Was dürfen Spiele und ist alles eine Frage des Geschmacks?

Kolumne Antonia Dreßler
Was dürfen Spiele und ist alles eine Frage des Geschmacks?
Quelle: Larian Studios

Schon immer wird sich darüber gestritten, was Bücher, Filme und Videospiele abbilden dürfen und ob es nicht Themen gibt, die in Unterhaltungsmedien nichts zu suchen haben.

Auf die Nachfragen vieler Spieler und Medien, inwiefern sich Unrecord denn mit dem Thema Polizeigewalt auseinandersetzen würde, reagierte das Studio abweisend. Man würde sich nicht von echten Events inspirieren lassen, Themen wie Diskriminierung, Rassismus, Gewalt gegen Frauen und Minderheiten fänden keinen Weg in das Spiel. Außerdem würde auch keine Meinung oder Einordnung über Polizeigewalt in dem Spiel stattfinden. Gleichzeitig betitelt das französische Studio ihr Spiel aber als Kunst, indem sie sagen: "Kunst kann sich nicht gegen Interpretation wehren".

Kunst hat keine Narrenfreiheit

Eine steile These, wie ich finde. Vor allem, wenn man schon gefragt wird, was das eigene künstlerische Werk denn zu bedeuten hat, hat man sehr wohl die Chance, sich zu wehren und als Schaffer dem Werk eine Interpretation mitzugeben. Und ein First-Person-Shooter, mit Body Cam in dem man einen Polizisten spielt, der eine Lagerhalle stürmt und auf unbewaffnete Leute zielt... Wohlgemerkt von einem französischen Studio - da ist es schwer, keine tiefere Bedeutung zu sehen.

Ego Perspektive, wie jemand auf einen unbewaffneten Menschen zielt. Quelle: PC Games

Ein Meisterwerk in Sachen schlimme Themen aufgreifen und verarbeiten ist das 2003 erschienene Drakengard, das als indirekter Vorgänger der Nier-Serie vorausgeht. Zugegebenermaßen war das Gameplay nicht das Gelbe vom Ei, aber die Geschichten, die das japanische Studio damals erzählte, hatten es in sich.

Ein Held ohne Happy Ending, da er es nach dem Meucheln von Hunderten von Gegnern nicht verdient; eine wahnsinnige Frau, die Kinder tötet, weil sie dann ja "sicherer" sind; Kindersoldaten und unterdrückte Pädophilie sind der Stoff aus dem Drakengard gemacht ist. Die schweren Schicksale sind spürbar, vieles ist nur angedeutet und die Zwischensequenzen haben eine gewisse Schwere, die der Tragik angemessen scheint.

Wann also darf ein Spiel was behandeln? Die Erfolgsformel ist kompliziert und lässt sich kaum in Worte fassen. Komplexe und kontroverse Sachverhalte mit in Spiele zu nehmen, einfach weil es nach einer spaßigen Idee klingt, ist aber kein sinnvoller Ansatz. Am Ende ist die Intention ein entscheidender Maßstab, ob es ok ist, wenn bestimmte Themen in Spielen angesprochen werden.

Drache und Mensch schließen einen Pakt. Quelle: PC Games Ob das durch Tragik, Reflexion der Spieler, oder parodistische Überspitzung geschieht, das ist am Ende den Entwicklern und Publishern überlassen. Eine klare Grenze, was ok ist, wird es aber nie geben. Denn was ich noch ok finde, da regen sich andere schon längst auf. Und andersherum schüttele ich den Kopf über Spiele, wo mich andere als zu empfindlich abtun.

Ein ewiger Prozess

Statt mit Mistgabeln aufeinander loszugehen und die eigene Meinung als die einzig richtige hinzustellen, ist es letztlich der gemeinsame Diskurs, der diese Maßstäbe innerhalb einer Gesellschaft setzen kann und muss. Denn wo ich nicht wirklich ein Problem sehe, wenn es um fiktiven, einvernehmlichen Sex mit einem Gestaltwandler in Bärenform sehe, die rein physische Problematik mal ausgeschlossen, verstehe ich, dass andere das überhaupt nicht angemessen finden. Für mich macht die humorvolle Art von Larians Aufbereitung viel wett und ich kann durch das absurde Szenario mitlachen.

Eine andere Meinung ist aber ebenso valide und sollte gehört werden dürfen. Immerhin ist die Gesellschaft und unsere Vorstellungen von "Gut" und "Richtig" stets im Wandel. Genauso fluide muss also auch der Maßstab sein, den wir an Videospiele oder andere Medien setzen - Ein ständiger, demokratischer Prozess also. Vielleicht ist die Antwort auf die Frage, was ein Spiel darf also: Alles und Nichts. Solange, bis genügend Leute sagen, dass es jetzt halt anders ist.

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