Ikonisch klingonisch: Unser wandelndes Star-Trek-Lexikon Sebastian Göttling dröselt auf, wie die Klingonen Star Trek erobert haben.
Nun muss aber noch beachtet werden, dass die Originalserie in ihrem Ursprungsland, den USA, bis heute einen viel höheren Stellenwert einnimmt als in Deutschland. Dort nämlich wurde Star Trek durch die Wiederholungen auf Syndication-Sendern in den 70er Jahren zum Phänomen, weswegen mit den Charakteren, den Spezies und der Bildsprache der Originalserie in den USA viel mehr Nostalgiegefühle geweckt und Merchandising platziert werden können als hierzulande, die wir erst mit der Massenausstrahlung der Next Generation bei SAT.1 im Jahr 1994 rasend schnell zum zweitgrößten Star-Trek-Land nach den USA (und noch vor Großbritannien) wurden.
Die großen und über enge Fan-Zirkel hinaus bekannten Helden sind bei uns mit der Next Generation verbunden, weniger mit der Originalserie. Die Reaktionen, welche in den USA von den Begriffen Kirk, Spock und Klingone ausgelöst werden, die kann man in Deutschland eher erreichen mit Picard, Data und Borg.
Dieses alte Fan-Feuer wollte die schwächelnde Serie Deep Space Nine im Herbst 1995 wieder anfachen, indem es im großen Zweiteiler The Way of the Warrior (Der Weg des Kriegers), mit dem die vierte Staffel eingeleitet wurde, zum großen Bruch und erneuten Kriegszustand zwischen Föderation und Klingonen kam.
Quelle: Paramount
Klingonenblut ist purpurfarben, aber nur im sechsten Kinofilm.
Während diese Rückkehr zu alten Verhältnissen in den USA zu angenehmen Reminiszenzen an die Originalserie führte - "hell yeah, Klingons!" -, fiel die Reaktion hierzulande eher so aus: "Okay, coole Story, aber warum die auserzählten Klingonen?" Mein eigenes Teenagergefühl, dass Klingonen-Episoden nur eher mäßige Science-Fiction und stattdessen viel Blabla von Ruhm und Ehre darstellten, rührte exakt daher und führte dazu, dass ich dieses Deep-Space-Nine-Event nicht so feurig zu würdigen wusste wie zahllose US-Fans.
Dass die Klingonen jenseits des Atlantiks stets verkaufsfördernd waren, zeigte sich auch an diversen Merchandise-Artikel und Begleitmedien. Zum einen der bereits genannte Kahless-Roman, doch dann gab es zu Weihnachten 1993 von MB ein Brettspiel mit dem Namen Star Trek: The Next Generation - A Klingon Challenge. Besonderheit dieses Spiels war, dass man nur exakt eine Stunde Zeit hatte, es zu lösen.
Die Uhr tickte unerbittlich dadurch, dass parallel eine VHS-Kassette abgespielt wurde, mit einem Film, in dem sich wieder einmal ein abtrünniger Klingone (langsam wurde das Klischee alt) der Picardschen Enterprise ermächtigte, um so einen Konflikt anzuzetteln. Genau wie im Fernsehen sah sich die Vermarktungsmaschine Star Treks hin- und hergerissen zwischen dem eigentlich längst etablierten Frieden mit den Klingonen auf der einen und dem wunderbaren Verkaufsargument eines klingonischen Bösewichts auf der anderen Seite.
Im Mai 1996 erschien das Computerspiel Klingon, genau wie das MB-Video eigentlich ein Film mit Gowron-Darsteller Robert O'Reilly in der Hauptrolle, nur dass er hier tatsächlich seine eigentliche Rolle spielte in einem Game, das die Quick-Time-Events von Telltale Games um Jahrzehnte vorwegnahm.
Der junge Klingone, aus dessen POV die Geschichte komplett erzählt war, befand sich auf dem Weg zu seinem Aufstiegsritus, als sein Vater ermordet wurde - und das hieß Rache. Das Spiel führte viele interessante Alltagsaspekte der klingonischen Kultur ein und bezeichnete sich selbst sogar als "immersion studies", also eine Möglichkeit für Föderationsleute, die fremde Kultur der Klingonen kennenzulernen, indem sie per Holodeck-Programm eine kulturell urtümliche Klingonen-Geschichte aus deren Sicht durchlebten, durchaus verwandt mit den Edutainment-CD-ROM-Programmen der 90er. Und weil das Spiel auf dem europäischen Markt nur mäßigen Erfolg erzielte, gab es bald darauf ein für hiesige Geschmäcker geeignetes, ganz ähnlich inszeniertes Borg-Abenteuer.
Anfang 1998 eröffnete nach langer Bauzeit in Las Vegas die Star Trek Experience im Hilton-Hotel, eine Art Mini-Indoor-Freizeitpark mit der Promenade von Deep Space Nine als zentralem Hub. Die dazugehörigen Rides ahmten für ein Millionenpublikum von Nevada-Besuchenden das nach, was die beiden Computerspiele in der Nische vorgemacht hatten.
Der Motion-Ride Klingon Encounter handelte, genau wie das MB-Brettspiel, von einem - große Überraschung - abtrünnigen Klingonen, der sich mit der Enterprise-D anlegte, weil sich unter den mitfahrenden und zeitreisenden Touristen, so die durchaus komplizierte Story, ein Urahn Picards befand, den der Klingone töten und somit den prominenten Captain aus der Zeitlinie entfernen wollte.
Quelle: Simon + Schuster
LEARN OR DIE! Edutainment-CD-ROMs, Klingon Style
Klingonen gingen in den USA halt immer - und dann wurde halt erneut einer zum Fiesling ge-shoehorned! Na, und was war für internationale Geschmäcker die bald schon eröffnende, zweite Attraktion der Experience? Das immersive Kinoerlebnis Borg Invasion 4D.
Im Fernsehen wurde das 30. Serienjubiläum im Jahr 1996 gefeiert mit der Deep-Space-Nine-Episode Trials and Tribble-ations (Immer die Last mit den Tribbles), in welcher die Charaktere der 90er-Serie per damals aufwendigem CGI-Verfahren in die klassische Episode von 1967 einkopiert wurden. Von Spezialeffekten mal abgesehen - wer wollte hier wohl Rache nehmen? Natürlich erneut ein abtrünniger Klingone! Immerhin durfte Worf erklären, warum das stolze Kriegervolk damals völlig anders aussah: Es wäre eine lange Geschichte und man rede nicht gern darüber.
Übrigens wurde bald wieder - genauer gesagt 1997 - Frieden geschlossen zwischen Klingonen und Föderation, um einer viel größeren Bedrohung, dem Dominion, als geschlossene Flotte entgegentreten zu können.
Publikumsliebling war dabei nicht nur der allgegenwärtige Worf, sondern auch der bärbeißige General Martok. In seiner Person wurden die Klingonen, die einst den Ostblock personifizierten, nun zu einer Art Teil der Westalliierten im Kampf gegen die Großmacht auf der anderen Seite des Wurmlochs. Und weil Gowron immer noch Kanzler war, durften weiterhin nach Herzenslust Shakespeare-hafte Intrigen ausgetragen werden. Alles neu und doch alles beim Alten.
