1982: Das wahrscheinlich wichtigste Filmjahr der Popkultur
Special
In seinem Rückblick auf das Filmjahr 1982 argumentiert Autor Sebastian Götting, warum es das wichtigste Filmjahr der Popkultur aller Zeiten war und ist.
Beweisstück Nr. 4: "Tron"
Als Drehbuchschreiber Steven Lisberger in den späten 70ern das erste Mal den Computerspiel-Urknall Pong sah, wusste er, dass er einen Film über Computer, ihre Spiele und SpielerInnen machen wollte. Da verwundert es kaum, dass der fertige Film genau wie "Pong" auch nur eine Silbe mit "o" hat. Ganz zauberhaft ist der bahnbrechende Neon-Schaltkreis-Look, der Computer simuliert. Eine Portion frühes CGI kommt zwar zum Einsatz, aber umso mehr handgefertigte Animation, die für heutige Augen lediglich wie CGI aussieht. Sicher, der Film romantisiert das Innere der Rechenmaschinen, sonst wäre er kaum von Disney, aber niemand rechnet damit, wie aufrichtig mit dem Thema umgegangen wird, nämlich in Form digitaler Heroik und ohne dass die Gamer als pickelige Eierköpfe herabgewürdigt werden. Für die Filmmusik wurde gezielt Wendy Carlos engagiert, eine Pionierin auf dem Gebiet der elektronischen Musik seit den 60ern.
Was das Erweisen von Respekt und das Erfinden neuer audiovisueller Welten angeht, ist der Film Lichtjahre weiter als viele seiner Nachahmer. Und ausnahmsweise sind sich Kritik, Kassenerfolg und das Langzeitvermächtnis des Films einig.
Quelle: Walt Disney Pictures
1982: Das wahrscheinlich wichtigste Filmjahr der Popkultur (8)
Honorable Mention: "Ein Offizier und Gentleman" ("An Officer and a Gentleman")
Louis Gossett Jr. ist fast so hart wie der Drill Sergeant aus dem fünf Jahre späteren "Full Metal Jacket", aber dieses Richard-Gere-Vehikel erspart uns das Kriegsgeschehen und zeigt stattdessen einfühlsames Charakterdrama. Ein Film, der mindestens viermal so gut ist wie sein Ruf im kollektiven Gedächtnis, geprägt von der Hitsingle "Up Where We Belong", und der dritterfolgreichste Streifen des Jahres in den USA.
Beweisstück Nr. 3: "Blade Runner"
Schon wieder so ein Film, der bei Erscheinen nicht erfolgreich war und erst in der Nachbetrachtung anwuchs zu kolossaler Größe. Ridley Scotts Umsetzung des klassischen Philip-K.-Dick-Stoffes "Do Androids Dream of Electric Sheep?" stellt die ganz großen philosophischen Fragen zu künstlichem Leben und gibt sich dabei als melancholischer, ergebnisoffener Neo-Noir.
Der dystopische Look des Molochs Los Angeles im Jahr 2019 dringt noch viel intensiver ins kollektive Bewusstsein und in die nachfolgende Popkultur ein, als es Conan, der Barbar tat. "Blade Runner", könnte man fast sagen, hat die Dystopie erfunden, aber auch die Angewohnheit, einen Film in unzähligen Schnittfassungen zu veröffentlichen.
Ridley Scott selbst hat wahrscheinlich irgendwann aufgehört zu zählen, aber ich gebe zu Protokoll: Workprint, Kinofassung, internationale Fassung, Director's Cut und Final Cut, mal mit Harrison Fords erklärendem Voiceover, mal ohne.
Doch all das verblasst im Vergleich zu Rutger Hauers unsterblicher "Ich habe Dinge gesehen"-Rede, als der Replikant am Ende des Films das Ende seines Lebens (?) erreicht.
Quelle: Warner Bros.
1982: Das wahrscheinlich wichtigste Filmjahr der Popkultur (9)
Honorable Mention: "Gandhi"
Wer war eigentlich der große Oscargewinner, der aus 1982 hervorging? Das dürfte mit acht Goldstatuen Richard Attenboroughs "Gandhi" gewesen sein.
Ein typischer Award-Liebling: alles andere als ein schlechter Film, aber heute eher ein bierernstes Biopic-Epos unter vielen. Ben Kingsley als friedlich protestierender Mahatma ist das Highlight, doch darüber hinaus war der Film, wie viele Oscar-Absahner, schlicht und ergreifend nicht stilgebend. Ganz anders als meine sonstigen Beweisstücke.
