Eine Geschichte von Sex und Missverständnissen: Die faszinierende Welt der Star Trek-Romane

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Eine Geschichte von Sex und Missverständnissen: Die faszinierende Welt der Star Trek-Romane
Quelle: Simon & Schuster

Star Trek einmal in einem gänzlich anderen Medium: Auch in Buchform geht es bei Star Trek heiß her - und wird ab und an ganz schön schlüpfrig ...

Die erste Ausgabe dieses für die deutsche Star-Trek-Szene monumentalen Werkes war bereits rund um den TV-Start der Next Generation auf dem ZDF im Jahr 1990 erschienen (das von uns als "Das blaue Universum" bezeichnete Buch mit einem Foto der Next-Generation-Crew aus Staffel 2 auf dem Cover), doch bereits ein Jahr später kam zum silbernen Serienjubiläum eine aktualisierte und stark erweiterte Neuauflage mit einem Bild der Milchstraße auf dem Cover heraus (das wiederum nannten wir "Das schwarze Universum").

Worte können gar nicht beschreiben, wie wichtig und wertvoll für meine Star-Trek-Freunde und mich ein solches Buch in Zeiten vor dem Internet war, als Informationen noch alles andere als einfach zugänglich waren. Es enthielt unter vielem Anderem die Titel sämtlicher Episoden - sowohl Englisch als auch Deutsch -, kurze Inhaltsangaben mit gespoilerten Enden, Besetzungslisten und ausgewählte Behind-the-Scenes-Infos.

Als ich diesen Schatz in Händen hielt, begriff ich, wie viele Episoden der Originalserie es gab, und auch, dass die Next Generation noch mitten in ihrer Produktion war. Und ebenfalls, dass Serien nicht einfach immer weiter durchlaufen, sondern staffelweise produziert werden, in "Seasons", wie Sander sie nannte.

Alles hatte auf einmal Struktur, konnte zugeordnet werden, auch in der echten Welt, und war nicht einfach nur irgendeine Fernsehserie, von der Woche für Woche eine mehr oder minder überraschende Folge gezeigt wurde und von der man erst aus der Fernsehzeitschrift erfuhr, welche es denn sein würde.

Ralph Sander verpasste den einzelnen Episoden auch sehr knapp formulierte, aber nicht minder scharfe Kritiken- einige lobte er als hervorragend, andere fand er wirklich schlecht. Doch umfassend begründet, wie es sich für eine Rezension im journalistischen Sinne eigentlich gehört, war seine Meinung nicht.

Eine Schatztruhe an Informationen, Aufklärer vieler Missverständnisse und Roman-Verkaufsführer: das Star-Trek-Universum von Ralph Sander Quelle: Heyne-Verlag Eine Schatztruhe an Informationen, Aufklärer vieler Missverständnisse und Roman-Verkaufsführer: das Star-Trek-Universum von Ralph Sander Allerdings standen Sanders Urteile mit einer solchen Macht und Breitbeinigkeit im Universum, dass sie für uns die Teenagerzeit über Gesetz waren. Was Sander super fand, das war auch für uns super - und die von ihm als missraten bezeichneten Folgen übersprangen wir teilweise sogar bei der Fernseherstausstrahlung.

Es sollte einige Jahre dauern, bis ich mich von diesem Meinungsmacher innerhalb des Star-Treks-Universums emanzipiert hatte. Das meine ich übrigens nicht als Kritik an Sanders Werk, sondern als festen und wichtigen Bestandteil in meiner eigenen Reise als Rezipient von Medien und Kunst, der aus meiner Biografie nicht wegzudenken ist.

Sanders Sekundärwerke waren und sind von unschätzbarem Wert und unter Fans meines Alters geht immer noch ein wissend-wohlwollendes Raunen durch die Menge, wenn sein Name fällt.

Endlich klärte sich für mich dann auch das Missverständnis mit den TV-Episoden und den Romanen, denn Letztere hatten auch ein eigenes und langes Kapitel im Star-Trek-Universum. Da verstand ich endlich, dass es sich um separate Entitäten handelte und dass die Romulaner, Remulaner und auch Tholianer allesamt ihre Netze auswerfen, die aber nichts zwingend miteinander zu tun haben müssen.

Vor allem aber brachte Sander auch bei den Romanen seine Meinung ein, sprach ganz klare Empfehlungen aus, riet aber auch von manch langweiligem und zähen Machwerk ab. Als etwa drei Jahre später eine weitere Auflage des Star-Trek-Universums erschien, diesmal in zwei Bänden, war zwar immer noch eine vollständige und aktualisierte Auflistung aller Romane enthalten, doch die rezensierenden Worte Sanders waren verschwunden - das war für meine Clique und mich einer der entscheidenden Kritikpunkte dieser späteren Auflagen.

Wahrscheinlich hatte der Heyne-Verlag festgestellt, dass sich Sanders Empfehlungen, aber auch seine Verrisse, gegen Produkte aus dem eigenen Verlag richteten, und daraufhin die rote Karte gezückt. Sanders Buch war so ubiquitär - ich kannte keinen ernstzunehmenden Star-Trek-Fan, der es damals nicht besaß -, dass sich seine Buchbesprechungen unmittelbar auf die Verkaufszahlen ausgewirkt haben mussten. Das galt es anscheinend, zukünftig zu unterbinden - so meine Theorie zu dieser Weglassung.

Neben all den tollen Infos rund um die Serien und Filme handelte es sich bei dem Star-Trek-Universum also um einen lupenreinen Verkaufsführer durch die Welt der Star-Trek-Romane. Doch es gab noch weitere Reisebegleiter:

Wenn man bei meinem liebsten Buchladen Eckhardt aus dem Taschenbuchkeller wieder die Treppe hochging, war auf halber Höhe ein Prospektständer angebracht, in welchem die aktuellen Verlagsprogramme zur Mitnahme auslagen. Titel, Autorin/Autor, Bestellnummer, Preis und sogar ein Feld zum Ankreuzen - was für ein wunderbarer Sammelkatalog, in dem ich Buch darüber führen konnte, welche Romane ich mir schon gekauft hatte und welche ich mir aufgrund von Sanders Rezensionen noch holen wollte.

Dermaßen gut ausgerüstet konnte es jetzt erst richtig losgehen mit der semi-professionellen Schmökerei. Fortsetzung folgt in Teil zwei dieses Artikels.


Sebastians bisherige Star-Trek-Retro-Specials


Sebastian Göttling, Jahrgang 1978, ist Co-Moderator von Deutschlands beliebtestem Star-Trek-Podcast "Trek am Dienstag". Er forscht beharrlich auf den Retro-Gebieten Film und Fernsehen im Allgemeinen, Star Trek im Besonderen, Kultur- und Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Space-Race und Mauerfall, Medienentwicklung, Kunst und Kommerz.

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