Mit Kult-Adventures wie Grim Fandango hat sich Tim Schafer schon vor Jahren selbst ein Denkmal gesetzt. Jetzt schickt er Sie auf eine Reise in die Hirne seiner abgedrehten Charaktere.
Andere Hirne, andere Sitten
Weniger Sammelspiel und fast schon Adventure ist dagegen die Suche nach dem Milchmann. Die bestreiten Sie im Kopf eines paranoiden Polizisten, der ständig nur von einem spricht: eine Regierungsverschwörung, die sich um einen Milchmann dreht. Das klingt nicht nur schräg, das ist auch schräg. Um herauszufinden, was es damit auf sich hat, laufen Sie durch eine amerikanische Bilderbuch-Nachbarschaft mit exakt geschnittenen Büschen und schmucken Reihenhäuschen. Zum Klischee der biederen Amis gesellt sich dann noch der Alptraum aller Verschwörungstheoretiker: In Hydranten und Mülltonnen sind Sicherheitskameras versteckt, überall bespitzeln verkleidete Agenten die braven Bürger. Verkleidet ist allerdings etwas übertrieben -- die Trenchcoatträger unterscheiden sich nur minimal voneinander. Wer als Gärtner getarnt ist, spaziert mit einer Heckenschere herum, angebliche Kanalarbeiter hingegen mit einem Pömpel. Wenig kreativ, aber sehr nachahmenswert. Damit Raz die von den Agenten besetzten Bereiche betreten kann, muss nämlich auch er sich verkleiden.
Um die Kostüme aufzustöbern, ist Hirnschmalz gefragt. So muss der angehende Psi-Söldner beispielsweise die Zahlenkombination für ein Sicherheitsschloss herausfinden und dazu geschickt mit seinen Kräften umgehen. Der gezielte Umgang mit den Fähigkeiten der Psychonauts wird vor allem in der zweiten Spielhälfte sehr wichtig und verlangt stellenweise auch kreatives »um die Ecke«-Denken. Sehr löblich: Kommt Raz einmal nicht weiter, kann er auf Knopfdruck Infos zur Bekämpfung bestimmter Feinde oder zum Weiterkommen einholen.
Grenzenlos skurril
In anderen Abschnitten ist Raz auf dem Spielplan eines Brettspiels unterwegs, löst für die Spielfiguren kleinere Aufgaben und zieht dann die Zinnmännchen von A nach B. Oder aber er befindet sich im Kopf einer vom Leben enttäuschten Schauspielerin und muss mit verschiedenen Kulissen bestimmte Theaterstücke inszenieren. Am Ende dieses Abschnitts tritt er schließlich gegen einen Kritiker an, der vernichtende Worthülsen auf den Nachwuchs-Gedankenleser abfeuert.
Wir garantieren Ihnen: Langweilig wird einem im mit abgedrehten Ideen voll gepfropften Psychonauts mit Sicherheit niemals.
Ein echter Schafer
Die Levels sind nicht nur spielerisch, sondern auch grafisch abwechslungsreich. Im Tutorial-Abschnitt turnen Sie über ein Schlachtfeld, auf dem Unmengen an Maschendraht und Panzersperren ausgelegt sind; von vielen spiegelnden Oberflächen aus beäugt Sie ein Abbild Ihres Ausbilders, der schmissige Drill-Kommandos zum Besten gibt. Die Gedankenwelt der einzig weiblichen Ausbilderin wiederum ist im bunten Disco-Stil gehalten, der an John Travoltas vergangene, beste Zeiten erinnert.
Allgegenwärtig ist dabei der ureigene Grafikstil, der Spiele von Tim Schafer so unverwechselbar macht. In den Levels dominieren kantige Bäume, im wahrsten Sinne des Wortes schräge Bauwerke und eckige Formen das Bild -- alles wirkt wie grob skizziert und nicht vollständig ausgearbeitet. Auch die Charaktere erinnern mit vorzugsweise eckigen oder ovalen Konturen, zu langen oder fehlenden Hälsen und verschrobenen Gesichtszügen nur entfernt an Menschen. Psychonauts ist ausnehmend schräg und nicht jedermanns Sache, aber stimmig von Anfang bis Ende.
