Rundenstrategie in Echtzeit & der Weg in die Politik

Special Carlo Siebenhüner
Rundenstrategie in Echtzeit & der Weg in die Politik
Quelle: THQ Nordic

Wenn es um deutsche Wirtschaftssimulationen geht, muss man die Gilde erwähnen. Wir schauen auf die Anfänge der Serie und was die Wi-Sim ausgezeichnet hat.

Dabei tickt aber immer die Uhr unerbittlich und kontinuierlich runter. Die Gilde (jetzt kaufen ) bleibt den Fuggern grundsätzlich treu und ist eigentlich ein Rundenstrategiespiel. Allerdings laufen die Runden selbst dann in Echtzeit ab.

Ein Tag startet um sechs Uhr morgens und um elf Uhr abends läutet der Nachtwächter das Ende ein. Am Ende des Tages bekommt man eine kurze Bilanz, wie die Finanzen stehen, und eine kleine geschichtliche Abhandlung, was gerade in der Heimatstadt und im restlichen Deutschland los ist. Nettes Detail hier: Wer will, kann sich selbst und die Charaktere der anderen Dynastien in die Geschichte der Stadt einbauen. Dann webt das Spiel selbst die Namen ein.

Startet die nächste Runde, ist nicht nur ein Jahr vergangen, sondern auch eine Jahreszeit. Das Bild der Stadt ändert sich also immer wieder. Doch nicht nur, weil im Winter Schnee liegt oder im Sommer die Tage länger sind.

Die Hierarchien der Stadt und des Landes sind übersichtlich zusammengefasst. Quelle: PC Games Die Hierarchien der Stadt und des Landes sind übersichtlich zusammengefasst.

Ab in die Politik

Wer sich Geld zusammengekratzt hat, kann seine bestehenden Gebäude nämlich ausbauen oder gleich ganz neu bauen. Das gilt natürlich auch für die anderen Dynastien, und so erweitert und vergrößert sich das Stadtbild stetig. Man hat wirklich das Gefühl, dass die KI-Kollegen ihre Dynastie voranbringen und die Stadt im besten Fall floriert.

Die erste Zeit in Die Gilde kümmert man sich aber erst mal um seinen Betrieb und versucht, überhaupt ein paar Kröten zusammenzukratzen. Erst später öffnet sich das Spiel dann immer weiter und die zweite Hälfte des Gameplays wird zugänglich. Ebenfalls wie bei den Fuggern ist der Aufstieg in die Politik eine Kernmechanik. Dafür muss man aber erst mal das Bürgerrecht der Stadt bekommen, und das dauert ein paar Runden.

Das Spiel beschränkt einen ganz bewusst, damit man erst mal lernt, den eigenen Betrieb zu managen. Und selbst, wenn man sich endlich Bürger der Stadt schimpfen darf, dann ist noch lange nicht sicher, dass man auch in Amt und Würden gekleidet wird. Im Gegenteil! Erst mal muss man überhaupt schauen, wo eine Stelle frei wird, im untersten Teil der Nahrungskette der Stadtdiener. Wer das nicht dem Zufall überlassen will, der kann aber natürlich auch nachhelfen.

Ein großer Teil des Politikspiels in Die Gilde sind, wie auch schon bei den Fugger-Spielen, die Intrigen und dunklen Machenschaften. Im Hinterzimmer, das man sich mit genügend Kohle einrichten kann, werden Spione ausgeschickt, um Druckmittel zu besorgen. Doch auch Drohungen, Schmähbriefe am schwarzen Brett oder sogar Anschläge auf die Konkurrenten sind möglich.

Hilft alles nichts, muss ein Duell die Fehde endgültig klären. Quelle: PC Games Hilft alles nichts, muss ein Duell die Fehde endgültig klären. Gerade diese Aktionen starten dann natürlich das Kopfkino. Wie im Geschichtengenerator Crusader Kings entstehen auch in Die Gilde mit jeder neuen Partie eigene kleine Geschichten und Fehden.

Wenn ein geplanter Coup reibungslos läuft und man damit einen Konkurrenten aus dem Weg schafft, ist das ein herrliches Gefühl. Genauso aber auch, wenn der vermaledeite Taugenichts in der Gegner-Dynastie tatsächlich doch noch Wind davon bekommt und einen zum Duell herausfordert oder anderweitig zur Tat schreitet. Solche kleinen Episoden machen Partien in Die Gilde einfach erinnerungswürdig.

Der Weg ist das Ziel

Damit man solche Aktionen auch starten kann, sind natürlich entsprechende Skills, aber auch genügend Aktionspunkte nötig. Von denen bekommt man am Anfang jeder Runde einen festen Betrag, den man dann ausgeben oder sparen kann.

Denn neben den zwielichtigen Aktionen braucht man die Dinger auch für Weiterbildungen. Ein vorbildlicher Handwerker, wie es unser Pieter Carlo Gamsius ist, verfeinert seine Handwerkskunst natürlich immer weiter, damit er seinen Betrieb auch immer weiter ausbauen und neue und vor allem teurere Produkte herstellen kann.

Aber auch die Liebe sollte man nicht aus den Augen lassen, oder sagen wir mal eher: die Produktion von Nachkommen. Eigentlich sucht man sich nämlich nur die Herzensdame oder den Herzensmann aus, der die vielversprechendsten Attribute hat, damit die daraus entstehenden Nachkommen auch gut weiterspielen können.

Schneller als man denkt, steht nämlich auch der Sensenmann vor der Tür. Einerseits war die Lebenserwartung im 15. Jahrhundert jetzt allgemein nicht so hoch wie heute. Im Spiel ist gerne mal mit 40 oder 50 Jahren Schluss. Es kann aber auch mal Außreißer nach oben geben.

Oder nach unten, denn wer sich mit Pech die Pest einfängt oder eine Kugel beim Duell, für den ist auch schon schneller Schluss. Da ist es sehr praktisch, schon einen ausgebildeten Erben parat zu haben. Nur dann kann man die Partie nämlich überhaupt weiterspielen.

Im Hinterzimmer werden die Intrigen gesponnen. Quelle: PC Games Im Hinterzimmer werden die Intrigen gesponnen. Nachdem unser Pieter Carlo Gamsius ein ehrbares Leben geführt und sogar zum Meistertischler von Nürnberg aufgestiegen ist, haucht er auch schon sein Leben aus. An seine Stelle tritt sein ältester Sohn Paul Constantin Gamsius, der zwar Betriebe und Geld erbt, in der Politik aber wieder von vorn anfangen muss. Zumindest, wenn er das denn will.

Das Tolle an Die Gilde ist eben die spielerische Freiheit. Natürlich kann man die höchsten politischen Ämter anstreben oder den größten Reichtum anhäufen. Zum Spielstart wählt man auch ein Ziel, das man im Laufe der Partie erreichen muss, um zu gewinnen. Doch man kann das auf unterschiedliche Weise erreichen.

Wer nicht mit unfairen Mitteln spielen will, darf sich auch bei den richtigen Leuten einschleimen, mit großartigen Festen, die man schmeißt, oder indem man Parfüm aufträgt und sich mal die Haare kämmt. Doch nicht mal das ist unbedingt wichtig. Wer möchte, kann eben auch einfach nur seinen Handwerksbetrieb leiten und ausbauen und irgendwann zum Gildenmeister der Zunft aufsteigen.

Wem das auf Dauer zu eintönig ist, dem stehen noch zahlreiche andere Berufe zur Verfügung, auf die man umschulen kann. Familie Gamsius hat sich zum Beispiel noch eine Geldleiherstube geleistet, bei der sich andere Spieler Geld leihen und natürlich mit Zinsen wieder zurückzahlen müssen. So hat die Gilde immer einen passenden Weg, um für jeden Spielertyp die passende Geschichte zu erzählen.

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