Star Trek Deep Space Nine Staffel 1: Die neue Serie vergaß beinahe, was sie ist

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Star Trek Deep Space Nine Staffel 1: Die neue Serie vergaß beinahe, was sie ist
Quelle: Paramount

Nach einem starken Auftakt startete Star Trek Deep Space Nine in die erste Staffel - und stolperte beinahe ins Unglück ...

Doch das war noch lange nicht alles, denn bei Past Prologue handelte es sich um eine übervolle Episode, die außerdem das Debüt eines unvergesslichen DS9-Charakters mit sich brachte: Andrew Robinson als cardassianischer Schneider und/oder Spion Garak. Was von beidem er wirklich war, das verriet Garak nicht. Oder tat es das gerade doch in seinen zahlreichen Anspielungen und Doppelbödigkeiten?

Sein Charakter war so grau, wie sein Lächeln gleichermaßen verschlagen und charmant war. Mit just diesem Lächeln versuchte er sich auch unvermittelt dem jungen und naiven Bordarzt Dr. Bashir anzunähern (romantisch; denn ohne es ausdrücklich zu sagen, wollte Robinson hier eine homoerotische Anziehung darstellen).

Garak nutzte die Faszination des Arztes bezüglich seiner möglichen Vergangenheit als Spion aber auch, um auf diese Art und Weise Informationen des cardassianischen Geheimdienstes an Benjamin Sisko zu schleusen, nämlich, dass Lursa, B'Etor und Tahna Los ungute Dinge im Schilde führten.

Der sensationelle Charakter des Garak sollte sich schnell zum Publikumsliebling entwickeln, trotz seiner brutalen Untertöne, denn in Sekundenschnelle wechselte er vom Sympathieträger zum eiskalten Killer. Ständig stapelte er eine Lüge auf die nächste und man sollte ihm möglichst niemals den Rücken zukehren. Trotzdem liebt das Publikum den Charakter bis heute.

Die Wadi, die zweite Besuchergruppe aus dem Gamma-Quadranten Quelle: Paramount Die Wadi, die zweite Besuchergruppe aus dem Gamma-Quadranten Das Casting von Andrew Robinson war ein absoluter Glücksgriff; vielen war er bereits seit Jahrzehnten bekannt als der eiskalte Scorpio-Killer aus Dirty Harry von 1971. Diese psychopathische Darstellung hatte ihm tatsächlich einen solch unguten Ruf eingebracht, dass das US-Kinopublikum nicht unterscheiden konnte zwischen Rolle und Schauspieler, woraufhin Robinson über viele Jahre nur schwer gebucht werden konnte und auf B-Movies abonniert war, zum Beispiel die Hellraiser-Reihe. Mit Garak, den er bis zur letzten Episode von Deep Space Nine spielen sollte, bekam Robinson seine größte Rolle, und die, die ihm bis zum heutigen Tage am meisten am Herzen liegt.

Dabei sollte man noch sehr lange warten müssen auf den nächsten Auftritt des durchtriebenen Schneiderleins, denn obwohl Produktionsteam, Schauspielerensemble und das Publikum den Cardassianer überaus mochten und man ihm eine rasche Rückkehr in Aussicht stellte, dauerte es mehr als neun Monate, bis Garak schließlich in Folge 5 der zweiten Staffel wieder auftauchte. Andrew Robinson hatte die Versprechen seiner Wiederkehr zwischenzeitlich als die typische Hollywood-Laberei abgetan und war sehr überrascht, als man doch wieder bei ihm anklopfte.

Mit A Man Alone (Unter Verdacht), erfüllte Deep Space Nine erstmalig voll die Western-Analogie der Serie. Denn es ging darum, ob Sheriff, pardon, Constable Odo, tatsächlich einen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit haben und zum Mord fähig sein konnte. Genauso, wie die Loyalität und wahre Verbundenheit von Major Kira in Past Prologue fraglich waren, wurde hier nun der Sicherheitschef auf die Probe gestellt, solange die Serie noch jung genug war, um das glaubhaft zu erzählen.

Ein alter Widersacher, den Odo einst verknackte, als er noch unter den Cardassianern Dienst auf der Station tat, kehrte auf die Station zurück, nur, um unvermittelt in seinem Quartier ermordet aufgefunden zu werden. Was daraufhin passierte, wäre auf der Enterprise nie denkbar gewesen: Die Besatzung - oder besser gesagt die Zivilbevölkerung der Station - formierte sich zu einem Lynchmob, der den Formwandler am liebsten auf Mistgabeln aus der nächsten Luftschleuse tragen wollte.

Und nachdem er in der vorangegangenen Woche naiv-tolpatschig in eine Spionagegeschichte stolpern durfte, glänzte hier erneut Siddiq El Fadil als Dr. Bashir, der seine vollen Fähigkeiten als leidenschaftlicher Arzt und auch verbissener Medical Profiler ausspielen konnte, denn es fielen ihm geheimnisvolle Zellrückstände in die Hände, woraufhin er fieberhaft Tag und Nacht daran arbeitete, daraus einen Klon zu züchten, um dessen Herkunft zu bestimmen.

Die B-Handlung zeigte zum ersten Mal bei Deep Space Nine Keiko, die von der Next Generation bekannte Gattin des Chief Miles O'Brien. Sie hatte sich von ihm mit auf die trostlose Raumstation nehmen lassen und war alles andere als glücklich mit der Berufsentscheidung ihres Mannes. So nutzlos fühlte sie sich in der fremden Umgebung, dass sie zum Ende der Folge hin endlich die Promenade der Raumstation perfekt machte.

Denn sie beobachtete einige jugendliche Delinquenten, unter ihnen Jake und Nog, Sohn des Stationskommandanten und Neffe des Ferengi-Bartenders Quark, die nichts als Flausen im Kopf hatten - und infolgedessen betätigte sie sich als Lehrerin und eröffnete ein Schulhaus. Das Westernstädtchen wuchs.

Auch hier gelang das Casting wieder vollumfänglich, denn in einer eher kleinen Rolle als Anführer des Lynchmobs war Edward Albert zu sehen, Sohn der Hollywood-Legende Eddie Albert. Edward, der Jüngere, hatte zuletzt in der Paramount-Serie Beauty and the Beast (Die Schöne und das Biest) mit Ron Perlman und Linda Hamilton die wiederkehrende Rolle des Elliot Burch gespielt.

Ein Charakter, der sich im grauen und vielschichtig komplexen Ensemble von Deep Space Nine wohlgefühlt hätte, entwickelte er sich doch im Laufe der Fantasy-Crime-Romanze von einer Art Donald Trump zu einem tragischen Anti-Helden.

Es folgte die Episode Babel, die ein ziemliches Science-Fiction-Klischee bediente, das genau so auch bei der Next Generation hätte vorkommen können. Die Besatzung der Raumstation wurde befallen von einem Virus, das nach und nach alle erkranken ließ. Die kleinen Mini-Cliffhanger in der Handlung, die dramatische Spitzen setzten und das Publikum in die Werbepausen schickten, bestanden fast allesamt aus dem alten Hut, dass sich - oh Schreck! - herausstellte, dass ein weiterer Schlüsselcharakter nun auch von der Krankheit betroffen war.

Schnell zu bemerken war dies dadurch, dass es sich bei der Seuche um Aphasie handelte, also um Wortfindungsstörungen. Sobald einer der Charaktere anfing, Kauderwelsch zu reden, konnte man ihn sofort zur Krankenstation bringen oder später ins provisorische und hoffnungslos überfüllte Lazarett, denn nach und nach war die gesamte Besatzung befallen.

Immerhin war der Ursprung der Krankheit typisch für das Storytelling bei Deep Space Nine, denn er entpuppte sich als terroristischer Sabotageakt auf die Station, der eigentlich Jahre zuvor die Schreckensherrscher hätte treffen sollen, die Cardassianer. Am Ende entführte Major Kira kurzerhand einen bajoranischen Arzt, der möglicherweise ein Gegenmittel entwickeln könnte, und infizierte ihn kurzerhand, um ihn so dazu zu zwingen, sich an den Forschungstisch zu begeben. Eine pragmatisch-drastische Lösung, die Beverly Crusher nie angestrebt hätte.

Commander Sisko auf einem apokalyptischen Schlachtfeld Quelle: Paramount Commander Sisko auf einem apokalyptischen Schlachtfeld Ebenfalls an der Auflösung beteiligt war das stets ungleiche Paar, Sheriff Odo und Gauner Quark, das anscheinend immun war gegen die Krankheit und zusammenarbeiten musste, um einen durchgedrehten Frachterkapitän davon abzuhalten, die Quarantäne zu brechen und sich mit seinem Schiff auf katastrophale Art und Weise von der Station loszureißen.

Was bei der Erstausstrahlung in den 90ern wie eine spannende Auseinandersetzung unter Aliens wirkte, ist mehr als dreißig Jahre und eine globale Pandemie später ein Subplot, den man auch bezeichnen könnte als "Odo und Quark gegen die Corona-Leugner".

A Man Alone war eine der wenigen Folgen, welche auf das politisch aufgeladene Klima der L.A. Riots einzahlten. Auch hier war nach dem Zerschlagen des Lynchmobs, der Odo ans Leder wollte, die Frage, ob man einander am nächsten Tag noch in die Augen sehen konnte. Bedauerlich nur, dass diese Story nie wieder aufgegriffen werden und der Charakter, den Edward Albert spielte, ebenfalls nicht mehr vorkommen würde.

In der nächsten Episode, Captive Pursuit (Tosk, der Gejagte), gab es endlich den ersehnten Besuch aus dem Gamma-Quadranten. Der Neuankömmling, der namengebende Tosk, war ein sehr nervöser Genosse, der sich unmittelbar mit Chief O'Brien anfreundete, und bald stellte sich heraus, dass bei seiner Spezies die Menschenjagd ein beliebter Zeitvertreib war, denn dicht auf Tosks Fersen war ein weiteres Schiff mit hochtechnologisch ausgestatteten "Predator-Jägern".

Ein wenig unschön rieben sich hier die Föderationswerte an denen des neuen Gamma-Quadranten, denn de facto war Deep Space Nine das Städtchen an der Grenze zur Wildnis und diese Folge behauptete offenkundig, dass dahinter nur unzivilisierte Zeitgenossen lebten. Immerhin gab es ein zünftiges Action-Finale, wie man es so bei der Next Generation nur selten gesehen hatte, und O'Brien durfte zum ersten Mal bei der neuen Serie zeigen, was er drauf hatte.

In der Episode Q-Less ("Q" - unerwünscht) folgte die nächste unverhohlene Anbiederung an Fans der Next Generation, denn der nahezu allmächtige Q stattete bereits sehr früh in der Serie und gerade einmal vier Episoden nach den letzten Next-Generation-Gästen, den Duras-Schwestern, der Station einen Besuch ab. Der intergalaktische Störenfried wurde einigermaßen unbeholfen in die Handlung und ins Charakterensemble eingewoben, mit viel Augenzwinkern und "kennste, kennste?".

Als Benjamin Sisko ihn in der wohl erinnerungswürdigsten Szene kurzerhand mit einem Faustschlag ins Gesicht aus den Sandaletten zimmerte, konnte Q nur äußern: "So etwas hat Jean-Luc nie gemacht!" Mich erinnert das immer an den James-Bond-Eintagsfliegen-Darsteller George Lazenby, der in seinem Film On Her Majesty's Secret Service (Im Geheimdienst Ihrer Majestät) wissend in die Kamera blickte und sprach: "So etwas ist dem anderen Typ nie passiert."

Trekkiewahn in Bochum! Quelle: Repro Sebastian Göttling, aus Trek World 31 Trekkiewahn in Bochum! Es sollte mit solchen Episoden wohl suggeriert werden, dass alles wie gewohnt weiterging. "Hier ist wieder ein Bond, da ist wieder Q (nicht Bonds Gadget-Erfinder, sondern das gottgleiche Wesen), da fühlt ihr euch doch zu Hause - doch gleichzeitig wird hier alles frisch, neu und anders, also macht euch auf was gefasst!" Außerdem war Q-Less die Fortsetzung der unerklärlich absurden Robin-Hood-Episode Qpid (Gefangen in der Vergangenheit) aus der vierten Staffel der Next Generation.

Und was war der Clou der Episode? Nun, der geheimnisvolle und sündhaft teure Kristall, der bei Quark's versteigert werden sollte und drohte, die Raumstation ins Wurmloch zu ziehen, war selbstverständlich eine wunderbar leuchtende und fremde Lebensform, die am Ende wie der Wal Free Willy in die Freiheit entlassen wurde.

Wem das bekannt vorkam aus dem Next-Generation-Pilotfilm Encounter at Farpoint (Der Mächtige/Mission Farpoint), wo ebenfalls Q aufgetaucht und am Ende zwei Weltraum-Quallen ins Glück entschweben, der musste sich womöglich eingestehen, dass diese misslungene Q-Episode alles andere als ein Freischwimmen von der Schwesterserie darstellte.

Bis zu diesem Zeitpunkt konnten wir deutschen Zuschauer übrigens im Jahr 1994 Sonntag für Sonntag Deep Space Nine pur genießen. Denn was unter der Woche auf dem Nachmittags-Sendeplatz bei SAT.1 lief, waren Wiederholungen von Next-Generation-Episoden, die das ZDF längst gezeigt hatte. Doch nun, nach Q-Less, also nur einen guten Monat nach der deutschen Premiere von Deep Space Nine, begann SAT.1 im März 1994 mit der Next-Generation-Episode The Loss (Das kosmische Band) die Ausstrahlung brandneuer Enterprise-Folgen im Fünf-pro-Woche-Takt.

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