Diablo Immortal: Wie Blizzard das Vertrauen der Fans verspielte. Eine Betrachtung und Meinung von Felix Schütz - mit Video!

Special Felix Schütz
 Diablo Immortal: Wie Blizzard das Vertrauen der Fans verspielte. Eine Betrachtung und Meinung von Felix Schütz - mit Video!
Quelle: Blizzard

Selbst eine Woche nach der Blizzcon reißt die Kritik nicht ab: Unter der Ankündigung von Diablo Immortal hat Blizzards Image deutlich gelitten, der Frust der Spieler sitzt tief. Aber ist der Aufschrei berechtigt? In seinem Kommentar fasst Redakteur Felix Schütz die Ereignisse und die Enttäuschung rund um Diablo Immortal zusammen - und erklärt, warum er das umstrittene Action-Rollenspiel wahrscheinlich trotzdem spielen wird.

Dieser Shitstorm kam mit Ansage: Als Blizzard auf der Blizzcon 2018 das neue Diablo enthüllte, konnte man förmlich spüren, wie die enttäuschten Fans langsam die Messer wetzten. Dabei lief die Show bis dahin zwar nicht überragend, aber immerhin noch ziemlich gut! Das lang ersehnte Warcraft 3 Reforged wurde enthüllt, es gab Destiny 2 aufs Haus, dazu die üblichen Fan-Veranstaltungen und Wettbewerbe - also das ganze Drum und Dran, mit dem Blizzard seine Fans üblicherweise begeistert. Doch dieses Jahr hat die Blizzcon eine tiefe Delle in Blizzards Image geschlagen: Der Grund dafür heißt Diablo Immortal, Blizzards erstes Mobile-exklusives Spiel, das auf der Messe für lange Gesichter gesorgt und einen regelrechten Shitstorm ausgelöst hat. Aus der Fangemeinde hagelt es seither heftige Kritik, viele alteingesessene Fans fühlen sich betrogen. Wie konnte es nur dazu kommen?


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Auf einen Blick: Was macht Diablo Immortal so besonders?

Diablo Immortal ist der erste Ableger der Hack&Slay-Reihe, der exklusiv für iOS- und Android-Geräte erscheint; eine PC-Fassung ist nicht geplant. Das Action-Rollenspiel ist zeitlich zwischen Diablo 2 und Diablo 3 angesiedelt und bringt sechs bekannte Charakterklassen zurück, wenn auch mit etwas abgespeckten Talenten. Das Interface wurde komplett auf Mobile-Geräte zugeschnitten und auch das Gameplay fällt zumindest bislang deutlich seichter aus als gewohnt, zumindest grafisch erinnert es aber deutlich an Diablo 3. Diablo Immortal soll außerdem das erste Diablo-MMO der Reihe werden: Die Stadt Westmarsch dient euch als großer Hub, wo ihr nicht nur Händlern und NPCs begegnet, sondern auch zig anderen Spielern über den Weg laufen könnt. Von dort aus macht ihr euch auf in unterschiedliche Dungeons und Abenteuerzonen, in denen ihr wie gewohnt Monster verkloppt, Beute sammelt und euren Charakter verbessert.
Diablo Immortal wurde auf der Blizzcon 2018 angekündigt. Quelle: Blizzard Die Steuerung wurde von Grund auf für Touchscreens konzipiert.

So begann der Hype

Aber wie konnte aus so einem harmlosen Mobile-Spiel nun ein solcher Shitstorm entstehen, wie wir ihn in den letzten Tagen erlebt haben? Das Problem begann schon etwas früher, nämlich im August 2018. Da richtete sich Blizzard per Videobotschaft an die Fans und verriet, dass man derzeit an mehreren Diablo-Projekten arbeite und in Kürze etwas anzukündigen habe. Damit wurden natürlich Erwartungen geweckt, denn zu diesem Zeitpunkt waren die Diablo-Fans schon ziemlich ausgehungert: Diablo 3 ist heute sechs Jahre alt und bekam schon länger keinen nennenswerten Content mehr verpasst, im Grunde wird das Spiel nur noch mit Seasons am Leben gehalten. Ein gängiges Gerücht lautet, dass Diablo 3 auch deshalb so spärlich mit Inhalten versorgt wird, weil das Kern-Entwicklerteam schon längst am Nachfolger arbeitet. Kein Wunder also, dass viele Spieler große Hoffnungen für die Blizzcon hatten!

Die Enthüllung: Habt ihr keine Telefone!?

Doch eben diese Hoffnungen wurden bitter enttäuscht: Auf der Blizzcon hatte Lead Designer Wyatt Cheng die undankbare Aufgabe, Diablo Immortal am Ende der Eröffnungszeremonie zu enthüllen. Ein unglücklicher Zeitpunkt, denn dieser Slot ist üblicherweise dem Highlight vorbehalten - doch als Showstopper taugte die Präsentation von Diablo Immortal bei Weitem nicht. Sicher, es gab zwei nette Trailer zu sehen und dazu verriet Chang - sichtbar verunsichert - noch ein paar Fakten zum Spiel. Doch das reicht einfach nicht aus, um die Enttäuschung der Fans aufzufangen, mit der man zwangsläufig rechnen musste - immerhin hatten viele im Saal auf Diablo 4 oder ein Diablo 2 Remastered gehofft!

Bei der anschließenden Q&A-Runde kippte die Stimmung dann endgültig, als Blizzard noch einmal bestätigte, dass das Spiel wirklich nur für Mobile-Geräte erscheint. Auf die Buhrufe aus den Fanreihen erwiderte Wyatt Chang mit dem Feingefühl einer Drahtbürste: "Habt ihr etwa keine Telefone?" Mit diesem Kommentar brachte Cheng die Fans endgültig gegen sich auf, "do you not have phones?" hat sich seitdem in ihren Köpfen eingebrannt. Kein Wunder, schließlich sitzen im Publikum und vor dem Livestream nicht irgendwelche Spieler, sondern die Hardcore-Fans, die Blizzard seit Jahren die Treue halten und Diablo durch dick und dünn folgen - und die allermeisten von ihnen sind nunmal über den PC zu Diablo gekommen, wo das Spiel seine Wurzeln hat. Daran ändern auch die Konsolenumsetzungen von Diablo 3 nichts, so gut sie auch sein mögen.

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Was Blizzard von Bethesda lernen kann

Dabei wäre es durchaus auch anders gegangen. Bethesda hat's gleich doppelt vorgemacht, als sie auf der E3 2015 zuerst Fallout 4 angekündigt und gleich danach das Mobile-Game Fallout Shelter veröffentlicht haben - anstelle eines Aufschreis gab es Applaus und Fallout Shelter wurde zu einem Hit. Drei Jahre später präsentierte Bethesda dann das kontroverse Fallout 76 und enthüllte gleich darauf noch The Elder Scrolls: Blades - ein Mobile-Rollenspiel, nach dem eigentlich niemand verlangt hatte. Doch um die Fans nicht enttäuscht nach Hause zu schicken, hatte Bethesda auch noch zwei Mini-Teaser zu Starfield und The Elder Scrolls 6 im Gepäck. Der Infogehalt der Videos tendierte gegen null, tatsächlich dürfte es noch einige Jahre dauern, bis die Spiele überhaupt erscheinen. Doch das war den Fans in dem Moment ziemlich egal; schließlich dienten die Trailer in erster Linie als Versprechen, dass Bethesda trotz neuer Online- und Mobile-Games auch die Hardcore-Zielgruppe - in dem Fall die Singleplayer-Fans - nicht aus den Augen verliert.

Und genau das hat den Diablo-Fans diesmal gefehlt! Ein Gefühl, dass Blizzard nicht nur neue Zielgruppen anvisiert, sondern auch seine Basis nicht vergessen hat. Eine Geste, die den Fans versichert: das nächste große Diablo für PC kommt! Und dafür wäre gar nicht viel nötig gewesen: Ein kurzer Diablo 4 Teaser und eine kleine Ansprache der Entwickler hätten vielleicht schon ausgereicht.

Im Auge des Shitstorms

Nach der Ankündigung von Diablo Immortal ging es Schlag auf Schlag: Im offiziellen Forum, auf Reddit und natürlich auch bei uns wurde das Spiel von vielen enttäuschten Fans in der Luft zerrissen. Besonders heftig war es auf Youtube, denn da wurden die beiden Trailer zu Diablo Immortal in Grund und Boden bewertet und mit negativen Kommentaren überschüttet.

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Da hat es auch nicht unbedingt geholfen, dass Zehntausende, womöglich Hundertausende Downvotes und zahlreiche kritische Kommentare unter den Videos plötzlich verschwanden. Inwieweit Blizzard tatsächlich selbst eingegriffen hat oder ob doch einfach ein Youtube-Algorithmus dafür sorgte, dass Kommentare und Dislikes gelöscht, ist bislang nicht eindeutig geklärt. Umso wichtiger wäre es, dass Blizzard selbst ein Statement dazu abgibt - denn jeder Tag, an dem weitere kritische Kommentare und Dislikes verschwinden, macht es nur noch schlimmer.
Diablo Immortal bringt sechs bekannte Klassen zurück, spielt sich aber seichter als Diablo 3. Quelle: Blizzard Diablo Immortal bringt sechs bekannte Klassen zurück, spielt sich aber seichter als Diablo 3.

Falscher Ort zum falschen Zeitpunkt

Aber warum wurde Diablo Immortal überhaupt so prominent am Ende der Show vorgestellt? Sicherlich wäre Warcraft 3 Reforged der passendere Titel gewesen, um ihn als Messehighlight zu zeigen. Deshalb kamen Gerüchte auf, dass ursprünglich Diablo 4 als großes Highlight angeteasert werden sollte und dass man die Ankündigung erst kurzfristig zurückzogen hat - doch dieses Gerücht hat Blizzard schon kurz darauf klar dementiert.

Trotzdem stellt sich die Frage, ob Diablo Immortal nicht nur im falschen Rahmen, sondern auch zu früh angekündigt wurde. Auf der Messe waren weder das Ressourcensystem noch Inventar, Beute oder Charakterentwicklung richtig festgezurrt - alles elementare Spielelemente für Diablo, die viel Fingerspitzengefühl benötigen. Mit anderen Worten: Wenn es bis zum Release ohnehin noch länger dauert, warum das Spiel jetzt überhaupt schon ankündigen?

Netease oder Blizzard - wer entwickelt was?

Blizzard wollte Diablo Immortal als das nächste große Spiel der Reihe ankündigen. Der Erfolg war... bescheiden. Quelle: Blizzard Blizzard wollte Diablo Immortal als das nächste große Spiel der Reihe ankündigen. Der Erfolg war... bescheiden. Ein weiterer Punkt, der für reichlich Diskussionsstoff gesorgt hat: Blizzard entwickelt das Spiel nicht allein, sondern gemeinsam mit Netease Games. Netease ist ein riesiges Technikunternehmen und ein führender Publisher in China. Als Games-Anbieter arbeitet Netease schon seit vielen Jahren mit Blizzard zusammen und betreibt unter anderem World of Warcraft, Starcraft 2, Hearthstone und Overwatch im chinesischen Raum. Netease hat aber auch populäre Eigenproduktionen entwickelt, die stark von Hits wie WoW, Fortnite oder PUBG abgekupfert sind. Man könnte auch sagen: Netease ist Experte im Kopieren von erfolgreichen Spielideen.

Und so ist es kein Wunder, dass Endless of God - ein chinesisches Mobile-Hack&Slay von Netease - frappierende Ähnlichkeiten mit Diablo 3 aufweist. Schnell kam deshalb der Vorwurf auf, Diablo Immortal sei im Grunde nur ein "Reskin" von Endless of God, da es auch ein ähnliches Interface verwendet. Um es klar zu sagen: Ich glaube nicht, dass Blizzard einen "Reskin" von Endless of God in Auftrag gegeben oder abgenickt hat. Netease hat nach der Blizzcon lediglich bestätigt, dass Diablo Immortal auf ihrer hauseigenen Messiah-Engine basiert. Weil Netease außerdem viel Erfahrung mit Mobile-Games hat, ist es nur naheliegend, dass sich das Interface von Diablo Immortal an Standards orientiert, die sich in China bewährt haben.

Laut Blizzard wird Diablo Immortal von Grund auf neu entwickelt wird - in dem Fall heißt das also, dass es zwar auf einer bewährten Technik, aber nicht auf einem älteren Spiel basiert. Nichts Ungewöhnliches! Allerdings hat Blizzard es versäumt, die Spieler über die Art der Zusammenarbeit mit Netease vernünftig aufzuklären: Wer entwickelt hier was, wo kommen die Teams zusammen, ist das überhaupt noch ein richtiges Blizzard-Game? Und vor allem: Wer entscheidet am Ende über die Monetarisierung? Wird es Free2Play? Gibt es Booster, Lootboxen, kosmetische DLCs? Oder einen fairen Festpreis? Blizzard und Netease scheuen das Thema noch und sagen, man habe sich darüber bislang kaum Gedanken gemacht, weil man sich erst mal voll auf das Gameplay konzentrieren will. Mit solchen Aussagen tun sich die Entwickler allerdings keinen Gefallen, immerhin vermuten viele Spieler bei Mobile-Games üble Abzockmechanismen, eine Flut an Miktrotransaktionen und Pay2Win-Schranken. Diese Spieler gilt es nun vom Gegenteil zu überzeugen - und das klappt nur, wenn Blizzard mit offenen Karten spielt.
Grafisch erinnert Diablo Immortal stark an Diablo 3. Für ein Mobile Game mehr als beachtlich! Quelle: Blizzard Grafisch erinnert Diablo Immortal stark an Diablo 3. Für ein Mobile Game mehr als beachtlich!

Erstes Feedback

Blizzard hat sich das Debakel selbst zuzuschreiben. Bei aller berechtigten Kritik sollte man aber auch ein paar Dinge im Hinterkopf behalten, bevor man die Entwickler mit Hohn und Spott überhäuft.

  • Zum Beispiel, dass bei Blizzard zig Männer und Frauen Tag für Tag daran arbeiten, ihren Fans großartige Spiele wie Starcraft 2, Heroes of the Storm, Overwatch, Hearthstone und WoW zu servieren. Designer, Programmierer, Künstler, Techniker und viele, viele mehr. Diese bunt gemischte Truppe nun alle über einen Kamm zu scheren, Blizzard und damit der ganzen Belegschaft vorzuwerfen, sie habe den Blick für ihre Fans verloren, halte ich - gelinde gesagt - für unfair. Denn wann, wo und wie ein Spiel enthüllt wird, ist mit Sicherheit eine Entscheidung, auf die nur die wenigsten Leute bei Blizzard wirklich Einfluss haben.
  • Immerhin hat sich das Team mittlerweile direkt an die Fans gewandt. In einem Forumsbeitrag erklärt Blizzard, dass man das Feedback und die Kritik sehr ernst nimmt und dass im Studio derzeit zahlreiche interne Diskussionen dazu laufen. In Kürze wollen die Entwickler ihre Gedanken mit der Community teilen - das kann natürlich erst mal alles bedeuten, ist aber zumindest das richtige Signal: Die Kritik ist angekommen.
  • Man sollte auch nicht vergessen, dass Blizzard trotz aller Aufregung höchstwahrscheinlich sehr erfolgreich sein wird - Diablo Immortal mag vielleicht nicht jeden Hardcore-Fan abholen, aber es könnte tatsächlich eine Menge neuer Spieler anlocken, und zwar nicht nur im asiatischen Raum. Der Mobile-Markt ist gigantisch und verspricht saftige Gewinne! Und schließlich wurde vor fünf Jahren auch die Ankündigung von Hearthstone von vielen belächelt - und trotzdem entwickelte sich das Spiel zu einem Hit. Dabei fand es längst nicht nur Anklang bei den Fans von Warcraft- und Trading-Card-Games, sondern konnte auch völlig neue Zielgruppen erschließen.
  • Diablo Immortal hat nicht das Ziel, Diablo 4 zu ersetzen. Blizzard sagt offen, dass derzeit mehrere Entwicklerteams an verschiedenen Diablo-Projekten arbeiten und betont vieldeutig, dass man dabei sehr genau auf die Wünsche der Fans hören würde. Ein neues Diablo für die Hardcore-Fans - also das, was wir unter Diablo 4 verstehen - ist damit mehr oder weniger bestätigt, auch wenn es sicher noch eine Weile dauern wird, wir es selbst spielen können.

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Warum ich es trotzdem spielen werde

Diablo Immortal dürfte das mit Abstand unbeliebteste Spiel sein, das Blizzard jemals angekündigt hat. Aber auch auf die Gefahr hin, von den wütenden Fans gelyncht zu werden: Ich weiß schon, dass ich es zumindest einmal ausprobieren werde.

Warum? Weil mich Blizzard schon häufiger überrascht hat!

Hearthstone zum Beispiel! Das hab ich anfangs belächelt, bis ich es selbst ausprobierte - und dann wochenlang kaum etwas anderes spielen wollte. Oder Diablo 3 auf Konsole? Ich dachte wirklich lange, dass das nicht funktionen kann, habe immer wieder die Überlegenheit der PC-Steuerung gepriesen - und dann wurde Diablo 3 doch noch zu einem großartigen Konsolenspiel.

Am deutlichsten habe ich mich aber in Heroes of the Storm geirrt: Ich habe Mobas und Free2Play-Games früher mal gemieden wie die Pest - und heute zählt Heroes of the Storm zu meinen meistgespielten Titeln der letzten zehn Jahre.

Natürlich heißt das alles aber nicht, dass Diablo Immortal gut wird. Oder dass man nicht skeptisch sein darf, im Gegenteil - ich bin es auch! Aber eine Chance hat das Spiel aus meiner Sicht auf jeden Fall verdient. Wer weiß - vielleicht kann Blizzard mich ja noch einmal überraschen.

Spielen oder boykottieren - was denkt ihr?

Schreibt mir doch in den Kommentaren, was ihr über Diablo Immortal denkt, über die Blizzcon, über den Aufschrei der Fans - und ob ihr euch so wie ich vorstellen könnt, auch ein Diablo Light auf dem Smartphone auszuprobieren.

Danke fürs Lesen!

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