Eine Geschichte von Sex und Missverständnissen: Die faszinierende Welt der Star Trek-Romane

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Eine Geschichte von Sex und Missverständnissen: Die faszinierende Welt der Star Trek-Romane
Quelle: Simon & Schuster

Star Trek einmal in einem gänzlich anderen Medium: Auch in Buchform geht es bei Star Trek heiß her - und wird ab und an ganz schön schlüpfrig ...

So oder so durfte van Hise keinen weiteren Roman verfassen und die "besondere" Erstauflage des Romans, von der vor der Rückrufaktion einige tausend Exemplare verkauft werden konnten, ist heutzutage ein seltenes und begehrtes Sammlerobjekt. Ich selbst habe vor einiger Zeit zwar keine horrende Summe, aber dennoch ein Vielfaches des ursprünglichen Coverpreises dafür gezahlt. Ebenso wie Gene Roddenberrys Roman zum ersten Kinofilm ein Buch von großem kulturhistorischen Wert.

Im Herbst 1986 waren bereits dreißig originale Star-Trek-Romane bei Pocket Books erschienen und der Erfolg stieg kontinuierlich, weswegen der Verlag zu diesem Zeitpunkt die nächste logische Zündstufe einleitete. Unter dem Titel Enterprise: The First Adventure kam der erste besonders dicke Star-Trek-Taschenbuchroman heraus, eine sogenannte Giant Novel, ebenfalls wieder verfasst von der sicheren Bank namens Vonda N. McIntyre.

Wie der Titel bereits vermuten lässt, ging diese Geschichte ganz an die unerzählten Anfänge zurück. Denn im ersten, in den 60er-Jahren nicht ausgestrahlten Pilotfilm The Cage (Der Käfig) war Captain Pike der Chef der Enterprise, als die Serie dann aber tatsächlich auf NBC anlief - ganz egal, ob man den zweiten Pilotfilm Where No Man Has Gone Before (Die Spitze des Eisberges) oder die erste, von der Produktionsreihenfolge unabhängig ausgestrahlte Episode The Man Trap (Das letzte seiner Art) betrachtet - in beiden war William Shatner als Captain James T. Kirk zu sehen.

In medias res und ohne Erklärung für Pikes Abwesenheit war da auf einmal Kirk, als hätte die Enterprise nie einen anderen Chef gehabt. Nun endlich konnte man, wenn auch nicht als offizielles Bildschirmabenteuer, nicht bloß die erste Reise des frisch beförderten Jim Kirk auf seiner Enterprise miterleben, sondern auch Zeuge davon werden, wie die klassische Crew zum ersten Mal aufeinandertraf. Ein richtiges Pilotfilm-Buch und ein äußerst gelungenes noch dazu. Nicht nur die Novel war Giant, auch ihre Verkaufszahlen waren gigantisch.

Die erste Giant Novel von Pocket Books war eine Art Pilotfilm-Roman. Quelle: Heyne-Verlag Die erste Giant Novel von Pocket Books war eine Art Pilotfilm-Roman. Doch anscheinend überwarf sich McIntyre mit dem Verlag, der Grund wurde nie bekannt - dies sollte ausgerechnet auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskunst ihre letzte Star-Trek-Arbeit darstellen -, und ihre Stimme wurde fortan von vielen Leserinnen und Lesern - auch von mir - schmerzlich vermisst. Ab dem fünften Kinofilm übernahm die seinerzeit ebenfalls erfolgreiche und goutierte Trek-Romanautorin Jeanne Kalogridis unter ihrem Künstlernamen J.M. Dillard die Filmumsetzungen.

Doch während Dillards originäre Star-Trek-Romane stets vor Spannung nur so knisterten, konnten ihre Filmumsetzungen nicht an das große Vorbild heranreichen. Sie bemühte sich redlich, genau wie McIntyre randständigen Filmfiguren lebhafte und authentische Backstorys zu verpassen, doch im Gegensatz zum großen Vorbild verkamen diese Passagen zu zäher Exposition und wollten sich nicht so recht in das Gesamtnarrativ einfügen. Was wiederum meinen nur schleppenden Lesefortschritt auf Ameland erklärt.

Zwei Jahre nach dem Erscheinen dieser ersten Giant Novel ging Pocket Books das nächstgrößere Vorhaben an, denn im September 1988 erschien der allererste gebundene Star-Trek-Roman: Spock's World von Diane Duane. Paradoxerweise veröffentlichte Simon & Schuster hier erstmalig ein Hardcover unter dem Label Pocket Books, welches eigentlich streng Taschenbüchern vorbehalten war.

Als der Roman dann auch in Deutschland bei Heyne erschien, kam ein gebundenes Buch gar nicht erst in Frage, Spocks Welt gab sein Debüt hierzulande von vornherein als Taschenbuch. Auf beiden Seiten des Atlantiks nicht nur ein großer Verkaufsschlager, sondern auch eine äußerst gelungene Geschichte, obwohl ihre Zusammenfassung sperrig klingt:

Die Haupthandlung, die im 23. Jahrhundert zur Zeit von Kirk und Spock davon handelt, dass der Föderation eine Sezession droht, weil das Gründungsmitglied - und eben Spocks Heimatwelt - Vulkan aus dem galaktischen Völkerbund austreten will, wechselt sich kapitelweise ständig ab mit einer Art fiktivem Geschichtsbuch, das die Historie Vulkans von grauer Vorzeit bis in die Seriengegenwart skizziert.

Das erste Hardcover von Pocket Books stellte perfektes Worldbuilding dar. Quelle: Simon & Schuster Das erste Hardcover von Pocket Books stellte perfektes Worldbuilding dar. Ein möglicherweise staubtrockenes Narrativ, das jedoch aus der Feder von Duane brillant unterhaltsam und als fantastisches Worldbuilding gelang.

Anders als John M. Fords The Final Reflection (Der letzte Schachzug) ein paar Jahre zuvor, welche davon handelte, dass Captain Kirk in einer Pause zwischen zwei Missionen ein klingonisches Geschichtsbuch las. Unter Klingonen-Fans ist das Buch bis heute äußerst beliebt und gilt auch als Grundsteinlegung für die Veränderung der Klingonen hin zu dem stolzen und ehrenvollen Kriegervolk, wie es ab der Next Generation dargestellt wurde - für mich aber war das Leseerlebnisse in etwa so aufregend, wie Farbe beim Trocknen zuzuschauen.

Auf dem Höhepunkt der Pocket-Books-Erfolgsstory ist es jetzt aber an der Zeit, von meinem literarischen Augenöffner zu berichten. An Weihnachten 1991, also zum Ende meines ersten Jahres als Star-Trek-Fan, bekam ich von meinen Eltern etwas geschenkt, das ich mir zwar nicht ausdrücklich gewünscht hatte, das aber trotzdem eines der bis heute besten und von mir meistbenutzten Weihnachtsgeschenke aller Zeiten darstellt. Die Rede ist von Ralph Sanders Star-Trek-Universum, ebenfalls erschienen im deutschen Trek-Verlag Heyne, das auf dem Cover bezeichnet wird als "das erste deutsche Handbuch zur erfolgreichsten SF-Fernsehserie der Welt".

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