Geschichten aus der Spiele-Hölle #3: Viel Glück und viel Sägen
Special
Landwirtschafts-Simulator trifft auf Die Sims: Von der Suche eines Holzbauern nach der Frau fürs Leben - im storybasierten Early-Access-Spiel Lumberjack's Dynasty.
Ich bin Harry, der hautverträgliche hebräische Holzbauer aus Hodenhagen im Heidekreis. Zugegeben, in Wahrheit hat der Ort in Lumberjack's Dynasty keinen Namen. Ich nenne ihn Hodenhagen, weil mir alle Bewohner auf den Sack gehen und schwachsinnige Stabreime scheinbar schick sind, sobald ein Bauer eine Frau sucht. Lest mein Tagebuch über einen dörflich geprägten Landstrich, in dem ganz offensichtlich nur Geschwister leben!
Montag: Sägensreiches Tutorial
Als mich Tante Grace von der Bushaltestelle abholt, habe ich den Verdacht, dass sich hinter ihr Sascha Grammel versteckt. Sie zappelt beim Sprechen wie eine Bauchrednerpuppe, die sehr schlecht in einer Disco tanzt. Ich möchte wissen, ob hinten tatsächlich eine Hand in ihr steckt, schaffe es aber nicht, in ihren Rücken zu gelangen. Sie dreht sich ständig mit, fixiert mich mit toten Augen. Ich streiche Bauchredner Grammel aus meinen Gedanken und glaube nun, dass ein Friedhof der Micmac-Indianer im nahegelegenen Castle Rock mit ihrem sonderbaren Verhalten zu tun hat.
Tante Grace und Onkel Charles wollen in Rente gehen und ihren Bauernhof verkaufen. Ich soll die Renovierung und andere Kleinigkeiten übernehmen. Lumberjack's Dynasty ist super für Menschen ohne Selbstvertrauen. "Gut gemacht! Du hast eine Gabe!", lobt mich der Onkel nach der ersten Tutorial-Aufgabe, als hätte ich mit dem Hintern auf einer Panflöte "White Christmas" von Frank Sinatra vorgetragen. Stattdessen steckt ein Traktor fest. In einer Fünf-Zentimeter-Pfütze. Ich muss im Rahmen einer nervenzerfetzenden Rettungsmission rausfahren. Alfred Hitchcock hätte einen Thriller draus gemacht.
Immerhin lerne ich noch, wie man Bäume fällt, Äste entfernt, Stämme in transportierbare Stücke sägt, diese per Holzgreifer-Kran auf den Hänger hievt und an einer Abladestelle in den Fluss wirft, sodass sie zum Sägewerk schwimmen. Ich bin gerüstet für den nächsten Tag!
Dienstag: Dumm klickt gut
Heute vermittelt mir das Spiel das Gefühl, handwerklich geschickt zu sein. Ich soll mit einer Nagelpistole die Gebäude des Anwesens reparieren. Müssten meine beiden linken Hände das im realen Leben tun, würde ich sofort vor mir selbst fliehen - aus Angst, durch einen kleinen Unfall wie Jesus zu enden. In Lumberjack's Dynasty verfüge ich über eine Art Superman-Gedenk-Röntgenblick. Die rechte Maustaste lässt beschädigte Stellen leuchten. Mit der linken ballere ich die Nägel rein. Das tue ich drei Stunden lang. Ja, in Echtzeit.
Weil irgendwann Zeige- und Mittelfingerkuppen bluten, setze ich abwechselnd auch alle anderen Griffel ein. Das hat den Vorteil, dass mich die Polizei nicht fassen wird, sobald ich die Entwickler erwürgt habe. Wer die Serie CSI: Den Tätern auf der Spur guckt oder wie ich das Fingerabdruck-Detektivset aus Yps hat, weiß warum. Mit der Zeit nagele ich übrigens immer schneller. Dumm klickt gut, heißt es. Stimmt!
Dass ich an einige Stellen im Inneren der hohen Scheune nicht rankomme, macht einem Pro wie mir nichts aus. Ich entwickele eine Spezialtechnik. Sie sollte nach mir benannt werden. Ich springe und versenke den Nagel, während ich wie einst Basketballstar Michael "Air" Jordan quasi in der Luft stehe. Noch höher geht's, wenn ich vorher ein Fass erklimme. Erst sehr viel später werde ich feststellen, wie dämlich diese Methode ist. Heute bin ich glücklich und denke nur kurz darüber nach, dass mich ein Nachbar beobachten und die Herren mit den hinten zuschnürbaren Jacken rufen könnte.
Quelle: Toplitz Productions
Harry verschönert mit selbst gefertigten Holzdielen und Nagelpistole den Unterstand auf dem Sägewerksgelände.
Mittwoch: Greta die Nervensäge
Ich fahre mit dem Kleinlaster durch die Botanik und beobachte beeindruckt, wie gemütlich sich die Grafik aufbaut. Der Platzwart des FC Bayern München bringt live vor meinen Augen den Rollrasen aus, Bob Ross malt Bäume. Beide sind unsichtbar. Die Fauna präsentiert sich vielfältig: Es gibt Rehe, Wildschweine, Störche, Rehe, Wildschweine, Störche, Rehe, Wildschweine und Störche.
Nach dem Motto "Bauer sucht Sau" laufe ich wie Obelix einem Borstentier hinterher. Als ich es berühre, verschwindet es. Vermutlich habe ich es eingeatmet, denn mein Hungerbalken steht noch immer auf Kohldampf. Mir fallen die 123 Äpfel ein, die ich in meinem Obstgarten geerntet habe und seither herumtrage. Ich möchte keine schlimmen Bilder im Kopf, deshalb versuche ich, nicht darüber nachzudenken, wo all diese Früchte wohl stecken. Tipp im Rahmen meines Bildungsauftrags: Äpfel sollten dunkel und frostsicher lagern.
Quelle: Toplitz Productions
Die Gespräche mit Nichtspielercharakteren sind aufwändig inszeniert.
Apropos: Ich treffe Oliver, den obskuren Obstbaum-Bauern und obszönen Oben-ohne-Fan. Der verspricht mir einen Traktor, wenn ich seine Scheune repariere und einige Bäume fälle. Ich trage weiße Pflaster an den Fingern, spiele auf der Panflöte das dazu passende Michael-Jackson-Lied "Heal the World", taufe meine Kettensäge Greta und lasse sie Bäume töten. Um das Alter des versprochenen Treckers zu bestimmen, bedürfte es anschließend der Radiokarbon-Methode. Er fährt bergauf zehn Kilometer pro Stunde. Oliver ist ein Arsch.
Der Early-Access-Version mangelt es noch an abwechslungsreichen Missionen. Eine Ausnahme: Als ich mit einem Jägermeister in den Wald schleiche, um einen leidenden Hirsch aus einer Falle zu retten, weine ich fast. Mir ist die gottverdammte Zwei-Liter-Flasche Cola vom Schreibtisch auf den großen Zeh gefallen. Beim Jägermeister handelt es sich übrigens um Logan, einen lesbischen Lambada-Tänzer und ehemaligen Langzeitarbeitslosen aus Lüdenscheid-Leifringhausen.
Donnerstag: Fluch und Sägen
Momentan nagele ich jedes verkackte Gebäude in der Gegend und fälle weitere Bäume. Bei einem Nachbarn muss ich Holz vor der Hütte abladen. Genau mein Humor! Indes fällt mir auf, dass Onkel Charles seinen High-Tech-Traktor inklusive Monsterkran vor dem Haus parkt. Warum soll ich in einem Schrotthaufen herumschleichen, der einer Legende zufolge noch aus Mammutknochen geschnitzt wurde, wenn ich genauso gut Science-Fiction haben könnte? Antwort: Es ist unmöglich, in den Trecker einzusteigen. Die bucklige Verwandtschaft lässt mich also ohne Bezahlung malochen, leiht mir nicht mal Arbeitsgerät. Ich hoffe, eines Tages kommen Jawa vorbei, um Onkel und Tante ein paar Droiden zu verkaufen ... RIP!
Der Dorfverschönerungsverein Hodenhagen ist ein kleiner Verein. Seine Mitglieder: ich. Elf von zehn Bittstellern behaupten, keine Kohle zu haben. Alles fällt unter Nachbarschaftshilfe. Ich darf froh sein, zwei prähistorische Hänger und einen Gabelstapler erschnorrt zu haben. Manche zahlen mit einem Glas Honig. Noch mal zum besseren mitlesen: MIT EINEM GLAS HONIG! Das sind die Momente, in denen ich zu Jason Voorhees werde, um jedes Mal festzustellen, dass die verfluchte Kettensäge leider kaputt ist. Man kann sich das Leben nicht mal schönsaufen. Es gibt nur alkoholfreies Bier, für 24 Euro die Dose. Vielleicht kann ich ja einen neuen Traktor kaufen? Mein Geldbeutel wispert: "MUHAHAH, ROFLMAO!"
Quelle: Toplitz Productions
Nach dem Aufstehen gibt's zum Frühstück erst mal acht Dosen Bier (siehe Inventar links). Rechts:
Bin ich im ollen Pick-up unterwegs, kommen mir auf meiner Seite immer wieder Autos entgegnen. Alle fahren, als kämpfen sie in der Einpark-Kreisliga gegen den Abstieg. Manchmal hüpfe ich raus und werfe andere Fahrzeuge um. Rache! Vielleicht kann ich das, weil ich mich aus Wut in den Hulk verwandele. Angesichts der Spielphysik tippe ich eher darauf, dass es sich bei den genannten Objekten in Wahrheit um Luftballons in Autoform handelt, modelliert von einem mäßig talentierten Hodenhagener Ballon-Tier-Knoter.
Kürzlich habe ich eine Frau und einen Mann belauscht. Für mich war der Dialog ein weiteres Indiz dafür, dass in Hodenhagen und um Hodenhagen herum alle Geschwister sind.
Er: "Das stimmt, ich sah es mit meinen eigenen Augen!"
Sie: "Ich mache das die ganze Zeit."
Er: "Das ist einfach so typisch."
Sie: "Kann nicht behaupten, dass ich überrascht bin.
Er: "Ja, das ist kein Spaß."
Sie: "Er kann es einfach nicht für sich behalten."
Er: "Jeder weiß Bescheid."
Um zu diesem philosophisch tiefgründigen Gespräch unter Intellektuellen ebenfalls etwas Sinngebendes beizutragen, sage ich: "Ich bin Holzfäller und mir geht's gut. Ich fäll' den Baum, trag Stöckelschuh, Strapse und BH, ich wär' so gern ein Mädel, genau wie mein Papa!"
Quelle: Toplitz Productions
Nach gefühlt 100 Stunden Schufterei gönnt sich Harry einen Buggy.
Freitag: Hochzeit mit Gottes Sägen
Nun ist Lumberjack's Dynasty nicht nur ein Hybride aus Holzfäller- und Landwirtschafts-Simulator, sondern auch ein Liebes-Spiel. Mit Hochzeit, Kindern und allem Pipapo. Weil keine andere Dame in diesem ländlichen Paralleluniversum so richtig mit mir reden will, versuche ich mein Anbagger-Glück mit Lily, der luftdurchlässigen Latschenkieferliebhaberin. Ich schleime, wie eine Schnecke, lese ihr jeden Wunsch von den Augen ab, suche zum Beispiel 50 Pilze, und arbeite ihre Schulden beim jodhaltigen Jeanshosenträger James ab.
Ich wünschte, ich könnte einen originellen Spruch á la "Hat es weh getan, als du vom Himmel gefallen bist, du Engel?" absondern, wie es bei Farmer's Dynasty möglich ist. Gern würde ich der lasziven Lady Lily ein paar Pralinen, Rosen und einen Ring schenken. Aber es geht nix, null, nada, nothing, nada, niente. Was, wenn das Spiel zum Schluss gekommen ist, Harry habe schon genug genagelt? Ich gucke bei Steam vorbei und erfahre: DAS ROMANTIKGEDÖNS IST IN DER EARLY-ACCESS-FASSUNG NOCH GAR NICHT DRIN!
Quelle: Toplitz Productions
O-Ton Harry nach einer Rettungsmission: „Ich habe noch nie einem echten Hirsch geholfen!“ Ach, aber einem unechten schon?
Ich atme in eine Tüte, und versuche, positiv zu denken: Immerhin entfalten sich langsam die genialen Möglichkeiten, die Lumberjack's Dynasty offeriert. Wenn ich die Fassade des Sägewerks restauriere, funktionieren plötzlich die Maschinen im Inneren wieder. Ich kann mithilfe der Karte nicht nur von Fahrzeug zu Fahrzeug teleportieren, sondern dabei eine ganze Palette mit 100 Brettern in der Hosentasche tragen. Okay, der Pritschen-Lkw wird dadurch depressiv, stellt sich in einer Garage ab, schließt das Tor und lässt den Motor laufen, weil ihn keine Sau mehr braucht - aber ein bisschen Schwund ist ja immer.
Last, not least komme ich dahinter, dass ich Baugerüste auch innen aufstellen kann. In einer hohen Scheune etwa. Ich hätte also nicht wie Flip auf Koks rumhüpfen müssen. Bis zu dieser Erkenntnis vergingen nur zehn Stunden. Ha, ich bin so schlau wie die dicksten Kartoffeln!
