Faszination Survival-Games: Die große Lust am Überleben
Special
Hunger, Durst und der sichere Bildschirmtod: Der virtuelle Überlebenskampf hat in den vergangenen zehn Jahren extrem an Popularität gewonnen. Doch was steckt eigentlich hinter dem Survival-Hype?
T-Shirt, Hose und ein paar Schuhe: Mehr haben wir nicht, als wir am Strand aufwachen. Orientierungs- und ahnungslos blicken wir uns um. Niemand da! Wir wissen aber, dass wir Wasser, Nahrung und vor allem auch Waffen benötigen, um in dieser Welt zu überleben. Die vor uns liegende Straße nutzen wir als Orientierungspunkt. Denn wo eine Straße ist, da ist die nächste Ortschaft nicht weit ...
Aus der Ferne erkennen wir wankende Gestalten, die wir schnell als Zombies identifizieren. Wir weichen ihnen mit einem kurzen Zwischensprint aus, merken aber bereits, dass die Aktion ordentlich Puste kostet. Wir dringen schnell in eines der Häuser ein und durchstöbern die Schubladen nach etwas Brauchbarem: Konservendosen, ein Pullover und Streichhölzer wandern ins Inventar.
Plötzlich ein Geräusch! Irgendjemand streunt um das Gebäude. Vorsichtig blicken wir nach draußen. Da schlägt auch schon eine Kugel neben uns im Türrahmen ein. Bevor wir reagieren können, trifft uns die zweite und die dritte Bleibohne. Unsere Spielfigur geht zu Boden. Das war's, Game Over. Ja, so unerbittlich kann das Survival-Game DayZ sein!
Das Verstehen einer neuen Welt
So wie hier beschrieben sollte es natürlich nicht laufen. Im Gegensatz zu vielen anderen Genres lassen es Survival-Spiele nämlich in der Regel vergleichsweise langsam angehen. Im Vergleich zu Actionspielen wie Doom Eternal oder Call of Duty geht es hier nur selten um schnelle Reaktionen. Vielmehr müssen wir die Zusammenhänge innerhalb der Spielwelt lernen und meistern.
Die meisten Survival-Titel verzichten zu diesem Zweck auf umfangreiche Tutorials oder andere Hilfefunktionen. Stattdessen konfrontieren sie uns mit alltäglichen Problemen: Zuerst mit Hunger und Durst, dann vielleicht mit Verletzungen und Krankheiten, Kälte oder Hitze. Dadurch, dass wir derartige Probleme aus unserem Alltag kennen, wissen wir in der Regel sofort, wie wir auf sie reagieren können. Unterbewusst gelingt hier also der Transfer aus gelernter Realität auf den virtuellen Überlebenskampf.
Quelle: Beam Team Games
Stranded Deep ist vielleicht nicht das beste Survival-Spiel aller Zeiten, fand allerdings innerhalb der Zielgruppe seine Anhängerschaft. Das lag nicht zuletzt am atmosphärischen Südsee-Setting.
In DayZ etwa ist uns von Beginn an klar, dass wir in Hütten Nahrung und andere Hilfsmittel finden. Wir wissen auch, dass wir für das Öffnen einer Dose einen Dosenöffner benötigen - und dass es eine ganz schöne Sauerei geben könnte, wenn wir stattdessen eine Axt dafür verwenden. Als uns das neue Insel-Abenteuer Windbound an einem fernen Strand anschwemmt, hoffen wir darauf, dass uns die dort wachsenden Beeren schmecken und sie uns nicht vergiften. Denn auch das gehört zu Survival-Games: das Lernen aus Aktionen und deren Konsequenzen.
Scheitern gehört zum Handwerk
Das Erforschen der Möglichkeiten ist das Salz in der Survival-Suppe. Nicht umsonst erwacht in uns ein ums andere Mal der Jäger und Sammler, wenn wir in DayZ, Stranded Deep, Rust oder ARK: Survival Evolved einfach jedes Hölzchen und jedes Objekt aufklauben, das wir finden können.
In ihrem Kern funktionieren die meisten aktuellen Überlebensspiele sehr ähnlich, ziehen aber die Survival-Schraube mal härter und mal sanfter an. DayZ etwa ist stark von der Interaktion der Spieler und der eigenen Strategie abhängig. Die dort auftauchenden Zombies sind eher ein Ärgernis, während gerade die "körperlichen Faktoren" wie Krankheiten ein echtes Problem darstellen. Wer sich hier eine Wunde einfängt, muss diese nicht nur bandagieren, sondern sich auch Sorgen um eine Infektion machen. Keine Antibiotika im Inventar? Dann wird es richtig hart.
Quelle: Moby Games
Don't Starve sieht putzig aus, hat aber durchaus seine Survival-Tücken. Das Spiel erweitert die Gefahren um den Faktor „Wahnsinn“: Erlebt ihr schlimme Dinge, wirkt sich das negativ auf den Verstand eures Spielcharakters aus.
In ARK: Survival Evolved wiederum gibt es zwar mehr als ausreichend Ressourcen, jedoch auch ziemlich garstige Dinosaurier, denen es egal ist, ob bei ihnen ein erfahrener Abenteurer oder ein blutiger Anfänger auf dem Teller landet. Und im Weltraumspiel No Man's Sky müssen wir uns immer wieder mit den von Planet zu Planet wechselnden Wetterverhältnissen herumärgern und uns darauf einstellen.
Gleiches hat uns übrigens in Don't Starve schon mehr als einmal in den Hitzetod getrieben. Auch wenn das 2013 veröffentlichte Rogue-like-Spiel aussieht, als hätte es US-Filmemacher Tim Burton (Nightmare Before Christmas) höchstpersönlich designt, hat es das Indie-Abenteuer faustdick hinter den Ohren. Schließlich driftet unsere Spielfigur hier mit zunehmender Zeit immer stärker in den Wahnsinn ab - sofern wir dem nicht mit Blumen pflücken oder auch bestimmten Kleidungsstücken entgegenwirken.
Wir ergründen selbst, wie sehr uns die Welt "hasst", in die wir uns hineinbegeben haben. Diese Neugierde wiederum bezahlen wir nur allzu oft mit unserem virtuellen Leben. Doch ähnlich wie in Titeln wie Dark Souls oder Bloodborne lernen wir aus unseren Fehlern, ziehen unsere Schlüsse - und versuchen es beim nächsten Mal besser zu machen. Wer Survival-Games mag, der möchte nicht auf vorgefertigten Pfaden wandeln und eine möglichst leichtgängige Spielerfahrung erleben. Stattdessen geht es vor allem darum, sich langsam in ein Spiel hineinzufuchsen und nach jedem Bildschirmtod ein bisschen länger durchzuhalten.
Quelle: Facepunch Studios
Rust gehört sicherlich zu den härtesten Survival-Ablegern. Hier startet ihr tatsächlich mit nichts in einer fremden, feindlichen Welt. Elemente wie die Jagd oder auch das Crafting nehmen hier eine wichtige Rolle ein.
Die Geschichte schreibt sich selbst
Sterben, neu starten, lernen - auf den ersten Blick wirken Survival-Games spröde und frustrierend. Und dennoch wohnt ihnen eine gewisse Simplizität inne. In der Regel kommen diese Titel nämlich ohne komplizierte Hintergrundgeschichte, verkopfte Charaktersysteme und andere künstliche Progressionsansätze aus. Stattdessen sind die Zusammenhänge und die Möglichkeiten vergleichsweise einfach und bedürfen oftmals gar keiner Erklärungen.
Auch die rudimentären Storys dienen oftmals lediglich zur Darstellung des Settings: In Stranded Deep etwa stürzen wir mit dem Flugzeug in der Südsee ab, in DayZ wiederum geht's in die russische Zombie-Apokalypse. Wir müssen uns also nicht mit Figuren anfreunden oder einer Handlung folgen. Und genau das ist manchmal genau das Richtige! Wir lieben Titel wie The Last of Us Part 2 oder The Witcher 3: Wild Hunt für ihre erzählerische Tiefe. Aber manchmal brauchen wir keine Story und wollen einfach nur spielen. Dafür sind Survival-Games wie gemacht.
Oftmals schreiben sie sogar ihre eigenen Geschichten - von dramatischen Kämpfen, aufregenden Beinahe-Toden und historischen Expeditionen. Hier sind wirklich wir die Helden und müssen uns nicht mit vorgefertigten Protagonisten und ihren künstlichen Problemen herumschlagen.
Die Interaktion mit anderen Spielern
Außerdem entstehen besondere Momente gerade in der Interaktion mit anderen Spielern - mal auf positive, mal auf negative Art und Weise. DayZ etwa machte Schlagzeilen durch dubiose Mobbing-Rituale, in denen Spielergruppen Solisten dazu zwangen, Nationalhymnen zu singen, um den Angriff zu verhindern. Wir selbst erlebten indes in Cryofall frühe Scharmützel mit anderen Spielern, die uns nicht nur das virtuelle Leben, sondern auch all unsere Besitztümer kosteten.
Zugleich aber entstehen durch die Mehrspieler-Dynamik auch immer wieder Freundschaften oder kurzzeitige Allianzen. Unzählige Male erforschten wir die Welt von DayZ mit Fremden oder halfen Neulingen sogar mit Ausrüstungsgegenständen aus. Letztlich sind es genau diese Begegnungen mit anderen, echten Menschen, die Survival-Spiele oftmals auch so besonders und so spannend machen. Sie bringen Unwägbarkeiten ins Programm, die Zombies, Dinosaurier oder andere Computergegner schlichtweg nicht besitzen können. Es ist diese Mischung aus Zusammenarbeit und Gefahr, die immer wieder für denkwürdige Augenblicke sorgt.
Quelle: Moby Games
State of Decay (2013) und sein 2018 erschienener Nachfolger spielen einmal mehr die Zombie-Karte aus, legen den Fokus dabei aber stark auf die Koop-Funktionalität und die Interaktion mit anderen Spielern.
An dieser Stelle müssen wir erwähnen, dass gerade Survival-Games oftmals durch verschiedene Entwicklungsphasen gehen und nicht selten im Early Access starten. Sofern aber die Idee und das Basis-Gameplay dahinter stimmen, ist die Community oftmals dennoch bereit, die Projekte zu unterstützen. Spiele wie DayZ, ARK: Survival Evolved oder The Forest waren anfangs wahre Bug-Festivals und mauserten sich erst mit der Zeit zu vollwertigen Programmen.
Die steigende Popularität von Survival-Games
Wirklich neu ist das hier erklärte Spielprinzip der Survival-Games aber nicht, das Genre existiert bereits seit der Frühzeit der Computer- und Videospiele. Als einer der Pioniere dieser Spielart gilt Wilderness: A Survival Adventure. In dem 1985 veröffentlichten und von Titan Computer Products entwickelten PC- und Mac-Überlebenstrip schlagt ihr euch nach einem Flugzeugabsturz mit Hilfe von Textbefehlen durch die Wildnis. Faktoren wie Hunger, Durst und Kälte spielten hier bereits eine wichtige Rolle.
In den Folgejahren erschienen schließlich Spiele wie Heart of Africa (1985) für den C64, in dem es ebenfalls um das nackte Überleben - diesmal allerdings in Afrika - ging. Als Genre-Wegbereiter gilt zudem das 1992 erschienene UnReal World, das das Genre etwa um Crafting erweiterte, ehe elf Jahre später Stranded auch noch Basisbau implementierte.
Quelle: Medienagentur plassma
Frostpunk stammt von 11 bit Studios, den Machern von This War of Mine. Das Aufbaustrategiespiel verbindet Survival-Elemente wie Hunger oder Kälte mit moralischen Entscheidungen.
Survival-Spiele gewannen jedoch in den vergangenen zehn Jahren stark an Popularität hinzu. Und dafür sind sicherlich zwei Titel hauptverantwortlich für: das bereits mehrfach erwähnte DayZ und der Mega-Hit Minecraft. Letzteres ist zwar weltweit für seine Kreativfunktionen berühmt, verfügt aber eben auch über einen Survival-Modus, der alle Tugenden des Genres aufgreift und obendrein stark auf die populäre Aufbaumechanik setzt.
Survival avancierte in den vergangenen Jahren zu einem der favorisierten Genres, und bestimmte Gameplay-Elemente zeigten sich auch in anderen Spielarten. Titel wie Banished oder Frostpunk bilden ein Kontrastprogramm zu Die Siedler oder Anno, indem ihre Entwickler Faktoren wie Hunger oder auch Kälte plötzlich in Aufbaustrategiespielen verarbeiteten. Während also in DayZ nur unsere Spielfigur nach Fehlern das Zeitliche segnet, geht hier gleich die gesamte Siedlung drauf. Das tut doppelt weh!
Kurzum: Survival-Spiele hatten einen gewaltigen Einfluss auf die gesamte Spieleentwicklung. Aus ihnen erwuchs das überaus populäre Battle-Royale-Genre, und auch die Macher großer Triple-A-Produktion à la The Last of Us greifen bestimmte Elemente daraus auf und münzen sie für ihre Zwecke um. Ohne Survival wären Computer- und Videospiele also deutlich langweiliger als sie heute sind.
