Geschichten aus der Spiele-Hölle #2 - Fischen impossible
Special
Warum "Hardcoregamer" oft zu Unrecht über Berufssimulatoren spotten und was das Krabbenfang-Spiel Deadliest Catch: The Game zu einem einzigartigen Erlebnis macht, das nicht nur Fischluftfanatiker begeistert.
Deadliest Catch: The Game deutet seine Brillanz bereits im Tutorial an: "Hauptbestandteil der guten Fang plant", heißt es dort. Und weiter: "Im Fall des Meeresbodens, wie Krabben den meisten Sand und Schlamm. Es gibt nicht fast alle Krabben auf den Felsen." Als ob ich das als Krebs-Fan nicht längst gewusst hätte. Ich hab sogar einen geheiratet.
Wer wollte als Kind nicht Kehrmaschinenfahrer, Gleisbauer oder Toilettenwartungsfachkraft werden? Also ich wollte es in der Tat nicht. Ich musste aber berufsbedingt die entsprechenden Simulatoren spielen. Im echten Leben war es immer mein Ziel, extrem wenig zu arbeiten und unverschämt viel Geld zu verdienen. Stattdessen wurde ich freier Autor bei PC Games.
So kam ich nun auch an meinen Job als Krabbenfischer in Deadliest Catch: The Game. Es war ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Die leitenden Redakteure haben alle Register gezogen, mich zu überreden. Die Damen und Herren versprachen, sich täglich klatschend auf den Balkon zu stellen. Ich dürfe mich dann als systemrelevanter Held fühlen, der allein durch den Applaus alle seine Schulden tilgen könne, hieß es. Spieler, die sich selbst gerne als hardkernig beschreiben und für elitär halten, spotten oft über Berufssimulationen. Meist tun sie das, weil sie sich nie richtig damit beschäftigt haben. Ja, es gab in den vergangenen Jahren viele Rohrkrepierer, aber das Genre hat sich gemausert.
Der Hersteller beschreibt Deadliest Catch: The Game wie folgt: "Enter the dangerous world of king crab fishing in the deadly Bering Sea! Take command of your own fishing vessel, use realistic equipment, combat hazardous Alaskan waters and become the world's best crab catcher!" Das klingt schon mal irre spannend. Ich übersetze so qualitativ hochwertig, wie es die für den Tutorial-Text verantwortliche Fachkraft getan hat: Stell dich der Gefahr einer Depression in der todlangweiligen Beringsee! Übernimm nie die Kontrolle deines Schiffs, bekomme Freitodgedanken, drehe stundenlang Krabben herum, um ihre Mumu zu suchen - oder starre ständig auf Männer, die auf Krabben starren!
Ich erläutere das später detailliert.
Ihr müsst nicht schiffen!
Deadliest Catch: The Game basiert auf einer Doku-Reihe, die in Deutschland unter dem TV-Titel Der gefährlichste Job Alaskas auf DMAX läuft. Hier sehen wir, was bis zu zwölf Meter hohe Wellen, arktische Winde und 300 Kilogramm schwere Fangkörbe anrichten können, wenn sie gegen das Schiffsdeck krachen. Im Simulator spielen derlei Nebensächlichkeiten zum Glück überhaupt keine Rolle. Wer so alt ist wie ich, der Orgellehrer in meiner Kindheit war ein T-Rex, begrüßt es nämlich, nicht an einem Infarkt dahinzuscheiden.
Das Spiel bildet den Fang und die dahinter stehende Technik mit Kran, Seilwinde & Co. authentisch und komplex ab. "Wenn Sie nicht sicher von einem gewissen Spielmechanismus sind, können Sie immer Führer überprüfen. Im Handbuch auf der linken Seite sind die Lesezeichen Hauptspiel mechanism Beschreibung."
Ich kann als Kapitän höchstselbst ins Beringmeer schiffen, muss es aber nicht. Die Enterprise-Gedenk-Teleport-Funktion entpuppt sich ohnehin als schneller und effektiver. Man darf dem Kutter übrigens auch einen Namen geben. Ich habe meinen Kahn Oli genannt.
Quelle: PC Games
Kahn Oli schifft während eines romantischen Sonnenuntergangs in die Beringsee. (1)
Besonders realitätsnah haben die Entwickler das Sortieren der Krabben umgesetzt. Es ist nicht nur möglich, die Krustentiere nach links und rechts zu drehen, sondern auch von oben nach unten!!!!! Der Spieler analysiert Größe und Geschlecht. Weibchen erkennt man an der breiten Bauchplatte, Männchen an einer schmalen, dreieckförmigen. Die Krebsdiagnose macht nicht nur unfassbar viel Spaß, sie ist auch fix erledigt. Ich habe zehn Tiere in 60 Minuten geschafft.
Stundenlang auf bis zu 500 Krabben zu starren, erregt nicht nur Veterinäre, Tierfilmer, Biologen und Spinnenphobiker, es weckt auch Erinnerungen an die Facehugger aus den Alien-Filmen und macht sogar die Zähne weißer. Sortiert wird, weil sowohl zu kleine als auch weibliche Tiere zurück ins Meer kommen. Mit diesen mache ich während der Begutachtung links ein Häufchen. Die großen männlichen Krabben landen rechts. Welche ekstatische Freude so ein Töpfchen-Kröpfchen-Spiel entfaltet, wissen märchenkundige von Aschenputtel.
Fischerman's Friends
Wer den Chef raushängen lassen möchte, stellt bis zu vier Mitarbeiter ein. Sie erledigen, entsprechend zugeteilt, bestenfalls alle zeitraubenden Aufgaben. Ich starre dann auf Männer, die auf Krabben starren und erledige nur noch Kleinkram: Fisch zu Köder pürieren, Körbe und Maschinen warten und Krabben einlagern beziehungsweise über Bord schmeißen.
Ansonsten lasse ich mein Fußvolk malochen, schaue zu und arbeite im Real Life an meiner Bucking List. Ich habe zum Beispiel ein Maschinenbaustudium abgeschlossen, bei der Gelegenheit gleich promoviert, mir einen Maybach Exelero aus Vikunja-Wolle gestrickt und gelegentlich an mir rumgespielt.
Quelle: PC Games
Nix mit Sprachausgabe: Endlich halten Tinky-Winky, Dipsy, Laa-Laa und Po mal die Fresse.
Apropos Huftiere: Wusstet ihr übrigens, liebe Kinder, dass Kuhantilopen als langsam und sehr vergesslich gelten? Deshalb kommt es vor, dass sie vor einem Löwen fliehen, plötzlich aber nicht mehr wissen, warum sie losgelaufen sind, und die Großkatze sie anschließend verspeist. Alles das trifft auch auf die Angestellten zu, nur ohne die Sache mit dem Löwen.
Doch aufgemerkt, ihr notorischen Nörgler: Wenn meine Ratiopharm-Vierlinge mal wieder die Intelligenz einer Japanischen Stachelseegurke zur Schau stellen, bin ich hocherfreut. Ich setze ich mich an meine Orgel, um "Halleluja" in der Fassung von Leonard Cohen zu singen. Es spendet Glückseligkeit, Untertanen zurechtzuweisen. Wenn ich ihnen als großkotziger Klugscheißer den nächsten Arbeitsschritt demonstrierte, machen die Herren weiter. Meistens. In der Summe erfordert das natürlich ein bisschen Meeraufwand.
Quelle: PC Games
Vor der Corana-Krise war dieser Sicherheitsabstand noch völlig in Ordnung.
Manchmal bewerfe ich meine Sklaven mit Krabben. Das wirkt sich nicht aus, nährt aber meine niederen Instinkte. Dass Deadliest Catch: The Game regelmäßig abstürzt, macht den Simulator nur noch spannender. Im Zusammenspiel mit den hin und wieder zerschossenen Speicherständen wird der Titel quasi zum Permadeath-Soulslike.
Darüber hinaus sollen die beeindruckenden Bug-Wellen nicht unerwähnt bleiben. Also die Bug-Wellen, nicht die Bug-Wellen. Wie erkläre ich das am besten? Ha, jetzt hab ich's: Darüber hinaus sollen die Bugs nicht unerwähnt bleiben, die regelmäßig wie Wellen über den Spieler hereinbrechen. Ich habe immer mal wieder den Fall, dass die Fangkörbe unerreichbar unter dem Schiff herumlungern oder beim Herausholen leer sind. Das stärkt meine Persönlichkeitsentwicklung als Mann, der nicht bei jedem Scheißdreck weint.
Quelle: PC Games
Einarmige Berufsklavierspieler, die gerne in Wannen stehen, geben immer alles.
Sehnot im Krabbenboot
Fürderhin haben die Macher vorbildlich vorausschauend programmiert, was etwaige Motivationslöcher angeht: Das Alter Ego kann nicht springen, was virtuelle Selbsttötungen unmöglich macht. Wer wenig speichert und nur ganz selten die Zeitrafferfunktion benutzt, minimiert übrigens die Zahl der Abstürze erheblich. Lasst euch das von einem elitären Sup3r-Pr0-Sk1ll3r wie mir gesagt sein! Bei der Grafik fällt mir sofort das Wort zweckmäßig sein. Lediglich Clipping-Fehler könnten sehlischen Schaden verursachen.
Böse Menschen könnten Deadliest Catch: The Game nun insofern als einzigartig bezeichnen, weil es die zwei wichtigsten Merkmale des Simulator-Genres in vorher nie dagewesener Art und Weise vereint, also unglaublich sterbenslangweilig und gleichzeitig rekordverdächtig fehlerhaft ist. Fachleute kommen selbstverständlich zu einem positiven Urteil:
Quelle: PC Games
Der kleine Torben-Hendrik möchte bitte aus dem Bällebad abgeholt werden!
Abgesehen von spielrelevanten Fehlern und Grafikbugs, abseits suizidal veranlagter Spielstände und sich schnell wiederholender Tätigkeiten, die den Fachterminus "Grinding" neu definieren, abgesehen von Schiffs-Upgrades und Fähigkeiten-Bäumen, von denen man die wichtigsten nach der ersten Fangsaison freigeschaltet hat, angesichts einer inhaltsarmen Kampagne und eines einzigen Schiffsmodells, das der Spieler weder steuern muss noch will, trotz des fehlenden Multiplayers - zumindest eine Koop-Fassung hätte sich aufgedrängt - sowie abseits bisweilen ewiger Ladenzeiten, die nicht mal Godot abwarten will, angesichts einer fummeligen Steuerung, nie ermüdender und stummer Hohlkörper-NPCs, abgesehen davon ist Deadliest Catch: The Game ein rundum gelungener Titel.
Den vorangegangen Satz lest ihr bitte als Hausaufgabe an einem Stück laut vor, liebe Kinder, dann könnt ihr später als Apnoetaucher Karriere machen und müsst nicht Journalist werden.
Kommen wir zum Happy End: Für mich ist Deadliest Catch: The Game ein Muss für alle, die Spiele aus dem Bootsektor lieben und gerne Tiere zum Töten chauffieren. Es ist mit riesigem Abstand der beste Königskrabbenfischerei-Simulator, den ich kenne und erreicht darüber hinaus ohne Wenn und Aber fast die gleiche die Qualität wie der Klassiker Autobahn-Polizei-Simulator 2. Hugh, ich habe gesprochen!
