Palworld klaut bei Pokémon: Wo hört Inspiration auf und wo fängt Diebstahl an?
Kolumne
Ein kleines japanisches Studio kündigte 2021 sein zweites Early-Access-Spiel an. So weit, so unspektakulär, doch ab dem 19. Januar 2024 brach Palworld einen Rekord nach dem anderen! Doch der Erfolg hat eine Schattenseite ...
Schon fast im Tagesrhythmus stellte das Survival-Spiel Palworld neue Spieler-Rekorde auf. In der Datenbank SteamDB steht Palworld zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Artikels bei einem Allzeithoch von 2,1 Millionen gleichzeitigen Spielern. Allein in den ersten sechs Tagen verkaufte sich das Spiel über acht Millionen Mal auf Steam. Dazu kommen noch die Spieler des Xbox Game Pass, die jedoch nicht erfasst werden.
Am Anfang war der Testlauf
Aber wie schafft es ein Spiel eines nahezu unbekannten Indie-Studios, einen solchen Hype auszulösen und wohl den Reibach seines Lebens zu machen? Dafür schauen wir mal auf die Anfänge des Spiels. Die führen nämlich zurück in das Jahr 2020.
In dem Jahr erschien der Erstling des Studios namens Pocket Pair: Craftopia. Die Nähe zu Palworld ist direkt erkennbar, genauso wie die Ähnlichkeit zu jedem x-beliebigen Gacha Game der letzten Jahre.
In dem Multiplayer-Spiel wird die offene Welt erkundet, werden Ressourcen gefarmt, werden Dungeons gemeistert und wird gegen den Hunger gekämpft. Klingt alles zunächst nicht allzu erfrischend, doch ein wenig bricht das Spiel dann doch mit der Norm. Neben Tieren gibt es diverse Fahrzeuge wie Helikopter, Motorräder und Panzer.
Dazu ein ausgeklügeltes Crafting-System und einen tiefgehenden Farming-Aspekt. Schon hier zeigen sich die ersten Parallelen zu bekannten Spielen wie Harvest Moon.
Auf Grundlage von Craftopia, das bis heute immer noch im Early Access steckt, erschien nun also Palworld. Offiziell wurde es natürlich nie als Fortsetzung oder weitergesponnene Idee betitelt, aber wenn wir beide Spiele nebeneinanderlegen, sieht es doch schon sehr aus, als wäre Craftopia nur ein Testballon für Palworld gewesen.
Offenbar probierte sich das japanische Studio in Craftopia ein wenig aus, verpackte ein paar bekannte Elemente, hörte auf das Feedback der durchaus starken Community und bastelte daraus Frankensteins Monster der Videospiel-Welt. Bereits nach dem ersten Trailer bekam Palworld die Stempel "Pokémon mit Waffen" und "Pokémon für Erwachsene" aufgedrückt.
"Pokemon mit Waffen"
Im ersten Ankündigungstrailer sehen wir eine Protagonistin, die mit verschiedensten Kreaturen durch eine Welt streift, kämpft oder auch ganze Gebäude baut. Aufgrund des Artstyles war die Verbindung zu Pokémon recht naheliegend, wenn auch zum Zeitpunkt der Ankündigung noch weitere Infos fehlten, um diese Annahme zu festigen.
Schließlich besitzt die Pokémon Company kein Patent auf alles, was irgendwie nach einer Mischung aus Monster und Tier aussieht. Sonst würden Digimon, Dragon Quest Monsters, Ark und Co. ziemlich doof aus der Wäsche schauen.
Palworld geht aber einen Schritt weiter. Spätestens zum Release fiel einigen Spielern auf, dass die Pokémon-Vergleiche wohl tatsächlich angebracht waren. Man fängt die Pals mit einer Sphäre, de facto einem Ball, der hin- und herwackelt, wenn man einen Pal darin geschnappt hat.
Einmal gefangen, können die Viecher unter anderem für den Kampf eingesetzt werden, wenn sie Teil unseres fünfköpfigen Teams sind. Da muss man doch sofort an Pokémon denken, oder? Oder es liegt einfach an uns, dass wir bei bunten Fantasie-Viechern, die wir leveln und kämpfen lassen können, sofort Pokémon im Kopf haben?
Palworld ist clever aufgebaut und bedient sich vieler Elemente aus Videospielen der letzten Jahre. Jeder, der das Spiel auch nur ein paar Minuten gespielt hat, wird neben Pokémon Aspekte aus Spielen wie The Legend of Zelda: Breath of the Wild, Ark: Survival Evolved, Rust, Fortnite und Valheim wiedererkennen.
Daraus machten die Entwickler auch keinen Hehl - zumindest teilweise. Pokémon-Vergleiche will der Pocket-Pair-CEO nie verstanden haben, stattdessen erklärte er 2021 in einem Interview mit TheGamer, ein vollkommen anderes Spiel machen zu wollen. Das Konzept für Palworld basiere eben auf Ark.
Und dann kommt alles in den Mixer!
Hintergedanke bei Palworld sei gewesen, dass die Macher das Survival-Abenteuer rund um die Dinos super fanden, ihnen aber noch einiges fehlte, was den Titel ihrer Meinung nach noch besser gemacht hätte. Statt die Kreaturen des Spiels nur als Beiwerk zu behandeln, sollten sie der absolute Mittelpunkt des Spiels sein. Als weitere Inspirationen wurden übrigens vom CEO höchstpersönlich Minecraft, Raft und Dragon Quest genannt.
Bildergalerie
Das, was da von Pocket Pair beschrieben wird, finde ich vollkommen okay und sogar wichtig! Ganz neue Ideen sind natürlich immer toll, aber manchmal reicht es eben auch, bestehende Ideen einfach mal ein wenig weiterzuspinnen. So funktioniert das nun mal, sei es bei Filmen, Videospielen, Comics oder Büchern. Einer erstellt eine Vorlage und der andere macht sein eigenes Ding daraus.
