Der perfekte Mix aus alt und neu? Wir haben die neuen Abenteuer Pokémon: Let's Go, Evoli! & Pikachu! für euch getestet
Test
Ein Jahr ist es her, seitdem die Pokémon-Spiele Ultrasonne und Ultramond für den 3DS erschienen sind. Nun hat auch die Switch endlich ihre eigenen Serienableger erhalten. Mit Pokémon: Let's Go, Pikachu! und Evoli! will Nintendo neue wie alte Fans vor den Bildschirm locken. In unserem Test zeigen wir euch, ob der Spagat zwischen den doch sehr unterschiedlichen Fronten gelungen ist.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten begeistert das Pokémon-Franchise Millionen von Fans und spült dem Videospielmagnaten Nintendo zahlreiche Yen in die Kassen.
Inhaltsverzeichnis
Mit dem Release der Switch im März 2017 stand es daher außer Frage, dass die beliebten Taschenmonster, die seit jeher auf den diversen Handheldsystemen des japanischen Großkonzerns beheimatet sind, auch die erfolgreiche Hybridkonsole erobern würden. Ende Mai 2018 kündigte Nintendo mit Pokémon: Let's Go, Pikachu! und Pokémon: Let's Go, Evoli! (jetzt kaufen 59,99 € ) schließlich die lang ersehnten, neuen Ableger der Hauptreihe an.Das Credo der Entwickler, die fantastische Fauna Kantos den Pokémon Go -Enthusiasten sowie gänzlich unbefleckten Spielern schmackhaft zu machen, stiftete schon bald Unmut unter den Trainer-Veteranen. Einzig und allein die zeitgleiche Ankündigung eines unverdünnten Hauptspiels für 2019 vermochte die zahlreichen Befürchtungen der langjährigen Fans zu zerstreuen. Im Angesicht der augenscheinlich auseinanderklaffenden Zielgruppen soll Pokémon: Let's Go! nichtsdestotrotz eine Brücke zwischen Nostalgie und Neuem schlagen. Ob den Entwicklern dieser schwierige Spagat gelungen ist?
Der Knechtkapsel entsprungen
Quelle: PC Games
Die Starter-Pokémon Evoli und Pikachu machen es sich die gesamte Reise über auf eurem Kopf beziehungsweise auf eurer Schulter bequem. Welches der beiden Taschenmonster ihr erhaltet, hängt von der erworbenen Edition ab.
Zu Beginn des Spiels wählt ihr einen von vier männlichen beziehungsweise weiblichen Charakteren und gebt eurem digitalen Alter Ego einen Namen. Da es sich bei Pokémon: Let's Go! um eine Hommage auf die im Jahr 2000 für den Gameboy erschienene Gelbe Version handelt, beginnt euer Abenteuer im Dörfchen Alabastia. Ehe ihr euchs verseht, fordert euer Rivale euch dazu auf, ihm zum Labor des berühmten Pokémon-Professors Samuel Eich zu folgen. Dort, so verspricht er, erhaltet ihr nämlich euer allererstes Pokémon! Aufgeregt stürmt ihr aus dem Haus und begegnet dem besagten Professor am Dorfausgang.
So weit, so bekannt. Die folgenden Ereignisse sind jedoch selbst für gestandene Trainer ein absolutes Novum. Während ihr mit Eich stumm ein paar freundliche Worte wechselt, werdet ihr nämlich von einem besonders frechen Evoli (oder Pikachu) attackiert. Zwar gelingt es euch, das niedliche Monster zu fangen, dafür platzt euer Starter-Pokémon schon bald aus der schützenden Kapsel und macht es sich auf eurem Kopf beziehungsweise auf eurer Schulter bequem. Euer Rivale entscheidet sich derweil für ein Pikachu (oder Evoli) und fordert euch zum Kampf heraus.
Der Rivale, der mich liebte
Quelle: PC Games
Natürlich erscheint auch Team Rocket wieder auf der Bildfläche. Es liegt an euch, Jessie, James und die restlichen Rüpel aufzuhalten.
Die weitere Handlung bietet insbesondere für Fans der Spielereihe keine großen Überraschungen. Auf eurem Weg zum Pokémon-Champ müsst ihr acht Arenaleiter besiegen, die Top Vier bezwingen, Team Rocket in Grund und Boden stampfen und ganz nebenbei euren Pokédex mit allen 151 in Kanto lebenden Pokémon befüllen. Auch wenn man sich mittlerweile an das repetitive Konzept der Reihe gewöhnt hat, ist die Handlung in Pokémon: Let's Go! auffällig dünn. Zwar gibt es ein paar wenige, sehr schön animierte Zwischensequenzen, dafür ist der Dialoganteil auf ein Minimalstes beschränkt. In der Folge ist es kaum möglich, eine Bindung zu den Charakteren aufzubauen - ein echtes Manko in Anbetracht der anvisierten Zielgruppe. Vor allem euer Rivale, der nicht nur ekelhaft freundlich zu euch ist, sondern auch eine unglaublich flache Persönlichkeit besitzt, tut sich hier besonders negativ hervor. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen sollten Veteranen wie Neueinsteiger also nicht mit gehaltvollen oder gar spannenden Handlungssträngen rechnen.
Liebesgrüße aus Kanto
Quelle: PC Games
Die Veröffentlichung von Pokémon Gelb ist mehr als achtzehn Jahre her. Das damalige Pixel-Kanto wurde zwischenzeitlich ordentlich aufpoliert und liebevoll gestaltet.
Neben der ausgezeichneten musikalischen Vertonung sorgt auch die Grafik sofort für Begeisterung. Das Kanto, wie wir es bereits aus mehreren Serienablegern kennen, wurde für die Switch ordentlich aufpoliert und liebevoll neuinterpretiert. Im Vergleich zu Pokémon: Let's Go! wirken die direkten Vorgänger Ultrasonne und Ultramond furchtbar verstaubt. Angesichts der in die Jahre gekommenen Hardware des 3DS verwundert das aber auch kaum. Ob auf Route 1, im Vertania-Wald oder zu Füßen des Arenaleiters und Frauenschwarms Rocko - Kanto ist grell, bunt und zuckersüß. Wem der niedliche Look der letzten Teile gefällt, kommt hier auf jeden Fall auf seine Kosten.
Die ruckelnden Alola-Kämpfe sind derweil einer flüssigen Performance gewichen. Hier gibt es fast nichts zu beanstanden, nur die Ladebildschirme sind einen Tick zu lang, zudem gehen die Laufanimationen eures Charakters unsanft ineinander über. Beäugt man die verpixelten Schatteneffekte, macht sich zudem der Mangel zur Detailliebe deutlich, der sich auch in den wiederkehrenden Texturen und starren Gesichtsausdrücken der Figuren widerspiegelt. Zudem hinterlässt das Fehlen eines Tag-Nacht-Zyklus einen faden Beigeschmack - hier hätten wir gern auf die Vorlagentreue verzichtet.
Komm, schnapp sie dir!
Quelle: PC Games
Wilde Pokémon tauchen zwar noch immer im hohen Gras auf, laufen jetzt aber frei über das Gelände. Berührt ihr sie, wird eine Fangsequenz gestartet.
Doch jetzt genug der Technik und auf ins Abenteuer. Immerhin wartet Pokémon: Let's Go! mit einigen Neuerungen auf. Im Fokus steht dabei das Fangsystem, das an das beliebte Mobilspiel Pokémon Go angelehnt ist und die traditionellen Kämpfe gegen wilde Monsterchen ersetzt. Die Pokémon springen euch also nicht mehr aus dem hohen Gras an die Gurgel, sondern laufen frei über die Oberwelt. Berührt ihr eines der Monster, startet eine Fangsequenz. Spielt ihr im TV-Modus, ahmt ihr nun mit dem Joy-Con eine Wurfbewegung nach, die mithilfe der eingebauten Bewegungssensoren umgesetzt wird. Ob ihr ein Pokémon erfolgreich einkapselt, hängt dabei nicht nur von eurem Geschick und Timing, sondern auch von den verwendeten Beeren und Bällen ab. Trotz des etwas kniffligen, seitlichen Zielens und der festen Kameraeinstellung funktioniert das Ganze recht gut. Im Handheldmodus wirft es sich jedoch noch leichter: Hier könnt ihr euch nämlich - ähnlich wie beim Bogenschießen in Zelda: BotW - durch das Bewegen der Switch frei umschauen und mit einem Tastendruck den Pokéball mittig werfen. Der Pro-Controller wird leider nicht unterstützt.
Quelle: PC Games
Das Fangsystem, das den Kampf mit wilden Pokémon ersetzt, entstammt dem Mobile-Ableger Pokémon Go. Mit ein bisschen Geschick, Bonbons und einem zweiten Mitspieler ist das Pikachu sofort im Sack – äh, Ball.
Bleibt die große Frage, ob das neue Fangsystem die Pokémon-Kämpfe der klassischen Spiele obsolet macht und zeitgleich für genug Erfahrungspunkte sorgt. Tatsächlich lassen sich beide Fragen mit einem vorsichtigen "Ja" beantworten. Die Systeme sind zwar sehr unterschiedlich, dafür aber ähnlich repetitiv und - Hand aufs Herz - nur Mittel zum Zweck. Das Fangen der Pokémon hat jedoch den entscheidenden Vorteil, dass es schlicht viel kürzer dauert als die x-te wilde Kampfbegegnung. Auch beim Aufstufen eurer Poké-Crew ist kein negativer Effekt bemerkbar, da ihr für jedes gefangene Pokémon Erfahrungspunkte erhaltet, die automatisch an alle Teammitglieder verteilt werden. Je nachdem, wie geschickt ihr euch beim Werfen anstellt, werden die Punkte sogar mit festgelegten Faktoren multipliziert. Dass die Pokémon jetzt frei in Kanto flanieren, trägt zudem maßgeblich zur Lebendigkeit der Szenerien bei und erfreut das Fanherz. Der einzige Knackpunkt liegt in den sehr gnädigen Spawn-Raten auch seltener Monster - einen Pokédex zu befüllen ging noch nie so schnell.
Professor Eich will sie alle
Wenig überraschend mutiert ihr dank des Fangsystems auf eurer Reise durch Kanto leider zu einem waschechten Poké-Horter. Überflüssige Pokémon schickt ihr daher an Professor Eich, der euch im Gegenzug leckere Bonbons schenkt - ein potenziell mörderisch-kausaler Zusammenhang sei einmal dahingestellt. Damit ihr dafür nicht ständig zum nächsten PC rennen müsst, habt ihr zum Glück jederzeit Zugriff auf eure Boxen, in denen all eure Taschenmonster lagern. Diese Funktion kann der Serie künftig sehr gerne erhalten bleiben. Für deutlich weniger Begeisterung sorgt der Umstand, dass es nur eine einzige Box gibt, in die all eure Pokémon geworfen werden. Dass man hier auf das altbewährte Sortiersystem verzichtet hat, ist frustrierend und ergibt schlicht keinen Sinn. An dieser Stelle sei gesagt, dass der Beutel leider unter ähnlichen Problemen leidet.
