Sommer 1969: Was die Mondlandung mit Star Trek und Captain Kirk zu tun hatte

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Sommer 1969: Was die Mondlandung mit Star Trek und Captain Kirk zu tun hatte
Quelle: NASA

Ein Sommer wie damals, und ein Captain Kirk, wie man ihn kennt und liebt: In unserer gigantischen Reportage blicken wir auf den Zusammenhang zwischen Mondlandung und Star Trek.

All Our Yesterdays wäre eine wunderbar würdevolle letzte Episode gewesen, doch hier hatte man es - ausgerechnet als Rausschmeißer - mit einer Star-Trek-Folge zu tun, wie sie rückständiger kaum sein könnte. Dr. Lester geht auf ihren irren Trip, weil Frauen im 23. Jahrhundert angeblich keine Captains sein dürfen.

Ein unfassbarer Tatbestand, den Star Trek selbst in folgenden Jahrzehnten korrigieren würde. Wobei das Original-Zitat von Lester Kirk gegenüber lautet: "Your world of starship captains does not admit women." Das lässt sich freilich auch wohlwollender so auslegen, dass die Karriere Jim Kirks und die Liebe zu seinem Schiff, der Enterprise, keine Frau an seiner Seite zulässt.

Auch könnte man den Wahnsinn der Doktorin als Ursache dafür vermuten, dass sie eine völlig verdrehte Wahrnehmung ihrer gescheiterten Sternenflotten-Bewerbung mit sich trägt. Dennoch ist es unfassbar, wie konservativ dieses Finale einer Serie daherkommt, die für viele junge Leute der damaligen Zeit eigentlich Freiheit, Fortschritt und Inklusion bedeutete. Captain Kirks letzte Worte vor der Abblende: "Ihr Leben hätte so reich sein können wie das jeder anderen Frau, wenn nur ... wenn nur ..." Ja, wenn nur Star Trek eine bessere und kulturell zeitgemäßere Episode produziert hätte.

Überhaupt gab sich die dritte Staffel mitunter merkwürdig, was progressivere Belange anging. In der Episode Is There in Truth No Beauty? (Die fremde Materie) formuliert Spock erstmals das IDIC-Prinzip, Infinite Diversity in Infinite Combination, zu deutsch UMUK, unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination - also eigentlich ein Credo, das selbst im Jahr 2024 kaum aktueller sein könnte.

Nur steht hinter der Ethik in dieser Episode auch, dass Gene Roddenberry über seinen frisch gegründeten Fanshop eine große Anzahl Broschen - vorrangig an politische links stehende Jugendliche - verkaufen wollte, die er günstig und palettenweise in Fernost erstanden hatte. Progressivität traf auf Kommerz, was wohl die Hippies dazu sagten? Spock-Darsteller Leonard Nimoy fand all das jedenfalls gar nicht witzig, war jedoch vertraglich zum Performen dieser Szene verpflichtet.

William Shatner als Captain Kirk Quelle: NASA William Shatner sieht die Mondlandung einsam und allein im Wohnwagen. In der Episode The Way to Eden (Die Reise nach Eden), ebenfalls in der späten dritten Staffel, kapern Weltraum-Hippies die Enterprise, um nach dem biblischen Paradies zu suchen. Sämtliche Klischees werden bedient, eine eigene Jugendsprache des 23. Jahrhunderts entwickelt ("We reach, Herbert!") und im Aufenthaltsraum der Enterprise ein zünftiges Sit-in mit traditionellen Hippie-Gesangseinlagen abgehalten.

Am Ende stellt sich heraus, dass die jungen Leute einem verblendeten Wissenschaftler folgten und auf dem vermeintlichen Paradiesplaneten teilweise ihr Ende finden. Hätten sie mal lieber auf die vernünftigen Erwachsenen der Sternenflotte gehört!

So das erzkonservative Fazit dieser Episode, die den wohl größten Schlag ins Gesicht einer begeisterten Zuschauergruppe darstellte, die eigentlich ja angetan waren von einer Serie, die sich in den Jahren zuvor bahnbrechend progressiv geriert hatte. Mit Neil Armstrongs kleinem Schritt stand der Menschheit ein gewaltiger Sprung nach vorne bevor, doch im Weißen Haus und auf der Enterprise ging es erst einmal wieder rückwärts.

Ein paar letzte Worte zu Turnabout Intruder: Darstellerin Nichelle Nichols war hier bereits abwesend, denn sie hatte nun tatsächlich ein Gesangsengagement angenommen - und diesmal konnte ihr das kein Martin Luther King mehr ausreden. Ihr Ersatz an der Kommunikationsstation war Barbara Baldavin, die in den Staffeln zuvor bereits den Charakter der Angela Martine gespielt hatte, nur hier nannte sie sich unerklärlicherweise Lieutenant Lisa.

Gene Roddenberrys Gattin Majel Barrett, die in der Serie die Krankenschwester Chapel spielte, schien auch bereits gewusst zu haben, dass sich die Serie ihrem absoluten Ende zuneigte. Normalerweise gab sie den Charakter mit platinblonder Haarpracht, doch die Farbe hatte sie nun langsam herauswachsen lassen - oder aber die Perücke abgenommen. Hier trat Barrett ein einziges Mal in der Serie als natürliche Brünette auf.

Am Ende der Episode schreiten unsere Helden in einen Turbolift und die Enterprise fliegt bei der Einblendung, dass Fred Freiberger der Produzent war, so in die Sterne, als wolle sie selbstverständlich nächste Woche wieder zurückkehren. Nichts an der Episode fühlt sich so an, als handele es sich hier um ein Finale. Das fand auch viele Jahrzehnte später das Team komisch, welches sich im Jahr 2006 um den HD-Remaster der Serie kümmerte.

Die Spezialeffekte aller 79 klassischen Episoden wurden zu diesem Anlass per CGI komplett neu gestaltet, was im Jahr 2024 nach 18 Jahren technischer Weiterentwicklung schon wieder ganz schön alt aussieht, weswegen ich die Originaleffekte aus den 60ern bevorzuge.

Im Zuge dieses Remasters wurde immerhin die allerletzte Einstellung der Enterprise in Turnabout Intruder so gestaltet, dass das stolze Schiff in Richtung eines gleißenden und verheißungsvollen Sternennebels aufbricht. Ein ganz klein wenig nachgeschobene, feierliche Finalstimmung.

"Ein kleiner Schritt"

Genau 47 Tage (47 ist übrigens eine magische Star-Trek-Zahl) vergingen zwischen diesem vorerst letzten Flug der Enterprise und dem historischen Schritt des Neil Armstrong. Die Sommerwiederholungen der Serie wurden am 15. Juli abermals ausgesetzt aufgrund der Vorberichterstattung zu Apollo 11, die mit der Saturn-5-Rakete einen Tag später ins All startete. Diesmal wenigstens ein triftiger Grund.

Cocoa Beach, der Beobachtungsstrand am Cape Kennedy, war über viele Meilen hinweg zum Volksfest geworden. Überall fröhliche, grillende, sich einen Sonnenbrand holende, abends am Lagerfeuer neben ihren Campingwagen singende Menschen, die über viele Tage an dem völlig überfüllten Strand ausharrten, um den historischen Raketenstart live miterleben zu können.

Schon lange, bevor das Feuer aus der Saturn 5 herausschoss, herrschte sengende Hitze, nicht nur am Cocoa Beach, sondern auch in der Bundesrepublik, wo viele Deutsche die historischen Missio mitverfolgten. So verheerend in Deutschland der Winter 1968/69 war - mit erdrückenden und historisch selten dagewesenen Schneemassen war die Kälte gekommen und bis weit in den April hinein nicht gegangen -, so drückend warm war nun dieser Sommer der Rekorde. 35 Grad im Schatten zeigte das Quecksilber tagsüber in der Apollo-Woche und das Freibad in meiner Heimatstadt knackte erstmalig die Marke von 120.000 Besucherinnen und Besuchern. Abends waren sie alle mondsüchtig, im Fernsehen gab es kaum ein anderes Thema.

Die Apollo-11-Astronauten in Quarantäne Quelle: NASA Die Apollo-11-Astronauten in Quarantäne Mondwitze wurden erzählt, Mondschlager liefen als Novelty Songs im Radio, im Spielwarenhandel gab es von Mattel sogar eine lunare Entsprechung von Barbie: Major Matt Mason mit Raumanzug, Gleiter und Mondbasis war die Actionfigur-Sensation der Saison, heute nahezu vergessen.

Bundespräsident Heinemann schickte ein Telegramm mit besten Wünschen für Apollo 11 an Richard Nixon. Am Mittwoch, dem 16. Juli, legte die Saturn-5-Rakete mit "der NASA bester Crew" - Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins - unter urweltlichem Brüllen und einen roten Feuerstrahl nach sich ziehend einen perfekten Start hin.

Auch, wenn Houston auf dem Weg zum Mond ständig mit der Kapsel funkte, gab sich Stoiker Armstrong gewohnt wortkarg. Mehr als "Morning" war aus ihm zu Tagesbeginn nicht herauszubekommen.

Als der Mond dann erreicht war und die Landefähre Eagle von der im Orbit verbleibenden Kapsel Columbia abkoppelte, ergab sich unbemerkt eine gefährliche Ungenauigkeit, woraufhin der Bordcomputer zunächst auf eine falsche Stelle auf der Mondoberfläche zielte. Als sich Armstrong und Aldrin im Eagle dem Landeplatz annäherten, sahen sie vor sich ein Geröllfeld, auf dem ein sicherer Touchdown unmöglich gewesen wäre.

Die Astronauten übernahmen kurzerhand die manuelle Kontrolle und entschieden sich dazu, das Manöver durchzuziehen. Am Ende blieben ihnen nur noch zwanzig Sekunden Treibstoff, woraus sich eine Toleranz von unter zehn Sekunden ergab.

Spätere Untersuchung ergaben, dass es doch ein wenig mehr gewesen wäre, weil schwappender Treibstoff im Tank zu einer ungenauen Messung geführt hatte - doch das konnte man im Eifer des Gefechts nicht wissen. "Houston, Tranquility Base here. The Eagle has landed", so die Meldung, die zu lautem Jubel im Mission Control führte. Dann hieß es erst einmal gute Nacht.

Bevor die beiden Astronauten aussteigen konnten, mussten sie zunächst ausgiebige Vorbereitungen für den späteren Start treffen. Michael Collins, der dritte Mann, der an Bord der Kapsel Columbia geblieben war und mehrfach den Mond umkreiste, blickte hinab auf die Mondoberfläche und sah nichts dort, wo er im Meer der Ruhe eigentlich seine beiden Kollegen wähnte.

Diese hielt schließlich nichts mehr in der Kapsel und sie konnten Mission Control davon überreden, vorzeitig auf Außenmission gehen zu dürfen. Um 3:54 Uhr deutscher Zeit sprang Neil Armstrong in den Mondstaub: "That's one small step for man, one giant leap for mankind!" Ziemlich verwaschen und schwer zu erkennen waren Bild und Ton für die weltweit 600 Millionen Menschen von den Fernsehgeräten.

Mit dem Hissen der US-Flagge auf der Mondoberfläche war das Rennen zum Mond für die Sowjets endgültig verloren. Doch das war es eigentlich schon, als der Vater der sowjetischen Raumfahrt, Korolev, im Januar 1966 auf einem OP-Tisch starb, nur sollte die westliche Welt diesen Fakt jahrzehntelang nicht erfahren.

Der letzte Versuch der Sowjetunion, doch einen kleinen Achtungserfolg zu erringen, war die Sonde Luna 5, die zeitgleich zu Apollo 11 sanft auf der Mondoberfläche aufsetzen und Gesteinsproben heimbringen sollte. Doch die Mission misslang und die Sonde schlug einige hundert Meilen entfernt von den durch den Mondstaub hüpfenden Armstrong und Aldrin katastrophal hart auf.

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