Ein Sommer wie damals, und ein Captain Kirk, wie man ihn kennt und liebt: In unserer gigantischen Reportage blicken wir auf den Zusammenhang zwischen Mondlandung und Star Trek.
Diese kleinen und extremen Blasen inmitten einer großen, friedlichen und friedliebenden Masse junger Leute lässt sich nicht wegdiskutieren, wurde aber von den Altvorderen freilich dazu verwendet, die Jugend der ausgehenden 60er unter Generalverdacht zu stellen und ihnen drohend bis gönnerhaft zu empfehlen, doch bitte zur Zucht und Ordnung vergangener Jahrzehnte zurückzukehren.
Doch es gab auch abseits der Jugend großen Willen zu Farbe und Spaß in der Bundesrepublik des Jahres 1967. So drückte beispielsweise Außenminister Willy Brandt Ende August auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin auf einen großen roten Button und startete mit dieser symbolischen Geste offiziell das Farbfernsehen in Westdeutschland. Einen guten Monat später fand man an Kiosken das erste Lustige Taschenbuch mit Disney-Comics, Der Kolumbusfalter.
Damit sei die Bühne bereitet, der gesellschaftspolitische Spirit gesetzt, in dem sich Star Trek damals bewegte. Viele seinerzeit politisch aktive, junge Leute bildeten mit ihren langen Haaren und ihrer lockeren Lebenseinstellung einen krassen Gegensatz zu den militärisch glattrasierten Astronauten des Weltraumprogramms.
Und nicht nur das: Wo es doch auf Erden so viele Missstände gab, warum musste man dann unbedingt unter Aufwendung von Millionen und Abermillionen Dollar ins All und zum Mond streben? So war Star Trek der Hippiekultur einerseits mit seiner Friedensbotschaft sehr nahe, andererseits zeigte es mit dem Forscherdrang in den Weltraum auch etwas, woran ein Teil der jungen Leute Anstoß nahm. Ein popkultureller Spagat.
Ein wichtiger Tag in der Eroberung des Weltalls wurde der 10. Oktober 1967, an dem der "Vertrag über die Grundsätze zur Regelung der Tätigkeiten von Staaten bei der Erforschung und Nutzung des Weltraums einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper", der sogenannte Weltraumvertrag, in Kraft trat.
Einen Monat später dann startete zum ersten Mal eine Saturn-5-Rakete, dasselbe Modell, mit dem später die Mondlandung gelingen sollte. Die unbemannte Apollo-4-Mission gelang und gab der großen Mission Kennedys wieder neue Hoffnung. Auch die Wissenschaft entwickelte sich beachtlich weiter; sowohl Mister Spock als auch Bordarzt McCoy dürften sich darüber gefreut haben, dass kurz vor Jahresende 1967 in Kapstadt die erste menschliche Herztransplantation glückte.
Quelle: NASA
Apollo 7 glückt erstmalig bemannt.
Rettet Star Trek!
Star Trek war zum Jahresende 1967 in seiner zweiten Staffel angekommen und lieferte, Gene Coon sei Dank, abermals einen starken Run von Episoden, die allesamt als Fernsehklassiker gelten. In Amok Time (Weltraumfieber) erfährt das Publikum elektrisierende Details über die Kultur der Vulkanier und besucht den Heimatplaneten des spitzohrigen Wissenschaftsoffiziers Spock.
In Mirror, Mirror (Ein Parallel-Universum) verschlägt es die Crew erstmalig das comichaft-finster verschobene Spiegeluniversum, wo alles Gute zum Bösen verkehrt ist. In The Doomsday Machine (Planeten-Killer) muss die Enterprise eine uralte und ultimative Waffe bezwingen. In Journey to Babel (Reise nach Babel) gibt es abermals einen Blick auf den beliebtesten aller Charaktere in einer Episode, die zum ersten Mal Spocks Eltern Sarek und Amanda zeigt.
Das Jahr endete mit The Trouble with Tribbles (Kennen Sie Tribbles?) zwischen Weihnachten und Silvester, der leichtherzigen Story rund um sich exponentiell vermehrende Flauschwesen, die gemeinhin als der humoristische Höhepunkt der Originalserie gilt. Ich selbst lachte schon immer mehr über den Mafia-Planeten in A Piece of the Action, zu Deutsch Epigonen.
Star Trek war auf dem kreativen Zenit und lieferte eine Glanzleistung nach der anderen. Doch hier schlug nun zu, dass einerseits die Einschaltquoten nicht zielgruppengemäß ermittelt wurden und andererseits der Inhalt der Serie reaktionären Programmverantwortlichen womöglich zu aufrührerisch war - genau wie die Jugend von damals.
Diese unheilvolle Kombination führt dazu, dass die Serie allem Positiven zum Trotz akut absetzungsgefährdet war, und die Hiobsbotschaft sickerte ungefähr zum selben Zeitpunkt bis zum Produktionsteam Star Treks durch, als es der realen Weltraummission mit Apollo 4 langsam wieder besser ging. Story-Editorin Dorothy Fontana trat mit den frühen Fanvereinigungen der damaligen Zeit in Kontakt und teilte ihnen mit: "Wir sind runter vom NBC-Sendeplan, sie haben uns fallen lassen, wir wurden abgesetzt."
Nun war also die fiktive Raumfahrt in akuter Gefahr und die Serie musste gerettet werden, nur wie? Die Galionsfiguren der folgenden Bewegung, die sich treffender Weise "Save Star Trek" nannte, waren Bjo und John Trimble, ein Fan-Ehepaar, das gegen Jahresende auf persönliche Einladung von Gene Roddenberry zum Set eingeladen wurde.
John Trimble hatte daraufhin die Idee, sich die multiplizierenden Grassroots-Praktiken der Tribbles und der Jugendbewegung zunutze zu machen, doch weil er selbst als einigermaßen erfolgreicher Geschäftsmann in der Öffentlichkeit stand, war der "Kapitalist" Trimble kein gutes Aushängeschild inmitten des Hippie-Klimas. John sah also zu, dass sich die Reporter auf seine Gattin Bjo konzentrierten, denn ein Teil der Bürgerrechtsbewegung fokussierte sich außerdem auf Womens' Lib, die Frauenbewegung.
Quelle: NASA
Weihnachten 1968: Das legendäre Earthrise-Foto von Apollo 8
Das passte wiederum auch ziemlich gut zu Star Trek, denn ein Großteil der im Fandom Aktiven waren zu dem Zeitpunkt Frauen, die sich über amouröse Begeisterung gegenüber dem stoisch-erotischen Vulkanier Spock zu den frühen Clubs organisiert hatten. Spockanalia hieß folgerichtig ihr 1967 erschienenes, allererstes Fanzine.
Über diese Fanzines und auch Newsletter vollzog sich eine analoge Mobilisierung, die dermaßen rasant Fahrt aufnahm, dass man sie als lawinenhaft bezeichnen könnte. Einer der zentralen Strippenzieher der Aktion war Gene Roddenberry höchstselbst, der immer wieder ermahnt werden musste, dass seine Beteiligung nicht auffliegen durfte. "Save Star Trek" musste unabhängig, spontan und rein von den Fans selbst kommen.
Der Aufruf in den Fan-Zeitschriften lautete: "Schreibt Briefe an NBC. Schreibt nicht Star Trek auf den Umschlag, damit es nicht ans Produktionsstudio weitergeleitet wird. Seid ausführlich, höflich, begründend und individuell in eurer Forderung, dass die Serie gerettet werden soll." Und dann kamen sie, die Briefe.
In den Legenden des Fandoms ist von über einer Million Zuschriften die Rede, doch die mittlerweile tatsächlich veröffentlichten Zahlen sprechen von etwas mehr als 100.000 Briefen, von denen die absolute Mehrheit im Februar 1968 die Büros von NBC erreichte. Normalerweise war für die Poststelle des Senders bereits ein Posteingang von 4000 Briefen pro Monat überlastend viel; hier war es weit mehr als das Zehnfache.
Die Legenden besagen weiter, dass es diese Papierflut war, mit der die Fans eigenhändig die Serie retteten. Dass einerseits deren Chef Roddenberry beteiligt war, andererseits aber auch der Fernsehhersteller RCA ein gutes Wort einlegte, passt nicht sonderlich gut ins inspirierend-mythologische Narrativ der Rettung Star Treks und wird daher gerne mal ignoriert.
Zur Erklärung: Die originale Star-Trek-Serie wurde genau deswegen so knallbunt inszeniert, weil damit auch Farbfernsehgeräte von RCA verkauft werden sollten; es wurde sogar in Fernsehzeitschriften ausdrücklich mit der Serie geworben. Fun Fact: Der ausstrahlende Sender NBC war eine Tochterfirma des Elektronikgiganten RCA.
Als das Jahr 1968 begann, waren also sowohl das Raumfahrtprogramm als auch Star Trek wieder obenauf. Apollo 5 startete im Januar zwar ebenfalls unbemannt, aber dennoch vollumfänglich erfolgreich. Und am 1. März zeigte NBC die Star-Trek-Episode The Omega Glory"(Das Jahr des roten Vogels), wo eine nüchterne Ansagerstimme über den Abspann die frohe Kunde sprach: "Bitte schicken Sie keine weiteren Briefe. Star Trek wird nach der Sommerpause für eine dritte Staffel zurückkehren." Hurra, gerettet!
Quelle: Paramount
Kein sonderlich gelungener Staffelauftakt: "Spocks Gehirn"
Der Krisensommer 1968
Am 29. März folgte dann das zweite Staffelfinale von Star Trek, Assignment: Earth (Ein Planet, genannt Erde). Ein ulkiges Zwitterwesen aus einer amtlichen Star-Trek-Folge, vermischt mit einem sogenannten Backdoor-Pilot. Gene Roddenberry wollte hiermit für den Fall, dass Star Trek doch irgendwann vom Sender genommen würde, einen Pilotfilm für sein mögliches Nachfolgeprojekt platzieren.
Deswegen begegnet die Enterprise-Crew in dieser Episode dem geheimnisvollen Gary Seven (auf Deutsch unerklärlicherweise Felix Sevenrock), eine Art 007 aus dem Weltall, der sich als Agent getarnt auf der Erde des Jahres 1968 darum kümmern soll, dass die Weltgeschichte ihren korrekten Verlauf nimmt. Kurioserweise ist dies die einzige Zeitreise der Enterprise, die von der Sternenflotte geplant vonstattengeht.
Paradox ist außerdem, dass man ein Jahr weiter in die Zeit zurückreist als in der Episode Tomorrow Is Yesterday ein Jahr zuvor. Assignment: Earth ist dem Space Race so nah wie kaum eine andere Folge, denn es geht darum, den Start einer orbitalen Nuklearplattform zu verhindern. Das Abheben der Rakete war ausnahmsweise kein Star-Trekscher Spezialeffekt, sondern echtes und damals noch einigermaßen brandaktuelles Filmmaterial von Apollo 4.
Weil Chef Roddenberry besonders viel am Gelingen diese Episode gelegen war, stellte dies die einzige Episode der zweiten Staffel dar, in der er nicht nur als Executive Producer fungierte, sondern als voller Produzent; Rodenberry war hier endlich wieder "hands-on". Mit viel Vorfreude ging es dann in die Sommerpause, denn NBC kündigte nun konkret an, dass Star Trek ab Herbst 1968 auf einem begehrten Montagabend-Sendeplatz laufen würde.
Noch in derselben Woche startete in den US-Kinos ein ganz anderes Weltraumabenteuer: Stanley Kubricks atemberaubender Film ": A Space Odyssey (2001: Odyssee im Weltraum). Hiermit wurden neue Maßstäbe gesetzt für die filmische Darstellung von Weltraumreisen, nicht nur in Sachen Spezialeffekte, sondern auch, was den Realismus anging.
Die Botschaft des Epos: Der Mensch muss in die Zukunft blicken und sich davon lösen, die von ihm erfundenen Werkzeuge für Gewalttaten einzusetzen. Passend zu der Hippie-geeigneten Friedensbotschaft inszeniert wurden dann auch die psychedelischen Sequenzen gegen Ende des Films, die sich - Zeitzeugen zufolge - hervorragend für den gemeinsamen Einsatz mit bewusstseinserweiternden Substanzen eigneten.
In der Star-Trek-Sommerpause wendete sich dann das Jahr 1968 zum Schlechten. In der Woche nach Assignment: Earth wird die RAF, die radikalste terroristische Gruppe, die aus den linken Kreisen hervorging, erstmalig in Form einer Kaufhausbrandstiftung aktiv. Es gab zum Glück keine Verletzten, doch Andreas Baader und Gudrun Ensslin erbeuteten eine größere Geldsumme.
Der Zerfall der bundesdeutschen Jugendbewegung und ihre weitere Radikalisierung wurden durch das Attentat auf Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung, neun Tage später vorangetrieben. Überall auf der Welt, allem voran an in den USA, in der Bundesrepublik und in Frankreich, eskalierten im Frühjahr 1968 die Jugendproteste.
In besagtem zweiten Staffelfinale Assignment: Earth trifft Mister Spock außerdem einige beunruhigende Vorhersagen. Zum einen spricht der Wissenschaftsoffizier von einem Putsch in Asien - und tatsächlich gab es einen solchen am 17. Juli im Irak; dabei gelangte Saddam Hussein an die Macht. Besonders geeignet für Verschwörungstheorien ist aber Spocks Ankündigung des Raketenstarts, den die Enterprise-Crew zu verhindern weiß.
Die unbemannte Apollo-6-Mission, gerade einmal sechs Tage nach Ausstrahlung der Folge, wurde ein Fehlschlag - offiziell natürlich wegen Treibstoffmangels, doch in der fiktiven Historie Star Treks könnte man das auch anders auslegen. Nahezu schaurig aber Spocks Weissagung, dass am selben Tag ein politisches Attentat stattfinden soll. Und ja, am Tag von Apollo 6 wurde mit Martin Luther King eine der Lichtgestalten der Bürgerrechtsbewegung ermordet.
