Kolonialismus in Videospielen: Warum wir gerne erobern

Special Kristina Reymann-Schneider Lukas Schmid
Kolonialismus in Videospielen: Warum wir gerne erobern
Quelle: Game Labs

Überfallen, plündern und herrschen - all das macht zwar Spaß, aber gleichzeitig reproduzieren solche Spielmechaniken kolonialistische Werte. Müssten wir die nicht langsam mal überwinden?

Machtphantasien virtuell ausleben: Wo ist das Problem?

Spiele wie Anno 1800 sind beliebt, weil sie unser Grundbedürfnis nach Autonomie und Selbstwirksamkeit erfüllen. Spielefirmen haben das längst erkannt und wiederholen erfolgreiche Spielkonzepte. "Das führt zu einer Wiederholung der kolonialen Narrative, auch im Zusammenspiel mit Gameplay, das Spaß macht", sagt Benjamin Strobel.

Häufige Wiederholung könne allerdings dazu führen, dass wir abstumpfen und die koloniale Vergangenheit verharmlosen. "Auf der anderen Seite sind wir Menschen gut dazu in der Lage, Realität und Fiktion im Spiel zu unterscheiden. Das ist auch ein weiterer Grund für den Erfolg. In Spielen darf man sich gefahrlos ausprobieren und ohne Konsequenzen Dinge tun, die im echten Leben hochproblematisch wären."

Zum Beispiel als weißer Dude nach Afrika reisen und dort schwarze Zombies abknallen wie in Resident Evil 5. Das Horrorspiel erschien im Jahr 2009 und löste aufgrund seiner stereotypen Darstellung schwarzer Kultur eine Kontroverse aus, was dem Erfolg des Spiels jedoch keinen Abbruch tat.

Resident Evil 5 Quelle: PC Games Resident Evil 5 "Manchmal ist es einfach rassistisch", kommentierte der US-Journalist und Menschenrechtsaktivist Ta-Nehisi Coates im Magazin "The Atlantic". "Es ist durchaus möglich, Afrika als Schauplatz für eine kraftvolle und beunruhigende Horrorgeschichte zu verwenden", schrieb er. "Aber wenn man das Konzept von Menschen, die in wilde Monster verwandelt werden, auf eine tatsächliche ethnische Gruppe anwendet, die lange Zeit fälschlicherweise als wilde Monster dargestellt wurde, ist es schwer zu verstehen, wie rassistische Elemente keine Rolle spielen könnten."

Kolonialismus und Rassismus sind eng miteinander verwoben. Denn der Kolonialismus basierte auf rassistischen Ideologien und der pseudowissenschaftlichen und längst widerlegten Rassentheorie, die im 19. Jahrhundert viele Anhänger hatte. Sie waren davon überzeugt, dass es verschiedene menschliche Rassen gebe, an deren Spitze Weiße stünden, weil sie allen anderen kulturell und zivilisatorisch überlegen seien. Damit rechtfertigten sie die Ausbeutung und Unterdrückung nicht-weißer Menschen.

Männer, Frauen und Kinder aus Afrika, Süd- und Mittelamerika wurden von den Menschen aus dem vermeintlich zivilisierten Westen als unzivilisierte "Wilde" bezeichnet und teilweise wie Tiere behandelt; sie wurden angekettet und ausgestellt, missbraucht und verkauft. Solche drastischen Bilder tauchen in Spielen eher nicht auf.

Sie würden das weitverbreitete Bild europäischer Siedler, Entdecker und Missionare konterkarieren, die doch mit besten Absichten einen Kontinent aus seiner Lethargie befreien wollten, die Schulen und Krankenhäuser bauten und in die Infrastruktur investierten. Tatsächlich tauschten die Kolonialisten in Afrika Land gegen Schnaps, beraubten die Einheimischen so ihrer Lebensgrundlage.

"Wir müssen uns bewusst sein, dass Spiele und andere populäre Medien unser Bild von historischen Vergangenheiten ganz massiv beeinflussen", sagt Benjamin Strobel. "Diese Bilder stellen immer eine Verzerrung dar, aber die Grade der Verzerrung können sehr unterschiedlich sein." Mediale Darstellungen von Geschichte entsprächen oft der westlichen und kolonialistischen Perspektive, was auch daran liege, dass die Produzierenden dieser Medien häufig aus diesem Kulturkreis kommen.

Die Spieleindustrie in Afrika steckt beispielsweise noch in den Kinderschuhen. Es gibt rund 100 Studios, aber kaum Ausbildungsmöglichkeiten für junge Talente. Es fehlt an Geld, an privaten Investitionen und staatlicher Förderung, an bezahlbarem und stabilem Internet und einer gesicherten Stromversorgung. All das erschwert die Spieleentwicklung auf dem Kontinent.

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