Game of Thrones ist als Open-World-Spiel erschienen - und keiner hat es mitbekommen. Ist das auch gut so?

Special Stefan Wilhelm
Game of Thrones ist als Open-World-Spiel erschienen - und keiner hat es mitbekommen. Ist das auch gut so?
Quelle: Netmarble

Obwohl Game of Thrones: Kingsroad eigentlich das lange ersehnte Open-World-RPG in Westeros ist, redet so gut wie niemand über das Spiel. Warum? Und vor allem: zurecht?

Der künstliche Kit Harrington sieht gar nicht mal verkehrt aus, denke ich mir, und der englische Sprecher macht auch einen ordentlichen Job. Ohnehin ist die Inszenierung für ein für mobile Plattformen konzipiertes Spiel gelungen - die Animationen und Mimik der Figuren sind nicht auf dem aktuellen Stand der Triple-A-Technik, aber fast alle Dialoge sind vertont, es gibt Verfolgungsjagden und Action-Szenen, die Musikuntermalung weiß auch zu gefallen.

Gut, es sind immerhin Ramin Djawadis legendäre Stücke aus der Serie, aber in Kombination mit dem Wiedererkennungswert der großen Lokalitäten stellt sich bei Kingsroad durchaus Westeros-Atmosphäre ein.

Das gilt allerdings weniger in den Kämpfen - wenn man mich fragt, stünde einem Game-of-Thrones-RPG am ehesten ein realistisches Kampfsystem wie das von Kingdom Come: Deliverance 2 gut zu Gesicht, bei dem wenige Treffer tödlich sein können. Dreckig und brutal müssen sie sein, die Gefechte, wenn sie diesem Szenario Rechnung tragen wollen.

Wie schon erwähnt ist Kingsroad allerdings ein simpel zu spielendes Hack and Slay und sowohl ich als auch meine Kontrahenten können mühelos viele Schwerthiebe wegstecken. Es fehlt an Wucht, an Brisanz, an Kampfgefühl, vermutlich auch, weil das Spiel permanent mit dem Internet verbunden ist und sich kleine Server-Lags in Form von unsauberer Treffererkennung bemerkbar machen. Teils kommt es mir vor, als würden alle "aneinander vorbei kämpfen", als hätten Animation und Wirkung nicht wirklich etwas miteinander zu tun.

Der Ritter sticht mit seinem Schwert zu. Quelle: Netmarble

Könnte man machen ...

Nicht falsch verstehen, es macht nun nicht keinen Spaß, sich durch Banditenhorden zu prügeln, vor allem, sobald in einem der Skilltrees die Parierfähigkeit freigeschaltet ist, oder ein dicker Brocken nach einem Schlaghagel Finisher-bereit zusammenklappt. Es funktioniert, aber Bäume werden nun auch keine ausgerissen.

Unter der aufgehübschten Fassade der PC-Version werkelt immer noch ein Spiel, das auch auf Handys laufen muss, und das ist den eher altbackenen Animationen auch anzusehen. Auf dem Pferd oder Schattenwolf durch Westeros zu reiten sieht auch nicht allzu pralle aus, weil die Reittiere wirken, als wären sie nicht wirklich mit dem Untergrund verbunden und würden fröhlich durch die Gegend driften.

Dafür wartet bei Kingsroad eine optisch gefällige und spaßig zu erkundende Mini-Version des Kontinents Westeros, die ich nach und nach bereise. Nach zehn Stunden habe ich es erst von der Mauer bis nach Winterfell geschafft, und auch, wenn es doch eher ein (sehr) breiter Schlauch als eine wirklich in alle Richtungen offenstehende Landschaft ist, habe ich sie bislang gerne abgegrast.

Die Menge an Nebenkram ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht erschlagend groß und die Hauptmissionen haben mir noch keinen Levelgating-Riegel vorgeschoben, sodass ich in meinem Tempo voranmarschieren durfte. Es gibt natürlich die üblichen Verdächtigen wie Banditenlager und Schnellreisepunkte abzuklappern, aber auch Umgebungs-"Rätsel" in wirklich dicken Anführungszeichen, denn die lösen sich mit der Detektivsicht quasi von selbst.

Ein Gegner setzt zum gefährlichen Angriff an. Quelle: Netmarble Die Nebenquests sind die übliche Hol-Bring-Töte-Chose, aber sie erzählen alle ihre kleinen, oft finsteren Geschichten und sind schnell erledigt - da kann man also durchaus ein paar mitnehmen, ohne sich zu langweilen. Die kurzen Quests erreichen erzählerisch kein Witcher-3-Niveau, aber zusammen mit den vielen sammelbaren Lore-Schnipseln erlauben sie es, Westeros noch ein bisschen besser kennenzulernen.

Da ich die zugrundeliegenden Bücher bisher nicht gelesen, sondern nur die Serie geschaut habe (Schande! Schande!), und das auch schon vor einer ganzen Weile, kann ich nun nicht genau einschätzen, wie sehr die Lore für das Spiel zurechtgebogen wurde. Dass wir einen Charakter aus einem neuen Haus spielen, aber trotzdem mit den meisten großen Figuren aus dem Universum zusammenarbeiten dürfen, gibt jedenfalls schon den Eindruck, als wäre einiges dazugedichtet worden. So oder so - störend finde ich's bisher nicht.

"Stört nicht", "kein Witcher-3-Niveau", "kann man machen, ohne sich zu langweilen" - Ihr lest es wahrscheinlich schon heraus: Meine Erwartungen an Kingsroad waren nicht gerade hoch, und auch, wenn mich das Spiel als Casual-Fan des Universums ganz ordentlich unterhält, so haut es mich nicht um. Es ist ordentliche Action-Adventure-Kost, wie Assassin's Creed Valhalla in sichtlich günstiger, dafür mit dem Bonus, dass man irgendwann zu Fuß von der Mauer bis nach King's Landing laufen und sich mit Jamie, Jon und Co. unterhalten kann.

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