Wie Videospiele zur neuen Propaganda-Plattform werden - Reportage

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Wie Videospiele zur neuen Propaganda-Plattform werden - Reportage
Quelle: Activision-Blizzard

Wir blicken in unserer Reportage auf Propaganda in Videospielen - nicht die fiktive Version, sondern tatsächliche Versuche, mit Gaming Politik zu machen.

Beispielsweise besitzt Tencent einen Anteil von 84 % an Supercell, dem Hersteller von "Clash of Clans" und "Clash Royale", 5 % an Activision Blizzard, 48,4 % an Epic Games und den Entwickler von League of Legends, Riot Games, hat Tencent sogar komplett aufgekauft. Der Einfluss von Tencent reicht mittlerweile sogar in die E-Sport-Szene hinein. Durch die Kontrolle über eigene Unternehmen sowie Beteiligungen übt der chinesische Publisher eine Art Kontrollschirm über die E-Sport-Aktivitäten aus [5], der in der Branche für Diskussionen sorgt. Für einen noch ausführlicheren Einblick in Chinas Gaming-Gebaren empfehlen wir euch unsere Reportage Spieleimperium China: Wie das Reich der Mitte die Gaming-Welt veränder t.

Terrororganisationen und Videospiele

Die von Deutschland als Terrororganisation eingestufte Hisbollah veröffentlichte 2003 das Spiel "Special Force". Dabei handelt es sich um einen First-Person-Shooter, in dem der Spieler die Rolle eines Hisbollah-Kämpfers übernimmt, der die israelischen Verteidigungsstreitkräfte bekämpft. Das Spiel wurde in Arabisch, Englisch, Französisch und Persisch veröffentlicht.

In der ersten Woche wurden alle verfügbaren 8.000 physischen Exemplare in Ländern wie dem Libanon, Syrien, Iran, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten restlos verkauft. Danach wurden weitere produziert.

Das Magazin der Spiegel sprach 2003 mit Bilal As-Sein vom Internetbüro der Hisbollah zum Release des Games.

Ein Screenshot der Wbeseite eines Propaganda-Spiels der Hisbollah Quelle: Screenshot: Andreas Schneider via Wayback-Machine Der Nahost-Konflikt und die Beziehung des Staates Israel mit dem Libanon füllt ganze Bücher und Wissenschaftler*innenleben. Wir werden in diesem Artikel nicht alle Facetten gründlich genug abbilden können. Nur so viel: Das Spiel beruht zumindest in Teilen auf wahren Begebenheiten: Tatsächlich zog sich die israelische Armee im Jahr 200 aus Teilen des Libanons zurück, nachdem sie 6. Juni 1982 dort einmarschiert war, mit dem Ziel, terroristische Angriffe aus dem Südlibanon zu unterbinden. Welche einseitige Interpretation und dogmatische Sichtweise das Spiel der Hisbollah von diesem Konflikt erzählt, ist eindeutig, wenn man die Beschreibung des Spiels auf der ehemaligen offiziellen Website liest. Im Jahr 2000 zog sich die israelische Armee tatsächlich aus dem Schauplatz des Games zurück. Das Spiel "erzählt eine verkürzte Version der Geschichte", lässt Bilal As-Sein wissen. Mit "Special Force" könne man die "heroischen Akte der Helden des islamischen Widerstandes im Libanon" jetzt selbst erleben.

Im Tutorial des Spiels wird gezielt auf Bilder der damaligen israelischen Führung geschossen: Der damalige Premier Ariel Sharon und der damalige Verteidigungsminister Shaul Mofaz sind nur zwei der prominenten Ziele, die ins Visier genommen werden. Angeblich sollen alle im Spiel verwendeten Schauplätze und Waffen "original" sein - basierend auf Filmmaterial und anderen Daten, die angeblich vom Hisbollah-Geheimdienst zur Verfügung gestellt wurden.

Ein Propaganda-Spiel der Hisbollah Quelle: Propaganda-Material der Hisbollah (via Wayback-Machine) Special Forces ließ 2003 im Tutorial Schießübungen auf Poster von damaligen führenden Politikern des erklärten Erzfeinds Israel durchführen. Harter Tobak, der die Grenze von Kunstfreiheit, Ausdruck von Rebellion und Meinungsfreiheit ganz klar deutlich überschreitet. In einem Videospiel auf Abbilder von echten Menschen zu schießen, ist ein No-Go und an Abscheulichkeit kaum zu überbieten. 15 Jahre später veröffentlichte die Hisbollah ein weiteres Videospiel namens "Heilige Verteidigung". Der Ego-Shooter fokussiert sich vorwiegend auf die Kämpfe der radikal-islamischen Gruppierung gegen Extremisten im Libanon und Syrien. Spieler und Spielerinnen können Missionen in Syrien und im Libanon spielen, unter anderem gegen die Terrormiliz Islamischer Staat.

Aber auch der IS selbst versucht, Videospiele zu instrumentalisieren. Zwar sind es hier vor allem Videos, GIFs und Memes aus Videospiel-Material und noch keine echten Games - aber hier setzt der IS auf bekannte Spiele wie Call of Duty und Grand Theft Auto. Call of Duty wurde da zu Propagandazwecken zu "Call of Jihad", Grand Theft Auto zu "Salil al Sawarim". [6]

In Interviews mit der BBC verglichen westliche Jugendliche, die sich dem IS angeschlossen haben, ihre Erfahrungen mit dem Spielen von Call of Duty. Ein Kämpfer sagte sogar, sein neues Leben sei "besser als Call of Duty".

Der IS entwickelte neben diesen Propagandavideos aber auch Lernsoftware für Handys. Eines davon ist "Huruf". Ein klassisches Lernspiel, das Kindern Rechnen, Schreiben und Lesen beibringen soll. In dem Buchstabenlernspiel können die Kinder durch das Anklicken von passenden Buchstaben und Symbolen animierte Ballons in die Höhe steigen lassen.

Ein Propaganda-Spiel des IS Quelle: Propaganda-Material des Islamischen Staates Houruf sieht auf den ersten Blick aus, wie ein gewöhnliches Lernspiel für Kinder - bunt, schrill und freundlich. Rechts unten in der Ecke ist aber die islamistische Propaganda erkennbar. Als Belohnung dürfen die Lernenden eine Metropole ihrer Wahl zerstören mit Rakten - "Choose your Target". Die Rakete selbst zieht wie eine Sternschnuppe einen Schweif.
Die visuelle Gestaltung des Spiels ist vor allem freundlich und hell und erinnert an Lernspiele, die man aus Vorschulprogrammen wie der Sesamstraße kennt.

Das Belohnungssystem des Spiels ist jedoch anders, als man das für Kinder im Vorschulalter erwarten würde. Als Belohnung für das Absolvieren eines Levels können die Kinder eine Rakete zünden, die auf die feindlichen Metropolen London, Paris, Moskau oder New York zielt.

Dabei werden ein Nashid-Chorgesang und heulende Sirenen als Begleitung gespielt. Obwohl keine detaillierten Visuals oder verstörenden Toneffekte gezeigt werden, wird deutlich signalisiert, dass die Zerstörung der Städte der Ungläubigen als Erfolg gewertet wird. Im Anschluss an die Vernichtung der feindlichen Stadt geht die Sonne über deren Trümmern auf und die schwarze Fahne des IS wird gehisst.

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