CD Projekt Red: Nach dem Cyberpunk-Debakel - wo sind die Entwickler hin?

Special Christian Schmid Lukas Schmid
CD Projekt Red: Nach dem Cyberpunk-Debakel - wo sind die Entwickler hin?
Quelle: CD Projekt Red

Spätestens seit The Witcher 3 galt CD Projekt Red als einer der legendären Entwickler im Videospiele-Sektor. Mit Cyberpunk 2077 änderte sich jedoch schlagartig alles: Skandale, verspieltes Vertrauen und abspringende Entwickler trafen das polnische Entwicklerhaus hart. Wir werfen einen Blick auf die jüngere Geschichte von CD Projekt Red, den aktuellen Status, die Projekte ehemaliger Entwickler und das, was noch kommt.

Wenn man die Geschichte von CD Projekt Red betrachtet, dann erkennt man den Werdegang eines Underdogs, der zu einem der ganz Großen des Videospielesektors wurde - und anschließend aus schwindelerregender Höhe stürzte. Dabei gibt es einen ganz klaren Schnitt: vor Cyberpunk 2077 und nach Cyberpunk 2077. Nur wenige Spiele schafften es, die öffentliche Meinung von einem einst geliebten Entwicklerstudio von heute auf morgen so umfassend und nachhaltig zu verändern. Damit ist die Geschichte von CD Projekt Red und sein Fall auch eine Geschichte von Cyberpunk. Wir werfen in diesem Artikel einen sehr genauen Blick darauf, wie es zu dem Desaster kommen konnte, welche Entwickler absprangen und was für Projekte die ehemaligen CDPR-Developer inzwischen betreuen. Außerdem wagen wir natürlich einen Ausblick auf die Zukunft von CD Projekt Red. Denn auch, wenn es ernst aussieht, ist das Studio noch lange nicht am Ende.

Cyberpunk und der Hype

Wir schreiben das Jahr 2016. Es ist zu diesem Zeitpunkt nicht übertrieben zu sagen, dass das polnische Entwicklerhaus zu den Superstars der Industrie gehörte: The Witcher 3 ging zusammen mit seinen beiden Erweiterungen Hearts of Stone sowie Blood & Wine als eines der besten Videospiele aller Zeiten in die Gaming-Geschichtsbücher ein.

Einzigartige Charaktere sowie eine stimmige, finstere und oft unglaublich emotionale Geschichte wechselte sich mit phänomenalen Landschaften und knackigen Kämpfen ab. CD Projekt Red stellt zu diesem Zeitpunkt in den Köpfen seiner Fans eine absolute Ausnahmeerscheinung dar: Ein AAA-Entwicklerstudio, das komplette Spiele auf den Markt brachte, die von Beginn an geradezu auf Hochglanz poliert waren.

Nach zwei verschobenen Erscheinungsdaten gab CD Projekt Red im Jahr 2015 sogar an, das Spiel ein drittes Mal zu verschieben. Als Grund wurde der katastrophale Release-Zustand von Assassins Creed: Unity genannt, der später sogar in das kollektive Meme-Gedächtnis der Spielerschaft übergehen sollte. In der heutigen Zeit ist dieses Bekenntnis zu kompromissloser Qualität immer noch eine Ausnahmeerscheinung und so verdiente sich das Studio mit jedem Schritt mehr des berechtigten Vertrauens seiner Spielerschaft.
Der inzwischen berühmt-berüchtigte Trailer für Cyberpunk 2077 versprach die Welt ... und gilt heute als Mahnmal für Hype und gebrochenes Vertrauen. Quelle: CD Projekt Red Der inzwischen berühmt-berüchtigte Trailer für Cyberpunk 2077 versprach die Welt ... und gilt heute als Mahnmal für Hype und gebrochenes Vertrauen. Das war auch bitter notwendig, denn der Satz "Es ist fertig, wenn es fertig ist" erhielt mit dem Projekt Cyberpunk 2077 eine ganz neue Bedeutung: Erstmals im Mai 2012 (!) angekündigt, stellte das Spiel von Beginn an die große Hoffnung von Cyberpunk-Fans weltweit dar. Mit dem Erfolg von The Witcher 3 und den völlig gerechtfertigten Verschiebungen schien die lange Wartezeit mit einem Mal nicht mehr ganz so abwegig.

Zudem besaßen die polnischen Entwickler vor dem dritten Teil der Witcher-Reihe keine Erfahrungen im Open-World-Genre, denn Teil eins und zwei spielten jeweils in abgeschlossenen Arealen. Und wenn ihr erstes Open-World-Experiment ein derartiger Erfolg war, dann würden sie ihre gesammelte Erfahrung in Cyberpunk erst so richtig ausspielen können ... oder?

Im Jahr 2018 gelangte Cyberpunk 2077 schließlich mit einem massiven, 48-minütigen Gameplay-Trailer wieder in das Licht der Öffentlichkeit. Was wir hier sahen, schien die Wünsche und Hoffnungen der Spieler in einem Wirbel aus fantastischen Features und bombastischer Grafik zu bestätigen: Cyberpunk war echt und es sah großartig aus.

Versprechen und Realität

Dazu muss man dringend erwähnen, dass die Werbe-Maschine von CD Projekt Red zu diesem Zeitpunkt bereits auf Hochtouren lief. Das von Fans geliebte Tischrollenspiel-Setting von Mike Pondsmith war mit seinem düsteren Zukunfts-Setting ohnehin sehr ungewöhnlich für ein Open-World-Spiel und wurde von CDPR mit aller Macht beworben. Der Trailer schlug ein wie eine Bombe und verhieß gigantische Versprechen wie "Die Straßen der Stadt wimmeln vor Leuten aller Lebenswege.

Jeder Einzelne lebt sein Leben in einem vollumfänglichen Tag-Nacht-Zyklus." CD-Projekt-Red-CEO Adam Kicińsk kritisierte im Jahr 2018 große Entwicklerstudios wie EA außerdem mit aller Macht und gab Äußerungen von sich wie "Wenn man ein Vollpreisspiel kauft, dann sollte man ein großes, auf Hochglanz poliertes Stück Content erhalten."

Merchandise, Erwartungen und das am meisten erwartete Spiel aller Zeiten: CDPR schoss in Sachen Cyberpunk 2077 aus allen Rohren – und manövrierte sich dadurch selbst in eine Situation, in der sie auch das unglaubliche Spiel liefern mussten, das versprochen wurde.<br> &nbsp; Quelle: CD Projekt Red Merchandise, Erwartungen und das am meisten erwartete Spiel aller Zeiten: CDPR schoss in Sachen Cyberpunk 2077 aus allen Rohren – und manövrierte sich dadurch selbst in eine Situation, in der sie auch das unglaubliche Spiel liefern mussten, das versprochen wurde.
 
Keanu Reeves trat live auf der E3 2019 auf und die Äußerung "You're breathtaking" wurde ebenso mit Reeves wie mit den Erwartungen an Cyberpunk verknüpft.

Eine massive Merchandise-Offensive versorgte Fans währenddessen mit allem, was sie sich auch nur erträumen konnten: von Kopfhörern, über Kunstdrucke, Hosen, Tassen und Klamotten bis hin zu Puzzle-Spielen, Gaming Chairs und selbst ganzen Smartphones sowie Sneakern von Adidas.

Fans und Journalisten gleichermaßen glaubten CD Projekt Red jedes einzelne Wort. Und warum auch nicht? Bisher gab CDPR der versammelten Gamer-Gemeinde nicht den geringsten Grund, an ihren Äußerungen zu zweifeln. Wenig später wurde jedoch bekannt, dass Features aus den Trailern wie die U-Bahn oder das Mauerlaufen ersatzlos gestrichen wurden.

Verspätungen folgten auf Verspätungen, aber wenn man nach dem ging, was man inzwischen gewohnt war, war das nur ein Anzeichen für gute Qualität, denn wir erinnern uns: CD Projekts CEO gab stolz bekannt, dass Spieler bei Release vollständige Spiele verdienten. Weitere Verschiebungen folgten, ebenso wie Beteuerungen vonseiten CDPRs, dass die Entwickler definitiv nicht in den gefürchteten "Crunch" übergehen würden - und doch schickten sie die Mitarbeiter kurz vor dem Release von Cyberpunk 2077 kurzerhand in eine Sechs-Tage-Woche.
Cyberpunk 2077 war auf Last-Gen-Konsolen schlicht und ergreifend unspielbar. Viele PC-Spieler waren sich gar nicht im Klaren darüber, wie katastrophal der Zustand der PS4 und Xbox-One-Varianten des Spiels ausfiel. Und nein, es hatte nichts mit den Konsolen an sich zu tun. Quelle: Christian Schmid Cyberpunk 2077 war auf Last-Gen-Konsolen schlicht und ergreifend unspielbar. Viele PC-Spieler waren sich gar nicht im Klaren darüber, wie katastrophal der Zustand der PS4 und Xbox-One-Varianten des Spiels ausfiel. Und nein, es hatte nichts mit den Konsolen an sich zu tun. Als eines der am meisten erwarteten Spiele aller Zeiten kam Cyberpunk 2077 am 10. Dezember 2020 auf den Markt und CDPR riss augenblicklich das Steuer von Promotion zu Schadensbegrenzung herum. Wo das Spiel auf dem PC zwar nicht alle versprochenen Features lieferte, aber trotz allem eine gute Figur hinlegte, war es auf Last-Gen-Konsolen im wahrsten Sinne des Wortes unspielbar.

Das Statement aus dem November dieses Jahres, dass die Konsolen-Performance "überraschend gut" sei, erscheint inzwischen wie blanker Hohn. Es folgte eine Entfernung aus dem Playstation Store, Microsoft fügte eine explizite Warnung auf der Shop-Seite ein und CD Projekt Red versprach Refunds für bereits gekaufte Spiele - und das gerade einmal ein paar Tage nach dem großen Launch!

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