Ikonisch klingonisch: Unser wandelndes Star-Trek-Lexikon Sebastian Göttling dröselt auf, wie die Klingonen Star Trek erobert haben.
Wann immer ich als Teenager beim Blick in die Fernsehzeitschrift feststellte, dass sich eine Star-Trek-Episode um die Klingonen drehte, rollte ich mit den Augen, denn das waren damals mitunter die Geschichten, die ich am wenigsten mochte. Schließlich schaltete ich meine Lieblingsserie ein, um freakige Raumanomalien zu sehen, und nicht, um mir langes Gefasel von Ruhm und Ehre anzuhören.
Schön fand ich auch, wann immer Captain Picard oder Mister Spock Dinge mit ihrer wissenschaftlichen und ruhig-diplomatischen Art klärten - wer wollte da schon rüpelhafte Raufbolde sehen? Die gab es immerhin auf dem Pausenhof genug. Außerdem mochte ich geheimnisvolle Spionagegeschichten rund um die verschlagen-doppelbödigen Romulaner ebenfalls lieber als Anekdoten vom What-You-See-Is-What-You-Get-Planeten Qo'noS (gesprochen Kronos).
Ja, Klingonenfolgen waren für mich Zweite-Reihe-Folgen. Dem zum Trotz - und obwohl die Romulaner zweieinhalb Monate vor den Klingonen bei Star Trek eingeführt wurden - muss meine Kulturgeschichte der antagonistischen Völker in Star Trek bei Worfs Brüdern beginnen, denn sie sind einfach die wichtigsten, die unvermeidbarsten. Und wer weiß, am Ende mag ich sie heutzutage doch lieber als damals in den 90ern.
Quelle: Paramount
John Colicos als Kor - der allererste Klingone in Star Trek
Das Jahr: 1967. Der Westen und der Ostblock standen sich seit über zwei Jahrzehnten im Kalten Krieg gegenüber. Die USA waren seit etwa drei Jahren beteiligt am antikommunistischen Stellvertreterkrieg in Vietnam, bereits der zweite solche nach Korea in den 1950ern. Und diese progressive Science-Fiction-Fernsehserie namens Star Trek, mit der ihr Schöpfer Gene Roddenberry gleichnishaft und doch unverhohlen über die echte Welt sprechen wollte, ging dem Ende ihrer ersten Staffel entgegen.
In der Episode Errand of Mercy (Kampf um Organia) tauchten die Klingonen zum ersten Mal auf. Ihr wichtigster Vertreter war hier Kor, gespielt von John Colicos. Der war es übrigens, der das Aussehen der neuen Antagonisten final beeinflusste, denn während im Skript von Gene Coon nur stand, dass sie "orientalisch und hartgesichtig" aussehen sollten, schlug Colicos den Look mit bronzefarbener Haut und Schnurrbart vor, was Make-up-Mann Fred Phillips weiterentwickelte zum Dschingis-Khan-Style der Originalserie. (Das hatte durchaus Spuren von Fu-Manchu-haftem Yellowfacing.)
Die Großmächte Föderation und klingonisches Imperium standen am Rande eines großen Krieges, think Kubakrise, und kurz vor Ausbruch der Feindseligkeiten wollten sich beide noch schnell des Planeten Organia ermächtigen, strategisch sehr günstig gelegen, bewohnt von einem vermeintlich primitiven Bauernvolk. Tatsächlich waren die Klingonen ein bisschen schneller und kamen der Enterprise zuvor, also gingen Kirk und Spock auf geheime Mission, um die Besatzung zu beenden.
Unterm Strich eine ausgewogene Geschichte, bei der sich beide Seiten nicht mit Ruhm bekleckerten, denn sowohl Kirk als auch Kor mussten sich zu Recht vorwerfen lassen, dass sie hier lupenreinen Kolonialismus betrieben, wenn auch die Föderation womöglich benigner war, denn Kor neigte zu vermeintlichen Massenhinrichtungen.
Am Ende der Geschichte waren beide Widersacher die Gelackmeierten, denn die Organier waren tatsächlich getarnte, hoch entwickelte Energiewesen, die sämtliche Kampfhandlungen unterbanden und so den großen Krieg verhinderten, ihn zu einem kalten werden ließen. Nicht einmal Kirk konnte widersprechen, als der vereitelte Kor an die große Schlacht dachte, die ihm nun entgehen würde: "Wäre das nicht glorreich gewesen?"
Quelle: Paramount
Captain Koloth (William Campbell, links) ist kein Fan von Tribbles.
Die Ambivalenz von Jim Kirk und auch das Verschmitzte in Kor machten die Klingonen gleich in der ersten Folge mehr zu Antagonisten als zu Schnurrbart zwirbelnden Bösewichten, die im Prinzip das Gleiche wollten wie unsere Helden, nur auf ruchlosere Art und Weise. Ungewöhnliches Gedankenfutter für US-Fernsehzuschauende, denen alles Ostblock-Ähnliche normalerweise als reines Schreckgespenst gezeigt wurde.
In Staffel 2 wurde der Kalte Krieg umso strategischer gefochten. Im Comedy-Klassiker The Trouble with Tribbles (Kennen Sie Tribbles?) ging es im Grunde darum, welche Supermacht den strategisch wichtigen Sherman's Planet landwirtschaftlich weiterentwickelte und so dort einen Fuß in die Tür bekam - und in Friday's Child (Im Namen des jungen Tiru) mischten sich beide Seiten abermals in die Geschicke eines Volkes im Bronzezeitalter ein, um den Planeten Capella IV zu beanspruchen.
Von wegen also unendliche Weiten, wie sie im Vorspann beschrieben wurden - im politischen Gefüge der Originalserie ging es bei der Gegenüberstellung von Machtblöcken oft um Territorien- und Ressourcenknappheit. Doch während die Tribbles-Episode abermals mit dem spitzbübischen Klingonen Koloth aufwartete, waren die Klingonen danach in der Originalserie mit einer Ausnahme platte Fieslinge.
So auch bei ihrem nächsten Auftritt im krisenerschütterten Jahr 1968. In A Private Little War (Der erste Krieg) ging es um Neural, schon wieder ein steinzeitlicher Planet, der wie beim Brettspiel Risiko die eine oder andere Farbe bekommen sollte. Obwohl Neurals Einwohner Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende entfernt waren vom Warp-Antrieb und dies eigentlich gemäß der obersten Direktive zwingend Nichteinmischung und Geheimhaltung diktierte, war Jim Kirk unter den Neuralern bekannt wie ein bunter Hund, weil er schon vor vielen Jahren dort stationiert gewesen war.
Die bereits vorhandenen Animositäten zwischen Dorf- und Hügelbewohnern waren eine unverhohlene Parallele auf den Vietnam-internen Konflikt - folglich agierten Föderation und Klingonen in einem Stellvertreterkrieg. Denn nachdem zuerst die Klingonen ihre Seite mit verhältnismäßig fortschrittlichen Schusswaffen ausgestattet hatte, blieb Kirk am Ende keine andere Wahl, seinerseits ebenfalls, wie er sie nannte, "Schlangen in den Garten Eden" zu liefern.
Quelle: Paramount
Michael Ansara als Kang, der letzte ernstzunehmende Klingone in der Originalserie
Alles andere als ein Happy End, sondern Beginn eines Wettrüstens. Unnötig lange Kämpfe und eine Gewaltspirale standen Neural bevor. Eine so direkte Kritik am "eigenen" Krieg auf der anderen Seite der Welt machte es eigentlich verwunderlich, dass nationaltreue Entscheidungstragende beim Sender und bei den Werbekunden nicht dagegen wirkten, so wie sie es bei anderen Gelegenheiten offen versuchten.
In der Staffel-3-Episode The Enterprise Incident (Die unsichtbare Falle) kam es zur ersten von zahlreichen Vermischungen von Klingonen und Romulanern. Hier waren es schnöde Produktionskostengründe, die dazu führten, dass in einer Folge, die sich eigentlich um Romulaner drehte, die Modelle klingonischer Schiffe zu sehen waren.
Als Scotty fragte, was da denn los wäre, bekam er die lapidare Antwort: "Die benutzen jetzt klingonische Designs." Ein ominöser Hinweis auf eine mögliche Allianz zwischen zwei antagonistischen Supermächten, deren Tragweite Jim Kirk jedoch anscheinend kein großes Kopfzerbrechen bereitete.
Auch in Day of the Dove (Gleichgewicht der Kräfte) ging es halbwegs lapidar zu, denn nachdem in Staffel 2 noch die Planeten Capella IV und Neural hart umkämpft gewesen waren, empfing die Enterprise hier den von einem Klingonen-Angriff ausgelösten Notruf einer Kolonie, die es nie gab. Wie konnten Kirk und Spock nicht wissen, wo ihre eigenen Kolonien waren und wo nicht?
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Angesichts dessen schienen die zuvor so wichtigen Territorien auf einmal völlig egal - aber in dieser Episode ging es ohnehin um ein fieses Energiewesen, das Kampfhandlungen zwischen Föderation und Klingonen anstachelte, um sich von deren brutaler Gedankenenergie zu ernähren. Um das Vampirwesen in die Flucht zu schlagen, wurde am Ende erstmals vorläufig Frieden geschlossen und mit Michael Ansaras Kang war der dritte und letzte wahrhaftig charismatische Klingone in der Serie zu sehen.
