Die Akte Atomic Heart: Große Analyse der Russland-Kontroverse

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Die Akte Atomic Heart: Große Analyse der Russland-Kontroverse
Quelle: Mundfish

Wir haben analysiert, was Atomic Heart vorgeworfen wird und liefern euch alle Informationen: Was haben Kritiker, Entwickler und das Spiel selbst zu sagen?

Zum einen könnte man Mundfish böse Absichten unterstellen, nämlich, dass sich bewusst nicht vom Ukraine-Krieg distanziert wurde, weil man diesen insgeheim duldet oder sogar billigt. Beweise dafür gibt es allerdings nicht. Man könnte den Entwicklern auch glauben, dass sie sich schlicht nicht zu politischen Themen äußern wollen, und das Statement deswegen so vage gehalten ist. In der Gaming-Branche wäre das keine Seltenheit, vor allem, wenn sich ein konkreter Bezug zum aktuellen Zeitgeschehen herstellen lässt. 2018 sprach etwa der COO von Ubisoft Massive (The Division) davon, dass konkrete politische Äußerungen in Videospielen schlichtweg "schlecht fürs Geschäft" seien.

Zu guter Letzt ist es aber auch möglich, dass eben doch noch viele Teammitglieder, vielleicht sogar die meisten, in Russland leben und arbeiten. Weil Putins Regime Menschen für bis zu 15 Jahre ins Gefängnis steckt, wenn es meint, "diskreditierende Informationen über die Streitkräfte" zu erkennen, haben noch in Russland sitzende Entwickler einen zumindest nachvollziehbaren Grund zum Schweigen, vermutlich auch im Hinblick auf ihre Familien. Schon die Bezeichnung des Krieges als "Krieg" ist in Russland verboten.

Ausnahmen gibt es allerdings auch: So hatte sich etwa der russische Entwickler Ice-Pick Lodge (Pathologic 2) wenige Tage nach Kriegsbeginn klar von der russischen Aggression und der Regierung distanziert. Repressalien gegen den Entwickler gab es dafür nicht, zumindest keine öffentlich bekannten.

Dazu sei erwähnt, dass Atomic Heart eines der größten und meist erwarteten russischen Spiele der letzten Jahre ist. Daher kann man annehmen, dass Mundfish auch deswegen besonders vorsichtig zu Werke geht, weil der russische Markt für die Entwickler eine enorm wichtige (und potenziell existenzsichernde) Einnahmequelle darstellt.

Zusammengefasst: Wie man das Statement des Entwicklers versteht, ist letztlich eine Frage der eigenen Überzeugung. Wie es tatsächlich gemeint war und was die Entwickler konkret von Putins Krieg halten, erfahren wir vermutlich frühestens, wenn er vorbei ist. Eine prominente, politische Instanz hat sich unterdessen aber schon geäußert: die Ukraine.

Das Ministerium für digitale Transformation der Ukraine, genauer gesagt dessen Minister Alex Bornyakov, will einen Brief an Valve, Sony und Xbox schreiben, um sie zu bitten, Atomic Heart aus ihren Digitalstores in der Ukraine zu entfernen und in anderen Ländern darüber nachzudenken, den Vertrieb des Spiels einzuschränken. Unter anderem spricht das Ministerium von einer Romantisierung "der kommunistischen Ideologie und der Sowjetunion" im Spiel.

3. Was hat das Spiel selbst zu sagen und wie wurde es vermarktet?

Als Kunstprodukt ist es natürlich bedeutsam, welche Botschaften im Spiel selbst abgebildet werden. Wir haben während des Tests festgestellt, dass Atomic Heart keine Sowjet-Glorifizierung darstellt, sondern sein Setting eher als überspitzte Karikatur zeichnet. Eine Karikatur, die es nicht einmal eine halbe Stunde nach Spielbeginn auseinandernimmt.

Ja, wir spielen einen Major, der über weite Teile der Geschichte ein recht systemtreues Werkzeug ist. Und ja, das Spiel ist vollgestopft mit Propaganda-Postern, Sowjet-Relikten und protziger Architektur im Stile des Sozialistischen Klassizismus.

3.1 Unsere Einschätzung

Um euch zu erklären, was für eine Botschaft die Story des Spiels vermittelt, müssen wir Oma Sinas Warnung ignorieren. Quelle: Mundfish Um euch zu erklären, was für eine Botschaft die Story des Spiels vermittelt, müssen wir Oma Sinas Warnung ignorieren. Achtung, ab hier folgen Story-Spoiler!

Allerdings ist der ganze Pomp mit literweise Blut bespritzt. Blut, das vergossen wurde, weil die größenwahnsinnige Führungsriege ihr kommunistisches Ideal zu weit getrieben hat. Mit den realen politischen Abläufen in der Sowjetunion beschäftigt sich das Spiel wenig, das Setting ist stark verfremdet, geschichtlich eher oberflächlich und natürlich tief in der Science-Fiction verankert.

Die Kernbotschaften, die wir aus dem Spiel mitgenommen haben, sind die Wichtigkeit eines freien Willens, der Widerstand gegen die gedankliche Gleichschaltung, und dass sich mächtige Technologie nicht in den Händen einiger weniger befinden darf. Diese Motive deklariert Atomic Heart für uns recht klar als Ideale, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Will man die Motive nun auf die aktuelle Lage übertragen, dann dürfte der freie Wille des Individuums so ziemlich das letzte sein, was Putins Staatsapparat bei seiner Bevölkerung erhalten will. Außerdem wird die Sowjetunion im Spiel als hinterlistige Schlange dargestellt, wenn die "freundschaftlich" an den Westen gespendeten Hilfsroboter eigentlich Schläferzellen sind, die nach ihrer Aktivierung ganze Länder übernehmen sollen, indem sie mit Waffengewalt deren Kraftwerke besetzen.

Nach diesem "Atomherz-Projekt" ist das Spiel benannt, und man kann es durchaus als Anspielung darauf sehen, wie sich der Westen zu sehr von Russlands Energie abhängig gemacht hat, und wie sie letztendlich als Waffe und Druckmittel gegen ihn eingesetzt wird.

Hier enden die Story-Spoiler.

Das ist zumindest unsere Sicht auf das Spiel, die uns sicherlich Details übersehen und manche Zusammenhänge verklärt betrachten lässt, weil wir, salopp gesagt, mit westlichen Augen draufschauen.

Wir haben in knapp drei Spieldurchgängen, verteilt auf zwei Redakteure, aber nichts in Atomic Heart gesehen, das wir für bedenklich halten. Kritische Stimmen bezüglich des Inhalts gibt es aber - zum einen wegen einer Veranstaltung für Pressevertreter in Russland, zum anderen wegen kleiner Details und potenziell problematischer Easter Eggs, die einige Twitter-Nutzer im Spiel gefunden haben.

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