Star Trek: Am Rande des Franchise-Universums - nach der J.J. Abrams-Ära

Special Sebastian Göttling Maik Koch
Star Trek: Am Rande des Franchise-Universums - nach der J.J. Abrams-Ära
Quelle: Paramount

Star-Trek-Papst Sebastian Göttling (Trek am Dienstag) begibt sich auf in unendliche Weiten des Franchise-Universums. Was wird er dort finden?

Doch von der ursprünglichen Zielgruppe hatte sich bereits Berman-Trek langsam, aber sicher verabschiedet, zum einen mit Rambo-Picard in "Star Trek: First Contact", zum anderen auch, als der Sender UPN, auf dem Voyager lief, die Vorgabe machte: "Stürzt euch auf die Zielgruppe der männlichen Teenager mit jeder Menge Action und der kurvenreichen Seven of Nine." Das einst angenehm weibliche bis geschlechtsneutrale Star Trek wurde zunehmend männlicher, gipfelnd in den den J.-J.-Filmen. Die neueren Serien, die ab 2017 zunächst bei Netflix und dann bei Paramount+ liefen, rissen zumindest in Sachen vielfältiger Geschlechteransprache und Inklusion das Ruder dankenswerterweise wieder herum - nicht aber das beharrliche Vorhaben, andere große Franchises zu kopieren.

Die 2017er Serie "Star Trek: Discovery", etwas verspätet zum 50. Jubiläum veröffentlicht, wollte, zumindest nehme ich sie so wahr, eine Art düsteres Marvel/DC mit Fantasy-Anleihen darstellen. Die ersten beiden Staffeln trafen bei Fans auf nur wenig Gegenliebe, woraufhin hinter den Kulissen das getan wurde, was 2019 auch der dritte Teil der Star-Wars-Sequel-Trilogie machte: Man hörte auf den Internet-Backlash, unterwarf sich diesem, machte jedes Jahr ruckartige erzählerische Kurskorrekturen in dem Versuch, unbedingt der Meinung im Netz zu gefallen. Doch generell blieb die Serie beim oberflächlich comichaft Düsteren, worunter sich aber nur selten der Tiefgang älterer Trek-Serien verbarg. Als die Serie dann 2024 endete, gab es erstmalig keine organisierte Kampagne "SAVE DISCOVERY". Niemand schien wirklich ernsthaft traurig zu sein, dass Discovery einen Schlussstrich zog.

Ich selbst bin auch kein großer Discovery-Fan, fand aber gerade die Aspekte spannend, an denen der Tenor im Netz Anstoß nahm. Die Klingonen zu wirklich bedrohlichen und fremdartigen Erscheinungen zu retconnen, das fand ich ziemlich fresh, nachdem das Kriegervolk von Qo'noS unter Rick Berman eher eine Sonntags-Bikertruppe darstellte, "moderately rock 'n' roll", die ihre Harleys an der nächstbesten Talsperre parkt, um dort eingetupperten Streuselkuchen zu futtern. Stattdessen fremdelte ich stets mit der Inszenierung, die sich bei neuerem Live-Action-Star-Trek wie ein roter Faden durchzog: Keine leisen Töne mehr, keine Besonnenheit, keine nüchterne Arbeitsumgebung wie unter dem Captain Picard der Next Generation. Stattdessen waren alle Charaktere ständig im emotionalen Ausnahmezustand, völlig ungeeignet für den Dienst auf einem schwerbewaffneten Raumschiff. Gib Nuance keine Chance, weit aufgerissene Augen, alles nochmals reingehämmert mit manipulativ-machtvollem Soundtrack. In einem Wort: Unauthentisch.

First Contact Quelle:  Paramount Der erste Kontakt, strahlender Sieger im Fahrwasser von Independence Day. Die ersten beiden Staffeln von "Star Trek: Picard" blieben ebenfalls mehr oder minder der Geschmacksrichtung Discovery treu. Viele Fans fragten sich daraufhin, was da eigentlich vor sich ging und erkannten die Art und Weise, wie Star Trek für gewöhnlich Geschichten erzählte, in den aktuellen Produktionen nicht wieder.

Dann die dritte Staffel "Picard". Von vielen geliebt. Und von mir? Ich beschreibe das am besten so... Ab und an wird mir bei Instagram ein Meme in die Timeline gespült. Zu sehen ist linker Hand ein Bild vom Cockpit des Millennium Falcon, am Steuer eine rüstige Rentnertruppe bestehend aus Luke, Han, Lando und natürlich Chewbacca, die vor Freude juchzend in den Sonnenuntergang fliegen. Rechts davon ein Bild der Next-Generation-Crew auf der Brücke der Enterprise-D in Staffel 3 von "Picard". Die Meme-Unterschrift: WHAT STAR WARS FANS WANTED - WHAT STAR TREK FANS GOT. Immer, wenn ich dieses Meme sehe, denke ich: "Speak for yourself!" Denn das platte Bedienen von nostalgischen Sehnsüchten finde ich persönlich weder kreativ noch künstlerisch anspruchsvoll. Viele Menschen lieben Fanservice und ich möchte es niemandem madig reden, doch in meinen vier Wänden ist es aufgrund der inflationären Verwendung mittlerweile zu einem Schimpfwort mutiert. (Wohldosiert freue ich mich über Anspielungen und Zitate, aber was viele Franchises aktuell machen - da rede ich nicht bloß von Star Trek - das entspricht für mich leider keiner feinen Würze, sondern eher der Gänsemast. Mit mir selbst als die arme Gans, aus der mit tausendundeiner Kennste-kennste-Anspielung Leberpastete gemacht werden soll.)

Als solchen Fanservice, der voll in die Nostalgie-Falle tappt, sehe ich dann auch die dritte Staffel von "Picard". Sie wirkte auf mich wie eine Reaktion, teilweise auf die Kritik am eigenen Produkt, teilweise aber auch am bilderstürmenden zweiten Star-Wars-Sequel-Film "The Last Jedi" (Die letzten Jedi), den ich ja eigentlich sehr erfrischend fand. Nichts gegen melancholische Feels und hier und da ein bisschen glattgeschmirgelte Erzählweise. Doch wenn das die Hauptattraktion ist, dann schalte ich ab. Und ehrlich gesagt - wohl wissend, dass mir da viele widersprechen - aber Seth MacFarlanes "The Orville, was einfach nur aufgewärmtes Star Trek im Berman-Stil ist, Jahrzehnte später aus der Zeit gefallen, kann mich auch nicht catchen. Wenn ich Star Trek alter Machart sehen möchte, dann schalte ich das Original ein, davon gibt es immerhin über 700 Folgen.

Weder das Wiederholen von Star Trek, wie es einmal war, noch das Kopieren anderer Franchises ist in meinen Augen cooles Storytelling. Völlig neue Geschichten zu erfinden, neue Pfade zu beschreiten - ja, ich traue es mich kaum zu sagen - Strange New Worlds, das ist für mich die Aufgabe von Star Trek.

Mit Mike McMahans Star-Trek-Zeichentrickserie "Lower Decks" kam tatsächlich jede Menge frischer Wind. Diese rasante Mischung aus "Futurama" und "Rick & Morty" war nichts, wovon es im Kino ein mega-erfolgreiches Vorbild gab, und die Serie tat das, was sie sich vornahm, vorbildlich gut. Nur, und das ist mein ganz persönliches Problem: Eine Zeichentrickserie als Mischung aus "Futurama" und "Rick & Morty" mit einem Gewitter aus popkulturellen Zwinker-Anspielungen, das ist nichts, was ich persönlich sehen möchte. Völlig egal, ob Star Trek draufsteht oder nicht. Es ist einfach nicht mein Geschmack. Und sobald dann eben doch Star Trek draufsteht, ist es diese Art von Metahumor, die eine sorgsam konstruierte Welt unterwandert. "Hey, wir sind eine Fernsehserie - und wir wissen es!" Das finde ich an anderer Stelle ernsthaft lustig, ja, die Comedy-Anteile meines eigenen Podcast operieren so. Nur innerhalb von Star Trek selbst sehe ich lieber Charakteren zu, die nicht wissen, dass sie Teil einer Fiktion sind. Spannenderweise ist "Lower Decks" auch ein sehr deutsches Ding wie Brettspiele oder "Die drei ???", denn hierzulande wird die Animationsserie viel einhelliger gemocht als im Ursprungsland USA, wo die Kritiken durchaus in beide Richtungen gehen.

Jean-Luc Picard Quelle: Paramount Da schmunzelt Jean-Luc Picard, denn er hat jede Menge nostalgischen Fanservice im Gepäck. Dann "Star Trek: Prodigy", die andere Animationsserie. Vielfach gelobt, von mir tatsächlich nie gesehen. Mea culpa womöglich und zweifelsohne gibt es im riesigen Star-Trek-Universum Platz und Daseinsberechtigung für mindestens eine hervorragende Kinderserie. Ich finde aber, eine Kinderserie sollte man als viertes oder fünftes Projekt in Angriff nehmen, wenn man es zuvor geschafft hat, mindestens eine eigenständig kreative Live-Action-Star-Trek-Serie für Erwachsene hinzulegen. Nicht vorher.

Der Discovery-Spinoff "Strange New Worlds" bot dann eine Zusammenstellung aus Charakteren, die entweder der sowieso drölfzigste Spock waren oder aber mindestens verwandt waren mit einem existierenden Star-Trek-Charakter wie Khan Noonien Singh. Eine völlig neue Crew wie damals bei der überaus erfolgreichen Next Generation schien ebenso unmöglich wie das Unterlassen, sich bei anderen Franchises zu bedienen. Der Weltraum von Star Trek war hier nicht mehr die Westerngrenze von Kirk, die zur wissenschaftlichen Erforschung einlud, wie es der Titel Strange New Worlds eigentlich suggerieren würde. Auch nicht ein riesiges Gebiet mit klar definierten politischen Machtblöcken wie bei Picard. Nein, die Serie tauchte in fast jeder Episode ab in Fantasy-Gefilde. Schmückte sich mit viel Kitsch und erinnerte tatsächlich neben Star Wars auch sehr an modernes Doctor Who (nicht die herrliche Billig-Grunge-Variante des 20. Jahrhunderts). Also Zauberei, viel Musik, weit aufgerissene Augen, Weihnachtsfeeling, ESC und Harry Potter. Es könnte sein, dass ich mich mit dieser - Fans mögen mir den Ausdruck verzeihen - Disney-Prinzessin unter den Star-Trek-Serien am schwersten tue. Und das schreibe ich als jemand, der mit dem Testosteron-Star-Trek der J.-J.-Nullerjahre genauso fremdelt. Gibt es da keinen Mittelweg zwischen Hans Zimmers schwarzem Dröhnen des jüngsten Gerichts auf der einen und buntem Lametta auf der anderen Seite? Keine Nüchternheit?

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