Spielend lernen: Wenn Games uns neue Horizonte eröffnen
Special
Wenn Videospiele eines gut können, dann ist es die Vermittlung von Wissen - und zwar in einem Rahmen, der Spaß macht und die Konstruktion von Erinnerung anregt. Wir werfen einen Blick auf die besten Beispiele für spielerische Wissensvermittlung.
Ab und an setzt man sich als leidenschaftlicher Videospieler vor den Bildschirm und taucht so tief in eine Spielwelt ein, dass man noch lange nach dem Herunterfahren des Rechners daran denkt. Manchmal verweilt man bei einer erstklassigen Story und bei einer anderen Gelegenheit rechnet man im Kopf das nächste MMORPG-Build zusammen. Die besten Erinnerungen bilden sich jedoch, wenn man während der Spielsitzung den Eindruck hat, wirklich etwas zu lernen. Immer mehr Videospiele gehen deshalb den Weg eines seichten Edutainments, mit dessen Hilfe selbst die Oberfläche komplexer Sachverhalte angekratzt werden kann. Dabei wird nicht selten der Ehrgeiz des Spielers geweckt, sich ein wenig tiefer in diese Wissensgebiete vorzukämpfen. Wir stellen euch an dieser Stelle einige der besten Spiele vor, die ihre Wissensvermittlung entweder gut aufbereiten - oder so geschickt verstecken, dass der Spieler kaum merkt, dass er einen Happen Wissen nach dem anderen sammelt. Echte "Lernspiele" findet ihr übrigens nicht auf dieser Liste, denn diese sind ironischerweise oft sehr sperrig in ihrer Wissensvermittlung.
Quelle: Nintendo
Animal Crossing: New Horizons ist an sich kein Lernspiel, versorgt den Spieler aber immer wieder mit interessanten kleinen Wissensschnipseln, die einfach konsumiert werden können.
Einen Happen Wissen, in mundgerechten Stücken bitte
Um Spielmechaniken, Story und Wissen auf unterhaltsame Art und Weise miteinander zu verknüpfen gibt es drei große Herangehensweisen: An erster und einfachster Stelle steht die Vermittlung von kleinen Bissen aus Trivialinformationen, die sich von ganz alleine im Unterbewusstsein ablagern. Animal Crossing: New Horizons ist der aktuelle Meister dieser Variante, denn hier erhält der Spieler nach und nach immer mehr interessante Wissenshappen. Ihr habt einen Fisch gefangen? Bringt ihn zu Eugen der Museums-Eule und ihr erfahrt ein oder zwei interessante Fakten über das Tier. Ihr konntet euch eine der saisonal begrenzten Zikaden schnappen? Super, dann erfahrt ihr bei Eugen, warum die Insekten einen siebzehnjährigen Lebenszyklus besitzen. Das gleiche gilt für Dinosaurier, aus deren Fossilien ihr im Museum nach und nach komplette Skelette zusammenbasteln könnt.
Diese Art der Wissensvermittlung wird euch nicht über Nacht zu einem Biologen oder Archäologen machen - die winzigen Informationsschnipsel sind jedoch faktisch absolut korrekt und in einer so großen Zahl vorhanden, dass zwangsläufig ein oder zwei Wissensbissen in eurem Unterbewusstsein hängen bleiben. Sicher, damit dieses Prinzip funktioniert, muss der Spieler den Text tatsächlich lesen, ohne sich gelangweilt durch das Gespräch zu klicken. Außerdem ist es möglich, gleich einen Batzen an Tieren abzugeben, ohne auch nur eine Textzeile an Information zu Gesicht zu bekommen. Das ist in diesem Fall allerdings pure Absicht, denn auch wenn interessierte Spieler eine Menge trivialer Wissensschnipsel aufschnappen können, steht die Wissensvermittlung hier nicht im Mittelpunkt. Entspannt euch und lehnt euch zurück, denn ein paar Infos werden so oder so hängen bleiben. Und mehr will Animal Crossing auch nicht erreichen.
Quelle: Creepy Jar
Green Hell bringt euch eine Menge nützlicher Informationen über das Überleben in der Wildnis bei. Wie immer gilt, dass ihr danach kein Experte seid – die Infos selbst sind jedoch korrekt.
Bedient euch am All-you-can-eat-Buffet des Wissens
Die zweite große Herangehensweise ist eine Wissensvermittlung, die entweder im Mittelpunkt des Gameplays steht, oder alle Rechtfertigungen fahren lässt und dem Spieler schlicht und ergreifend sagt: "Du möchtest lernen? Dann drücke diesen Knopf und los geht's." Ein Beispiel für letzteres ist die geniale Discovery-Tour, wie sie in den neuen Assassin's-Creed-Teilen angeboten wird. Ein interaktiver "Museums-Modus", in dem sich der Spieler mit seinem Avatar durch die Antike bewegt und an interessanten Stellen eine Führung aktivieren kann, ist selbst für Anwender interessant, die normalerweise nichts mit Videospielen zu tun haben. Die Kombination aus der Bewegung durch eine lebende, atmende Welt und einer traditionellen Museumstour erschafft sehr farbenfrohe Erinnerungen, die sich bei Bedarf relativ leicht abrufen lassen. Im Vergleich lässt sich das Wissen, das aus einem tatsächlichen Museum gewonnen wird, nur schwer wieder an die Oberfläche holen. Achtung, wichtig: Es geht hier lediglich um die Konstruktion von Erinnerungen, sowie die Vermittlung und den Abruf von Wissen. Sollte sich euch die Gelegenheit bieten, einer echte Museumstour beizuwohnen, dann ergreift diese Chance bitte. In Persona vor einem Artefakt zu stehen, ist immer eine großartige Erfahrung!
Die andere Variante dieses umfassenden Wissens-Buffets ist da schon etwas komplexer und spricht in der Regel Hardcore-Spieler an, die sich über eine lange Zeit hinweg in neue Systeme hineinfressen möchten. Hier wird die Wissensvermittlung direkt in das Gameplay eingefügt, sodass der Spieler nur dann wirklich vorankommt, wenn er sich auf seinen Hintern setzt und aktiv lernt. In dem Permadeath-Mechaniker-Simulator "My Summer Car" betretet ihr eine Garage, in der euer "Satsuma" auf euch wartet. Ihr erhaltet kein Tutorial und keine Hilfe. Viel Spaß bei der realistischen Montage eures Autos. Das Fahrzeug orientiert sich dabei an dem alten 1973 Datsun 100A, samt des Motorenaufbaus und fast allen Schraubverbindungen. Natürlich werdet ihr nach dem Vollenden eures Sommerautos keinen echten Datsun zusammenbasteln können, weil die Realität nun einmal deutlich komplizierter aussieht - was ihr allerdings sehr wohl lernen werdet, ist die Position hunderter Einzelteile und die fast komplette Montage des Motors. My Summer Car ist weit entfernt davon ein Trainingssimulator zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass ihr nichts dabei lernt.
Quelle: Amistech Games
Ihr habt euch bisher noch nicht mit Motoren beschäftigt? Dann wird es Zeit: Euer Satsuma in My Summer Car stellt ein großes dreidimensionales Puzzle dar, das sehr realitätsnah ausfällt.
Lernt oder sterbt
Ähnlich verhält es sich mit dem Überlebenssimulator "Green Hell", welchem ihr einen unfreiwilligen Langzeiturlaub im Amazonas durchstehen müsst. Anstelle die üblichen, gierigen Survival-Anzeigen zu befriedigen, will Green Hell jedoch, dass ihr euch näher mit dem menschlichen Körper beschäftigt: Durch die üppige Tierwelt sind zum Beispiel Proteine im Überfluss vorhanden, doch essbare Fette und Kohlehydrate sind rar gesät. Wer nicht schläft, wird anfälliger für Erschöpfung und Krankheiten. Und das wichtigste: Kocht um Himmels willen euer Wasser ab und haltet euch von stehenden Tümpeln fern. Ihr verliert Blut - habt ihr eure Arme und Beine kontrolliert? Aha, ein Blutegel. Habt ihr eure Wunde versorgt? Habt ihr genügend antiseptische Pflanzen? Habt ihr alle Fallen kontrolliert und eure Taufänger aufgestellt? Die schiere Menge an Wissen, die der Spieler innerhalb ein paar Stunden aufsaugen muss, ist überwältigend.
Natürlich besitzt ihr im echten Leben keine praktische Überlebensuhr, die euch euren exakten Kohlehydratspiegel anzeigt. Generell erhaltet ihr jedoch mit Green Hell eine erstaunlich gute Überlebensanleitung für den Aufenthalt in einem echten Regenwald. Dieses Prinzip der Wissensvermittlung ist zwar brachial, bildet aber Erinnerungen, auf die ihr kinderleicht und in Sekundenschnelle zugreifen könnt, weil ihr euch praktisch einem spielerischen Intensivkurs aussetzt. Ebenso wie Core-Gamer selbst dann ihre World-of-Warcraft-Fähigkeitenrotation herunterbeten können, wenn man sie mitten in der Nacht aufweckt, bringen euch Spiele dieser Art bei, die gespeicherten Informationen auch in Stresssituationen zuverlässig abzurufen. Damit kommen wir auch gleich zur dritten Art und Weise der spielerischen Wissensvermittlung.
Quelle: Sealost Interactive LLC
Kein hübsche Comic-Grafik, keine großen Spielereien: Thrill of the Fight möchte VR-Enthusiasten ins Schwitzen bringen und eure Box-Technik verbessern, nicht mehr und nicht weniger.
Schneller, cleverer und widerstandsfähiger
Die dritte und intensivste Art und Weise der Wissensvermittlung schaufelt nicht etwa hartes Wissen in euren Kopf, sondern bringt euch Konzentration, Stressresistenz und körperliche Fähigkeiten bei. Ein gutes Beispiel dafür ist zum Beispiel die "Overcooked"-Reihe, in der sich euch die Schönheit eindeutiger Führungsketten und geordneter Arbeitsabläufe eröffnet. Wer sich mit seinen drei Freunden abspricht und jemanden zum Chefkoch ernennt, wird deutlich weniger Probleme haben als vier einzelne Köche, die nur zufällig zusammenarbeiten. In "Keep talking and nobody explodes", lernt ihr wiederum effizient unter Zeitdruck zu arbeiten und eindeutig zu kommunizieren. Vor allem die VR-Version des Bomben-Entschärfungssimulators treibt den Puls in die Höhe. Auf höheren Schwierigkeitsgraden sind ein kühler Kopf und eine präzise Sprache Gold wert.
Im Bereich der virtuellen Realität gibt es sogar Spiele, die euch nicht nur ins Schwitzen bringen - sie vermitteln euch körperliche Fähigkeiten und halten euch topfit. Der professionelle Weltergewichtsboxer Tamuka Mucha benutzt zum Beispiel das VR-Spiel "Thrill of the Fight", um während der Covid-19-Pandemie in Form zu bleiben. Im Gegensatz zu Titeln wie "Creed: Rise to Glory" oder "Knockout League" will Thrill of the Fight seinen Spieler nicht mit bunter Comic-Grafik unterhalten, sondern eine möglichst realistische Box-Erfahrung bieten. Um es klipp und klar zu sagen: Ihr werdet auch mit ausgiebigem VR-Training kein Boxer werden, dafür müsst ihr ihr euch schon körperlich in den Ring stellen. Was ihr aber sehr wohl trainieren könnt, ist eure Schnellkraft, Ausdauer und Technik. Es ist seit langer Zeit erwiesen, dass regelmäßiges Schattenboxen für den eigenen Trainingserfolg und die Leistung im Ring Wunder wirkt - das Ganze mit einem tatsächlichen "Schattengegner" zu kombinieren ist, wie Tamuka Mucha bemerkt, das beste Boxtraining, das man in den eigenen vier Wänden bekommen kann.
In bei welchem Spiel habt ihr historische Fakten oder interessantes Trivialwissen gelernt - und wart ihr hinterher davon überrascht oder habt ihr das Wissen aktiv aufgesaugt? Wir sind gespannt!
