Kolonialismus in Videospielen: Warum wir gerne erobern

Special Kristina Reymann-Schneider Lukas Schmid
Kolonialismus in Videospielen: Warum wir gerne erobern
Quelle: Game Labs

Überfallen, plündern und herrschen - all das macht zwar Spaß, aber gleichzeitig reproduzieren solche Spielmechaniken kolonialistische Werte. Müssten wir die nicht langsam mal überwinden?

Spiele dekolonialisieren: Alte Spielmechaniken, neue Perspektiven

"Es ist sehr schade, dass viele Perspektiven seltener abgebildet werden", sagt Benjamin Strobel. "Ich glaube, es kann sowohl erzählerisch als auch spielmechanisch interessant sein, andere Perspektiven zu explorieren, also zum Beispiel einen Widerstand gegen kolonialistische Bestrebungen zu inszenieren."

Vereinzelt gibt es schon Spiele, die den Spieß umdrehen. This Land is My Land spielt im "Wilden Westen" und erzählt vom Kampf eines Indianerstammes um sein Territorium. Wir übernehmen die Rolle des Häuptlings und infiltrieren Festungen und vertreiben Siedler aus ihren Dörfern.

Ein weiteres Beispiel für einen Perspektivwechsel ist das noch nicht veröffentlichte Action-Adventure Ecumene Aztec. Es spielt zur Zeit der spanischen Eroberungskriege im frühen 16. Jahrhundert. Der Protagonist ist ein Ureinwohner, der sich entweder den aztekischen Priestern oder den Spaniern anschließen kann.

This Land is My Land Quelle: Game Labs This Land is My Land Die Polaris-Game-Designer-Konferenz hat sich 2023 mit der Frage beschäftigt, wie die Spielebranche mit dem Thema Kolonialismus umgehen sollte und leitet ihren Abschlussbericht mit folgenden Worten ein: "Kolonialismus ist zugegebenermaßen ein kompliziertes Thema. Es gibt so viel Geschichte, so viele Schichten wiederholten Elends, so viele Perspektiven. Aber es ist auch ein sehr einfaches Thema: Vielleicht, nur vielleicht, könnten wir weniger Spiele machen, die das Ermorden der Einheimischen und den Raub ihrer Sachen verherrlichen."

Aber wie kann das gelingen, wenn doch die typischen Mechanismen von gewaltsamer Eroberung und rücksichtsloser Herrschaft so tief im modernen Spieldesign verwurzelt sind? Spieleentwickler müssten grundlegend umdenken, auf stereotype Darstellungen verzichten und gängige Spielmechaniken auf den Kopf stellen, schlagen die Game-Designer Roxane Blouin-Payer, Daniel Cook und Elaine Gómez in ihrem Report vor. Spieler könnten zum Beispiel ihr Land bewahren und kultivieren, anstatt es zu vergrößern, oder sich gegenseitig unterstützen, anstatt sich mit Kriegen zu überziehen.

Strategie- und Aufbauspiele nutzen häufig kolonialistische Motive: Um voranzukommen, müssen Gebiete erobert, Ressourcen abgebaut und Warenwirtschaftssysteme aufgebaut werden. Dass es auch anders geht, demonstrieren Spiele wie Eco, Terra Nil und Nikhil Murthy's Syphilisation. Letzteres ist ein Ein-Mann-Projekt aus Indien und parodiert ganz offensichtlich Sid Meier's Civilization.

Terra Nil Quelle: Devolver Digital Terra Nil In dem laut eigenen Angaben "postkolonialen 4X-Spiel" muss eine Schülergruppe einen Bericht über Mahatma Gandhi, Winston Churchill und die britische Kolonialherrschaft in Indien schreiben. Im Online-Survival-Spiel Eco müssen wir verantwortungsvoll mit den Ressourcen umgehen und mit anderen Spielern zusammenarbeiten, um das Überleben der Menschheit zu sichern.

In dem Aufbauspiel Terra Nil landen wir in einer verlassenen, trostlosen Gegend. Wir säubern die Böden, legen Wälder, Wiesen und Feuchtgebiete an, damit sich dort wieder Tiere ansiedeln. Am Ende bauen wir all unsere technischen Vorrichtungen und Forschungsstationen wieder ab und überlassen den blühenden Ort sich selbst, so als wären wir nie dagewesen.

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