1982: Das wahrscheinlich wichtigste Filmjahr der Popkultur

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
1982: Das wahrscheinlich wichtigste Filmjahr der Popkultur
Quelle: Universal

In seinem Rückblick auf das Filmjahr 1982 argumentiert Autor Sebastian Götting, warum es das wohl wichtigste Filmjahr der Popkultur aller Zeiten war und ist.

Für die großen Koryphäen der feuilletonistischen Filmkritik steht das Jahr 1939 ganz oben auf der Liste der bedeutendsten Filmjahre. Und ja, als Liebhaber klassischer Filme, der sich Cordsakko tragend gerne alte Schinken in seinem Ohrensessel reinzieht, stimme ich ihnen gerne zu. Viele Spätgeborene hingegen preisen das Filmjahr 1999. Ein Standpunkt, den ich zwar respektiere, denn da gab es vieles Interessantes zu sehen, ehrlicherweise ordne ich mich aber eher bei den Klassikern ein. Doch als Nerd mit einer gewissen (Pop-)Kulturbeflissenheit komme ich, sosehr ich es versuche, einfach nicht am Jahr 1982 vorbei, so bedeutungsvoll ist es. Meine Damen und Herren der Jury, bitte erlauben Sie mir ein Plädoyer dafür, dass 1982 das Geburtsjahr der modernen Filmkultur darstellt. Ich habe jeweils zehn Beweisstücke und sogenannte Honorable Mentions in meiner Advokatentasche.

Vor der Beweis- aber zunächst eine Bestandsaufnahme. Die Zeit der althergebrachten Klassiker ist im Jahr 1982 längst vorbei, die der Monumentalfilme ebenso. Das Neue Hollywood, geboren rund um "Rosemary's Baby", "Easy Rider" und "Die letzte Vorstellung" (The Last Picture Show) war über ein Jahrzehnt lang innovativ tonangebend mit introspektiven, starken Charakterzeichnungen, aber zwischenzeitlich zog ein ganz anderer Sturm auf.

Denn 1975 wurde der moderne Blockbuster geboren, benannt nach den Menschenschlangen, die sich um ganze Häuserblocks ihre Beine in den Bauch standen, um "Der weiße Hai" (Jaws) zu sehen. "Krieg der Sterne" (Star Wars) und "Jäger des verlorenen Schatzes" (Raiders of the Lost Ark) bauten darauf auf und hatten bewiesen, dass die sogenannten "Tentpole Pictures" kein vorübergehendes Phänomen, sondern die Zukunft des Filmgeschäfts darstellen.

Mit "Das Imperium schlägt zurück" ("The Empire Strikes Back") ist "Star Wars" sogar 1980 schon zu einem multimedialen und Merchandise-trächtigen Franchise geworden, von denen es zu diesem Zeitpunkt erst ein weiteres gibt. Das andere ist James Bond, der in diesem Jahr sein zwanzigjähriges Kinojubiläum feiert, aber der weltbekannte Geheimagent lässt 1982 ausrichten, dass er aktuell "in between movies" ist. Indiana Jones gehört auch dazu, meinen Sie?

Nein, der hat bisher nur einen Film unter der Lederjacke, das ist noch zu wenig für ein Franchise. Auch viele andere große Markennamen wie "Ghostbusters" und "Zurück in die Zukunft" (Back to the Future) sind eben genau das: Zukunftsmusik. Sie existieren 1982 noch nicht.

Beweisstück Nr. 10: "Der dunkle Kristall" ("The Dark Crystal")

Jim Henson, zu dem Zeitpunkt bekannt für die Muppets, die in der Sesamstraße die ganz Kleinen unterrichten und in der Muppet Show den Größeren Varietéunterhaltung bieten, will mehr. Er will sich kreativ verwirklichen. Mit tolkienesker Energie erschafft Henson den Planeten Thra, Heimat einer düsteren High-Fantasy-Welt.

Dort wohnen die Gelflinge, die sich optisch eher im Uncanny Valley aufhalten, als es die knollennasigen Muppets tun, und wirklich abstoßende Kinderschrecke, die Skekse. Der Planet Thra ist wild und längst nicht so pathetisch-bedeutungsschwanger wie Tolkien und der Film ein Meisterwerk des Artdesigns, voller innovativer Spezialeffekte und Puppentricktechnologie, dabei aber alles andere als leichtfüßig und spaßig.

Die Saga um den dunklen Kristall ist Teilen des Publikums zu unbehaglich und wuchtig, was dazu führt, dass der Film nur knapp Gewinne einfährt und lange Zeit unter dem Radar der Kritik fliegt. 40 Jahre später ist der Film im Ansehen deutlich gewachsen und gilt als Vorreiter in zwei Kategorien, deren Namen damals noch unbekannt waren: Worldbuilding und Edginess.

1982: Das wahrscheinlich wichtigste Filmjahr der Popkultur (2) Quelle: The Jim Henson Company 1982: Das wahrscheinlich wichtigste Filmjahr der Popkultur (2)

Honorable Mentions: "Das letzte Einhorn" ("The Last Unicorn") & "Mrs. Brisby und das Geheimnis von NIMH" ("The Secret of NIMH")

1982 floriert Animation mit Langzeitwirkung bei Studios, die ausnahmsweise nicht Disney heißen. Die Einhorn-Geschichte aus dem Hause Rankin/Bass und das Fantasy-Tierabenteuer des abtrünnigen Disney-Zeichners Don Bluth tragen Melancholie und wohligen Grusel in die klassische Kinderunterhaltung.

Beweisstück Nr. 9: "Nur 48 Stunden" ("48 Hrs.")

John Belushi, Steve Martin, Chevy Chase und Bill Murray waren die erste Generation von Komikern, die den Sprung von "Saturday Night Live" ins Kino schafften, mit Filmen, die erwartbaren Ulk ablieferten und gutes Geld machten. Eddie Murphy gehört zur zweiten SNL-Generation und bricht mit dieser Buddy-Komödie alle Rekorde.

Dabei sah der Film zunächst nur wenig vielversprechend aus. Durchsetzt mit derbsten Kraftausdrücken, wirklich niederträchtigen Bösewichten und expliziter Gewaltdarstellung machte sich der damalige Paramount-Chef Michael Eisner vor dem Kinostart große Sorgen. Ihm war das alles zu deftig und nicht lustig genug.

Doch mit nur einer Szene, in der Murphys Charakter sich als Polizist ausgibt und eine Bar voller rassistischer Hinterwäldler unter seine Kontrolle bringt, ist eine Legende geboren.

Der Film wird ein gewaltiger Hit, erfindet die rabiate Actionkomödie und macht Murphy über Nacht zu einem der zehn bestverdienenden Stars aller Zeiten. Was wiederum den Weg ebnet für Robin Williams und Jim Carrey, die es ohne den Vorreiter Murphy nie so weit gebracht hätten.

1982: Das wahrscheinlich wichtigste Filmjahr der Popkultur (3) Quelle: Paramount 1982: Das wahrscheinlich wichtigste Filmjahr der Popkultur (3)

Honorable Mention: "Night Shift - Das Leichenhaus flippt völlig aus"

Noch eine Komödie, die einem Star zum Durchbruch verhilft. Hier sehen wir den zukünftigen Batman, Beetlejuice oder Birdman Michael Keaton in seinem ersten Film. Dabei spielt er nicht einmal die Hauptrolle in diesem Frühwerk von Ron Howard, die gebührt einem damals viel größeren Namen: Henry "The Fonz" Winkler.

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