Eine Geschichte von Sex und Missverständnissen: Die faszinierende Welt der Star Trek-Romane
Special
Star Trek einmal in einem gänzlich anderen Medium: Auch in Buchform geht es bei Star Trek heiß her - und wird ab und an ganz schön schlüpfrig ...
Mitte Juni 1968, das war in der US-Sendepause zwischen der zweiten und dritten Staffel der Original-Star-Trek-Serie, eröffnete in meiner Heimatstadt der bundesweit fünfzigste Tabula, angegliedert und unter der Geschäftsführung des traditionellen Buchhändlers Eckhardt, dessen Claim immer schon "Haus der Bücher" lautete.
Tabula war kurz für TAschenBUchLAden - und dass ein solcher getrennt vom Hauptgeschäft für "richtige" Bücher seinen Betrieb aufnahm, war bezeichnend. Tabula warb nicht nur damit, dass der dort zu kaufende Lesestoff viel handlicher war als herkömmlich gebundene Bücher, sondern auch mit großer Auswahl und der Befriedigung von im Wirtschaftswunder-Deutschland erst frisch aufgekeimten Sammeltrieben, denn direkt am ersten Tag lagerten dort verkaufsbereit 10.000 handliche Schmöker, darunter ganze fünfzig Buchreihen, von denen sämtliche Titel auf der Stelle verfügbar waren.
Wunderbare Voraussetzungen dafür, dass der Tabula Anlaufstelle werden könnte beispielsweise für Fans von Science-Fiction-Buchreihen, naturgemäß viel pulpiger rezipiert als Weltliteratur von Thomas Mann & Co. Hierzulande war Sci-Fi Kinderkram oder für "Spinner", und damit definitiv ungeeignet für edle und gebundene Bücher.
Mit dem Tabula gab es nun eine bessere Quelle für diese Literatur der zweiten Reihe, vielleicht sogar zu einer gewissen US-Serie, deren Deutschlandstart zu dem Zeitpunkt noch vier Jahre in der Zukunft lag.
Ein Vierteljahrhundert später gab es keinen separaten Taschenbuchladen mehr. Die günstigen Softcover waren längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und das Haus der Bücher Eckhardt mit Tabula zu einem Geschäft verschmolzen, wobei immer noch eine räumliche Trennung gegeben war.
Quelle: Heyne-Verlag
Mein erster Star-Trek-Roman und Klassenfahrtbegleiter
Denn betrat man den Buchladen, stand man zunächst in der prestigeträchtigen Abteilung der großen Romane und Bildbände. Sorgsam aufgebaute Verkaufspräsentationstische, immer mindestens drei oder vier Verkäuferinnen oder Verkäufer am Start, die sich belesen um die Kundschaft kümmerten.
Doch mein Wunderland, wenn man so will die Spätphase des Tabula, erreichte man über eine Treppe links von der Hauptkasse. Hinab in den Keller ging es und dort waren nur wenige Neuheiten halbwegs verkaufsfördernd angeordnet, soll heißen, mit dem Cover nach vorn zeigend im Regal.
Stattdessen gingen rundherum um die ganze Etage und bis unter die niedrige Decke schmucklos weiße Regale, die über und über gefüllt waren mit Taschenbüchern. Von dieser "Buchmauer" ausgespart war nur der Bereich direkt neben und unter der Treppe, wo eine einzige Verkäuferin, meistens Frau Rösner, hinter ihrem Tresen saß, umringt von nicht abgeholten Kundenbestellungen und vor einem monochromen Röhren-Computerbildschirm, der per vorsintflutlicher Datenübertragung verbunden war mit dem Warenwirtschaftssystem des Großhandels.
Frau Rösner kannte mich bestens, ich kannte Frau Rösner bestens - und diese treue Beziehung zwischen Verkäuferin und einem 13 Jahre jungen Kunden nahm ihren Anfang unmittelbar nach Ende der Sommerferien 1991.
Zu der Zeit war ich seit gerade einmal fünf Monaten frisch gebackener Star-Trek-Fan, hatte einige Next-Generation-Episoden der späten ersten und frühen zweiten Staffel auf dem ZDF gesehen, bevor die Serie dort eine längere Sendepause einlegte.
Danach hatte ich ausgewählte und unverschlüsselte Folgen der Originalserie kennengelernt, die der Pay-TV-Sender Premiere de facto gratis in den Sommerferien zeigte, und schließlich hatte ich bei der TV-Premiere des ersten Star-Trek-Kinofilms als Filmfilm am 11. Juli 1991 auf SAT.1 vor dem Fernseher gesessen.
Mein guter Freund Thorsten, der in die Parallelklasse ging, war auf etwa dem gleichen Stand wie ich, mir aber in Sachen trekkiger Freizeitgestaltung einen entscheidenden Schritt voraus. Denn nur wenige Tage nach besagten Sommerferien sollte unsere gesamte Jahrgangsstufe, also die frisch gebildete Gymnasialklasse 7 mit ihren fünf Zügen, zur seit vielen Jahren traditionellen Zwei-Wochen-Freizeit auf die niederländische Nordseeinsel Ameland aufbrechen.
Während ich an diesen Trip einigermaßen unbedarft heranging, war Thorsten bestens vorbereitet, denn er hatte sich, wie er mir in der ersten großen Pause am ersten Schultag nach den großen Ferien stolz berichtete, bei Eckhardt einen Star-Trek-Roman besorgt, den er auf der Klassenfahrt lesen wollte, genauer gesagt die Buchumsetzung von Star Trek 2: Der Zorn des Khan.
Ein kluger Schachzug, denn just die deutsche TV-Premiere ebendieses Films würden wir verpassen, fiel sie doch auf den ersten Sonntagabend unseres Ameland-Aufenthalts. Treue Leserinnen und Leser dieser Reihe werden sich daran erinnern, dass sich Thorsten so auch den Namen Spoilerboy verdiente, denn noch auf der Insel und nach der Lektüre seines Buches erzählte mir Thorsten die gesamte Handlung des Films im Rahmen einer Nachtwanderung - bevor ich den Streifen selbst sehen konnte.
Quelle: Heyne-Verlag
Ganz egal ob Romulaner oder Remulaner - diese Geschichte irritierte mich.
Diese geniale Idee Thorstens wollte ich unmittelbar nachahmen und ging noch am selben Tag nach der Schule zu Eckhardt, die Treppe runter in die Taschenbuchabteilung. Ich weiß es noch wie heute: Wenn man am Fuße der Treppe direkt geradeaus und ein kleines bisschen nach links ging, dann stand man unmittelbar vor den Science-Fiction-Romanen, unter denen auch Star Trek etwa einen Regalboden einnahm.
Nur: Verflixt! Da, wo eigentlich der Roman zum zweiten Kinofilm hätte stehen sollen, klaffte eine daumenbreite Lücke, an der genauso gut Thorstens Name und "Ich war hier und habe zugeschlagen!" hätte stehen können. Damals wusste ich noch nicht, wie rasch der Buchhandel nicht lagernde Bücher besorgen konnte, also kam ich gar nicht erst auf die Idee, noch schnell vor der Abreise eine Bestellung aufzugeben.
Stattdessen wanderte mein Blick weiter nach rechts, wo der Roman zum dritten Kinofilm stand, Star Trek 3: Auf der Suche nach Mr. Spock. Doch ich hatte schon so eine Ahnung, dass es sich hierbei um eine Weitererzählung des zweiten Kinofilms handeln würde, und ich konnte ja nicht die Fortsetzung vor dem Set-up lesen. Das verbat schon damals meine Komplettisten-Seele.
Der Roman zum vierten Kinofilm, der streng genommen auch eine Fortsetzung darstellte, war ebenfalls nicht vorhanden, also griff ich zu Star Trek 5: Am Rande des Universums. Dass der Film kein sonderliches Glanzlicht unter den Star-Trek-Kinofilmen war, wusste ich damals noch nicht, sonst hätte das meine Kaufentscheidung womöglich beeinflusst.
Heute kann ich sagen: Der Roman ist zwar in meinen Augen ein Stück besser als die Filmvorlage, aber in Sachen Qualität immer noch nicht vergleichbar mit Thorstens explosivem Einstieg in die dreiteilige Genesis-Saga. Doch genau das war er, mein erster Star-Trek-Romankauf.
Schon bei der Fährüberfahrt von Holwerd nach Ameland, bei der fast alle Kinder der siebten Klasse unter Deck saßen, so scheußlich war das Wetter, packten Thorsten und ich unsere Romane aus und begannen zu lesen.
Während Thorsten im sanften Schaukeln des Schiffes immer rascher in seinem von ähnlich nautischen Motiven inspirierten Roman blätterte und sichtlich in den Sog der Geschichte geriet, tat ich mich sehr schwer mit dem Einstieg in die Erzählung des fünften Kinofilms, wo ein armer und zahnloser Farmer versuchte, seinen völlig vertrockneten Wüstenboden zu kultivieren, nur um wenige Momente später Besuch von einem berittenen und lachenden Vulkanier zu bekommen.
Ich gebe es nur ungern zu, aber während Thorsten nachweislich seinen Roman bereits während der Klassenfahrt gelesen hatte, erreichte ich maximal die Buchmitte und beendete es in den Tagen und Wochen nach der Ameland-Fahrt einigermaßen lustlos zu Hause.
Trotzdem verließ mich noch nicht der Mut, denn ohne den fünften Film zu dem Zeitpunkt gesehen zu haben, ahnte ich nun bereits, dass er nicht sonderlich viel hergab. Also ging ich in der zweiten Septemberhälfte 1991 wieder bei Eckhardt die Treppe runter und studierte die Buchrücken der Star-Trek-Romane, um mir einen zweiten zu gönnen.
Bildergalerie
Aufgrund der sommerlichen Premiere-Ausstrahlung hatte ich eine Episode in besonders guter Erinnerung, in welcher der in einem retro-futuristischen Raumanzug steckende Captain Kirk in eine Paralleldimension gezogen wird, woraufhin die Crew, welcher er gelegentlich als Geist erscheint, ihn für tot hält. Zeitgleich zum Dilemma um den vermissten Captain sah sich die Enterprise mit dem Problem konfrontiert, dass ein außerirdisches Volk ein unentrinnbares Spinnennetz aus gelben Laserstrahlen um sie spannte.
