Kolumne: Weg mit dem veralteten Genie-Gedanken! Warum eine gesunde Skepis angebracht ist
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Warum vertrauen manche Spieler gealterten Entwicklerlegenden blind? Und warum werden manche Legenden auch dann noch gefeiert, wenn die Spiele, die sie abliefern, gar nicht mal so gut sind? Chris ist der Meinung, dass eine gesunde Skepsis immer angebracht ist - egal, welche Wunder die Entwicklerlegenden in der Vergangenheit vollbracht haben mögen.
Es gibt Spiele-Reihen, die man kennt und liebt, und auf die man sich immer freut, wenn ein neuer Teil angekündigt wird. Genauso gibt es auch allgemein Entwicklerstudios, die sich mit vergangenen Produktionen einen Vertrauensvorschuss erarbeitet haben. Wenn die ein neues Spiel ankündigen, freut man sich auch, ist vielleicht sogar richtig gehypt. Das kann man auch als Spieleredakteur nicht abstellen. Natürlich ist es meine Aufgabe jedes Spiel so objektiv wie nur möglich einzuordnen und den Anspruch habe ich auch an mich selbst. Allerdings sind Spieleredakteure auch mit ganzem Herzen Gamer, sonst hätte man sich diesen Beruf ja auch nicht ausgesucht.
Vorfreude und ein gewisses Maß an Hype find ich also okay. Bei den Spielern, die nicht in einer Redaktion hocken, sowieso, aber auch bei "Berufszockern", solange das ihre Arbeit nicht negativ beeinflusst. Was ich allerdings überhaupt nicht verstehen kann, ist blindes Vertrauen, das viel zu oft in feste Überzeugung umschlägt. Das Verfolgen des vollkommen bescheuerten Genie-Gedankens, dass ein Studio oder ein Verantwortlicher in der Vergangenheit mal etwas Gutes vollbracht hat und deshalb unfehlbar ist. Schon vor dem Release war klar, dass Death Stranding ein eher spezielles Spiel wird und ganz sicher nicht jeden Gamer ansprechen wird, nicht mal alle Fans der Metal-Gear-Solid-Reihe. Dennoch las man bereits vor Erscheinen, wie Gamer felsenfest behaupteten, Death Stranding sei ihr Spiel des Jahres.
Die Begründung: Es sei schließlich von Kojima. Nach Release beschwerten sich dann viele Leute darüber, wie langweilig Death Stranding doch sei. Hätte man sich mit dem Spiel beschäftigt, hätte man aber schon vorher wissen können, dass es vielleicht nicht den persönlichen Geschmack trifft. Nein, stattdessen vertraut man dem "Genie" blind. Das Gleiche gilt für Yu Suzuki mit Shenmue 3, ist hier aber fast noch heftiger. Kritik am Spiel oder den überhaupt nicht mehr zeitgemäßen Vorstellungen von Suzuki wurden einfach niedergeschmettert, obwohl man Shenmue 3 selbst noch gar nicht zocken konnte, die Kritiker aber schon. Überhebliche Äußerungen Suzukis zum Wechsel zum Epic Games Store wurden nicht so kritisiert wie es bei anderen Entwicklern der Fall gewesen wäre, die Lüge bei der Ankündigung der Kickstarter-Kampagne, Shenmue 3 würde den Fans endlich den Abschluss der Reihe geben, wird relativiert. Schließlich hat Suzuki lange davor mal gesagt Shenmue werde mindestens 4 Teile haben. Ohnehin ist diese Aussage lachhaft, wenn man sieht, wie wenig Shenmue 3 überhaupt zu sagen hat. Die Beschäftigungstherapie (Holz hacken und Co.), um das Spiel zu strecken, um dann mit einem weiteren Teil wieder den Fans für ein vollkommen veraltetes Spiel aus den Taschen ziehen zu können, wird ebenfalls unter den Tisch gekehrt. Er hat uns schließlich vor knapp 20 Jahren ein halbwegs gutes Spiel gegeben, verdammt!
Von einer gewissen Bewunderung kann man sich oft nicht freisprechen. Das habe ich selbst bereits gemerkt. Man ist Fan einer Reihe oder bestimmter Spiele und man begegnet dem Macher mit einer gewissen Ehrfurcht. Respekt sollte man seinem Gegenüber ohnehin entgegenbringen, doch in manchen Situationen weicht dieser dann der Irritation. Ein solcher Moment war etwa, als mir Yu Suzuki im Interview verriet, dass er keine Videospiele zocke und ihm eigentlich vollkommen egal ist, wie sich Games seit Shenmue 2 weiterentwickelt haben. Oder auch Gran-Turismo-Mastermind Kazunori Yamauchi, der ziemlich erbost darauf reagierte, als ich ihn fragte, ob ein fehlender Singleplayer-Modus bei GT Sport nicht an den Wünschen der Fans vorbeigeht.
Nun ja, Einzelspielermeisterschaften wurden dann nach der Kritik vieler Spieler nachgepatcht. Respekt ist sicherlich immer gut, doch mit unendlicher kritikloser Bewunderung sollte man vorsichtig sein. Da nehme ich auch einige Branchenvertreter nicht aus. Ich erinnere mich noch, als Yamauchi der Medienschar sein Büro präsentierte, in dem sich eigentlich nichts befand. Als viele Kollegen staunend und Fotos schießend in einer Schlange um den Schreibtisch herumspazierten, erinnerte mich das unweigerlich an die Simpsons-Szene in der Kartonagenfabrik. Es kocht eben jeder nur mit Wasser und macht Fehler - das ist nun mal so. Das Verfolgen des Genie-Gedankens verschiebt jedoch den Diskurs, wenn selbst berechtigte Kritik deshalb sofort niedergebrüllt wird. Die Vergötterung des "Genies" und das bedingungslose Folgen von dessen Vision geht heutzutage zumeist in die Hose. Spiele sind dafür zu komplex, die Zielgruppen vielschichtiger, Spiele müssen sich an mehr Konkurrenz messen lassen.
Ein Visionär kann einem Spiel enorm gut tun, doch es braucht ehrliches Feedback des gesamten Teams, um ein Spiel richtig umzusetzen. Aus den Studios, welche große Geschichten erzählen, hört man immer wieder, dass während der Entwicklung viele Dinge umgeworfen wurden, weil dem Team dahinter auffiel, dass ein gewisses Spielelement oder gar ein ganzer Abschnitt nicht so recht passte. Die Macher von A Plague Tale: Innocence drückten es in einem Gespräch mit mir so aus: "Man muss scheitern und scheitern und scheitern, um es schließlich richtig hinzubekommen." Dafür sei man auf das ehrliche Feedback des gesamten Teams angewiesen und man müsse dadurch in Kauf nehmen, Änderungen durchzuführen. Das ist bei Rockstar oder Naughty Dog auch nicht anders, auch wenn die Housers respektive Neil Druckmann die großen Namen hinter den Titeln sind.
Bei GT Sport hingegen durfte ich selbst bei meinem Studiobesuch bei Polyphony Digital erleben, wie Yamauchis Anweisungen ganz ergeben und bedingungslos bis zum bitteren Ende gefolgt wurde, auch wenn viele Mitarbeiter geahnt haben müssen, dass er an der Zielgruppe vorbeientwickelt. Die Entwickler, mit denen ich dort sprach, himmelten ihren Chef regelrecht an. Meine (gar nicht mal so kritische) Nachfrage wurde dort fast schon als Frevel aufgenommen. Auch im Fall von Shenmue 3 sieht es so aus, als ob Yu Suzuki intern nur von Ja-Sagern umgeben ist, die ihm nicht mitteilen, dass seine Vision komplett veraltet ist, wenn er wirklich so naiv oder realitätsfremd ist, dies nicht selbst zu bemerken.
Es nichts falsch daran, Fan zu sein oder sich von einem Spiel hypen zu lassen. Es ist auch nichts falsch daran, gewissen Studios oder Entwicklern ein bestimmtes Maß an Vertrauen entgegenzubringen. Blindes Vertrauen mitsamt Beißreflex ist jedoch Blödsinn. Wir Spieler sollten keinen Entwickler in den Himmel heben und die Branche sowie die potenziellen Spieler sollten so selbstreflektiert sein, nicht kritiklos der Vision eines Einzigen hinterherzurennen, auch wenn dieser in der Vergangenheit schon mal etwas Großes vollbracht hat.
