Vom Stick-Drift zum Halleffekt: So wurden wir Jahrelang angelogen
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Stick-Drift ist kein neues Phänomen, genauso wenig wie die Lösung durch den Hall-Effekt. Dass die Technologie schon vor Jahren verfügbar war und wie die Konsumenten jahrelang im Dunkeln gelassen wurden, zeigen wir in unserem Report.
Ein shock-ierendes Geheimnis
Trotzdem hat anscheinend niemand mitbekommen, dass der Hall-Effekt schon einmal im Dualshock 3 verbaut war. Wenn die Technik damals wirklich derartig hinterherhinkte, warum ist der Wechsel dann nicht aufgefallen? Denn: Wenn mit Magneten erst jetzt 8 Bit möglich sind, hätten die Hall-Effekt-Sticks im Dualshock 3 eine kleinere Auflösung haben müssen, also 6 Bit. Das entspricht einer Auflösung von 64 einzelnen Messpunkten, sogenannten "Values". In jede Richtung des Controllers also 32 Stufen.
Wir haben einen frühen Sixaxis-Controller und einen späteren Dualshock 3 gegeneinander getestet und zwei Dinge festgestellt:
Im zweiten Controller, also dem Dualshock 3, gibt es keine Anzeichen von Stick-Drift, trotz deutlicher Abnutzungs-Erscheinungen in jeder anderen Hinsicht - dass in diesen Modellen der Hall-Effekt verbaut wurde, haben wir aber natürlich bereits durch das Aufbrechen festgestellt.
Einen Unterschied in der Auflösung, und damit in der Genauigkeit der Eingabe, konnten wir hingegen nicht feststellen. Da es allerdings keine Möglichkeit gibt, die Bit-Anzahl richtig zu messen, mussten wir bei dieser Beobachtung auf das Gespür mehrerer Redakteure zurückgreifen.
Blindes Vertrauen
Ansonsten muss man sich auf Herstellerangaben verlassen, die es in den meisten Fällen aber gar nicht gibt. Eben darum ist auch nicht bekannt, wie hoch die Auflösung beim Dualshock 4 oder dem Dualsense-Controller ist, also die Eingabegeräte für Playstation 4 und Playstation 5. Sony hat seit dem Sixaxis von 2006 keine öffentlichen Angaben mehr über die Bit-Zahlen ihrer Analogsticks verlauten lassen.
Der erste Controller für die Playstation 3 hatte laut des japanischen Herstellers wohl Sticks mit einer Auflösung von 10 Bit verbaut, bedeutend höher also als die 6 Bit, die anscheinend im Dualshock 3 verbaut waren. Der daraus resultierende Unterschied zwischen 64 und 1.024 Stufen klingt zwar krass, allerdings ist es wahrscheinlich, dass ein Mensch die höhere Präzision beim Zocken gar nicht feststellen kann - auch, weil PS3-Spiele sich zumeist gar nicht so genau steuern ließen.
Quelle: Sony via webarchive
Es ist am Ende also möglich, dass der Hall-Effekt dazumal weniger präzise in der Eingabe war, das aber aufgrund der weniger starken Anforderungen von PS3-Spielen nicht sonderlich ins Gewicht gefallen ist. Ein Wechsel zurück auf Potenziometer hätte in diesem Falle den tatsächlichen Vorteil gehabt, dass sie für die Zukunft die genauere und damit die bessere Technik darstellten.
Wegen Stick-Drift hat man sich damals ohnehin noch keine Gedanken gemacht, denn vor zehn bis fünfzehn Jahren waren die Deadzones an Controllern noch viel größer - also der Bereich, in dem man einen Stick bewegen kann, ohne dass die Software eine Eingabe registrierte. Dadurch konnte man viel länger spielen, bis sich die Abnutzung der internen Bauteile bemerkbar machte. Bis dahin hatte man die Controller zumeist schon wegen anderer Blessuren ausgetauscht.
Bitte nicht klagen
"Im Zweifel für den Angeklagten" heißt es und auch wenn Potentiometer heutzutage nicht mehr wirklich Sinn ergeben, weist nichts darauf hin, dass Sony damals die eine Technik vor der anderen bevorzugte, um gezielt Profit daraus zu schlagen.
Mit der Häufung von Stick-Drift über die letzten Jahre stößt aber bei Weitem nicht nur Sony auf Unverständnis bei den Spielern, warum man sich scheinbar gegen den Hall-Effekt wehrt. Nicht ganz unbegründet steht die Anklage im Raum, dass die Hersteller so einfach mehr Geld verdienen wollen. Besonders tut sich Nintendo hervor, deren Joycons dafür bekannt sind, oft schon nach kurzer Zeit mit dem Driften anzufangen.
Der Konzern musste sich deswegen schon mehreren Einzel- und Sammelklagen stellen, die zum größten Teil zwar im Nichts verlaufen sind, das Unternehmen hinter Mario aber trotzdem seit 2019 dazu veranlasst hat, einen Reparatur-Service anzubieten. Auch über die gesetzliche Garantie von zwei Jahren hinaus repariert Nintendo seitdem Joycons, wenn sie Stick-Drift bekommen und auf der Support-Seite für die Switch gibt es einen eigenen Unterpunkt, der sich um das nervige Phänomen dreht.
Etwas an der Bauweise hat Nintendo trotzdem nicht geändert, die Sticks gehen genauso schnell kaputt wie vorher, was auf die Verarbeitung nicht unbedingt hochwertiger Materialien hindeutet. Wie viele Joycons außerdem wirklich eingeschickt werden, ist nicht bekannt, es gibt aber Berichte von Spielern, die den Weg des Einschickens gegangen sind und über einen ganzen Monat auf das reparierte Gerät warten mussten. Das ist lange angesichts der Tatsache, dass ein Paar Ersatz-Joycons rund siebzig Euro kosten. Eine Investition, die man nicht einfach mal so tätigen will.
