Die Star Trek-Romane: Abstieg, Tod und Wiedergeburt eines Universums

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Die Star Trek-Romane: Abstieg, Tod und Wiedergeburt eines Universums
Quelle: Simon & Schuster

Große Momente und katastrophale Fehlentscheidungen: Die Geschichte der Star-Trek-Romane ist voller höchster Höhen und tiefster Tiefen.

Diese angeblich edleren Bücher kamen deswegen nicht mehr von Pocket Books, sondern von einer anderen Untermarke aus dem Hause Simon & Schuster, von Gallery Books. In dieser Gallery-Books-Ära befinden wir uns auch heute noch.

Die vier bis fünf Romanveröffentlichungen pro Jahr, die es dieser Tage nur noch gibt, müssen sich die klassischen Serien, wie ich sie bevorzuge, mit Romanen zu den neueren Trek-Serien Discovery, Picard und Strange New Worlds teilen. Und wegen einer für viele Romanfans unschönen Entwicklung, die gleich den durchaus bitteren Epilog dieser Geschichte bilden soll, sind nun auch wieder die Romane aus dem 24. Jahrhundert Standalones, die mehr oder minder innerhalb der Serien angesiedelt sind.

Den Romanen des "alten" Star Trek zu folgen, frisst heutzutage auch nicht viel Zeit - nur zwei Romane erscheinen im gesamten Jahr 2024. Da könnte sogar ich wieder zum Quasi-Komplettisten werden.

Erst in diesem Sommer wurde der von mir mit großem Genuss gelesene Roman Lost to Eternity von Greg Cox veröffentlicht, der von der bestechenden Prämisse ausgeht, dass die Helden rund um Kirk im vierten Kinofilm (der mit den Walen) im San Francisco des Jahres 1986 allerhand Schabernack getrieben hatten - unter anderem wurde von ihnen mir nichts, dir nichts eine Meeresbiologin namens Gillian Taylor ins 23. Jahrhundert mitgenommen.

Die Story setzt spannenderweise im Jahr 2024 ein, mit einer True-Crime-Podcasterin, welche diesen fast vierzig Jahre alten Cold Case einer verschwundenen Person wieder aufrollen will - und dabei galaktischen und Jahrhunderte umspannenden Geheimnissen auf die Spur kommt. Eine wahrhaft kecke Idee, ein Star-Trek-Abenteuer aus dem analogen Zeitalter der 80er Jahre zu verbinden mit einem digitalen Medienphänomen der heutigen Zeit.

So fühlt sich Star Trek auf einmal erschreckend real an - und dann geht es auch noch um eine fiktive Arbeitskollegin meinerseits, denn auch ich bestreite meinen Lebensunterhalt, wenn ich nicht gerade Artikel für PC Games schreibe, unter anderem mit der Produktion des Star-Trek-Podcasts Trek am Dienstag, den ich gemeinsam mit Simon Fistrich moderiere.

Nun aber zu dem bereits angedeuteten, bitteren Ende. Im Jahr 2021 fiel Paramount/CBS, die ja nunmehr wieder seit vier Jahren neue Star-Trek-Serien produzierten, siedend heiß auf, dass die weiterspinnenden Relaunch-Romane aus dem Hause Simon & Schuster inhaltlich komplett dem widersprachen, was die Serie Star Trek: Picard über das ausgehende 24. und beginnende 25. Jahrhundert zu sagen hatte.

Schade - nach 18 Jahren fuhr Coda mit der Dampfwalze über das Universum der Relaunch-Romane. Quelle: Simon & Schuster Schade – nach 18 Jahren fuhr Coda mit der Dampfwalze über das Universum der Relaunch-Romane. Also bekam der Verlag die unmissverständliche Anweisung, die Relaunch-Romane ein für alle Mal zu beenden.

An dieser Stelle ein Spoiler-Alarm für all diejenigen, die den Relaunch noch nicht gelesen haben, dies aber noch tun wollen.

Ausgerechnet sehr unspektakuläre Aliens aus einem Next-Generation-Zweiteiler, der gar nicht mal so gut gelitten war - aus Time's Arrow (Gefahr aus dem 19. Jahrhundert) -, bedrohten hier nicht bloß die gesamte Galaxis, sondern gleich alle Parallel-Multiversen auf einmal.

Am Ende dieses Roman-Dreiteilers opferten die Heldinnen und Helden aller Romanserien nicht nur ihre eigenen Leben, sondern sogar die Existenz ihrer Paralleluniversen dafür, dass alle anderen Hosenbeine der Geschichte weiter existieren konnten. Unter den geretteten Realitäten war somit auch das hiermit zum "echten" Universum erklärte Kontinuum, in welchem die aktuellen Paramount-Serien spielen.

Was für ein Schlag ins Gesicht derjenigen Fans, die zu dem Zeitpunkt 18 Jahre lang Erzählungen verfolgt hatten, über die Pocket Books nun gezwungenermaßen mit der alles zunichte machenden Dampfwalze fuhr - für viele Leserinnen und Leser war das unfassbar frustrierend. Und für mich nur ein weiterer und nunmehr finaler Grund, mich niemals an die Relaunch-Romane zu wagen.

Doch auch im "echten, echten" Leben gab es kein wirkliches Happy End. Anfang 2005 musste Eckhardt, das Haus der Bücher, nach jahrzehntelangem und traditionsreichen Bestehen den Geschäftsbetrieb in meiner Heimatstadt aufgeben.

Bald darauf folgten diesem wunderschönsten aller Buchläden - zumindest für mich - auch sämtliche anderen inhabergeführten Buchhandlungen in die Vergessenheit. Heutzutage gibt es in dieser 80.000-Einwohner-Stadt nur noch einen einzigen Buchladen, und der ist Teil einer schnöden Einzelhandelskette.

Ich glaube, auf diese ernüchternde Erkenntnis hole mir gleich noch einen klassischen Star-Trek-Roman von 1992 aus dem Keller und flüchte mich in eine Zeit, als das Universum zwischen zwei Buchdeckeln noch in Ordnung war.


Sebastians bisherige Star-Trek-Retro-Specials


Sebastian Göttling, Jahrgang 1978, ist Co-Moderator von Deutschlands beliebtestem Star-Trek-Podcast "Trek am Dienstag". Er forscht beharrlich auf den Retro-Gebieten Film und Fernsehen im Allgemeinen, Star Trek im Besonderen, Kultur- und Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Space-Race und Mauerfall, Medienentwicklung, Kunst und Kommerz.

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