Ist Outriders das nächste Anthem? (Kolumne)
Kolumne
Trotz eines ordentlichen Starts muss sich Outriders aktuell einiges anhören. Die Technik ist mies, das Balancing unausgewogen, die Serververbindung nach wie vor instabil. Klingt alles ziemlich vertraut, findet Redakteur David Benke und fragt sich: Macht der Loot-Shooter dieselben Fehler wie BioWares Genrekollege Anthem? Und droht hier vielleicht sogar ein ähnliches Schicksal?
Outriders ist der große Gewinner des Spielemonats April: Der Loot-Shooter konnte nach mehreren Wochen den Dauerbrenner Valheim vom Steam-Thron stoßen und innerhalb der ersten Woche gleich auch noch einige Rekorde einfahren: Mit über 125.000 gleichzeitigen Spielern stellte er etwa den besten Launch eines von Square Enix gepublishten Titels dar. Eigentlich sollte es bei Entwickler People Can Fly also jede Menge Grund zur Euphorie geben, die Realität sieht allerdings anders aus: Das Studio ist aktuell viel mehr um Schadensbegrenzung bemüht. Trotz des erfolgreichen Starts häufte sich zuletzt die Kritik, eklatante Fehler scheuchten die Spieler in Scharen davon. Erwartet uns hier also vielleicht ein Anthem 2.0?
Fangen wir zunächst mal mit dem Positiven an: Spielerisch kann man Outriders (jetzt kaufen 17,82 € ) tatsächlich noch am wenigsten vorwerfen. People Can Fly liefert hier ein stimmiges Ballerspektakel ab: Der Loot-Shooter macht Laune, spielt sich knackig und bietet mit seinen vier verschiedenen Klassen auch jede Menge Möglichkeiten zum Experimentieren. Klar, die Story ist doof, die Grafik höchstens Mittelmaß und das Gegner-, Level- oder Kampf-Design hätten auch etwas mehr Varianz vertragen können. "Immer feste druff" ist aktuell meist noch die beste Methode.
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Ohne Offline-Modus, ohne mich!
Die wirklich ernsthaften Probleme liegen für mich aber andernorts. Vor allem in Sachen Technik hat Outriders noch jede Menge Nachholbedarf: Das fängt bei überflüssigen Ladezeiten an, erstreckt sich weiter über asynchrone Cutscenes, Grafikbugs und Performance-Probleme und gipfelt schließlich in kaputten Missionstriggern oder endlosen Login-Bildschirmen, die den Titel komplett unspielbar machen. Dazu ist der Loot-Shooter auch noch komplett instabil. Besonders zum Launch häuften sich Abstürze und Verbindungsabbrüche. Aufgrund akuter Serverprobleme kamen zeitweise kaum funktionierende Sessions zustande. Das angepriesene Crossplay-Feature zwischen PC und Konsole wurde sogar komplett deaktiviert und erst kürzlich via Patch nachgereicht.
Quelle: Medienagentur Plassma
Am grundlegenden Baller-Gameplay von Outriders gibt es nicht allzu viel zu mäkeln, nur die technische Umsetzung sorgt für Kopfzerbrechen.
Aber auch im Singleplayer macht Outriders nicht immer besonders viel Spaß. Was unter anderem daran liegt, dass People Can Fly aus vollkommen unverständlichen Gründen auf einen Always-On-Ansatz baut. Bedeutet: Ihr müsst jederzeit mit dem Internet verbunden sein, selbst wenn ihr nur alleine zocken wollt. Ist der Server down, schauen auch Einzelspieler in die Röhre. Außerdem könnt ihr selbst in Solo-Session nie das Spiel pausieren. Wer mal eben eine kurze Pinkelpause einlegen möchte, hat Pech. Meiner bescheidenen Meinung nach eine absolute Frechheit dem Kunden gegenüber, zumal es ja gar keinen Anlass für eine dauerhafte Netzwerk-Anbindung gibt: Koop ist rein optional, PvP gibt es keinen, selbst Mikrotransaktionen sucht man vergebens. Warum kann ich also nicht offline spielen, wenn ich eine private Lobby erstelle? Das bekommen vergleichbare Genre-Vertreter - etwa der 3-Spieler-Koop-Shooter Remnant: From The Ashes - ja auch gebacken.
Insgesamt erscheint es an vielen Ecken und Enden fast so, als sei Outriders gar nicht designt worden, um alleine sonderlich viel Spaß zu machen. Besonders in höheren Weltstufen - also Schwierigkeitsgraden - wird das Spiel solo zunehmend anstrengend, beinahe unfair. Euch wird eine geradezu lächerliche Anzahl an Gegnern vorgesetzt, die nicht nur stark, sondern auch unglaublich zäh sind. Da Einzelspieler keine Möglichkeit haben, sich wiederzubeleben, kommt hier schnell Frust auf.
Spielfortschritt adé!
Multipliziert wird dieser dann noch durch den Umstand, dass euch Outriders beim Versuch, eure Ausrüstung passend zur steigenden Herausforderung mitzuleveln, unnötige Knüppel zwischen die Beine schmeißt. Wenn einer der Server abraucht, kann es nämlich passieren, dass euer darauf gespeicherter Charakter und damit all eure Items flöten gehen. Das Problem trat bereits zum Launch mehrfach auf, erlebte nach dem zuletzt aufgespielten Patch - der den Fehler ironischerweise ausbügeln sollte - aber ein erneutes Revival. So verloren Spieler teilweise ihren Fortschritt aus über 100 Stunden Spielzeit. Natürlich arbeiten die Macher aktuell daran, Geschädigte so gut wie möglich zu kompensieren. Auf Twitter teilte man etwa mit: "Wir wissen und bedauern zutiefst, dass einige Nutzer noch immer mit einem Inventory-Wipe zu kämpfen haben und tun alles was in unserer Macht steht, um das Problem zu lösen."
Für viele dürfte dieser Schritt aber wohl zu spät kommen, die haben bereits frustriert das Handtuch geworfen.
Und wenn nicht aufgrund eines Inventory Whipes, dann ja vielleicht aufgrund des miesen Endgames. Ohne Spaß: Da haben die Macher die Möglichkeit, sich bei Genre-Kollegen wie Destiny, Warframe oder The Divsion abzuschauen wie es richtig geht - oder eben bei Anthem oder Avengers, wie es nicht geht. Und dann lässt man diese Chance einfach ungenutzt und rennt blindlings ins Verderben. Schon im Vorfeld des Release ließen die Macher verlauten, man habe nicht auf die Konkurrenz geschaut. Und das zeigt sich nun auch deutlich an den Inhalten, die euch nach Abschluss der Kampagne erwarten: Aktuell gibt es lediglich Expeditionen zum Farmen von legendärer Ausrüstung. Das sind aber nicht etwa groß angelegte Raids, sondern eher kleine Bergungsmissionen: Ihr werdet losgeschickt, um Ressourcen und Waffen zu finden, die in Drop Pods aus dem Orbit fallen. Um an diese heranzukommen, gilt es, Welle um Welle an Gegnern platt zu machen, bevor ihr schließlich den schmackhaften Loot einsacken könnt. Der variiert je nachdem, wie schnell ihr die 15 verschiedenen Levels absolviert habt. Je flotter ihr seid, desto besser fällt eure Belohnung aus.
Quelle: PC Games
Wer Pech hat, verliert durch einen Bug sein komplettes Inventar. Nach wenigen Spielstunden noch kein Problem, kann sowas im Endgame ein echter Grund sein, das Spiel beiseite zu legen.
Ist das Endgame oder kann das Weg?
Das bedeutet im Klartext aber auch: Ihr seid quasi nur damit beschäftigt, euch unter Zeitdruck immer und immer wieder durch einen Haufen Gegner zu ballern - in der schmalen Hoffnung, irgendwann mal ein legendäres Items gedroppt zu bekommen. Das ist nicht nur langweilig, sondern sorgte auch bereits für massive Balancing-Probleme: Da während der Expeditionen der verteilte Schaden quasi den wichtigsten Faktor darstellt, werden Spieler, die nicht so schlagkräftig sind, gerne mal aus Endgame-Sitzungen geschmissen. Besonders Verwüster-Spieler sind von diesem Problem betroffen, da die Tank-Klasse nicht mit dem Damage-Output von Technomant oder Pyromant mithalten kann.
Quelle: PC Games
Ein vertrautes Bild für Outriders-Spieler: Wieder mal ist die Serververbindung unterbrochen worden.
Das führte in der Folge zu noch mehr Ärger. Ein kürzlich erfolgtes Update nerfte nun etwa die Spezialfähigkeiten der anderen zwei Klassen. Vor allem die Skills Verdrehte Kugeln, Verdorbene Kugeln und Vulkanische Kugeln wurden extremen Veränderungen unterzogen - etwa, indem Cooldown-Phasen erhöht oder Schadensbuffs verringert wurden. Laut People Can Fly hätten Spieler diese Mechaniken ausgenutzt, um solo den gesamten Endgame-Content durchzuspielen. Das sei von den Entwicklern nicht so geplant gewesen. Die Realität sieht nun allerdings so aus, das der Verwüster noch immer zu schwach ist, Spieler anderer Klassen aber auch noch der Spaß genommen wurde. Am Grundproblem hat sich indes quasi nichts geändert: Die Top-Builds sind nach wie vor die Top-Builds, sie spielen sich jetzt nur eben auch noch schlechter.
Nicht tot zu kriegen
Wie ihr seht: Es liegt einiges im Argen mit Outriders. Was uns zurück zur anfänglichen Frage bringt: Zeichnet sich hier ein weiterer Flop im Stile von Anthem oder Marvel's Avengers ab? Ich würde sagen: Nein, und das aus einem relativ einfachen Grund: Outriders ist, anders als die beiden Genre-Konkurrenten von BioWare oder Crystal Dynamics kein Live-Service-Game. Es gibt keine Seasons, keine Add-ons, auf die man noch warten müsste. Der Loot-Shooter ist ein in sich geschlossenes Werk und funktioniert in der Hinsicht auch ordentlich - wenn denn die Technik mitspielt. Es gibt genug Story, genug Gameplay, genug Inhalt - und das eben auch für Einzelspieler. Es ist also kein Problem, wenn die Spielerzahl sinkt, nachdem der Launch-Hype langsam abflaut.
Dadurch, dass der Titel im Xbox Game Pass verfügbar ist, und somit auch mal für den schmalen Taler mal ausprobiert werden kann, sollte ein Aussterben des Loot-Shooters zudem beinahe ausgeschlossen sein. Aber, und das muss in der Form auch ganz klar gesagt werden: Wenn die Macher noch mehr aus der Marke rausholen wollen, etwa in Form von in sich geschlossenen Erweiterungen, dann sollten sie alsbald daran arbeiten, die Spielerfahrung nochmal glattzubügeln. Und das möglichst bevor man das Restvertrauen der übrig gebliebenen Nutzer auch noch verspielt...
