Star Trek: Am Rande des Franchise-Universums - was gibt's heutzutage so

Special Sebastian Göttling Maik Koch
Star Trek: Am Rande des Franchise-Universums - was gibt's heutzutage so
Quelle: Paramount

Star-Trek-Papst Sebastian Göttling (Trek am Dienstag) begibt sich auf in unendliche Weiten des Franchise-Universums. Was wird er dort finden?

Zudem wurde die Serie gepflanzt, indem man die Charaktere rund um Captain Pike (gespielt von Götz Alsmann übrigens, glaube ich) zunächst bei "Discovery" einführte, wohlweislich mit dem Vorhaben, daraus einen Spinoff zu machen. Diesen aber nicht ankündigte, sondern stattdessen erst abwartete, bis sich auf Social Media einigermaßen die Forderungen nach einem solchen Spinoff zusammengebraut hatten. Um dann unschuldig tuend sagen zu können: "Wir wollten ja eigentlich gar keine Serie machen, aber wenn die Fans das schon fordern, na gut, dann machen wir es doch. Denn wir sind die Guten und hören auf die Fans." Nachtigall, ick hör dir trapsen. Das kam bei mir äußerst schamlos, inszeniert und zynisch rüber. Aber - Hut ab - mit dieser Masche kam man bei vielen an.

Naja - und dann kam da vor kurzem noch dieses TV-Film-förmige Ungetüm namens "Section 31", das dann bei der Kritik und bei den Fans so einhellig durchfiel wie nichts davor. Eine beachtliche Negativ-Leistung, die sprachlos macht. Was womöglich gut ist, denn je weniger Worte man über diese unheilige Mischung aus Suicide-Squad-Resterampe und Wummen-Thriller (Deckung, sie ballern nicht nur Patronen, sondern auch schlechte Oneliner) verliert, desto besser.

Das mag jetzt alles recht negativ von mir klingen - und ist auch so gemeint. Trotzdem freue ich mich tatsächlich für alle Menschen, die das aktuelle Star Trek mögen, und gönne ihnen ihr Fansein von ganzem Herzen. Nur mich holt es nicht ab und aus allen obenstehenden Zeilen klingt nichts als mein tiefsitzender Frust, dass Star Trek seit nunmehr fast 18 Jahren - genau so lang wie Berman-Trek - in einer tiefen Identitätskrise steckt. Ich wünsche mir Star Trek. Nicht Marvel, nicht DC, nicht Fantasy, nicht den Eurovision Song Contest, nicht New Doctor Who. Warum nur ist Star Trek, die einst eigenwilligste und eigenständigste Serie, ein Imitat anderer Dinge, nach denen es sich ausstreckt?

Meine steile These ist hier, dass Entscheidungen nicht wie damals in den Zimmern der Autorinnen und Autoren getroffen werden. Nicht von den kreativ an einer Serie Arbeitenden, denen etwas liegt an den Geschichten und Charakteren. Sondern stattdessen in den Boardrooms der Paramount Executives und ihren Controlling-Mitarbeitenden. Denen ist es relativ egal, welche künstlerische Qualität eine Serie hat. Die Qualität der Zahlen ist viel wichtiger. Serien sind dafür maßgeschneidert, dass sie kurzfristig Geld abwerfen, nicht langfristig zu Klassikern werden. Wir erinnern uns heute immer noch an TNG-Episoden wie "Yesterday's Enterprise" (Die alte Enterprise) aus dem Jahr 1990, vor 35 Jahren, um nur einen der vielen Klassiker zu nennen. Welche Episoden von aktuell laufendem Star Trek werden wohl 2060, wiederum 35 Jahre in der Zukunft, als epochale All-Time-Classics gelten? Überhaupt eine?

Section 31 Quelle: Paramount Section 31, Star Treks kritische Bauchlandung des Jahrzehnts. Selbstverständlich war bei Star Trek seit dem allerersten Tag in den 1960er Jahren immer ein finanzielles Interesse mit an Bord. Aber dennoch hatte ich in den ersten 40 Jahren des Universums das Gefühl, dass stets ein künstlerischer Anspruch vorhanden war, zu dem besagte Eigenständigkeit gehörte. Heute aber will man mit Star Trek versuchen, unbedingt an die eine Zielgruppe heranzukommen, die bislang nicht zu knacken waren: Moderne Kids und Teenager. Die wollen aber - Überraschung! - gar kein Star Trek sehen. Mit Ausnahme derer, die von ihren Eltern mittleren Alters an das Star Trek ihrer Jugend herangeführt werden, also wiederum an die "alten" Sachen. Kids von heute bevorzugen aber Star Wars und Marvel, daher dieses Anbiedern. Man möchte also mit heutigen Star-Trek-Produkten erst einmal das jüngere Publikum an Bord holen, noch bevor man sich darum gekümmert hat, die Stammfans mit etwas Originellerem als Fanservice mitzunehmen.

Ich mag darüber frustriert sein, aber wenigstens bin ich nicht enttäuscht. Nach 18 Jahren habe ich mich sehr wohl und mittlerweile (außerhalb dieses Artikels) friedlich damit abgefunden, dass ich nicht zu der Zielgruppe gehöre, an die man sich dieser Tage richtet. Schlimm finde ich nur, wenn mich andere Fans versuchen, zurück in diese Zielgruppe zu drängen. Wenn man mich fragt - und zum Glück aller bin ich kein Entscheidungsträger - dann würde ich sagen: Star Trek ist Erfinder und Begründer von Ideen. Kein Mitläufer und kein Imitator. Star Trek ist sein eigenes Ding.

Erschwerend kommt hinzu, wenn ich auf meine eigene Vita blicke: Ich war auch immer deswegen Star-Trek-Fan, weil Star Trek durch und durch Special Interest war. Weil es Randgruppen-TV war. Weil es eine Serie war, die sich an "diese spezielle Ecke" auf dem Schulhof richtete. Teenager wollen sich abgrenzen, wollen ihre eigene Identität, wollen sich einen möglichst verschrobenen, vielleicht auch nur vermeintlich erlesenen Geschmack zulegen, um sich so vom Massengeschmack zu distanzieren. Die meisten Teenager rebellieren gegen die Eltern und den Rest der Welt, indem sie dies durch ihr Musikinteresse demonstrieren. Oder aber auch durch ihre Kleidung. Zu meiner Jugend waren das die Stilrichtungen von Punk bis Grunge. Mein exklusives Abgrenzungsding war weder Musik noch mein Look, es war Star Trek. Das mochte ich - und ich wollte gar nicht, dass es außer mir und meiner Nerd-Clique dem Massenpublikum gefiel. Der "Pöbel" sollte mich gefälligst in Ruhe lassen, Daily-Talkshows oder Fußball (sportlich waren wir auch nicht) oder "Armageddon" gucken und die bloß Finger lassen von unserem "gemeinsamen Geheimnis" Star Trek.

Nach wie vor glaube ich, dass in der Nische der Segen liegt. Dann muss eine Einzelfolge auch keine zehn Millionen Dollar kosten. Das Rechenbeispiel von "First Contact" funktioniert, aber auch das von "The Voyage Home" - ein unschuldiger Weihnachtsfilm mit Walen und keinem Bösewicht, keinem einzigen Schusswechsel. Da wurde nichts kopiert, da war Star Trek einfach nur Star Trek. Ein überhaupt nicht franchisetauglicher Film, der sich an keinen Trend anbiederte und einfach nur seine charmante Öko-Geschichte erzählte. Kaum vorstellbar, aber so etwas wurde in den 80er Jahren ein Mega-Hit. Warum also, Paramount, nicht den Frieden mit vorgenanntem Rechenbeispiel schließen. Ist doch super, wenn man bis zu einem Fünftel des Massenmarkts bekommt und sogar noch die Fans glücklich macht. Die Zahlenmenschen von heute aber trauen nicht einmal mehr den Zahlen, die sich bereits vor 30 oder 40 Jahren als richtig herausstellten. Sie rennen nicht nur utopischen Star-Wars-Zahlen hinterher, sie glauben auch noch an nachweislich falsche Zahlen. Postfaktizität trifft Popkultur.

Und die Zukunft? Da wird die heute von vielen bereits gefühlte Franchise-Fatigue ein echtes Ding. Ich war bereits im Jahr 2019 nach "Avengers: Endgame" und allerspätestens nach dem dritten Star-Wars-Sequelfilm durch mit Franchises und Blockbustern und wollte diese Geschmacksrichtung einfach nicht mehr sehen. Das hat sich bis heute nicht wieder gelegt. Und "wir Franchise-Verweigerer" werden immer mehr, wie die jüngsten Kurskorrekturen von Disney zeigen.

Jetzt also hat sich Star Trek eine riesige Rampe gebaut, um ein Franchise zu werden - und ausgerechnet das Konzept Franchise wackelt gerade in seinen Grundfesten. Doch vielleicht hat man den Turmbau zu Babel bereits aufgegeben? Alle aktuell laufenden Trek-Serien werden gerade peu à peu beendet, gerade erst vor wenigen Wochen lautete die Meldung, dass "Strange New Worlds" nach einer verkürzten fünften Staffel eingestellt wird. Mit "Starfleet Academy" ist nach der Serienschwemme seit 2017 aktuell nur eine einzige Star-Trek-Serie in der Pipeline. (Die auf Discovery und Voyager aufbaut, beides nicht in meiner persönlichen Top 3.) Eine weitere YouTube-Serie für Vorschulkinder sowie eine Workplace-Comedy à la "The Office" sind im Gespräch, aber noch nicht beschlossene Sache.

Es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass die jetzige Star-Trek-Führungsriege bei einer eventuellen Neuordnung von Paramount und dem Skydance-Paramount-Merger, der seit über zwei Jahren wie ein Damoklesschwert über allem schwebt, abgesägt wird. Und dann steht die Zukunft buchstäblich in den Sternen. Keine Ahnung, wo die Reise hingeht. Ich sehe die Franchise-Bubble der 2010er zwar nicht so platzen wie seinerzeit die Dot-Com-Börsenbubble, sie wird aber sicher gesundgeschrumpft. Wo wird sich da Star Trek positionieren? Ich hoffe ja, dass man wieder zurückgeht in die schrullig-verschrobene Schulhofecke, aus der man gekommen ist. Falls es diese Ecke überhaupt noch gibt. Und wenn nicht, dann lege ich eben "Yesterday's Enterprise" ein.


Sebastians bisherige Star-Trek-Retro-Specials


Ihr habt Bock auf Star Treck? Hier sind die aktuellen Verfügbarkeitshinweis: "Star Trek: Der Film", "Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart", "Star Trek: Der erste Kontakt", "Star Trek: Sektion 31" und alle bisherigen Staffeln von "Star Trek: Strange New Worlds" sind im Streaming verfügbar auf Paramount+, außerdem auf 4K-UHD, Blu-ray und DVD. Alle Staffeln von "Star Trek: Discovery" und "Star Trek: Picard" sind im Streaming verfügbar auf Paramount+, außerdem auf Blu-ray und DVD.

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