Kolonialismus in Videospielen: Warum wir gerne erobern

Special Kristina Reymann-Schneider Lukas Schmid
Kolonialismus in Videospielen: Warum wir gerne erobern
Quelle: Game Labs

Überfallen, plündern und herrschen - all das macht zwar Spaß, aber gleichzeitig reproduzieren solche Spielmechaniken kolonialistische Werte. Müssten wir die nicht langsam mal überwinden?

Historischer Abriss: Kolonialismus im 19. Jahrhundert

In den Jahren 1884/1885 wurde der afrikanische Kontinent in Berlin unter den europäischen Staaten aufgeteilt. Für die Europäer waren die Kolonien Statussymbole. Sie wurden als Zeichen von Größe und Macht verstanden. Gleichwohl belasteten sie die Staatshaushalte. Im Deutschen Reich überstiegen die Ausgaben die Einnahmen deutlich, insbesondere in Deutsch-Südwestafrika, in Deutsch-Ostafrika und im chinesischen Kiautschou.

Wer aber profitierte, waren die Kaufleute und Unternehmer aus Hamburg, Köln und anderen europäischen Handelsstädten. Sie ließen in den Kolonien Zwangsarbeiter auf Plantagen schuften und errichteten Häfen und Eisenbahnlinien. Der Aufbau der Infrastruktur diente nicht der einheimischen Bevölkerung, sondern sollte dazu beitragen, die Rohstoffe auf schnellstem Wege aus dem Land zu schaffen. In Deutschland waren Kolonialwaren wie Kaffee, Kakao und Tabak sehr begehrt.

Die Einheimischen litten unter der Fremdherrschaft. Sie verloren ihre Besitztümer und ihre Freiheit. Wer den Deutschen nicht gehorchte, wurde öffentlich ausgepeitscht. Der Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia - damals Deutsch-Südwestafrika - gilt als erster Genozid des 20. Jahrhunderts. Generalleutnant Lothar von Trotha hatte den Schießbefehl gegeben.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden den Deutschen die Kolonien wegen ihrer brutalen Kolonialherrschaft entzogen. Das empfanden einige als ungerecht. Bis in die 1960er-Jahre hinein gab es in Teilen der deutschen Gesellschaft eine große Sehnsucht nach den Kolonien. Abenteuerromane, Kolonialvereine und Sammelalben, die ein idyllisches Bild vom "Platz an der Sonne" zeichneten, zeugen davon. Es ist ein Geschichtsbild, das sich lange in der Öffentlichkeit gehalten hat.

Wenn Geschichte verklärt wird: Wuselige Wohlfühlatmosphäre

"Kolonialismus wird in Spielen gerne so dargestellt, als wäre das Ausgreifen Europas auf die Welt eine notwendige Konsequenz der Weltgeschichte. Als historisches Phänomen, das unproblematisch ist, weil es halt so gewesen sei", sagt der Historiker Tobias Winnerling. Er lehrt an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und beschäftigt sich unter anderem mit der Darstellung von Geschichte in digitalen Spielen. Oft fehlt in Spielen die Perspektive der Einheimischen, die in der Kolonialzeit von den Europäern als exotische, faule und unzivilisierte "Wilde" verunglimpft wurden.

Das Strategiespiel Sid Meier's Colonization ist eines der wenigen Spiele, die sich nicht nur spielmechanisch, sondern auch inhaltlich mit dem Thema Kolonialismus beschäftigen, wenn auch mit einem stark verklärten Blick. Wir schlüpfen in die Rolle eines Entdeckers, eines Seefahrers, eines Konquistadors, eines Gouverneurs oder Vize-Königs und wählen anschließend eine Nationalität aus

Sid Meier's Colonization Quelle: Moby Games Sid Meier's Colonization Als Engländer, Franzose, Spanier oder Holländer müssen wir dann Amerika kolonisieren und uns mit den dort lebenden Indianerstämmen arrangieren, die uns freudig willkommen heißen. "Um unsere Freundschaft zu besiegeln, bieten wir euch das Land, das ihr besetzt habt, als Geschenk an", ruft uns der Häuptling zu. Das ist in Teilen Geschichtsverdrehung. Zwar empfingen die amerikanischen Ureinwohner die Europäer zunächst freundlich, aber ihr Land wollten sie nicht an die Einwanderer abtreten.

Eine beliebte Strategie von Entwicklerstudios sei Whitewashing, sagt Tobias Winnerling. Die Entwickler erzählen in einem historischen Setting eine fiktionale Geschichte und befreien sich so von jeglicher Verantwortung, da sie immer argumentieren können, dass ihr Spiel ja nicht die Realität abbilde, sondern reine Fiktion sei.

Das Aufbauspiel Anno 1800 des deutschen Entwicklerstudios Ubisoft Mainz spielt zwar in der Blütezeit der europäischen Kolonisierung, blendet aber Sklaverei und Zwangsarbeit aus. Das Spiel suggeriert, dass die fröhlichen schwarzen Arbeiter die Zuckerrohrfelder in der sogenannten "Neuen Welt", die von Südamerika inspiriert ist, freiwillig bewirtschaften.

Wichtiger als historische Genauigkeit beim Aufbau eines Wirtschaftsimperiums war den Entwicklern, eine Anno-typische Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. Der Historiker Felix Zimmermann erklärte in einem Webvideo, in dem er Anno 1800 erinnerungskulturell einordnet, dass alle Spiele der Anno-Reihe ein "romantisiertes Geschichtsbild" pflegen würden. Und genau dafür werden sie geschätzt. Die Reviews zum Spiel fielen zu 81 Prozent positiv aus, 2020 wurde es mit dem Deutschen Computerspielpreis ausgezeichnet, mehr als 3,5 Millionen Menschen haben es bis Ende 2023 gespielt.

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