Die Popp-Stars der 80er: Harald Fränkels Geschichten aus der Spiele-Hölle
Special
Erotik-Games aus der Steinzeit: Warum das Sexperiment unseres Autors, virtuell in seine hormongesteuerte Pubertät zurückzureisen, beinahe als Pimmelfahrtskommando geendet hätte - und wie Entwickler heute über ihr damaliges Schaffen denken.
Free Porn. MILF. Massage. Teen. POV. Step Mom. Ich möchte an dieser Stelle nicht nur unsere Stammleser begrüßen, sondern auch alle einsamen Herzen, die sich gerade wegen meiner überragenden Suchmaschinenoptimierungs-Kenntnisse hierher verirrt haben. Sex sells und so. Ich hoffe, ich habe jetzt all eure Aufmerksamkeit.
Was bin ich glücklich, freiberuflicher Autor zu sein. Es macht mich zum privilegierten Journalisten. Während sich festangestellte Redakteure kürzlich mit langweiligem Müll wie The Last of Us 2 herumschlagen mussten, habe ich zum Beispiel einen Gorilla gebumst. Läuft bei mir, mein Leben rockt! Doch der Reihe nach: Der Plan war, die Geschichte der Erotikspiele zu beleuchten. Ich wollte in Nostalgie schwelgen, von Leisure Suit Larry und Samantha Fox schwärmen. Ich dachte an schnell verdientes Geld, weil ich quasi live dabei war, als die Sex Pixels laufen lernten. Es gab mich ja schon im Game-Mesozoikum, in den 70er-Jahren. Damals trug ich die Topffrisur der Schlagersängerin Mireille Mathieu zur Schau. Wahrscheinlich haben mich meine Haare deshalb irgendwann voller Scham verlassen.
Verbotenes Klickspiel
In den 80ern ging die Strippokerei fast als eigenes Genre durch. Meist konnte man den Entblätterungs-Games in puncto Spielintelligenz nur ein "Sex, setzen!" attestieren. Kurzzeitig unterhaltsam waren einige dennoch.
Bildergalerie
Dann kamen die 80er-Jahre. In den Achselhöhlen von Nena lebten noch Meerschweinchen, die Games-Industrie boomte und bescherte der Welt u.a. Millionen von Strip-Poker-Spielen und andere Schlüpfrig-Software. Ich nahm an, ich kenne mich aus. Ich glaubte, ich hätte schon alles gesehen. Dann begann ich für diesen Artikel zu recherchieren und zu zocken, stieß dabei auf Perlen wie The Sex Machine, floh vor amoklaufenden Kastrationsscheren und musste die Galaxis vor dem rabiaten Riesenpenis-Roboter retten. In bin voll drin im Thema? Dafür muss ich mich an dieser Stelle noch kurz selbst auslachen: Hahahahahahahahahahahah!
Sex Games von 1985 kannte ich. Das Handbuch zum C64-Spiel erklärt schön, worum es geht: "Der Spieler hat fünf Szenen zu spielen. Auf dem ersten Bild ist eine Frau in gebückter Haltung abgebildet, dahinter steht aufrecht ein Mann mit erigiertem Penis. [...] Aufgabe des Spielers ist es, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Bewegung über den Joystick zu steuern. Alleiniger Spielinhalt sind koitale Handlungen. Je schneller das männliche Glied über den Joystick bewegt wird, desto schneller erscheint die Glocke auf dem jeweiligen Bild, zum Zeichen dafür, dass das Ziel erreicht ist." Oh, das stand ja gar nicht im Handbuch, sondern im Beschluss der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (heute: BPjM). Die stufte das Spiel 1987 als schwer jugendgefährdend ein und indizierte es.
Quelle: PC Games
Interessanterweise waren die Entwickler des indizierten Sex Games (1985) minderjährig. Stammleser Günther Jauch fragt daher: Durften die ihr Werk denn selbst spielen? (Bild: C64)
Interessanterweise kommt das Joystick-Rüttel-Spiel aus Deutschland: Entwickelt wurde es von den Brüdern Thomas und Markus Landgraf. Sie brachten sich mit 15 beziehungsweise 13 Jahren das Programmieren bei. "Ich habe mit dem Spiel damals irgendwas zwischen 2.500 und 3.500 Mark verdient", sagte Thomas Landgraf vor einigen Jahren in einem Interview mit den Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Der genannte Betrag entspricht inklusive Inflation einem ähnlichen Euro-Wert. Kein schlechtes Taschengeld für einen Teenager.
Meine Kumpels und ich fanden Sex Games auch witzig. Man muss das natürlich vor dem Hintergrund sehen, dass in uns die Pubertät tobte. Unsere Freundinnen hießen Hand, weil es uns nicht gelang, per Computer unsere Traumfrau zu bauen wie im Hollywoodfilm L.I.S.A. - Der helle Wahnsinn, obwohl wir sogar Beschwörer-BHs auf dem Kopf trugen. Als Jungfrauen fanden wir alles brüllend komisch, was nur entfernt mit Sex zu tun hatte. Ich erinnere mich an einen heißen Sommertag, als ich mit zwei Kumpels am Eingang des Fränkel'schen Domizils stand. Meine Mutter kam dazu, bepackt mit Einkäufen.
Mama: Sperr mir bitte mal die Tür auf!
Kumpel 1: HihihichchchMUHAHA!
Kumpel 2: HahahachchchMUHAHA!
Quelle: PC Games
Roberta Williams schuf als Sierra-Chefin u.a. die King's-Quest-Reihe. Vorher posierte sie tatsächlich (rechts) fürs Cover des Leisure-Suit-Larry-Vorläufers Softporn Adventure (1981).
Um zu verstehen, was daran so unglaublich witzig war, muss ich erwähnen, dass ich aus Bayreuth stamme und die Frage im tiefsten fränkischen Dialekt so klingt: "Sperma bidde moll die Dür auf!" Sperma. SPERMA! Ihr versteht? HöhöhöchchchMUHAHA! Und dann gab's da noch das Spiel, das Sex Vixens from Space hieß. Vixen! VIXEN! Außerdem waren wir selbstverständlich alle mitGlied im C64-Club. Hihihi, er hat Penis gesagt!
Im Jahr 1986 hieß meine Freundin Samantha. Es war eine reine Sexbeziehung auf dem Commodore 64. Die Glaubenskriege im Klassenzimmer drehten sich vor allem um drei Fragen: Geha oder Pelikan? Adidas oder Puma? Samantha Fox oder Sabrina Salerno? Samantha trällerte "Touch me!", Sabrina "Boys, Boys, Boys!". Von Sabrina gab's aber kein Strip-Poker-Spiel. Die Entscheidung war gefallen.
Wenn ich Samantha Fox Strip Poker heute anschaue, mit seiner Grau-in-grau-Grafik, habe ich das Gefühl, ich starre auf das Ultraschallbild eines Pokémon. Aber wir hatten damals ja nichts. Nicht mal runde Bälle bei International Soccer und durchgehend Farbe in Walt Disney's Lustigen Taschenbüchern. Da fühlten sich die in gigantischen 320 x 200 Pixeln digitalisierten Oben-ohne-Schwarzweißfotos des britischen Busenwunders natürlich an wie das Pimmelreich.
Quelle: PC Games
„Es war mir sehr viel wichtiger, ein humorvolles Spiel zu schreiben als ein erotisches.“ (Steve Meretzky, Entwickler des Text-Adventures Leather Goddesses of Phobos)
Ein Spiel komplett ohne Grafik mogelte sich zu dieser Zeit an mir vorbei: Leather Goddesses of Phobos (1986). "Die Lederköniginnen vom Phobos" leben in einem Text-Adventure. Das habe ich anlässlich dieser Retrospektive mittlerweile nachgeholt - womit wir gleich bei meiner Gorilla-Liebelei angekommen sind. Durchs retardierende Moment müsst ihr aber leider noch durch ...
Hinter Leather Goddesses of Phobos steckt Kult-Spieldesigner Steve Meretzky von Infocom. Der wiederum arbeitete vorher schon mit einer noch größeren Legende zusammen, und zwar Douglas Adams. So entstand 1984 für alle damals gängigen Computer The Hitchhiker's Guide to the Galaxy. Richtig, das basiert selbstverständlich auf der fünfteiligen Roman-Trilogie Per Anhalter durch die Galaxis, die wir dem 2001 gestorbenen Briten verdanken.
Zwischen Pimmel und Hölle
Um was es bei den Schweinkram-Spielchen geht, die für die legendäre Atari-2600-Konsole erschienen sind (allesamt 1982!), ist wegen der gruselig groben Klötzchengrafik ohne polizeilichen Erkennungsdienst gar nicht so einfach. Wir klären kindgerecht auf!
Bildergalerie
Initialzündung für LGoP war das Text-Abenteuer Softporn Adventure (1981). "Die Tatsache, dass ein renommierter Hersteller wie Sierra seinen Namen für ein solches Spiel hergab, überzeugte das Infocom-Management von meiner Idee", erzählt mir Meretzky. "Ich glaube, es war Softporn Adventure, das mich fragte, mit wem ich gerne Sex hätte und man konnte eintippen, was man immer man möchte. Dann kam ich einen Kerker, der mir beim Spielen den besten Lacher bescherte: Da lag mein Sexpartner. Auf einen Tisch geschnallt. Eine Honigmelone." Softporn Adventure hatte großen Einfluss auf die Branche, es gilt auch als Vorläufer von Al Lowes Leisure Suit Larry (1987).
Meretzky tickt humormäßig ähnlich wie Douglas Adams. Einer Legende zufolge konnte der Schriftsteller nach der Veröffentlichung von The Hitchhiker's Guide to the Galaxy bei einigen Passagen nicht unterscheiden, ob sie von ihm oder Meretzky stammen. "Wir waren auf der gleichen Wellenlänge", erläutert Meretzky. "Dass mich Marc Blank für das Projekt wählte, resultierte wohl auch daraus, dass vielen Leuten die Gemeinsamkeiten zwischen Hitchhiker's und meinem ersten großen Erfolg Planetfall (1983) aufgefallen sind." Marc Blank war 1979 Mitgründer von Infocom und der Schöpfer von Zork I (1980).
Quelle: PC Games
Das Adventure Romantic Encounters von 1987 ist quasi ein Bagger-Simulator. Es verzichtet fast komplett auf Grafik. Diese Bar ist eine der wenigen Ausnahmen. (Bild: Amiga)
Unter all diesen Voraussetzungen verwundert es nicht, dass sich Leather Goddesses als bekloppter Trip entpuppt, der auf Erde beginnt. Reiseziele: Venus, Mars und dessen Mond Phobos. Um eine Waffe zu basteln, die die eroberungssüchtigen Ledergöttinnen stoppt, suche ich nach acht skurrilen Bauteilen: einen Mixer, Gummischlauch, ein Telefonbuch von Cleveland, zwei Wattebällchen, einen 82-Grad-Winkel (WTF?), den Scheinwerfer eines 1939er Ford, eine weiße Maus und ein Foto der Schauspielerin Jean Harlow. Um nun ein Rätselbeispiel zu bringen: Der Schlauch liegt in einem Käfig mit zwei Gorillas.
Ich befinde mich im Labor eines verrückten Wissenschaftlers aus Deutschland (!), dessen obskure Maschine das Bewusstsein von Lebewesen tauscht. So lande ich im Körper des Riesenaffen und damit im Käfig, begatte als Ablenkungsmanöver das Weibchen (The female gorilla screams, "Eee oo oo ah! which translates roughly "Oh, you animal!"), futtere schnell ein vorher in den Käfig geworfenes Stück Schokolade, schaffe es dank des Zuckerrauschs, die Käfiggitter aufzubiegen, schnapp den Schlauch und fliehe.
Im Grunde fühlt sich LGoP wie ein Roman an, dessen Handlungsverlauf der Konsument mit seinen eingegebenen Texten lenkt. Meretzky launige Parodie auf Filme, Bücher und andere Spiele war seiner Zeit voraus: Ich spiele es als Mann oder Frau, was den Wiederspielwert erhöht, und freue mich über ungewöhnliche Packungsbeilagen. Die Geschlechterwahl lockte für die damalige Zeit ungewöhnlich viele weibliche Fans an die Rechner. Darüber und mehr über die preisverdächtigen interaktiven Gimmicks lest ihr in der Bildergalerie "Gute Nacktgeschichte".
Quelle: PC Games
Dumm klickt gut? Von wegen! Centerfold Squares aus dem Jahr 1988 läuft ähnlich ab wie die strategischen Brettspiele Reversi oder Othello. Es ist also Köpfchen gefragt. (Bild: Amiga)
Glaubt Meretzky, dass sein Baby auch für die heutige Generation 4K noch interessant oder gar "safe nice" sein könnte? "Klar. Denn wenn man Filme schaut und Bücher liest, machen auch diese beiden unterschiedlichen Medien Spaß." Jawohl liebe Kinder, da hat der 63-Jährige recht! Ich verstehe Bücher als Kino im Kopf, das trifft auf Adventures mit guten Texten genauso zu. Der Titel lässt sich in drei Schweinkramstufen spielen (TAME = zahm, SUGESSTIVE = zweideutig, LEWD = anzüglich), driftet aber nie ins Pornografische.
Gute Nacktgeschichte
Leather Goddesses of Phobos von 1986 ist wegen seiner humorvollen Story neben Leisure Suit Larry das beste Erotik-Comedy-Spiel der 80er-Jahre. Anno 1987 gewann es obendrein den Codie-Award für die Verpackung und deren Beigaben, die quasi als Kopierschutz wirken sollten. Etwa die Karte eines Labyrinths und ein sogenanntes Scratch'n-Sniff-Gimmick ...
Bildergalerie
Ein Hardcore-Szenario war nie Meretzkys Prämisse: Der Erotikanteil sollte Aufmerksamkeit erregen und Grenzen ausloten. Die Vereinigten Staaten haben ja bekanntlich mit Waffen kein Problem, mit lebensgefährlichen Brustwarzen dafür umso mehr. "Außerdem war LGoP eine Hommage an die schlüpfrig triviale Science Fiction der 1930er-Jahre." Als Meretzky Flash Gordon erwähnt, öffnet sich für mich ein Fenster in meine Jugend, als sogar der uralte Serien-Schinken mit Buster Crabbe noch lief und billig aussehende Miniplastikraumschiffe an Drähten herumflogen, augenscheinlich angetrieben von hinten eingesteckten Wunderkerzen.
Ich muss gestehen, dass ich LGoP hart finde. Das mag an Adventure-Legasthenie liegen. Denn angeblich bewegt es sich im Vergleich zu anderen Infocom-Titeln nur in der mittelschwierigen Skala. Ich starb mehrere Heldentode und musste wieder neu angefangen. Da flutscht schon mal ein Fluch durch die Lippen. PIMMELDONNERWETTER! Plötzlich lacht jemand hinter mir: "HihihichchchMUHAHA! " Mein achtjähriger Sohn hatte gerade unbemerkt das Büro betreten. "Hihihi, Papa hat Pimmel gesagt" ...
Quelle: PC Games
Die Hollywood-Poker-Pro-Lupe (siehe Myriams Bauch) war 1989 ein Verkaufsargument. Sie konnte sehr große Pixel noch größer machen. Deutschlands Jugend eskalierte. (Bild: Amiga)
Laut Wikipedia verkaufte sich das Adventure 130.000 Mal. Meretzky hält diese Zahl für zu niedrig. Zunächst seien 70.000 Titel für 40 US-Dollar über die Ladentische gegangen. Dann folgte eine Budgetfassung für 15 Dollar. Die Sammlung Lost Treasures of Infocom kauften weitere 100.000 Spieler. Zum Abschluss gab's eine Neuauflage vor der Veröffentlichung von LGoP 2: Pump Girls Meet the Pulsating Inconvenience from Planet X (1992).
Leather Goddesses of Phobos gilt als Kultklassiker und hatte schon eine Hollywood-Rolle: Als Astronaut Mark Watney (Matt Damon) im Film Der Marsianer den Rechner seiner Kollegin durchsucht, finde er dort u.a. das Spiel. Im Juli 1988 outete sich ferner Schriftsteller Tom Clancy im Interview mit Computer Gaming World als riesiger Fan von LGoP: "Ich würde gerne denjenigen treffen, der das geschrieben hat. Ich weiß bloß nicht, in welcher psychiatrischen Anstalt ich ihn finde."
Psychiatrie ist ein sehr gutes Stichwort, zurück in meine Vergangenheit: 1987 ließ ich mich vom C64 und Samantha scheiden. Meine neue Freundin war ein geiles Gerät im Wortsinn. Sie hieß Amiga. Ja, benannt nach dem spanischen Wort für Freundin! Die 16-Bit-Spielmaschine von Commodore und Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards weckten in mir ungeahnte Motivation, obwohl ich ja eigentlich leidenschaftlicher Adventure-Hasser bin. Hätte ich damals nur halb so viel Energie in die Schule investiert, wäre ich heute Covid-19-Experte und müsste nicht darüber schreiben, einen Gorilla genagelt zu haben.
Quelle: PC Games
„Heute könnte man ein Spiel wie Hollywood Poker Pro gesellschaftlich betrachtet nicht mehr bringen.“ (Uwe Grabosch, einst Geschäftsführer und Grafiker bei Reline Software)
Mit Hollywood Poker Pro, made in Germany, erreichte das Strip-Poker-Genre 1989 seinen Höhepunkt. Ich kann nur für mich und meine Freunde sprechen, aber unter den vier KI-Spielpartnerinnen war Ines die Göttin. Kein Wunder, dass ausgerechnet dieses Model jährlich bei der Cebit-Party auftrat und als zentrale Werbefigur in Anzeigen. "Wir waren im Fall von Hollywood Poker Pro aus technischer Sicht besonders auf die Lupenfunktion stolz", sagt Uwe Grabosch, der damals maßgeblich am Projekt beteiligt war und mir freundlicherweise ein paar Fragen beantwortete. "Die Lupe ließ sich gut vermarkten. Wobei das Feature gesellschaftlich betrachtet heute natürlich äußerst fragwürdig zu beurteilen ist." Die erwähnte Lupenfunktion war einzigartig. Der Spieler konnte Teile der Frauenkörper zoomen.
Grabosch war Mitgründer und Geschäftsführer der Firma Reline Software - neben dem 2008 gestorbenen Holger Gehrmann. Außerdem befasste sich der Hannoveraner mit Konzept und Grafik. Massive Sexismus-Reaktionen, wie sie sich angesichts eines solchen Spiels heute vielleicht zum Shitstorm formieren würden, gab es nicht. "Als Entwickler waren wir damals jung und unbedarft, die ganze Diskussion in der Gesellschaft war noch ganz anders als heute", erzählt Grabosch. Ich als einstiger Fan war seinerzeit im gleichen Alter und finde es witzig, dass es den Machern kaum anders ging als mir, dem hormongetriebenen Konsumenten. Tja, es dauert bisweilen, bis die Steinzeitmensch-Attitüde in Jungmännern schwindet.
"Ich habe mich schon damals über die große Menge an Fanpost gewundert", erinnert sich Grabosch, der heute in der Versicherungsbranche tätig ist. "Wir bekamen viele positive Rückmeldungen. Das ging so weit, dass Fans uns Vorschläge für weitere Spiele in diesem Genre machten und dies seitenlang in ihren Briefen beschrieben. Insgesamt ist das auch rückblickend sehr amüsant." Die Presse war weit weniger begeistert. Kult-Redakteur Michael Hengst etwa vergab in Power Play 3/89 gerade mal 38 von 100 Punkten für Hollywood Poker Pro. Blicke in die Datenbanken von C64Games.de (8/10) und LemonAmiga.com (7.7/10) bestätigen indes den Status als Publikumsliebling.
An Hollywood Poker Pro wirkte seinerzeit auch der Musiker Chris Hülsbeck mit, der bis heute den Beinamen "Soundmagier" trägt. "Reline Software war im Firmenverbund mit Rainbow Arts unter dem Dach von Softgold vereinigt. Chris Hülsbeck arbeitete für Rainbow Arts, hierüber bestanden enge Kontakte. Da Holger Gehrmann auch in puncto Musik und Komposition sehr begabt war, kannten und schätzten sich die beiden", erläutert Grabosch.
Quelle: PC Games
Japans Erotik-Spiele sind bisweilen sehr ... speziell. Unser Bild zeigt eine Szene aus Pocky. Das erschien 1989 für den PC-88, einen Heimcomputer der Firma Nippon Electric.
Last not least gab's dann noch ein Gerücht zu klären. Ich als glücklich verheirateter Mann habe natürlich nur für einen Freund gefragt: War Ines tatsächlich mit Holger Gehrmann liiert, und wo wohnt sie heute? "Da ist etwas falsch überliefert worden. Veronika Mössinger, die im Intro tanzt, war kurzfristig seine damalige Freundin", so Uwe Grabosch. Mehr sagt er nicht. Verdammte Axt. Mössinger? Kann man sich nicht ausdenken, oder? :)
Ich finde es übrigens heuchlerisch, wie Teile der Presse damals mit dem Thema Erotikspiele umging. Was nicht gerade Leisure Suit Larry oder Leather Goddesses of Phobos hieß, war per se aus der Hölle. Für mich wirkte das oft wie Zwangsnaserümpfen. Ich wurde während der Recherchen für diesen Artikel bisweilen gut unterhalten: Hollywood Poker Pro fühlt sich wie Poker an, auch wenn man schnell ans Ziel kommt. Teenage Queen, ebenso von 1989, schien mir sogar relativ herausfordernd. Und das mir bis dato auch unbekannte, augenzwinkernde Text-Adventure Romantic Encounters at the Dome (1987) funktioniert als Mix aus Flirt-Simulator und Psychotest ebenfalls sehr gut.
Probleme habe ich mit japanischen Titeln und deren Mixtur aus Teenie-Darstellung und Gewalt. Dem Erogē-Genre gehört beispielsweise Dragon Knight von 1989 an, welches u.a. für den PC-88 erschien, einen weit verbreiteten Volkscomputer der Firma Nippon Electric. Dass der Besitz von Kinderpornografie, die reale Handlungen zeigt, im Land der aufgehenden Sonne erst vor fünf Jahren (!) verboten wurde, sagt an dieser Stelle viel aus. Mit fiktiver Kinderpornographie, etwa in Animes und Mangas, verstößt man nach wie vor nicht gegen das das Gesetz - in Deutschland ist das übrigens unter bestimmten Bedingungen auch so.
Quelle: PC Games
Emmanuelle erschien 1989: Wer kennt sie nicht aus der Realität, die 90-60-90-Models, die mit wehenden Haaren am Strand knien, nachdem sie ihr Baby gestillt haben. (Bild: Amiga)
Kommen wir zur letzten meiner Jugendsünden der 80er, zum Point-and-Click-Adventure Emmanuelle: A Game of Eroticism. Entwickelt hat es die französische Spieleschmiede Coktel Vision - darüber ein Wortspiel zu machen, wäre sogar für mich zu billig. Mir hat besagtes Spiel aus dem Jahr 1989 jedenfalls den richtigen Umgang mit Frauen beigebracht. An alle jungen Leser, die es bis zu diesem Absatz des Artikels geschafft haben, obwohl hier ein alter Mann über uralte Spiele schwadroniert: Gleich könnt ihr RICHTIG was lernen!
Stellt euch vor, ihr liegt am Strand von Rio de Janeiro in Brasilien. Plötzlich fällt vor euch eine junge, extrem gutaussehende Blondine auf die Knie. Wahrscheinlich hat sie einen Schwächeanfall. Ihr T-Shirt ist an einer Seite eingerissen, sodass ungeplant und unbemerkt eine ihrer großen und sehr schwerkraftresistenten Brüste ihre Behausung verlassen hat (ich bin sicher, das passiert euch ständig). Stellt euch nun vor, sie wäre euch völlig fremd und ihr würdet trotzdem gerne ohne große Umschweife den Beischlaf mit ihr vollziehen wollen. Wie muss eine fachgerecht formulierte, romantische Liebeserklärung verlaufen?
Ihr: Ich würde gerne meine besten Partien auf diesem wundervollen Körper spielen ...
Sie: In guten Händen bin ich ein ausgezeichnetes Instrument ...
Ihr: Diese schlanken Kurven inspirieren die Künstlernatur, die tief in mir steckt.
Sie: Ich will gerne für eine Nacht das Objekt Ihrer Kunst sein ... willst du meine Intimität kennenlernen?
Bumsfallera, schon wird geknattert. Dröge als Schattenriss hinter einer Jalousie. Buhhhhhhh!
Ich fand Emmanuelle damals anregend, die Dialoge hatte ich allerdings nicht derart dämlich in Erinnerung. Aber so ist das eben, wenn in der Pubertät fast alle Gehirnzellen für den Schwellkörper schuften und die letzte verbleibende das Atmen übernehmen muss. Männliche Teenager sind notgeiles Pack, wer das nicht weiß, heißt wahrscheinlich Philipp Amthor. Die Generation Youporn versteht sicher nicht, warum ein solches Grobpixelkonglomerat in Form eines weiblichen Sekundärgeschlechtsmerkmals so erotisierend wirkt. Nun, es gab in puncto nackter Haut halt auch medial Lieferengpässe. Deshalb nahm man, was man kriegen konnte.
Liebesspiele aus Absurdistan
Die 80er boten neben Erotik-Games mit kruden B-Movie-Storys noch allerlei andere Kuriositäten. Zum Beispiel die folgenden elf What-the-fuck???-Kreationen.
Bildergalerie
Ich für meinen Teil sage ich euch auf die Minute und Sekunde genau, wann Heather Thomas im Vorspann von Ein Colt für alle Fälle im blauen Bikini durch die Saloon-Tür schwebt. Dasselbe gilt für die Szene mit der nackten Yoga-Turnerin im Action-Film Das fliegende Auge. Sollte bei Günther Jauchs Millionenfrage geklärt werden müssen, wann der Mönch-Novize Adson von Melk und das Bauernmädchen im Drama Der Name der Rose stolpern und versehentlich nackt aufeinander fallen, mime ich euren Telefonjoker, ja? Okay, genug der peinlichen, persönlichen intimen Geständnisse.
Unter anderem neu waren mir die Spiele Bride of the Robot, X-Man und The Sex Machine. Bei Bride of the Robot jagte ich den eingangs erwähnten Riesenpenis-Roboter, um die wunderschöne Miss Galaxy zu retten. Da fragt man sich schon, welche halluzinogenen Pilze sich die Entwickler gespritzt haben, allein durch den Verzehr kommt man sicher nicht auf dieses Level. X-Man erschien bereits 1982 für die Atari-2600-Konsole. Hier steuere ich ein Dingsbums, das wohl ein Mann sein soll, durch ein Labyrinth, während mir eine Schere und ein Gebiss an den Schniedel wollen. Gelingt die Flucht, kommt es in einem zweiten Level zum Geschlechtsverkehr mit einem zweiten Dingsbums, das wohl eine Frau darstellt. Aussehen tut's wegen der Klotzgrafik, als würden zwei Legosteine pimpern. Wer's braucht!
Quelle: PC Games
Bei Strip Poker: A Sizzling Game of Chance gab's 1982 auch männliche Gegner: In puncto Körperbehaarung war Tony stark, beim Intelligenzquotienten hakte es. (Bild: C64)
The Sex Machine habe ich binnen 6:14 Minuten durchgespielt (handgestoppt). Im Grunde handelt es sich dabei um einen schnöden digitalisierten Rein-raus-Porno mit zehn Szenen. So wie man das auch heute noch aus einschlägigen Filmen kennt, natürlich mit erheblich weniger Haaren. Am Ende blenden die holländischen Entwickler ihre Adressen ein. Drüber steht "If you want to contact us!" Wartet, lasst mich kurz überlegen ... um Pimmels Willen, NEIN!
Die Zeitreise in meine Pubertät war letztlich sehr amüsant, wegen der neu entdeckten Spiele aber auch lehrreich. Ich wusste beispielsweise nicht, dass es für Strip Poker: A Sizzling Game of Chance (1982) eine Datendisk mit zwei Männern gab. David und Tony heißen die Herren, die ihre Klamotten aufs Spiel setzen. Für die damalige Zeit war das ungewöhnlich und mutig. Allerdings gingen die Entwickler von Artworx Software offenbar davon aus, dass sie damit nur Frauen vor den Bildschirm locken. Als Tony bei einem Duell mit mir kurz vor der Kapitulation stand, heulte er mich mit diesen Worten voll: "Ich verliere gegen ein Mädchen!" Vorsicht Alter, dünnes Eis! GANZ dünnes Eis!
Das war dann auch der Moment, wo meine Recherchen inklusive Probezock beinahe zum Pimmelfahrtskommando geraten wären. Plötzlich stand meine Frau im Büro. Sie guckte auf mich. Sie guckte auf den Monitor. Dann wieder auf mich. Und ich: "Es ist nicht so, wie du denkst, Schatz, ich arbeite!" Genauso gut hätte ich im Knast "Ich bin unschuldig! " brüllen können. Am Ende des Tages konnte ich die Sache aber doch noch geradebiegen. Happy End.
