Amtsvorgänger Dwight D. Eisenhower. Dieser verstarb an besagtem Märztag; NBC setzte für den Abend eine Sondersendung an und der zweite, geplante Ausstrahlungstermin für das Star-Trek-Finale war geplatzt, ein Ersatztermin nicht in Sicht, große Sendepause.
Am 26. Mai 1969 kehrte Apollo 10 zur Erde zurück, abermals ein glänzender Erfolg. Die drei Astronauten Eugene Cernan, Thomas Stafford und John Young, die ihre Vehikel Charlie Brown und Snoopy getauft hatten, konnten unter realen Bedingungen erstmalig in der Mondumlaufbahn Abstiegs-, Aufstiegs-, Rendezvous- und Andockmanöver testen. Lediglich die eigentliche Landung und die Schritte auf dem Mond fehlten noch zum großen Glück.
Eine gute Woche später lief endlich wieder Star Trek auf NBC, denn es war der Auftakt der traditionellen Sommerwiederholungen - fast drei Monate, nachdem die vorerst letzte aktuelle Folge gezeigt wurde. Aus heiterem Himmel bekam die Serie nun auch einen viel besseren Sendeplatz als den Todes-Slot: dienstags um halb acht Uhr abends.
Quelle: NASA
Die USA sind die Sieger des Rennens zum Mond.
Das wäre im vergangenen Herbst traumhaft gewesen, den infolgedessen hätte Gene Roddenberry nie seinen Hut genommen. Doch bevor nun eine Auswahl der vergangenen Staffel wiederholt wurde, lag da immer noch die letzteEpisod e im Vorratsschrank - und deswegen kam jetzt im Sommer, völlig losgelöst, zwar nicht von der Erde, aber doch vom Rest der Staffel, Turnabout Intruder.
Was genau passiert im Serienfinale eigentlich? Wie so oft begegnet Captain Kirk einer alten Flamme, diesmal ist es Dr. Janice Lester, Teil eines - ebenfalls wie so oft - verunglückten Forschungstrupps. Doch für dieses Ungemach zeichnet die heimtückische Dr. Lester selbst verantwortlich; sie will damit ihren Verflossenen anlocken. Der Grund: In den Katakomben des Planeten entdeckte sie eine rätselhafte, außerirdische Maschine, mit der man Körpertausch betreiben kann.
So wird kurzerhand Captain Kirk zu Dr. Lester und umgekehrt. Sandra Smith spielte den strahlenden Weltraumhelden in falschem Körper, der seine Freunde von der misslichen Lage überzeugen muss, während William Shatner die völlig verrückte Doktorin mimte - ja, man muss sie leider schon klischeehaft hysterisch nennen -, die sich im Endeffekt selbst entlarvt. Shatner gab sich als Frau im Körper eines Captains völlig zügellos und verdiente sich den Spitznamen der Produktionscrew: "Captain Kirk, Space Queen".
