Spielen Verboten! Indizierte Games - die bizarre Geschichte des Sonderfalls Deutschland
Special
Wir analysieren zum 40-jährigen Jubiläum der ersten Games-Indizierung, mit welchen teils kuriosen Begründungen die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften 25 beliebte Titel der Homecomputer-Ära als gefährlich einstufte.
Platz 10: BLUE MAX
- Durchschnittswertung auf Lemon64.com: 8,22
- Indiziert am 8. August 1985
Quelle: Harald Fränkel
Das Indizierungsdokument beginnt mit einer Erläuterung zum Spiel, die man einfachheitshalber aus der Zeitschrift Computer Kontakt, Heft 10/84, fotokopiert hat. Der Antragsteller, ein Ministerium, bezeichnet Blue Max als eine Weiterentwicklung des indizierten River Raid. Es sei sehr aufwendig programmiert und bedürfe einer Speicherkapazität von 32.000 Zeichen in Maschinensprache.
Wenn das zuletzt genannte Argument für eine Indizierung sprechen sollte, verschwindet demnächst vielleicht auch dieser Artikel im Nirwana, er wurde nämlich sehr aufwendig geschrieben und umfasst knapp 50.000 Zeichen. Doch Spaß beiseite, immerhin geht es hier nicht um Spaß, denn: Es ist ein Kriegsspiel!!!
Platz 9: THEATRE EUROPA
- Durchschnittswertung auf Lemon64.com: 8,28
- Indiziert am 26. September 1986
Quelle: Harald Fränkel
Die BPjS legt dem Strategiespiel unter anderem zur Last, dass es selbst minderbegabte Kinder und Jugendliche fesselt und damit geeignet ist, sie "sozialethisch zu desorientieren" und "sittlich zu gefährden". Zugegeben, die Behörde formulierte das mit dem Grips etwas freundlicher. Doch die Action-Sequenzen von Theatre Europa, die wie "übliche Ballerspiele" ablaufen, waren ihr tatsächlich ein Dorn im Auge:
"Das Gefecht auf den einzelnen Feldern erlaubt auch Spielern, die keine großen kombinatorischen Fähigkeiten haben und sich mit den strategischen Überlegungen in ganz Europa nur schwer auseinandersetzen können, ein Gefechtsspiel auf kleinerer Ebene zu führen. [...] Dieses Unterspiel erfordert ein hohes Maß an emotionaler Beteiligung. [...]"
Ansonsten lässt sich der sechs Seiten lange Entscheid folgendermaßen komprimieren: Warschauer Pakt gegen NATO, Atomwaffen, uiuiui, es ist ein Kriegsspiel!!!
Platz 8: BARBARIAN: THE ULTIMATE WARRIOR
- Durchschnittswertung auf Lemon64.com: 8,28
- Indiziert am 16. Oktober 1987
Quelle: Harald Fränkel
Zwei Jugendämter monierten in ihren Indizierungsanträgen vor allem die Möglichkeit, dass der Spieler seinen Gegnern den Kopf abschlagen kann. Daraufhin schlug die BPjS zu: "Der Tötungsvorgang wird im Spiel bagatellisiert und ins Lächerliche gezogen. Ein froschartiger Gnom nimmt die jeweilige Leiche bzw. den enthaupteten Kopf und transportiert diese nach einem Gequake vom Bildschirm. [...] Die Anwendung einer List und die Hinzuziehung staatlicher Vollzugsorgane sind durch die Gestaltung des Spiels und die Vorgaben der Anleitung ausgeschlossen."
Von Beamtensprech auf Deutsch übersetzt bedeutet das: Hätte man bei Barbarian die Polizei anrufen können, wäre es nur halb so schlimm gewesen. Wir kennen ja alle das gewaltfreie Happy End von Die Ritter der Kokosnuss, wo am Schluss die Sheriffs vorfahren und König Artus samt den anderen Irren in die geschlossene Psychiatrie bringen. Insofern waren bei dieser BPjS-Sitzung wohl, anders als im Fall von Battle Chess, Monty-Python-Fans anwesend, die den Entscheid mit ein bisschen britischem Humor würzten.
Platz 7: SILENT SERVICE
- Durchschnittswertung auf Lemon64.com: 8,45
- Indiziert am 8. Dezember 1986
Quelle: Harald Fränkel
Selbst die von Designer-Legende Sid Meier entwickelte U-Boot-Simulation ging bei der BPjS chancenlos unter, obwohl man sich dort stets als "unvoreingenommen" sah. In der Akte wird unter anderem die große Verbreitung des Spiels als Grund für die Indizierung genannt: Es könne auch auf sogenannten Bürocomputern gespielt werden und habe dort inzwischen eine zweifelhafte Beliebtheit erlangt.
"Für den unvoreingenommenen Betrachter ist klar erkennbar, dass es [...] um die Erlangung möglichst großen kriegerischen Ruhms geht. Der Seekrieg wird verherrlicht und seine schrecklichen Auswirkungen verharmlost."
Silent Service, das neben Express Raider als erstes Spiel wieder von der schwarzen Liste gestrichen wurde (anno 1988), stellt ein perfektes Beispiel dar, wie anders Zeitgeist und Moralvorstellungen damals waren. Zwar hatten Jugendliche die BPjS als ihr großes und einziges Feindbild, das personifizierte Böse und diktatorische Zensureinrichtung auserkoren. Es kam aber auch immer wieder vor, dass sich vermeintlich verbündete Journalisten kritisch über Kriegsspiele äußerten.
Heinrich Lenhardt bewerte Silent Service in der Zeitschrift Happy Computer 7/86 zwar mit sehr guten 83 von 100 Punkten, schrieb aber auch: "[Es] ist mal wieder eines von den Spielen, das durch die ausgesprochen kriegerische Handlung unangenehm auffällt."
Bernd Zimmer verweigerte in ASM 5/86 eine Gesamtwertung: "Es ist keineswegs mein Anliegen, Software-Hersteller und -Konsumenten mit erhobenem Zeigefinger belehren zu wollen, doch Programme wie Silent Service bergen [...] die Gefahr, dass der Schrecken eines jederzeit möglichen Krieges verharmlost, die Gewalt dagegen verherrlicht werden."
Platz 6: RAID ON BUNGELING BAY
- Durchschnittswertung auf Lemon64.com: 8,46
- Indiziert am 19. Februar 1987
Quelle: Harald Fränkel
Nach einer kurzen Erklärung des Gameplays und dem vielsagenden Hinweis, dass das Hubschrauberspiel "zu Gewalttätigkeiten anreizend" sei, kommt inhaltlich tatsächlich nichts mehr, was wir nicht schon mehrfach in anderen Indizierungsakten in verschiedensten Ausführungen gelesen hätten. Es ist ein Kriegsspiel!!!
Exkurs: Die Popp-Stars der 80er
Neben Spielen mit Gewaltinhalten und Software, die das Dritte Reich verherrlichten (und bis heute indiziert und beschlagnahmt sind), landete auch diverser Schweinkram auf den BPjS-Schreibtischen. Wer in den 80ern aufgewachsen ist, weiß zum Beispiel, dass Girls they want to have Fun kein Lied von Cyndi Lauper war.
Quelle: Harald Fränkel
Am bekanntesten aus dieser Sparte dürfte Sex Games sein, eine pornografische Parodie auf Sportspiele wie Summer Games und Decathlon, entwickelt von den Deutschen Thomas und Markus Landgraf sowie Mario Scherp. Das Teenager-Trio verdiente mit dem Verkauf immerhin rund 3.000 Mark, was heute inklusive Inflation rund 3.300 Euro entspricht. Beim Titel von 1985 galt es, möglichst schnell am Knüppel eines Joysticks zu rütteln, um verschiedene Sexstellungen freizuschalten.
Eine Passage im Indizierungsentscheid vom 5. Mai 1987 liest sich seltsam: "Je schneller das männliche Glied über den Joystick bewegt wird, [...] um so schneller erscheint die Glocke, [...] zum Zeichen dafür, dass das Ziel erreicht ist."
Wir möchten an dieser Stelle betonen, dass der Nutzer das Spiel nicht schaffen kann, wenn er sein echtes bestes Stück auspackt und damit nur über dem Steuerknüppel herumwedelt. Es muss Hand an den Stick gelegt werden! Die Brüder Thomas und Markus Landgraf waren seinerzeit 15 und 13 Jahre alt. Stammleser Günther Jauch möchte daher bei der nächsten Eine-Million-Euro-Frage wissen: Hätte den beiden ihr eigenes Werk damals eigentlich verkauft werden dürfen?
