Spielen Verboten! Indizierte Games - die bizarre Geschichte des Sonderfalls Deutschland
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Wir analysieren zum 40-jährigen Jubiläum der ersten Games-Indizierung, mit welchen teils kuriosen Begründungen die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften 25 beliebte Titel der Homecomputer-Ära als gefährlich einstufte.
Platz 5: GUNSHIP
- Durchschnittswertung auf Lemon64.com: 8,60
- Indiziert am 9. Juni 1988
Quelle: Harald Fränkel
Entsprechend der für damalige Verhältnisse enormen Komplexität von Gunship fiel auch die BPjS-Akte zu der Hubschraubersimulation sehr umfangreich aus. Die Behörde erläuterte auf 15 Seiten: Es ist ein Kriegsspiel!!! So, weit, so semiüberraschend. Einige Details aus der Akte entpuppen sich aber als pures Comedy-Gold.
Der von Hersteller Microprose beauftragte Anwalt, der gegen die Indizierung vorging, gab alles. Ein Argument: Der Spieler sei bei Gunship nicht gezwungen, zu kämpfen. Er könne sich ja krankmelden! Bedenkt man, dass die BPjS bei bislang jedem Verfahren zu einem Militärspiel ins Feld geführt hatte, dass der Spieler töten müsse, um zu überleben, klingt das gar nicht mal so albern.
Und ja, man kann in Gunship tatsächlich nicht nur Krieg simulieren, sondern auch Unwohlsein. Die BPjS zeigte sich unbeeindruckt. Denn Drückeberger, so hieß es, würden bei Gunship als "Feiglinge" dargestellt. Der "Sick Call" gehe stets mit Nachteilen im weiteren Spielverlauf einher.
Also fuhr der Anwalt noch größere Geschütze auf. Er interpretierte ein Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts so, dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften gar nicht für Spiele zuständig sein dürfe. Sondern eben nur für Gedrucktes.
Hintergrund war eine Klage des ZDF, das erfolgreich gegen die Indizierung einer Schwarzwaldklinik-Folge angegangen war. Begründet hatte das Kölner Gericht sein Urteil eben damit, dass eine TV-Sendung nicht in die Liste jugendgefährdender Schriften aufgenommen werden könne.
Die am 1. Februar 1986 ausgestrahlte 21. Episode hieß übrigens ausgerechnet "Gewalt im Spiel", was man sich auch nicht ausdenken kann (wenngleich es nicht um Games ging).
Natürlich fühlte sich die BPjS sehr wohl für Gunship zuständig und setzte zwei Urteile entgegen, bei denen es um Videofilme ging. "Für den Schriftenbegriff ist unerheblich, ob die Wahrnehmung der auf der Diskette gespeicherten Bildinformation unmittelbar oder nur durch den Einsatz technischer Hilfsmittel möglich ist. Wie bei einem Videofilm werden die Bild- und Toninformationen eines Spiels [...] durch Eingabegeräte in den Rechner gelesen, auf den Monitor projiziert bzw. an den Lautsprecher vermittelt. Wie bei einem Videofilm ist daher auch eine Zuständigkeit der BPS gegeben. Auch sind die Rechtsfolgen [...] auf Spiele anwendbar, da sie [...] als Diskette und damit körperlicher Gegenstand vertrieben werden."
Platz 4: THE CHAOS ENGINE
- Durchschnittswertung auf LemonAmiga.com: 8,65
- Indiziert am 2. März 1995
Quelle: Harald Fränkel
Da erscheint endlich mal ein Top-Down-Shooter, der nicht nur sozialschwache "Freaks" anspricht, wie "Nerds" früher hießen, sondern auch im Team zu zweit angegangen werden kann - und dann steht nicht mal ein halbversöhnliches "haben sich stets bemüht" für die Entwickler im Zeugnis. Stattdessen finden sich wieder solche Perlen der Ausdruckskunst:
"Das Töten der zahlreichen Gegner wird auf mannigfaltige Art und Weise positiv gratifiziert. [...] Eine kritische kognitive Bewertung des aggressiven Spielinhalts ist dem Spieler aufgrund einer derart hohen psycho-physischen Beanspruchung nicht möglich."
Das liest sich ein bisschen, als sei das in voller Stärke angetretene Zwölfergremium angesichts der vielen Action mal wieder geistig und physisch im Grenzbereich unterwegs gewesen, weil keine Auswechselspieler auf der Bank waren. Obwohl The Chaos Engine weitaus mehr bietet als Stress, etwa strategische, in Ruhe geführte Überlegungen. Es gilt, die Fähigkeiten seines Spielcharakters zu verbessern und die Ausrüstung zu managen. Ab und an stehen kleinere Rätsel auf dem Programm.
Der BPjS lag eher daran, dem Spiel faschistoide Züge nachzusagen. "Menschenähnliche Wesen werden als eine Art Untermenschen präsentiert, die bedenkenlos zur Erreichung eigener Ziele liquidiert werden müssen." Die Anleitung bezeichnet besagte Kreaturen mal als Monster, mal als Lizardmen und mal als Eidechsenmenschen. Dass die aufrecht gehenden Wesen aufgrund von Fremdenhass sterben müssen, stellt wohl eine sehr freie Auslegung dar.
Platz 3: MOONSTONE
- Durchschnittswertung auf LemonAmiga.com: 8,66
- Indiziert am 14. April 1992
Quelle: Harald Fränkel
Moonstone war nicht nur in Deutschland außerordentlich umstritten. Selbst in den Vereinigten Staaten, wo normalerweise Nippel für Panik sorgten und virtuelle Gewalt kein Problem darstellte, kochte Kritik hoch. Toys "R" Us etwa nahm den Titel nicht ins Sortiment.
In der Indizierungsakte der BPjS heißt es: "Der Spieler ist, will er das Spielprogamm in seiner Gänze erkunden, gezwungen, zahlreiche Gegner auf grausamste Art und Weise zu zerstückeln, da ihm sonst ein blutrünstiges Ende bzw. der Abbruch des Spieles droht." Okay, genau genommen droht logischerweise nicht dem Spieler ein blutrünstiges Ende, sondern zum Glück einzig der Pixelfigur, aber das wissen wir selbstverständlich nur, weil wir nahezu haarspalterisch zwischen virtueller und realer Welt unterscheiden können.
Sonst heißt es zum Dahinscheiden des digitalen Alter Egos: "Die Folgen, nämlich die Wunden der eigenen Spielfigur, werden derart drastisch und realistisch dargestellt, dass die erlittene Niederlage ungleich schwerer verkraftet werden kann." Was übersetzt bedeutet, dass Moonstone den Tod alles andere als verharmlost. Was natürlich ebenfalls gar nicht gut ist.
Letztlich lässt sich die Indizierung wegen der Vorgeschichte um Barbarian nachvollziehen. Spätestens jetzt wissen wir: Dass Minderjährige völlig überzogen dargestellte Gewalt als schwarzen Humor verstehen könnten, kam aus Sicht der BPjS nicht infrage.
Immerhin wirkten sich die Indizierung und die Verkaufsbeschränkungen auf eine Sache positiv aus, auf den Seltenheits- und damit den Sammlerwert nämlich. Wer heute ein Moonstone für den Amiga besitzt, hat eine 300-Euro-Kapitalanlage. Neue Exemplare bewertet Pricecharting.com mit über 800 Euro.
Platz 2: WINGS
- Durchschnittswertung auf LemonAmiga.com: 8,78
- Indiziert am 6. Juni 1991
Quelle: Harald Fränkel
Abseits der üblichen "Es ist ein Kriegsspiel!!!"-Argumentation liefert diese Akte kaum zusätzliche Erkenntnisse. Die Indizierung verwundert allerdings nicht, da es bei Wings um Luftkämpfe während des Ersten Weltkriegs geht, also um das gleiche Szenario wie im Fall von Blue Max, das grafisch noch weitaus schlichter aussah.
Platz 1: CANNON FODDER
- Durchschnittswertung auf LemonAmiga.com: 8,80
- Indiziert am 21. Juli 1994
Quelle: Harald Fränkel
Dass schwarzer Humor für die BPjS kein Kriterium war, einen Titel nicht auf den Index zu packen, ist inzwischen klar. Doch wie sieht es im Fall einer Persiflage oder Satire aus? Genauso, wie Cannon Fodder beweist. Dass Minderjährige von dem mausgesteuerten Echtzeittaktikspiel intellektuell überfordert sein könnten: Haken drunter. Und ja, die bisweilen schreiend am Boden liegenden Männeken, aus denen "fontänenartig" krümeliges Pixelblut sprudelt, waren sicher kein Fall für den Friedensnobelpreis 1994.
Trotzdem, hier ein weiteres Beispiel für die bisweilen widersprüchliche Argumentation der Behörde: Sie stufte das in knuddeliger Sensible-Soccer-Optik gehaltene Spiel nämlich nicht als Persiflage ein, dafür aber als Satire. Das verwirrt, weil es bei einer Persiflage per Definition um eine satirische Verzerrung von Inhalten, Themen oder Motiven geht.
In der Akte steht zum einen, dass das "vorliegende Programm dem selbstgesetzten Anspruch einer selbstironischen Persiflage auf das populäre Computerspielgenre Kriegsspiel nicht gerecht" wird. Andererseits heißt es, man stimme einer Einschätzung zu, die in der Zeitschrift ASM 3/94 zu lesen war:
"Das Spiel erhebt Anspruch, eine Satire zu sein. Diese Behauptung kann man nur unterstreichen, denn wo andere Spiele verschämt mit Heldentum nur um sich schmeißen, da kommt Cannon Fodder ganz einfach mit der Forderung 'Kill oder du wirst gekillt' daher. Kann das denn etwas anderes sein als Satire?"
Offensichtlich verstand die BPjS das Spiel also tatsächlich als Satire. Sie hatte erkannt, dass der Shooter-Strategie-Mix den Krieg bewusst bis ins Lächerliche oder Absurde bagatellisiert. Kritisiert dann aber wiederum: "Die Tötungsakte und ihre Folgen werden überaus realistisch inszeniert und sind in ihrer makabren Machart darauf ausgelegt, beim Nutzer eine schadenfrohe Genugtuung hervorzurufen." Ja wat denn nun?
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Wie auch immer, letztlich lautete die Botschaft: Messer, Gabel, Satire und Licht, ist für kleine Kinder nicht'. Das Gremium sah "die jugendgefährdende Wirkung [...] weniger in der Möglichkeit, Heranwachsende könnten das Gespielte [...] in der alltäglichen Lebenswelt umsetzen. Die Jugendgefährdung ist vielmehr im ausschließlich reflexartigen, instinktiven Abschießen bzw. in die Luft sprengen menschlicher Gegner zu. Das Training [...] birgt die Gefahr des Herabsinkens des Respekts vor dem Leben und der körperlichen Unversehrtheit, und damit den Hemmschwellen, die jeder Tötungs- und Verletzungshandlung entgegenstehen [...] Die sozialethische Desorientierung rührt aus der Einübung des gezielten Tötens." Womit unsere Zeitreise endet, als Deutschlands höchste Jugendschützer noch in Bonn Bad Godesberg agierten, ganz nah an der Grenze zu Absurdistan. Wir hoffen, dieser doch relativ lange Ausflug hat für brutal viel Spaß gesorgt.
