Ein Sommer wie damals, und ein Captain Kirk, wie man ihn kennt und liebt: In unserer gigantischen Reportage blicken wir auf den Zusammenhang zwischen Mondlandung und Star Trek.
Das Apollo-Fernsehprogramm moderierte in den USA auf CBS Anchorman-Legende Walter Cronkite. In Deutschland richtete der Westdeutsche Rundfunk in Köln ein ausgetüfteltes Apollo-Sonderstudio ein. Acht Experten aus Wissenschaft und Technik saßen als Kommentatoren bereit und wurden von einem Sprecher geleitet. Ein 1:10-Außenmodell der Mondlandefähre stellte die Manöver der Eagle anschaulich dar.
Doch die Mondlandefähre wurde sogar im Originalmaßstab gebaut, wenn auch nur zur Hälfte, damit das Fernsehpublikum im Querschnitt hineinschauen konnte, wie Weltraumpublizist Rudolf Brock aus Düsseldorf und der Kölner Sportstudent Arno von der Weppen das Geschehen auf dem Mond für die Zuschauer detailgetreu und nahezu analog nachspielten.
28 Stunden lang wurde aus Köln live gesendet, hauptsächlich moderiert von Günter Siefahrt, der sich daraufhin den Spitznamen Mr. Apollo verdiente. In Houston stand WDR-Korrespondent Werner Büdeler bereit. Star Trek war zwar abgesetzt, aber zukunftsweisendes Fernsehen unternahm rund um die Mondlandung wahnwitzige Experimente - und Deutschland war ganz vorn mit dabei. Bis heute bedauere ich es, dass ich diese historische Nacht als Spätgeborener nicht selbst miterleben durfte.
Doch was war mit Captain Kirk, was war mit William Shatner? Von wo aus verfolgte er den historischen Moment der Mondlandung? In einem Interview gab er zu Protokoll:
"Ich weiß genau, wo ich war, auf einer Weide auf Long Island. Ich befand mich mitten in meiner Scheidung und hatte daher kein Geld. Star Trek war abgesetzt worden und ich war auf der Suche nach Arbeit. Ich besaß nichts außer einem alten, verbeulten Camper, in dem ich hauste. In ihm fuhr ich von Sommertheater zu Sommertheater. Ich war ein von Armut betroffener Schauspieler. Ich war verzweifelt. Was sollte ich nun tun? Ich lag in meinem kleinen Bettchen im Wohnmobil, schaute durch ein Fenster und sah den Vollmond, auf meiner Brust ruhte ein Vier-Zoll-Schwarz-Weiß-Fernseher. Darauf Neil Armstrong. Ich hörte auf, über meine eigenen Probleme zu grübeln und verstand - was für ein außergewöhnlicher Moment in der Geschichte der Menschheit das war."
Tatsächlich war zum Zeitpunkt von Apollo 11 kein Voll-, sondern zunehmender Mond, nicht einmal ein halber.
Quelle: NASA
"Wir kamen in Frieden für die gesamte Menschheit."
Doch das wahre Leben ist manchmal noch unvorhersehbarer als Science-Fiction. Am 13. Oktober 2021 wurde William Shatner mit 90 Jahren der älteste Mensch im Weltall, als Amazon-Chef Jeff Bezos ihn in einem seiner Blue-Origin-Shuttles für einige Minuten in den Erdorbit schoss. Dort hatte Shatner seinen ganz eigenen Apollo-8-Moment, war genau wie die Astronauten am Heiligabend 1968 emotional stark angefasst von der Zerbrechlichkeit unseres blauen Planeten und wie wir Menschen mit ihm, unserer einzigen Heimat, umgehen.
Mittlerweile zählt Shatner 93 Lenze, ist fit wie eh und je und aufgrund seiner Weltraumerfahrung in hohem Alter zu einem progressiven Prediger für einen behutsameren Umgang mit unserer Welt, ihrer Flora und Fauna und miteinander geworden.
"Wir gehen dorthin, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist", heißt es bei Star Trek und "wir kamen in Frieden für die gesamte Menschheit", besagt die Plakette, welche die Astronauten von Apollo 11 im Staub des Mondes im Mare Tranquillitatis hinterließen.
Was wäre, wenn ...
Einen Tag nach den Schritten auf dem Mond, am 22. Juli 1969, fiel die Wiederholung von Star Trek auf NBC erneut aus. Diesmal wegen Baseball. Am 2. September 1969 dann lief Star Trek ein allerletztes Mal auf dem Sender und seither nie wieder. Requiem for Methuselah (Planet der Unsterblichen) wurde die finale Wiederholung.
Kaum war Apollo 11 zurück - die drei Astronauten befanden sich noch in Quarantäne -, da plante die NASA schon die zwölfte Mission, die im November im "Meer der Stürme" landen sollte. Jetzt, wo der erdnahe Trabant erobert war, richtete NASA-Direktor Gilruth seinen Blick auf den Flug des Menschen zu unserem Nachbarplaneten: "Apollo 12 ist der Weg zum Mars."
Allerdings erst "irgendwann nach 1980", wie sein Stellvertreter Mueller rasch ergänzte. Zwei Tage später nannte die NASA einen konkreten Zeitplan - zwölf Menschen starten am 12. November 1981 zum roten Planeten und kehren am 14. August 1983 zurück. Eine Londoner Buchmachergesellschaft nahm ab dann Wetten an, wann denn nun der erste Mensch auf dem Mars stehen würde.
Auch die Star-Trek-Originalserie machte in der eingangs erwähnten Episode Tomorrow Is Yesterday eine Vorhersage zur Weiterentwicklung der Raumfahrt, doch der Blick reichte hier noch viel weiter. Der ungeborene Sohn des im Jahr 1969 versehentlich auf die Enterprise gebeamten Captain Christopher wird im frühen 21. Jahrhundert die erste Mission zum Saturn fliegen.
In der Realität setzte letztmalig im Dezember 1972 ein Mensch seinen Fuß auf einen fremden Himmelskörper. Vor über 50 Jahren wurde Apollo 17 die letzte bemannte Mondmission. Genau wie die dritte Staffel Star Trek fand sie quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, denn nach Armstrongs großem Triumph nahm - mit Ausnahme der Beinahe-Katastrophe Apollo 13 - das Interesse der Menschheit rapide ab.
Sonden, Teleskope, Raumstationen, ferngesteuerte Roboterfahrzeuge, Space Shuttles und ihre Tragödien, friedliche internationale Kooperation im All - das waren seit der allerletzten Apollo-Mission die Schwerpunkte der Raumfahrt. Nun aber scheinen wir uns erneut in einem internationalen Wettrennen zu befinden.
Unter anderem China, die Vereinigten Staaten, aber ebenso möglicherweise größenwahnsinnige Entrepreneure, haben den Blick darauf, dass genau wie bei Star Trek bald auch wieder Astronautinnen und Astronauten dorthin gehen sollen, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist.
Eventuell landet eine Artemis-Mission - so nennt sich die Nachfahrin von Apollo - irgendwann um 2027 herum auf dem Mond. Vielleicht wäre Dr. Janice Lester nicht durchgedreht, wenn sie wüsste, dass Christina Koch höchstwahrscheinlich die erste Frau auf dem Mond sein wird.
Die erste Frau auf dem Mond zeigte uns vor wenigen Jahren die vortreffliche und immer noch laufende Science-Fiction-Serie For All Mankind von Ronald D. Moore, der in den 90er-Jahren bei Star Trek gearbeitet hatte. Gezeigt wird dort ein Was-wäre-wenn-Szenario, welches skizziert, wie sich die Raumfahrt entwickelt hätte, wäre der Raketen-Spezialist Korolev 1966 nicht verstorben, woraufhin doch die Sowjets 1969 als Erste auf dem Mond gelandet wären.
Die Erzählung wurde von Moore bewusst als Star-Trek-Prequel entwickelt, auch wenn er es aus lizenzrechtlichen Gründen nicht als solches bezeichnen darf. In dieser Apple+-Serie wird wie nie zuvor der Pioniergeist von Apollo mit dem Gefühl von Star Trek verquickt. For All Mankind endete aber nicht nach Staffel 3, mittlerweile ist ein fünftes Jahr in Arbeit - und nicht nur das: Parallel wird nun die Spin-off-Serie Star City entwickelt, welche die Parallelhandlung hinter dem Eisernen Vorhang erzählen wird, die sich in den bisherigen Staffeln nur erahnen ließ.
Quelle: NASA
Apollo 17, die letzte Mondmission
Ein weiteres Was-wäre-wenn-Szenario ist die Frage: Was, wenn Staffel 3 von Star Trek 1968 nicht auf dem Todes-Slot gelandet wäre? Oder wenn die Drehbücher besser gewesen wären? Oder gar beides? Schwer zu sagen, wie lange sich Roddenberrys erste Science-Fiction-Serie dann noch gehalten hätte. So oder so war es entscheidend wichtig - unabhängig von der Qualität -, dass es überhaupt eine dritte Staffel gegeben hat.
Denn nur so gab es eine ausreichende Menge Episoden, damit die Serie ab den 70er-Jahren nach dem Ende bei NBC umziehen konnte ins Lokalfernsehen der Syndication, wo Star Trek USA-weit jeden Wochentag in Dauerwiederholungsschleife zu sehen war und sich zu einem verspäteten, galaktischen Erfolg entwickelte, der auf Geschäftsseite Abermillionen von Werbeeinnahmen generierte, vor allem aber auf der menschlichen Seite Abermillionen Kinder und Jugendliche zu Star-Trek-Fans machte, die von einer utopischen Zukunft im Weltraum träumten.
Als im Jahr 1977 eine andere Sternensaga, nämlich die von George Lucas, alle Rekorde an den Kinokassen brach, hatte Paramount das richtige Pferd im Stall und schickte es bereits 1979 an den Start, wie den Phönix aus der Asche. Phoenix heißt übrigens auch in der Fiktion Star Treks das erste Warp-Schiff von Zefrem Cochrane, das 2061 in einer apolloschen Pionierleistung den ersten Kontakt mit einer fremden Spezies ermöglicht, den Vulkaniern.
So pendelt der Lauf der Geschichte zwischen progressiver und konservativer Grundhaltung, zwischen der Erforschung des Weltalls und Erdbezogenheit, zwischen gutem Star Trek, schlechtem Star Trek und oft auch gar keinem Star Trek. Nicht immer gehen diese Pendelbewegungen parallel, doch oft genug ist der echte Lauf der Welt und des Weltraums eng verknüpft mit der Science-Fiction und unseren Träumen von den Sternen.
Sebastians bisherige Star-Trek-Retrospecials
- Star Trek: The Motion Picture - ein perfekter, unperfekter Film
- Star Trek 2 Der Zorn des Khan: Eine Reise aus der Midlife-Crisis und zurück
- Ungerader Film mit klassischen Qualitäten: Star Trek 3 - Auf der Suche nach Mr. Spock
- Ein Familienfilm für die Festtage: Star Trek 4: Zurück in die Gegenwart
- Utopie, Zoff & Teerpfützen: Die erste Staffel von Star Trek The Next Generation
- Star Trek 5 The Final Frontier: William Shatners Pechsträhne am Rande des Universums
- Staffel 2 von Star Trek TNG: Streiks, Sturköpfe und Sternen-Storys
- Horror im Weltraum: 13 schaurige Star-Trek-Folgen für Halloween
- Star Trek TNG Staffel 3: Zwei neue Michaels und eine alte Enterprise
- Star Trek TNG Staffel 3, Teil 2: Morgenluft und ein legendärer Cliffhanger
- Das Borg-Rätsel ist gelöst: Die vierte Staffel von Star Trek TNG
- Die vierte Staffel von Star Trek TNG Teil 2: Es bleibt ja in der Familie
- Die zwölf Tage von Star Trek: Die besten Weihnachtsfolgen von Enterprise und Co.
- Die Entstehungsgeschichte von Star Trek 6 Das unentdeckte Land: Das unentdeckte Drehbuch
- Bargeld, Bigotterie, Berlinale: Wie Star Trek 6 Das unentdeckte Land in die Welt kam
- Mister Spock und jede Menge Politik - Staffel 5 von Star Trek TNG
- Müde Mitte und ein genialer Hattrick - Staffel 5 von Star Trek TNG, Teil 2
- Gene Roddenberry, der Erfinder von Star Trek: Von der Luftfahrt bis zur Originalserie
- Gene Roddenberry, der Erfinder von Star Trek, Teil 2: Von den wilden 70ern bis zu seinem Vermächtnis
- Der 25. Geburtstag von Star Trek: So schräg war das silberne Jubiläumsjahr
- Star Treks wilde Videospiele-Geschichte: Die Grafik-Adventures von Interplay
- Wie Star Trek in den 90ern die Technologie der Zukunft sah - von Retro bis Fantasy
- Zukunft nach Star Trek-Art: Die schreckliche, neue Entertainment-Welt des Captain Picard
Verfügbarkeitshinweis: Alle Staffeln von Star Trek: The Original Series sind im Streaming verfügbar auf Paramount+, außerdem auf Blu-Ray und DVD.
Wichtiger Hinweis: Die NASA unterstützt keine der Werbeanzeigen auf dieser Webseite, weder ausdrücklich noch implizit.
Sebastian Göttling, Jahrgang 1978, ist Co-Moderator von Deutschlands beliebtestem Star-Trek-Podcast "Trek am Dienstag". Er forscht beharrlich auf den Retro-Gebieten Film und Fernsehen im Allgemeinen, Star Trek im Besonderen, Kultur- und Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Space-Race und Mauerfall, Medienentwicklung, Kunst und Kommerz.
