Ikonisch klingonisch: Unser wandelndes Star-Trek-Lexikon Sebastian Göttling dröselt auf, wie die Klingonen Star Trek erobert haben.
Unter Moore erfuhr das Publikum erstmals, wie das wirklich war mit den Romulanern und den Klingonen - zwei Supermächten, die nach anfänglicher Kooperation mittlerweile so spinnefeind waren, dass Worf in der Episode The Enemy (Auf schmalem Grat) einem sterbenden Romulaner noch nicht einmal eine Blutspende geben wollte. Ursprung des galaktischen Beefs war, wie sich in Sins of the Father (Die Sünden des Vaters) herausstellte, ein heimtückischer romulanischer Angriff auf eine wehrlose Klingonenkolonie, aus der Worfs Familie stammte.
In derselben Episode gab es den ersten Besuch auf der Heimatwelt der Klingonen - und ab da war der bereits erwähnte Shakespeare vollkommen angesagt. Es ging um Könige, deren Ablösung, Ränkespiele und Meuchelmorde, die Verdorbenheit der Mächtigen und die Unterdrückung der Gerechtigkeit, untereinander zerstrittene politische Häuser und klandestine Verschwörungen in den dunklen Winkeln und Säulengängen bedrohlicher Paläste.
Die politische Struktur wurde hiermit zwar auch ausgebaut und zunehmend wichtiger, dies war aber, anders als beim Star Trek der 60er, nicht mehr zwingend als Allegorie auf tatsächlich in unserer Welt vorhandene Machtblöcke gedacht, sondern eher als eine finstere Fantasy-Erzählung ohne Magier.
Quelle: Paramount
Für politische Ränkespiele sorgt der intrigante Kanzler Gowron.
Immerhin steigerte sich über die nächsten anderthalb Serienstaffeln dieses politische Spiel in einem Crescendo bis zum Bürgerkrieg, der nichts anderes war als ein Power-Grab just der Familie, die seinerzeit die Klingonen an die Romulaner verraten hatten - und ja, selbige waren abermals die Strippenzieher im Hintergrund. Man konnte die beiden Völker einfach nicht voneinander trennen.
Nur wenige Monate nach dem großen Bürgerkrieg im Fernsehen der sechste Kinofilm Star Trek 6: The Undiscovered Country (Star Trek 6: Das unentdeckte Land), der sich gleich mehrere, möglicherweise unvereinbare Dinge vornahm. Zum einen sollte er die Lücke schließen zwischen den kriegerischen Auseinandersetzungen der Klingonen mit der Föderation zu Kirks Zeiten und dem Friedenszustand in der Next Generation.
Die beiderseitige Verbitterung, die es dabei zu überwinden galt, wollte nicht so recht passen zu der Annäherung, die sich im Laufe der Kinofilme ereignet hatte, vor allem, wenn man an die Kooperation und den friedlichen Umtrunk gegen Ende des fünften Films dachte.
Doch Regisseur Nicholas Meyer, in Zusammenarbeit mit Leonard Nimoy, der für diesen einen Film de facto kreativer Chef des Film-Franchises war, hatte sich hier vorgenommen, eine Parallele auf Realwelt-Machtblöcke zu ziehen, so unverhohlen wie nie zuvor. Ohne jegliche Verwechslungsgefahr stand die Föderation für die USA, standen die Klingonen für die Sowjetunion.
Das Reaktorunglück von Tschernobyl wurde das Vorbild des explodierenden Energieversorgungsmondes Praxis, was die Klingonen dazu zwang, externe Hilfe annehmen zu müssen, wenn sie das nächste halbe Jahrhundert überleben wollten.
Und dann gab es da noch den großen Reformer Gorbatschow, der Glasnost propagierte, also die Beseitigung von staatlicher Kontrolle und das Schaffen von Transparenz, ebenso wie Perestroika, also einen Wandel der Gesellschaft durch Demokratie. Kaum verkleidet war auch der Name des klingonischen Reformerkanzlers Gorkon; die zweite Namenssilbe und seinen stattlichen Bart übernahm er von Abraham Lincoln.
Zuvor hatten die Klingonen schon oft Pate gestanden für eine wie auch immer geartete östliche Macht des 20. Jahrhunderts; hier erreichte diese Analogie ihren absoluten Höhepunkt - und wurde danach nie wieder wirklich gezogen. Was 1990 irrtümlicherweise als das Ende der Geschichte bezeichnet wurde, war immerhin das Loslösen der klingonischen Historie von unserer irdischen Geschichtsschreibung.
Und wo sich die Klingonen im Fernsehen mittlerweile verhielten wie in einer Shakespeare-Tragödie, da waren sie hier zwar eher kalte Krieger, dafür aber große Fans von Shakespeare. Der Antagonist General Chang zitierte ihn sogar ständig in einer Art kulturellen Querbefruchtung, die wie ein Meta-Gag daherkam.
Quelle: Paramount
Gorkon sorgt für intergalaktisches Glasnost und Perestroika.
Von nun an fand in den Fernsehserien eine konsequente kulturelle Weiterentwicklung statt. Eher beiläufig (und noch vor dem Bürgerkrieg und dem sechsten Kinofilm) erwähnte die Episode Devil's Due (Der Pakt mit dem Teufel) den klingonischen Satan Fek'lhr - und Anfang 1992 zementierte die Episode New Ground (Die Soliton-Welle) ebenso am Rande den Status des legendären Klingonen Kahless, der in einer Originalserien-Episode als brutaler Warlord aufgetaucht war, als Kultur- und Religionsbegründer.
Später sollte sich herausstellen, dass Kahless die Götter umgebracht, so die Klingonen einigermaßen säkularisiert, sich aber wiederum selbst als Gottkaiser und größtes aller Vorbilder installiert hatte. Mythologie und Glaubenssystem wuchsen.
Eine amüsante Randnotiz: Auf einmal waren nicht mehr die Romulaner, sondern die Ferengi in klingonischen Designs unterwegs, zumindest für die Episode Rascals (Erwachsene Kinder), wo die großen Kapitalisten in einem gestohlenen Bird-of-Prey für Ärger sorgten. Der Grund war hier - wie bereits Jahrzehnte zuvor - eine reine Kostenfrage, denn so konnte man vorhandene Spezialeffekte wiederverwenden.
Im Sommer 1993 tauchte in Rightful Heir (Der rechtmäßige Erbe) ein Klon des legendären Kahless auf, was dazu führte, dass der machthabende, intrigante und areligiöse Kanzler Gowron seine Fälle hinfort schwimmen sah, denn der große Held aller Klingonen war irgendwie wieder da. Also fädelte Gowron ein, dass er sehr wohl die eigentliche Macht behalten, Kahless aber, genau wie Königin oder König von England oder auch der Bundespräsident, als konstituierendes Aushängeschild dienen konnte.
Die Faszination mit Kahless führte ein Jahr später sogar zu einem Roman mit gleichem Namen aus der Feder von Michael Jan Friedman und 1995 zu der Episode The Sword of Kahless (Das Schwert des Kahless). In beiden Fällen war es eine Reliquie - im Buch eine Schriftrolle und in der TV-Episode das titelgebende Schwert - die für allerhand Turbulenzen sorgte, der Kulturhistorie der Klingonen aber nichts weiter hinzufügte.
