Ein Sommer wie damals, und ein Captain Kirk, wie man ihn kennt und liebt: In unserer gigantischen Reportage blicken wir auf den Zusammenhang zwischen Mondlandung und Star Trek.
King war es übrigens, der Star Treks Uhura-Darstellerin Nichelle Nichols am Ende der ersten Staffel gut zuredete, als sie ihre Rolle aufgrund von Broadway-Gesangsangeboten niederlegen wollte. Doch ihre Darstellung einer professionellen, schwarzen Raumfahrerin wäre es, so King, die der jetzigen und auch kommenden Generationen Inspiration und Hoffnung für die Zukunft geben würde. Nichols, die ihrerseits ein großes Idol in King sah, ließ sich von ihm darin bestärken, dass sie selbst ein fiktionales Vorbild sein könnte. Sie entschied sich, bei Star Trek zu bleiben.
Doch in der Sommerpause folgten ebenso tragische Ereignisse, die Star Trek nicht vorhersagte. Am 6. Juni fiel Robert Kennedy, der jüngere Bruder des ermordeten John F. und seines Zeichens demokratischer Präsidentschaftskandidat in Vorwahlen, einem Attentat zum Opfer.
Am 21. August marschierte die Sowjetunion mit aller militärischen Macht in der Tschechoslowakei ein, wo sich seit Jahresanfang der Prager Frühling ereignete - der Traum eines Sozialismus in nicht-diktatorischer Freiheit. Allüberall fühlte es sich so an, als würde die Freiheit niedergeschlagen: King, Kennedy und Prag.
Auch gegen Star Trek gab den entscheidenden Schlag, denn NBC machte in letzter Minute einen Rückzieher und entschied sich, die Serie doch nicht wie angekündigt auf dem beliebten Montagsabend-Sendeplatz zu bringen. Nachdem die erste Staffel am Donnerstagabend gezeigt wurde, Staffel 2 am frühen Freitagabend, wurde die Serie für die dritte Staffel auf den sogenannten Todes-Slot gesetzt: freitagabends um 22 Uhr.
Konnten Jugendliche die Folgen der zweiten Staffel noch anschauen, bevor sie am Auftakt des ersehnten Wochenendes zum Tanzen, ins Kino oder sonst wohin gingen, kollidierte die Ausstrahlung nun unmittelbar mit dieser für junge Leute wichtigsten Freizeit. Ein später Freitagabend mit den Freunden und Dating war nun einmal wichtiger als Captain Kirk und Mister Spock - und weil die jungen Leute einen entscheidenden Anteil der Einschaltquoten ausmachten, gingen diese ab sofort in den steilen Sinkflug.
Quelle: Paramount
In einem der wenigen Staffel-3-Highlights spukt Captain Kirk auf seinem eigenen Schiff.
Weihnachtsgrüße vom Mond
Zum Jahresende fand man immerhin Hoffnung im Weltall. Apollo 7 wurde vom 11. bis 22. Oktober 1968 der erste bemannte Flug dieser Missionsreihe und ein voller Erfolg, bei dem die Astronauten 163 Mal die Erde umkreisten. Doch zum wahrhaftigen Friedensgruß nach einem Jahr voller bitterer Nachrichten wurde Apollo 8 an Weihnachten.
Als die Astronauten als erste Menschen den Mond erreichten und umkreisten, schossen sie an Heiligabend das legendäre Foto "Earthrise". Es zeigt, wie unsere gute alte Erde über der Mondoberfläche aufgeht, und wurde - wie gute zwanzig Jahre später das Pale-Blue-Dot-Foto - zu einem Symbol dafür, dass wir Menschen mit all unseren Verfehlungen und Krisen doch nur auf diesem einen Planeten wohnen.
Eine kleine blaue Kugel, einsam und isoliert im lebensfeindlichen Weltall. Dieser Anblick erregte in den Astronauten und in vielen auf der Erde Ehrfurcht und Bewusstsein dafür, dass Frieden die einzige Lösung sein muss. Eine Star-Trek-Botschaft, wie sie purer nicht sein könnte.
Später am Abend richtete Astronaut Borman seine Hasselblad-Kamera vor dem live von der Erde zugeschalteten Fernsehpublikum zunächst auf den blauen Planeten, dann auf den kargen und lebensfeindlichen Mond. Sein Kollege Lovell ergänzte, dass nun klar sein müsste, wie besonders das Zuhause auf der Erde doch ist. Er nannte unsere Welt "eine grandiose Oase in der weiten Wüste des Weltalls".
Die Astronauten trugen daraufhin die biblische Schöpfungsgeschichte vor und Frank Borman schloss mit den Worten: "Von der Besatzung der Apollo 8 - wir schließen mit einem Gute Nacht, viel Glück, fröhliche Weihnachten und Gott segne euch alle - euch alle auf der guten Erde." Eine am Ende eines Krisenjahrs dringend benötigte Hoffnungsbotschaft vom Erdtrabanten.
Am 27. Dezember wasserten die drei Astronauten wohlbehalten. Doch Apollo 8 verdeutlichte nicht nur eine Botschaft von Frieden, sondern machte auch klar: Die Vereinigten Staaten würden im Space Race höchstwahrscheinlich siegen.
Der Mann, der Star Trek umbrachte
Auf den begehrten Montagssendeplatz setzte NBC dann statt Star Trek die Sketch-Sendung Rowan & Martin's Laugh-In, eine sehr biedere Unterhaltungssendung, die im Gegensatz zu Roddenberrys Science-Fiction-Serie am Geschmack des jugendlichen Publikums vorbeisendete und sich eher an ältere Semester richtete. Für den Serienvater war dies der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Roddenberry wandte seiner eigenen Schöpfung den Rücken zu.
Etwa zeitgleich zu seinem wütenden Abschied fiel auch beim Sender NBC die unglückliche Entscheidung, die Episode Spock's Brain (Spocks Gehirn) als erste in Staffel 3 auszustrahlen, weil Spock ja "immer geht". Doch anders als Amok Time aus Staffel 2 handelt es sich hierbei um keine ausgefeilte und ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Vulkanier, sondern um eine vergleichsweise quatschige Geschichte, in der ihm das Hirn herausoperiert und geklaut wird.
Keinesfalls die schlechteste Star-Trek-Episode aller Zeiten, wie oftmals plakativ behauptet wird, aber alles andere als ein Glanzlicht - und vor allem kein guter Opener.
Doch wer würde das Erbe des Roddenberry antreten? Es sollte Fred Freiberger werden, der in die Geschichte eingehen würde als "der Mann, der Star Trek umbrachte". Sicherlich standen die Zeichen direkt zu Beginn der dritten Staffel aufgrund des Sendeplatzes alles andere als gut, dennoch wurde Freiberger allzu einfach und schnell zum Sündenbock gemacht.
Ja, im Laufe von Freibergers Karriere überwogen nicht gerade gelungene kreative Entscheidungen, doch im Fall von Star Trek standen seine buchstäblichen Sterne besonders ungünstig.
Am schwerwiegendsten war sicherlich, dass NBC das Budget der Serie dramatisch einkürzte, während gleichzeitig die Gagen der beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler anstiegen. Das hieß, dass für die Woche für Woche anfallenden laufenden Kosten, die oben auf den Fixkostensockel gesetzt wurden (im Hollywood-Jargon die Below-the-line-Ausgaben), praktisch gar nichts mehr übrig blieb.
Aufwendige Inszenierung und Spezialeffekte gehörten fortan der Vergangenheit an. Ein einziges Mal ging in der dritten Staffel Star Trek auf Außendreh, der Rest wurde auf minimalistischen Kulissen gedreht.
Quelle: Paramount
"Kurs auf Marcus 12", die wohl schlechteste Folge der dritten Staffel Star Trek
Manchmal, wie im Fall der Western-Episode Spectre of the Gun (Wild West im Weltraum), wo ein illusorisches Städtchen nur aus surrealen Halbkulissen vor brennend rotem Himmel besteht, oder The Empath (Der Plan der Vianer), gedreht auf einer gänzlich-schwarzen Kulisse, entstand aufgrund des Sparkurses eine angenehm klaustrophobisch-surreale Atmosphäre. Doch meistens sah das Ergebnis einfach nur sehr billig aus.
Auch war Roddenberry nicht der Einzige, der ging. Der legendäre Director of Photography, Jerry Finnerman, hielt seine Kameralinse nur auf die ersten neun Episoden, die restlichen übernahm Al Francis. Wo Finnerman den Begriff Farbfernsehen mit atmosphärisch bunten Kulissen in neue Sphären trug, sah bei Francis alles farbarm und stumpf aus.
Davor dann die Schauspieler, die sich endlich nicht mehr ihre Koteletten zu futuristischen Spitzen rasieren mussten - denn darauf hatte Roddenberry immer bestanden -, sondern sie sich gemäß dem Trend der Zeit zu ordentlichen Backenbart-Ansätzen stehenließen. Diese sehr datierbare Spät-60er-Gesichtsbehaarung in Zusammenhang mit der wesentlich weniger attraktiven Inszenierung machte Star Trek über Nacht um einiges uncooler.
Sein altes Gehalt bezog Roddenberry allerdings immer noch. Ebenso behielt er den Titel des Executive Producer, er verlagerte seine Aktivitäten aber aus dem Star-Trek-Bürogebäude hinaus in ein winziges Büro am entgegengesetzten Ende des Paramount-Lots und krümmte keinen Finger mehr für die Serie. Stattdessen kümmerte er sich darum, andere, zukünftige Projekte an den Start zu bringen.
Die übrig gebliebenen Autorinnen und Autoren fühlten sich von Roddenberry alleingelassen und flohen ebenfalls vom sinkenden Schiff. Für schreiberisch angemessenen Ersatz reichte das knappe Geld ebenso wenig wie für hochkarätige Gaststars, wie sie in den ersten beiden Staffeln noch mühelos gebucht werden konnten.
Ein wirklicher Totalausfall war der neue Story-Editor Arthur Singer, den Science-Fiction im Allgemeinen und Star Trek im Besonderen überhaupt nicht juckten, obwohl es ja seine Hauptaufgabe war, interessante Storys in diesem Universum zu entwickeln. Eines Tages marschierte er aufs Set und fragte den Dekorateur: "Sag mal, was macht noch mal dieses Transporter-Dingen?" Diese Mischung aus völliger Ahnungslosigkeit und Ignoranz sprach sich schnell herum und auch der Rest der Produktionscrew hörte langsam auf, Herzblut in die Serie zu stecken.
Quelle: NASA
Apollo 10 probt erfolgreich im Mondorbit.
Der Niedergang Star Treks hing nicht so sehr an Freiberger wie an einer unguten Mischung vieler Faktoren, die sich zu einer selbsterfüllenden, dunklen Prophezeiung verdichteten. Tatsächlich war es sogar ein Verdienst von Freiberger und könnte als Wunder bezeichnet werden, dass er die sterbende Serie bis zum bitteren Ende irgendwie zusammenhalten konnte.
Doch früher oder später lagen die Nerven blank bei Fred Freiberger, der sich völlig alleingelassen fühlte inmitten von aufmüpfigen Schauspielenden und einem widerspenstigen Produktionsstudio. Es kam zu Streitgesprächen und anderen unschönen Situationen, die sicherlich seinen Ruf als Serienkiller nachträglich unterstützten.
Außerdem erbte Freiberger zahlreiche Drehbuchaufträge, die Roddenberry bereits während der zweiten Staffel vergeben hatte, sodass es nur sehr begrenzten kreativen Spielraum gab. Einige dieser bereits angekauften Geschichten konnte Freiberger zwar absagen, weil sie nachweislich hinten und vorn nicht funktionierten, doch eigenen Angaben zufolge war er bei 17 der 24 Episoden aus Staffel 3 völlig machtlos, eigene Impulse einzubringen.
Freiberger, der ebenso wie Gene Roddenberry im Zweiten Weltkrieg Flieger war, wurde bei der 1943er-Schweinsburg-Regensburg-Mission abgeschossen und geriet in Kriegsgefangenschaft.
Mitte der 90er sagte er in einem Interview: "Mein Martyrium in einem deutschen Gefangenenlager dauerte nur zwei Jahre. Meine Qual mit Star Trek ging 25 Jahre und währt immer noch an." Obwohl ihm in den Folgejahrzehnten einige ehemalige Mitarbeitende mit Zeitzeugnissen zur Seite sprangen, hatte Freiberger den schlechten Ruf weg und wurde bis an sein Lebensende zunehmend bitterer, vor allem, was die Originalserie von Star Trek angeht.
