Game of Thrones ist als Open-World-Spiel erschienen - und keiner hat es mitbekommen. Ist das auch gut so?

Special Stefan Wilhelm
Game of Thrones ist als Open-World-Spiel erschienen - und keiner hat es mitbekommen. Ist das auch gut so?
Quelle: Netmarble

Obwohl Game of Thrones: Kingsroad eigentlich das lange ersehnte Open-World-RPG in Westeros ist, redet so gut wie niemand über das Spiel. Warum? Und vor allem: zurecht?

... aber die Eiserne Bank will ihr Geld!

Aber Moment mal, seht ihr das auch? Sieben Höllen, da steht ja ein Elefant im Raum, mit einem Smartphone im Rüssel! Oh nein, der Elefant ist anfällig für Glücksspielmechaniken und hat schon sein gesamtes Erspartes in Mobile-Games investiert! Jetzt muss er sein letztes Hab und Gut ins Elepfandhaus bringen, damit er weiter seine Sucht befriedigen kann!

Ja, GoT: Kingsroad ist äußerlich ein Story-fokussiertes Open-World-Abenteuer, aber eben auch ein Free-to-Play-Mobile-Game. Und das drängt sich mit zunehmender Spieldauer immer mehr in den Vordergrund. Beinahe nach jedem Furz, den ich in Westeros tätige, bricht eine Lawine aus roten Ausrufezeichen über mein Spielmenü herein, die ich im Austausch gegen Belohnungen feinsäuberlich wegdrücken muss.

Gratis-Battlepass, Premium-Battlepass, vier bis fünf verschiedene Events, alles zeitlich begrenzt, Login-Boni, "einmalige Angebote" nach dem Abschluss bestimmter Etappen der Geschichte, eine Währung, die ich für bessere Belohnungen nach wiederholbaren Kämpfen ausgebe und die sich entweder über Zeit oder unter Einsatz (kaufbarer) Tickets auflädt, Upgrade- und Crafting-Systeme bis zum Abwinken, die teils noch mit einer Bauzeit daherkommen, und natürlich *tiefes Einatmen* kann diese auch mit einer der unzähligen Währungen übersprungen werden.

Dazu gibt's noch ein optionales Monatsabo für knapp 13 Euro, das dann regelmäßig Währungen und Ressourcen abwirft.

Wie viele Währungen das genau sind und wofür sie eingesetzt werden, darüber habe ich in bester Mobile-Game-Manier natürlich schon längst den Überblick verloren. Was ich nach zehn Stunden sagen kann: Die ganzen Fortschrittssysteme wirken a) ziemlich aufgesetzt und b) bisher nicht nötig, um in der Story voranzukommen.

Ein Cockatrice-Monster kämpft gegen eine Gruppe Spieler. Quelle: Netmarble Kingsroad macht aber keinen Hehl daraus, dass es gerne bezahlt werden möchte. Kurz nach der Ankunft in der offenen Welt lässt sich etwa bereits ein kleines Paketchen mit Echtgeldwährung kaufen, das die Schnellreisefunktion angenehmer macht. Die ist dann nämlich von überall und kostenlos möglich, während man ohne das Paket erst einen Wegweiser aufsuchen und dann eine kleine Menge Ingame-Währung berappen muss.

Solche Convenience-Items sind auch in als sehr fair geltenden F2P-Games wie etwa Path of Exile enthalten und bei Kingsroad immerhin schon für kleines Geld, teils sogar für Ingame-Währung zu haben. Das winzige Inventar lässt sich zum Beispiel auch mit der Währung vergrößern, die man unter anderem fürs Lesen der Tutorials bekommt. In dem Punkt geht das für mich also noch in Ordnung - einmal ein paar Euro für dauerhaft freigeschaltete Komfortfunktionen in einem PvE-Spiel auszugeben, das kann ich runterschlucken.

Die schiere Menge an Währungen, Items und Kaufoptionen bereitet mir trotzdem Bauchschmerzen, genau wie die Tatsache, dass Kingsroad sein "wahres Gesicht" erst nach und nach offenbart. Ich schalte ständig neue Mechaniken und Menüpunkte frei, die sich auf die eine oder andere Weise auch mit Echtgeld befeuern lassen, während in den ersten Spielstunden der Shop nicht einmal zugänglich ist.

Eine Stadt in Westeros. Quelle: Netmarble Später kommt etwa noch ein System dazu, mit dem ich einen Spähtrupp auf Artefaktsuche schicken kann. Diese Artefakte liefern dicke Attributsboni und werden über ein viel zu kompliziertes System aufgewertet, sobald ich sie, zufällig natürlich, bei der Artefaktsuche "gezogen" habe. Das ist also das Gacha-System, das bei Kingsroad natürlich auch an Bord ist, genau wie alle anderen Mittel und Wege, mit denen sich Mobile-Games finanzieren.

Und auch, wenn ich bisher alles spielen und machen konnte, was ich wollte, weiß ich aus Beispielen wie Diablo: Immortal, dass sich die wahren Echtgeld-Abgründe solcher Spiele gerne erst dann auftun, wenn schon sehr viel Zeitinvestment drinsteckt. Und ich weiß, dass es Absicht ist, mich am Anfang mit Ressourcen zu überhäufen, damit ich mich an den schnellen Fortschritt gewöhne, nur um dann irgendwann die Bremse reinzuhauen und mich bezahlen oder gottlos grinden zu lassen, damit es weitergeht.

Macht Kingsroad das bisher? Nein. Deutet alles darauf hin, dass es irgendwann passieren wird? Ja.

Game of Thrones kann immer noch keine Games

Das wäre schade, denn bisher fühle ich mich von Kingsroad ganz passabel unterhalten - jedenfalls mehr als von den anderen (offiziellen) GoT-Spielen, die ich bisher ausprobiert habe. Aber es ist schon bezeichnend, wie viel besser Kingsroad noch hätte sein können, wenn es nicht in dieses Gratis-Mobile-Korsett gequetscht worden wäre.

Stellt es euch vor: Das Gameplay eines AC oder Ghost of Tsushima, noch etwas tödlicher und taktischer - und mit guten Animationen, wuchtig und ohne Lags, weil es nicht auf Smartphones und immer online sein muss.

Ein frei begehbares Westeros, das nicht auf Mobile-Größe zusammengedampft ist, und ausführliche Quests, die Geschichten erzählen dürfen, die auch mal länger als eine Klopause dauern. Viel weniger, tatsächlich sinnvolle Upgrade-Systeme und eine Story, bei der man sich drauf freuen darf, weiterzuspielen, weil nicht diese Vorahnung über allem schwebt, dass man irgendwann wohl zum Grinden oder Bezahlen gezwungen wird.

Es könnte so schön sein, und die Ansätze für ein solches Spiel sind ja bereits in Kingsroad enthalten.

Aber um das mal richtig umzusetzen, müssten die Lizenzinhaber einsehen, dass es sich lohnen würde, ein großes, normales PC- und Konsolenspiel im GoT-Kosmos zu entwickeln, und dass es nicht immer "gratis" und auf dem Handy sein muss. Ja, HBO und Warner Bros., ich möchte mich bei einem Game-of-Thrones-Spiel durchaus mal dreckig fühlen. Aber nicht wegen der Finanzierung.

Game of Thrones: Kingsroad ist aktuell für PC (Steam) im Early Access erhältlich, in nicht allzu ferner Zukunft soll das Spiel aber auch für iPhones und Android-Geräte erscheinen. Die Early-Access-Version verlangt den Kauf eines Gründerpakets (25, 50 oder 90 Euro), um Spielen zu können, zum vollen Release wird das Spiel allerdings kostenlos spielbar sein. Transparenzhinweis: Uns wurde ein Zugang zum Spiel in Form des 90-Euro-Gründerpakets von Netmarble / keySquare PR und zur Verfügung gestellt.

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