Eine Geschichte von Sex und Missverständnissen: Die faszinierende Welt der Star Trek-Romane
Special
Star Trek einmal in einem gänzlich anderen Medium: Auch in Buchform geht es bei Star Trek heiß her - und wird ab und an ganz schön schlüpfrig ...
Bis heute halten sich übrigens hartnäckige Gerüchte, dass Roddenberry lediglich der werbeträchtige Name war, der auf dem Cover des Buches prangte, während der Text tatsächlich aus der Feder des Ghostwriters Alan Dean Foster stammte.
Anlass zu diesen Spekulationen gab, dass Foster am Drehbuch des ersten Kinofilms beteiligt gewesen war, aber auch, dass er einige Jahre zuvor tatsächlich der Ghostwriter bei der Romanumsetzung des ersten Star-Wars-Films war, während das Buchcover in riesigen Lettern George Lucas persönlich als Autoren angab.
Fun Fact: Dieser erste Star-Wars-Roman war streng genommen keine Filmumsetzung, denn er erschien unter dem Titel From the Adventures of Luke Skywalker bereits 1976 - ein ganzes Jahr vor dem eigentlichen Kinostart. George Lucas wollte hiermit vorfühlen, ob die Geschichte überhaupt ankommen würde. Die Leserschaft vor Veröffentlichung des ersten Star-Wars-Kinofilms war vergleichsweise gering, umso überraschender war der Kassenerfolg des Mega-Blockbusters - und infolgedessen auch die Zweitauflage des Romans.
Der Schreibstil Roddenberrys selbst war jedoch so unverkennbar, dass Kennern des Mannes spätestens bei der Lektüre des Buches klar sein sollte, dass an dem Alan-Dean-Foster-Gerücht nichts dran sein kann. Roddenberry, zeitlebens von körperlicher Liebe überaus fasziniert und in vielen seiner späteren Erzählungen regelrecht darauf fixiert, berichtete hier seitenweise von wippenden Brüsten und davon, dass Captain Kirks Mutter vor seiner Geburt einen Sexlehrer hatte, damit es mit Kirks Vater auch wunderbar "funktionierte".
Quelle: Simon & Schuster
Unverkennbar aus der Feder von Gene Roddenberry - der Roman zum ersten Kinofilm
Ebenfalls tingelte Roddenberry Ende der 70er Jahre bereits als New-Age-Guru und Futurist von Uni-Hörsaal zu Uni-Hörsaal, was sich niederschlug in seiner Romanbeschreibung der "New Humans", die die Erde niemals verließen und sich dort mit ihrem hohen Intellekt ausschließlich geistigen Aufgaben widmeten, während es lediglich die geistig Unterentwickelten, körperlich Aktiven und Abenteuerlustigen waren, die es in den Raumschiffen der Sternenflotte ins Weltall zog.
Von der erleuchteten Menschheit daheim wurden Leute wie die Crew der Enterprise als primitiv und naiv belächelt. Wer jetzt Bauklötze staunt, dass ein solches Konzept einer Zwei-Klassen-Gesellschaft auf der Erde in Star Trek nie zu sehen war, der hat jetzt eine gewisse Vorstellung davon, wie sehr dieser erste Star-Trek-Roman von Simon & Schuster den abgefahrenen Ideen des Gene Roddenberry - und eben nicht eines Alan Dean Foster - entsprach, und warum das Buch nicht nur schwer unterhaltsam, sondern auch aus historischer Sicht äußerst lesenswert ist.
Dieser und auch alle folgenden Star-Trek-Romane sollten von Simon & Schuster unter deren Taschenbuchmarke veröffentlicht werden: Pocket Books. Rasch wurde die erste Filmumsetzung zu einem absoluten Bestseller - genau wie die Episodenumsetzungen profitierte sie davon, dass es noch keine erschwinglichen Home-Video-Systeme gab, und Bücher wie diese die einzige Möglichkeit darstellten, Filme und Serien zu "besitzen".
Der New Yorker Verlag nahm sich nach diesem Erfolg vor, dass nun zügig einiges an Originalromanen folgen sollte. Doch solche Bücher schrieben sich nicht über Nacht, weswegen sich Verlag und Leserschaft erst einmal anderthalb Jahre gedulden mussten.
Dieser erste Originalroman von Pocket Books erschien im Juni 1981 und war The Entropy Effect (Der Entropie-Effekt) von Vonda N. McIntyre, ein äußerst stimmiges und aufregendes Zeitreise-Abenteuer, in welchem die Autorin die altbekannten Charaktere vortrefflich einfängt.
Grund hierfür war, dass sich Pocket Books, wie zuvor auch Bantam, bei absoluten Expertinnen und Experten bediente. Teilweise bei bereits gesetzten Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren, doch für viele der Romane setzte man auf bisher nicht professionell veröffentlichende, wohl aber untereinander organisierte Fans, die bereits seit über einem Jahrzehnt beliebte Fanfiction verfasst hatten.
Das älteste und wohl bekannteste Fanfiction-Fanzine hieß Spockanalia, wovon ab 1967 fünf Ausgaben erschienen, die voll waren von hausgemachten Star-Trek-Geschichten aus der Feder von Autorinnen, die aufgrund dieser Publikationen und dem Feedback in Leserbriefen immer und immer besser wurden, sich gegenseitig zu schreiberischer Qualität anstachelten.
Warum Autorinnen? Nun, das frühe und wohlgemerkt aktive Fandom von Star Trek bestand fast ausschließlich aus Frauen, die ihr Fan-Dasein auf der eigenen Faszination - oft auch romantischer Natur - mit der Figur des kühlen und doch einfühlsamen, möglicherweise in geheimen Momenten sogar leidenschaftlichen Vulkaniers Spock gründeten.
Pocket Books geniale Idee war nun also, diesen Amateurtalenten nicht nur eine Bühne zu geben, sondern auch dem vorhandenen Fandom zu demonstrieren, dass man nicht einfach irgendwelche "dahergelaufenen" Autorinnen oder Autoren anheuerte, sondern echte Fans, welche der "Ihren". So legitimierte sich die Buchreihe von Pocket Books im selben Schritt, wie sich die Fanfiction professionalisierte.
Quelle: Simon & Schuster
Der erste Originalroman bei Pocket Books, noch unter dem Timescape-Imprint
Und wie sehr von Frauen dominiert der Autorenpool der Romane war, zeigt, dass 32 der ersten 50 Originalserien-Bücher unter weiblicher Beteiligung entstanden. Bei der eigentlich zugrundeliegenden Serie war die Quote eine viel niedrigere gewesen; an gerade einmal 15 der 79 Fernsehepisoden hatten Autorinnen mitgewirkt.
Die Romancover ließ Pocket Books in den Anfangsjahren hauptsächlich von Boris Vallejo zeichnen, der normalerweise Fantasy-Gemälde im Stile von Frank Frazetta malte, also Barbarinnen und Barbaren mit ölig-muskelbepackten Körpern vor düster-höllenhaften Fantasielandschaften.
Diesen schwülstigen Stil konnte Vallejo auch bei Star Trek nicht vollends ablegen, was dazu führte, dass insbesondere Mr. Spock auf den Covern mitunter so aussah, als käme er gerade von einer Weinprobe. Später dann beschäftigte Pocket Books den Airbrush-Künstler Keith Birdsong, dessen Arbeiten irgendwo auf einer Skala zwischen Fotorealismus und hochwertiger Kirmes-Fahrgeschäft-Kunst rangierten.
Vonda N. McIntyre überzeugte mit ihrem Erstlingswerk The Entropy Effect den Verlag in Sachen Qualität und Verkaufszahlen so sehr, dass sie bald schon den Auftrag bekam, die lukrativen Umsetzungen der Kinofilme 2 bis 4 zu schreiben. Die Prosa dieser Filmromane, von denen Thorsten ja einen mit auf Ameland hatte, war bemerkenswert.
