Harvest Moon: Eine Welt im Test - ein Spiel, das die Welt nicht braucht
Test
Ein Fall für die Biotonne: Harvest Moon ist bekanntlich schon eine ganze Weile nur noch ein Schatten seiner selbst und nun am absoluten Tiefpunkt angekommen. Warum, klären wir im Test zu Harvest Moon: Eine Welt.
An sich ist es lobenswert, alteingesessene Serien mit ein bisschen Innovation zu düngen. Allerdings gibt es wenige Genres, in denen Tradition und Vorhersehbarkeit so wichtig sind wie bei Farming-Simulatoren - Fans haben eine gewisse Erwartungshaltung, wenn sie mal wieder einen runtergewirtschafteten Bauernhof übernehmen. Nachdem das Studio hinter Harvest Moon nun Story of Seasons entwickelt, versucht Natsume mit Eine Welt zu zeigen, dass das alte Gehölz Harvest Moon auch mit neuen Gärtnern leckere Produkte abzuwerfen vermag.
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Allerdings scheitert das Vorhaben gewaltig, und das aus einer Vielzahl von Gründen - hier fault die Wurzel.
Bescheiden bleiben
Man kann sich durchaus die Frage stellen, ob man einen Charaktereditor braucht, wenn sich die Anpassungsmöglichkeiten auf sechs Haut-, Haar- und Augenfarben beschränken. Aber im Vergleich zu den anderen Spielspaßstolpersteinen ist dieser Umstand zu vernachlässigen. Als Männlein oder Weiblein schickt uns Eine Welt zunächst los, Kartoffeln in der Wildnis zu suchen, Mutti hat Hunger.
Da der Menschheit dummerweise das Wissen um Ackerbau verloren gegangen ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als auf gut Glück durch die Pampa zu stampfen. Gottseidank aber sind wir Protagonist eines Videospiels und somit der oder die Auserwählte, weshalb wir nicht nur einen geheimnisvollen Wälzer besitzen, in dem all die Bauernweisheiten von früher stehen, sondern auch noch mit den Erntegeistern sprechen können. Wichtel Vitae erklärt uns, dass wir die Göttin der Ernte wiederbeleben müssen, dafür brauchen wir sechs MacGuffins, äh, Entschuldigung, sechs Medaillen. Die sind überall verteilt, weshalb wir Mama schnurstracks Lebewohl sagen und die Beine in die Hand nehmen, um Eine Welt nach Medaillen zu durchkämmen.
Der Hosenstall
Quelle: PC Games
Die Gießkanne ist leer – mal wieder! An den Anblick dieses Textkastens solltet ihr euch gewöhnen, denn ihr werdet ihn oft zu Gesicht bekommen.
Zugutehalten muss man diesem Auftakt, dass wir nicht zum hundertsten Mal die Farm des Opas erben und wiederaufbauen. Aber anders ist nicht gleich besser, denn wie Bauernhof und Landwirtschaft in Eine Welt gehandhabt werden, ist einfach nur sonderbar. Mit einem technischen Gerät, welches uns die nicht weniger sonderbare Nachbarin Doc Jr. andreht, können wir unsere Farm einstecken und an anderen Orten aufstellen. Aber nicht zu viel erwarten: Das Spiel legt fest, wo wir uns niederlassen dürfen, und eine offene Welt bietet Harvest Moon auch nicht. Stattdessen wandern wir durch starre Korridore und ein Best-of der austauschbaren Videospielumgebungen. Wo wir Gemüse und Obst anpflanzen, entscheiden nicht wir, die Ackerfelder stehen vorher fest. Die Hacke und andere Werkzeuge können wir nicht einmal manuell zücken, das geschieht automatisch, wenn wir vor einem unbestellten Feld stehen.
Quelle: PC Games
Die Interaktion mit den Stallbewohnern ist denkbar simpel. Wie sehr euch das Tier mag, hat keinen Einfluss auf die Qualität der jeweiligen Produkte.
Liebevoll persönlich gestaltete Gemüsegärten? Nicht hier! Und das war noch nicht alles: Wir entscheiden sehr lange nicht einmal, was wir anpflanzen. In Eine Welt gibt es keine Samen zu kaufen, wir bekommen sie einzeln(!) von Erntegeistern geschenkt. Diese Erntegeister lungern auf der Map verteilt herum, wir müssen hinlatschen, sie ansprechen, und dann noch Platz im Inventar haben - wenn nicht, verfällt der Samen, denn es ist nicht möglich, Objekte aus dem Rucksack wegzuwerfen. Das Ergebnis ist für ambitionierte Farmer der pure Horror: Auf der Farm wächst alles kreuz und quer, denn vorher weiß man nicht, welchen Samen einem der nächste Wichtel schenken wird. Auch die Jahreszeiten existieren gefühlt nur pro forma: Im Frühling bauen wir zum Beispiel Kürbis an.
Quelle: PC Games
Alleine durch das Tal des Todes: Die öden Umgebungen ersticken Erkundungslust im Keim.
Es ist zwar leidig, jede Farming-Sim mit Stardew Valley zu vergleichen, aber das müssen sich Titel eben gefallen lassen, wenn sie nicht im Entferntesten an die Qualität der Ein-Mann-Indie-Produktion herankommen. Selbst Komfort-Features sind dem Rotstift zum Opfer gefallen: Es gibt keine Anzeige, die verrät, wie viel Wasser noch in unserer Gießkanne ist. Wir zählen also beim Bewässern der Felder wie ein Volltrottel mit oder werden immer wieder von einem nervigen Textkasten aus der Arbeit gerissen, wenn die Kanne leer ist. Eine bewusste Design-Entscheidung, falsch verstandener Minimalismus? Inkompetenz, gepaart mit Geld- und Zeitnot? Wenn wir das nur wüssten.
Auf der Walz
Quelle: PC Games
Angeln gehört in so ziemlich jede Farming-Sim. Auch in Eine Welt könnt ihr die Leine auswerfen, Spaß bereitet aber auch diese Nebenbeschäftigung kaum.
Da die übliche Farmarbeit so rudimentär ausfällt, könnte man meinen, dass es an anderer Stelle im Spiel mehr zu tun gibt. Das stimmt aber nur bedingt - klar, um neue Samen zu bekommen, müssen wir zwangsläufig ständig auf Schusters Rappen durch die Gegend spazieren. Dankenswerterweise können wir nach Abschluss des ersten Gebiets auf ein Schnellreisesystem zugreifen, sodass wir wenigstens ein bisschen Zeit sparen. Und Ausdauer - die sinkt nämlich auch beim reinen Herumlaufen! Wir sind einige Male auf dem Heimweg aus Erschöpfung ohnmächtig geworden, auch, weil die Ausdauerleiste in Form einer Herzanzeige furchbar nichtssagend und unpräzise ist. Alles keine Umstände, die permanente Wanderungen attraktiv machen. Abseits davon sind Nebenaufgaben sowie der Verlauf der Story ermüdend und abgedroschen. Beispiele gefällig?
Die Kühe des Farmers nebenan sind krank, bringt ihnen Gras. Nebencharakter XY, der nicht einmal einen Namen hat, braucht drei Auberginen. Gebt dem Typen am Strand Holz, damit er den Steg reparieren kann. Das motiviert natürlich nicht, tiefer in die unglaubwürdige Welt abzutauchen, in der Bauernhöfe in Hosentaschen teleportiert werden, aber keiner mehr weiß, wie man eine Kartoffel in den Boden steckt. Man kann sich mit einigen der innerlich toten Bewohner der Welt anfreunden oder mit ihnen anbandeln (wenn auch nur in Hetero-Konstellation), für Objektophile ist das vielleicht interessant. Freundschaften eröffnen Events in der Spielwelt, die allerdings ebenfalls enttäuschend ausfallen und die Mühe nicht wert sind.
Quelle: PC Games
Aufgaben aus dem Quest-Generator: Dieser NPC hat nicht einmal einen Namen und will Holz von uns zum Reparieren der Brücke. Zum Einschlafen!
Bei großen AAA-Produktionen hat es sich inzwischen herumgesprochen, zu den Entwicklern von Harvest Moon ist die Info noch nicht vorgedrungen: Eine große Welt sollte nicht dem Selbstzweck dienen, sondern auch was zu bieten haben. In Harvest Moon ist dies nicht der Fall, weder optisch noch inhaltlich. Da erstreckt sich eine platte Billig-Textur von der rechten bis zur linken Seite des Bildschirms, ab und zu sieht man uninspiriert verteilte Bäume und Steine, ansonsten einfallslose Leere und Langeweile. Harvest Moon sieht aus wie ein Mobile-Game, die Gebäude sind unscharf, Stalltiere haben keine Kollisionsabfrage und überschneiden sich mit unserer Spielfigur, das Design der Charaktere ist so austauschbar, dass wir alle NPCs gefühlt schon tausend Mal in anderen Titeln kennen gelernt und im Anschluss sofort wieder vergessen haben. Eine Grafik mit dieser Magerstufe sollte wenigstens flüssig laufen, doch weit gefehlt. Harvest Moon: Eine Welt ruckelt, sogar die Hintergrundmusik stottert, manchmal wird die Umgebung nachgeladen, während man mal wieder durch die Ödnis marschiert oder galoppiert.
Fehlt dem Bauern die Geduld ...
Quelle: PC Games
Keine offene Welt: Das neue Harvest Moon beschränkt eure Laufwege auf enge Korridore, die unterschiedlichen Areale sehen austauschbar aus.
Farming-Simulatoren verstehen es in ihren besten Momenten geschickt, Spieler mit vielfältigen Zielen zum Dranbleiben zu motivieren. Das reicht von kurzzeitigen Vorhaben (das Feld abernten) bis zu langfristigen Plänen (Verbesserung der Werkzeuge, Ausbau der Farm). Durch die arg beschränkten Möglichkeiten bei der Gestaltung des eigenen Bauernhofs fallen in Eine Welt schon bei der ersten Kategorie viele Aspekte weg, es fühlt sich nie an, als wäre es wirklich unser Hof, wir befinden uns stets nur auf der Durchreise. Aber auch auf lange Sicht bietet das Spiel zu wenige Gründe, um dran zu bleiben, mal ganz abgesehen von den technischen Gebrechen. Die Einwohner von Stardew Valley sind nicht die schillerndsten oder facettenreichsten Figuren, die ein Videospiel je gesehen hat, aber immer noch tausendmal vielschichtiger und interessanter als jeder Charakter in Harvest Moon.
Wieso sollte es uns interessieren, die Erntegöttin wiederzubeleben? Die Leute scheinen ja auch so ganz gut zurechtzukommen. Es ist erschreckend, wie wenig in Harvest Moon: Eine Welt steckt und wie unglaublich dieser dürftige Inhalt gestreckt wird: Alles ist viel zu kostspielig, zu viele Features werden erst sehr spät verfügbar - vermutlich zu spät für Farmer mit geringer Frustresistenz. Schön, wir können Kochen und Angeln - aber das macht in anderen Spielen einfach auch mehr Spaß.
Quelle: PC Games
Im Menü sind alle Schaltflächen (hier der Kalender) beinahe komplett blank, bevor man sie per Knopfdruck anwählt. Das wirkt unfertig und lieblos.
. . . ist Eine Welt dran schuld
Verwirrenderweise erklärt Harvest Moon die simpelsten Aufgaben zu ausführlich (alle Interaktionen mit Tieren beschränken sich auf genau einen Knopfdruck, trotzdem müssen wir dieses "Können" in einem Tutorial unter Beweis stellen), andere Mechaniken hingegen werden überhaupt nicht erläutert und man muss es sich selbst irgendwie zusammenreimen. Etwa die Gemüsemutationen - mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ändert sich die angebaute Art abhängig vom Ort des Feldes. Gerade bei Äckern abseits der Farm kann man jedoch der Umgebung unmöglich entnehmen, um was für einen Boden es sich handelt, ohne einen wertvollen Samen potenziell zu verschwenden. Gilt das Feld am Strand als Strandfeld? Oder deutet das Gras außenrum an, dass es sich doch um ein Wiesenfeld handelt?
Die unglücklichen Design-Entscheidungen im Spiel machen betroffen, da wundert es auch nicht, dass auf Bauerntrottel bereits jetzt der Season Pass sowie DLCs warten, für deren Entwicklung offensichtlich genug Ressourcen vorhanden waren, während die im Vorfeld angedachten Homo-Beziehungen wegen der Corona-Pandemie gestrichen werden mussten. Offensichtlich also, wo die Prioritäten für Natsume bei der Entwicklung von Harvest Moon lagen: keinesfalls auf der Erfüllung der Spielerwünsche. Wer sich auch nur ein bisschen in der Sparte auskennt, weiß es sowieso, aber bis nicht ein besseres Spiel erscheint, müssen wir mal wieder feststellen: Nichts geht über Stardew Valley. Aber auch Story of Seasons liefert dieses Jahr ein besseres Farmerspiel ab. Wir beziehen den Preis von Spielen nicht in die Wertung ein, es ist aber festzuhalten: Für den Inhalt ist Harvest Moon: Eine Welt zu teuer, selbst bei einem Rabatt solltet ihr euch den Kauf gut überlegen.
