Ein Sommer wie damals, und ein Captain Kirk, wie man ihn kennt und liebt: In unserer gigantischen Reportage blicken wir auf den Zusammenhang zwischen Mondlandung und Star Trek.
Die Apollo-Katastrophe
"Diese Woche Mittwoch wird die erste bemannte Raumfahrtmission zum Mond starten", heißt es in der irdischen Nachrichtensendung, die Captain James T. Kirk hört, nachdem er sich vom Boden der Brücke aufrappelt. Er schließt daraus, dass die Enterprise bei ihrer ungeplanten Kollision mit einem "schwarzen Stern" in der Zeit zurückkatapultiert wurde in die späten 1960er-Jahre.
Diese Szene aus der Episode Tomorrow Is Yesterday (Morgen ist Gestern) der Original-Star-Trek-Serie ist prophetisch, denn Apollo 11 - die Mission, die Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins zum Erdtrabanten bringen sollte und deren 55. Jubiläum wir in diesem Jahr feiern - hob tatsächlich an einem Mittwoch ab. Doch was ist an dieser Vorhersage so besonders? Nun, Apollo 11 startete am Mittwoch, dem 16. Juli 1969, aber die Erstausstrahlung von Tomorrow Is Yesterday fand über zwei Jahre zuvor statt, am 26. Januar 1967.
Woher rührte der starke Optimismus, den die noch junge Science-Fiction-Serie in ihrer 19. Episode zur Schau trug? Er ging zurück auf einen willensstarken und die Hoffnung vieler Menschen auf sich ziehenden Politiker, US-Präsident John F. Kennedy. Einen Staatsmann, von dessen Führungsqualitäten und spitzbübischem Charme nicht nur zufällig starke Anleihen bei der Schaffung des Charakters James T. Kirk gemacht wurden.
Kennedy versammelte seine gesamte Nation hinter sich, bündelte ihre Träume und richtete sie auf nur ein Ziel: "We choose to go to the moon" heißt die legendäre Rede, die er am 12. September 1962 an der Rice University hielt. Der junge Präsident wollte die Vereinigten Staaten zum Mond bringen, "nicht weil es einfach ist, sondern weil es schwer ist".
Schwer war dies vor allem, weil all die mächtigen Raketen, ihre Antriebstechnik, Kopplungsverfahren, Landefähren, Steuerungscomputer und vieles mehr noch gar nicht erfunden waren. Selbst die finalen Anforderungen an dieses Equipment waren im Jahr 1962 einigermaßen unklar. Kennedy und die USA hatten sich hiermit vorgenommen, die größte Ingenieursleistung aller Zeiten zu vollbringen.
Doch es waren nicht ausschließlich hehre Ziele, die den Weg der USA zum Mond bestimmten, sondern auch der Wille, dadurch der kommunistischen Sowjetunion mehrere Nasenlängen voraus zu sein. Diese hatten bereits mit dem ersten Satelliten im Erdorbit - Sputnik im Jahr 1957 - und dem ersten Menschen im Weltall - Juri Gagarin im Jahr 1961 - zwei entscheidende Pionierleistungen vollbracht, woraufhin sie einen Vorsprung errungen hatten.
Der wichtigste nächste Schritt - einen Menschen auf die Oberfläche des Mondes und anschließend wieder wohlbehalten zurück zur Erde zu bringen -, so formulierte es Kennedy auch in seiner berühmten Rede, musste mindestens unter US-amerikanischer Beteiligung stattfinden. Bei mehreren diplomatischen Anlässen hatte Kennedy Vertretern der Sowjetunion sogar eine gemeinsame Mission vorgeschlagen, holte sich jedoch jedes Mal einen Korb ab.
Als der nur 46 Jahre alte Präsident am 22. November 1963 in Dallas, Texas den Tod fand, starb mit ihm auch die vorerst letzte Hoffnung auf eine Ost-West-Zusammenarbeit im Weltall. Der Weg zum Mond war von da an ein Rennen, das sogenannte Space Race, und dieses musste nicht nur deswegen gewonnen werden, um so den "Commies" eins auszuwischen, sondern auch, um dem Inspiration spendenden, verstorbenen Präsidenten ein würdiges Denkmal zu setzen.
Sein Traum und sein Geist blieben auch nach seinem Tod untrennbar mit den Apollo-Missionen verbunden: Von 1964 bis 1973 hieß der Küstenabschnitt Floridas, von dem die Apollo-Raketen starteten, offiziell nicht Cape Canaveral, sondern Cape Kennedy. Der dortige Raketenbahnhof, das Kennedy Space Center, ist bis heute nach ihm benannt.
Zu Beginn des Jahrs 1966 hatte die NASA mit den erfolgreichen Missionen der Projekte Mercury und Gemini so viel gefühlten Rückenwind erzeugt, dass dies also die Popkultur unter anderem auch in Form von Star Trek aufgriff. Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Nur einen Tag nach Captain Kirks steiler Mittwochsbehauptung kam es zur Katastrophe, als am 27. Januar 1967 bei einer Übung auf der Erde ein verheerendes Feuer in der Apollo-1-Kapsel die Astronauten Gus Grissom, Ed White und Roger Chaffee tötete.
Ein tragischer Zwischenfall und ein herber Rückschlag für die US-amerikanische Raumfahrt. Das Apollo-Programm wurde zwecks eingehender Sicherheitsuntersuchungen unterbrochen, alle Missionen abgesagt, über dem großen Vorhaben hing eine schwarze Wolke der Trauer und der Verzagtheit. Ob die Landung auf dem Mond noch in den 60ern ("before this decade is out", noch ein Zitat aus Kennedys Rede) Wirklichkeit werden konnte oder Science-Fiction bleiben musste, war mehr als fraglich.
Quelle: NASA
Gus Grissom, Ed White und Roger Chaffee, die Astronauten der tragischen Apollo 1
Star Trek startet durch
Die Fiktion bei Star Trek war in den Monaten nach der Katastrophe jedenfalls auf absolutem Höhenflug. Im Februar die Episode Space Seed (Der schlafende Tiger), worin dem Publikum ein gewisser Khan Noonien Singh erstmals vorgestellt wurde, der 15 Jahre später spektakulär im Kino zurückkehren und das Franchise so in sichere Bahnen lenken sollte.
Im März gab es mit der Episode Devil in the Dark (Horta rettet ihre Kinder) eines der leuchtendsten Beispiele für klassisches Star-Trek-Storytelling: Eine nur scheinbar bösartige Kreatur entpuppt sich als friedvolles Lebewesen und am Ende der Folge wird die Art von Kooperation angebahnt, wie sie zwischen der USA und der Sowjetunion nicht gelingen wollte. Im April dann schließlich The City on the Edge of Forever (Griff in die Geschichte), wo es die Helden von der Enterprise ins von der Depression geplagte New York der 1930er-Jahre verschlägt.
Captain Kirk darf dort mit Edith Keeler die Liebe seines Lebens kennenlernen, in einer Geschichte, die tragisch endet und bis heute als einer der absoluten Höhepunkte Star Treks gilt. Die Sozialarbeiterin Keeler ist es auch, die inmitten all des Elends davon träumt, dass die Menschheit irgendwann einmal das Weltall in Raketen erobern wird. In ihrer Suppenküche wird sie von den Obdachlosen dafür gleichermaßen bewundert wie belächelt.
Eine solch dichte Ansammlung veritabler Klassiker, die allesamt in die Umgangssprache der Popkultur eingingen, ist heute im Jahr 2024 so utopisch wie in den 1930er-Jahren der Traum von den Sternen. Die Serie war auf ihrem absoluten Zenit angekommen. Zu verdanken hatte sie dies einerseits ihrem Schöpfer Gene Roddenberry, der "seiner" ersten Staffel einen ganz besonderen Geschmack gab. Der Weltraum war zu Serienbeginn groß, fremd, gefährlich und skurril.
Die Geschichten sehr ernst und spannend, nicht selten mit zünftigen Horroranleihen. Dieser Produktionsblock stellt meine persönliche Lieblingsära der Serie dar. Auch The City on the Edge of Forever zählt noch dazu, obwohl sie erst gegen Ende der Staffel lief. Doch weil sie ganz zu Anfang der Serie in Auftrag gegeben wurde und ihr Autor Harlan Ellison sich immer und immer wieder verspätete, haftet ihr ebenfalls der Geschmack von purem Roddenberry an, The Final Frontier als eine Mischung aus Wildwest und Spukhaus.
Doch weil sich Roddenberry am Anfang der Serie als Mikromanager betätigte, sich wirklich in jedes einzelne Drehbuch einmischen und es passend zu seiner Vision von Grund auf schreiben musste, kam es irgendwann so, wie es kommen musste: Der große Vogel der Galaxis war vollkommen überarbeitet, reichte Urlaub ein, heilte seinen Burn-out in tropischen Gefilden aus und machte in seiner Abwesenheit einen anderen Gene mit Nachnamen Coon zum Showrunner.
Coon war es auch, der die Horta-Geschichte in der Rekordzeit von 48 Stunden - Amphetaminen sei Dank - herunterschrieb. Gene Coon nahm der Serie ein Stück weit ihren ernsthaften Ton, brachte das neckend Humorvolle ins Charakterensemble, wodurch sich Star Trek - mitunter zum Missfallen des "großen Gene" - zu einer etwas leichteren und gefälligeren Angelegenheit entwickelte. Die deutsche Synchronisation aus der Feder von Gert Günther Hoffmann würde das ab 1972 auf die Spitze treiben.
So seicht wie die ein Jahr zuvor im US-Fernsehen gestartete Serie Lost in Space (Verschollen zwischen fremden Welten) geriet Star Trek jedoch nicht. Die Abenteuer der Familie Robinson im Weltall waren vollkommen kindgerecht, pulpig-trashig und klischeebeladen, wenn auch durchaus unterhaltsam. Diese Konkurrenzveranstaltung verstand man in den Star-Trek-Büros immer als Demarkationslinie der Albernheiten, denn Star Trek sollte sich an Fans echter Science-Fiction richten.
Was die Crew_Zusammensetzung und das wöchentliche Erzählen einer ethisch-moralischen Mär anging, orientierte sich Roddenberrys Serie viel mehr an dem 1956er-Science-Fiction-Klassiker Forbidden Planet (Alarm im Weltall). Gerade die ersten beiden Pilotfilme von Star Trek kamen dem Film, in dem Leslie Nielsen den bierernsten Captain spielt, sehr nah.
Quelle: Paramount
Mit "Horta rettet ihre Kinder" ist Star Trek 1967 auf dem Höhenflug.
Die ernst zu nehmende Serie fand Fürsprecher in den bedeutenden Genre-Autoren ihrer Zeit wie Isaac Asimov und Ray Bradbury und über diese Autoren, die stets wissenschaftsnah schrieben, schlug die Serie eine wahrgenommene Brücke zum Weltraumprogramm der NASA.
Unter anderem wegen des wissenschaftlich-reiferen Beigeschmacks entwickelte sich Star Trek zu einer Serie, die insbesondere die intellektuellere Jugend auf dem College oder auch junge Erwachsene an weiterführenden Universitäten begeisterte. Die Leute, die die Welt von morgen formen sollten, waren fasziniert von einer Serie, die eine friedvolle, faktenbasierte und einigermaßen realistische Zukunft zeichnete.
Doch das damalige Ermitteln von Einschaltquoten machte keinen Unterschied zwischen progressiven jungen Leuten und ihrer möglicherweise konservativen Elterngeneration. Alle Zuschauerzahlen wanderten grundsätzlich in einen Topf; eine demografisch differenzierte Betrachtung hinsichtlich Alter, Bildungsniveau und Einkommen war noch nicht erfunden.
Star Trek landete zwar meistens auf einem soliden zweiten Platz und war somit alles andere als das Quotendebakel, zu dem es stilisiert wurde (weil die Zahlen über viele Jahrzehnte streng geheim waren, hielt sich diese Fehlinformation lange und hartnäckig), doch wenn NBC gewusst hätte, dass die Serie bei den Bevölkerungsschichten die absolute Nummer Eins darstellte, nach denen man sich heutzutage die Finger leckt, hätte man die Serie wie ein Kronjuwel behandelt.
Doch vielleicht war es nicht bloß vorsintflutliches Marketing, das dazu führte, dass den Fernsehverantwortlichen einigermaßen egal war, welche Zielgruppen Star Trek erreichte, denn bei den "Suits" handelte es sich fast ausschließlich um die damalige Version "alter, weißer Männer" - mit Ausnahme von vielleicht Stan Robertson, dem ersten schwarzen Executive bei NBC, der in engem Kontakt mit den Trek-Produktionsstudios bei Desilu stand.
So richtig verstanden die Herren in den Chefsesseln nicht, was in den Köpfen der jungen Leute vor sich ging, vor allem in Kalifornien, genauer gesagt San Francisco. Im Sommer 1967 wurde die Stadt zum Epizentrum des Summer of Love, welcher die Hippiekultur als Jugendbewegung vollends etablierte.
Freie Liebe, Pazifismus, Naturverbundenheit, Substanzgenuss, ein wenig fernöstlicher Glaube und jede Menge Musik, Musik, Musik. Wenn man nach San Francisco ging, so sang Scott McKenzie, dann sollte man besser Blumen im Haar tragen. Höhepunkt des Jahres wurde das erste der beiden großen Hippie-Musikfestivals, Monterey Pop am 16. Juni.
Quelle: Paramount
Die Crew der Enterprise blickt 1968 der möglichen Absetzung ins Auge.
Die Welt im Aufbruch
Überall auf der Welt aber - parallel zur Hippiebewegung und sich teilweise mit ihr durchmischend - gab es auch junge Intellektuelle, die sich - dem "Geist von Star Trek" entsprechend - für eine bessere Welt einsetzten. Die Bürgerrechtsbewegung in den USA, welche der jahrhundertelangen Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung etwas entgegenzusetzen suchte, aber auch Friedensaktivistinnen und -aktivisten, die sich für ein Ende der Kämpfe in Vietnam einsetzten.
Unter den vielen Feiernden, Liebenden, Intellektuellen und Protestlern waren auch jede Menge junger Science-Fiction-Fans, die in großen Teilen Star Treks ihre fernsehgewordenen Träume erkannten.
In Deutschland forderten indes die junge Generation auch die Aufarbeitung des Dritten Reiches, denn immer noch waren viele während des Zweiten Weltkriegs Linientreue in hohen politischen und gesellschaftlichen Positionen. Außerdem stieß sich die linke Jugend Deutschlands an dem konservativen und meinungssteuernden Monopol der Springerpresse.
Als am 2. Juni 1967 der Schah von Iran zu Besuch in Deutschland war, kam es zu schweren Protesten rund um das Verlagshaus, während derer der Student Benno Ohnesorg von einem Westberliner Polizisten erschossen wurde. Ohnesorg wurde für manche zum Märtyrer und der Freispruch des Polizisten trug zur Radikalisierung einiger Splittergruppen bei.
Ein Kaufhausbrand in Brüssel, bei dem es über 300 Tote zu beklagen gab, wurde vor seiner Aufklärung zunächst der jungen Studentenschaft in die Schuhe geschoben, bis sich herausstellte, dass es sich keinesfalls um Brandstiftung, sondern um einen tragischen Unfall handelte.
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Öl ins Feuer goss ein Flugblatt der Berliner Kommune 1, welches kommentierte: "Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum ersten Mal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabeizusein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen."
