Pokémon: Let's Go, Evoli! & Pikachu! – ist das neueste Poké-Abenteuer für die Switch ein Verrat an den Fans? Eine Kolumne
Special
Bereits seit der Ankündigung ernten Pokémon: Let's Go, Pikachu! & Evoli! für Nintendo Switch viel Kritik von langjährigen Fans: es ist zu seicht, zu anders, zu limitiert und sowieso total überflüssig. Doch stimmt überhaupt die Erwartungshaltung?
Quelle: PC Games
So niedlich, nicht wahr? Gerade der augenscheinliche Fokus auf die jüngere Spielerschaft nagt an den in die Jahre gekommenen Pokémon-Fans.
Als Nintendo im Mai 2018 Pokémon: Let's Go! ankündigte, hielt sich meine Begeisterung in Grenzen: Obwohl ich die Pokémon-Reihe schon lange sehr zu schätzen weiß, sprachen mich die gezeigten Änderungen in den neuen Abenteuern nicht unbedingt an. Lieber würde ich ein Jahr auf den für 2019 angekündigten klassischen Teil warten. Sämtliche Informationen, die Nintendo in den darauffolgenden Monaten veröffentlichte, bestärkten mich in meiner Entscheidung. Ich hatte schlicht kein großes Interesse an einem noch simpleren, vollpreisigen Pokémon-Spiel und zählte mich zudem nicht zur anvisierten Zielgruppe. Für mich war der Drops damit gelutscht - zumindest bis ich die Möglichkeit erhielt, Pokémon: Let's Go! zu testen.
Alles richtig gemacht?
Für einige andere Fans schien die Ankündigung der Let's-Go!-Spiele dagegen einem persönlichen Affront gleichzukommen, den sie nicht ohne Weiteres hinnehmen konnten. Immerhin wurde gewaltig an der Basis ihrer Lieblingsspielreihe gerüttelt: Keine Begegnungen mit wilden Pokémon, kein Züchten von Eiern und - Um Himmels willen! - ein von Pokémon Go übernommenes Fangsystem. Pfui!Die festgefahrene Erwartungshaltung und harsche Kritik dieser Fans konnte ich angesichts der sehr eindeutigen Informationslage überhaupt nicht nachvollziehen. Nintendos PR-Team hatte von Anfang an eine maximal transparente Arbeit geleistet; sämtliche Funktionen, Absichten und Inhalte der Titel waren bis Release bekannt. Überdies war zur gleichen Zeit ein weiteres, traditionelles Hauptspiel angekündigt worden - eine durchdachte wie geschickte Taktik, die sich Blizzard bei der Ankündigung von Diablo: Immortal lieber hätte abschauen sollen.
Zutritt verboten
Halten wir also fest: Dass Pokémon: Let's Go! in puncto Gameplay aus der Reihe tanzen und sich in erster Linie an ein neues Publikum richten würde, war zu keinem Zeitpunkt ein Geheimnis. Natürlich gibt es auch zahlreiche Pokémon-Spieler, denen die neue Ausrichtung von Let's Go! absolut bewusst ist und die sich nicht daran stören. Doch wieso fällt es vielen Fans trotzdem so schwer, den neuen Pokémon-Teil zu akzeptieren? In den letzten Monaten konnte ich in Gesprächen und beim Lesen diverser Foreneinträge ein zentrales und in Gaming-Kreisen nicht unübliches Motiv beobachten: den Gatekeeping-Effekt.
Bei diesem entscheidet eine Gruppe von Personen darüber, wer ihnen zugehörig ist und wer nicht. In diesem Fall hatten einige augenscheinlich das Recht für sich gekapert, zu bestimmen, wie ein waschechtes Pokémon-Spiel auszusehen habe, um sich einen Platz in der Hauptreihe zu verdienen. Das Fehlen mancher Kernfunktion war dabei natürlich mehr als inakzeptabel - dass man an einen Titel wie Pokémon: Let's Go! nicht dieselben Ansprüche stellen kann wie an die vollwertigen Vorgänger, kam so manchem Nörgler erst gar nicht in den Sinn. Solcherlei Unkenrufe sind Gift für jede Fangemeinde und verhindern, dass sich neue Spieler für die Materie begeistern - ironischerweise war genau das ja auch die ursprüngliche Intention hinter Pokémon: Let's Go, Evoli! (jetzt kaufen 59,99 € )& Pikachu!
Unter Umständen unfair
Quelle: PC Games
Viele Kernfunktionen aus den regulären Spielen fehlen. Manche Innovationen sollten aber auch die traditionsbewussten Fans freuen, wie etwa das Vorhersagen der Pokémon-Typen.
Auch wenn ich der Meinung bin, dass die regulären Pokémon-Spiele seit Jahren keinen hohen Schwierigkeitsgrad mehr bieten und es im Grunde nicht nötig war, einen noch zugänglicheren Teil zu entwickeln, hat Pokémon: Let's Go! durchaus seine Daseinsberechtigung. Vor allem denke ich, dass sich viele der Änderungen nicht auf die weiteren Hauptspiele auswirken werden. Wer Angst hat, die furchtbar redundanten und unverhältnismäßig langwierigen Kämpfe gegen wilde Monsterchen im nächsten Teil zu missen, sollte einen Gang runterfahren und sich lieber darüber freuen, dass Nintendo mit Let's Go! eine Spielwiese für interessante Innovationen gefunden hat.
Ob Let's Go! letztlich ein gelungenes Pokémon-Spiel ist, sei dahingestellt. Ich bin auch nach meinem Test jedenfalls nicht davon überzeugt, dass es Nintendo gelungen ist, sowohl Serienneulinge als auch langjährige Taschenmonster-Fans optimal zu bedienen. Dass unter einigen Fans bis zuletzt eine vollkommen verquere Erwartungshaltung vorherrschte, fand ich trotz allem unfair. Es wäre schließlich mehr als angemessen, wenn man Pokémon: Let's Go! als das betrachtet und bewertet, was es ist und nicht, was es laut besonders passionierter Fans sein soll: ein vollwertiges Pokémon-Erlebnis. Dafür ist beim nächsten Abenteuer nächstes Jahr noch genug Zeit.
Welche Einstellung vertretet ihr? Ist Let's Go! ein Verrat an der Reihe oder freut ihr euch schon seit Monaten total auf den Besuch in Kanto? Schreibt eure Meinung in die Kommentare!
