30 Jahre id Software: Wie die Doom-Macher die Spieleindustrie veränderten
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Shooter-Revoluzzer, Multiplayer-Urgestein und Engine-Magier: id Software setzt seit 30 Jahren neue Standards. Was aber waren die Meilensteine der Texaner und welche Einflüsse sind bis heute in der Branche spürbar?
Es war ein wahrer Paukenschlag: Am 21. September 2020, dem Vorverkaufsstart der Xbox Series X, kündigte Microsoft die Übernahme von Bethesda Softworks und damit auch des traditionsreichen Entwicklerstudios id Software an. 7,5 Milliarden Dollar - also umgerechnet rund 6,4 Milliarden Euro - ließen sich die Xbox-Macher diesen Coup kosten. Kurze Zeit später landeten dann bereits Hochkaräter wie das erst im März 2020 veröffentlichte Doom Eternal im Abo-Service Xbox Game Pass. Eine derartige Entwicklung ist aber für das Traditionsunternehmen id Software nichts Neues. Schließlich übernahm 2009 bereits Zenimax Media Inc., die Muttergesellschaft von Bethesda Softworks, das Studio und gliederte es so in die Bethesda Games Studios ein.
Doch diese Entwicklungen sind nur die aktuellsten Kapitel in der nunmehr 30-jährigen Geschichte von id Software. Gegründet am 1. Februar 1991, stellte das Studio die Welt der Computer- und Videospiele mehr als einmal auf den Kopf. Mit Doom revolutionierten die Texaner 1993 das Shooter-Genre und leistete mit Quake gewaltige Aufbauarbeit in Sachen Multiplayer-Spielvergnügen und E-Sport.
Quelle: Moby Games
Mit Commander Keen (1990) finanzierte id Software die Entwicklung von Wolfenstein 3D. Der „Nazi-Shooter“ war geradlinig und simpel, aber provokant und technisch aufregend genug, um Aufmerksamkeit zu kreieren.
Die Gründer von id Software - John Romero, John Carmack, Tom Hall und der nicht mit John verwandten Adrian Carmack - sind mindestens ebenso bekannt wie die Firma und ihre Spiele selbst. Und das, obwohl die vier Männer kaum unterschiedlicher sein könnten.
Vier Charakterköpfe prägen den Ruf bis heute
John Carmack ist das "verrückte Genie" unter den Vieren und war bis 2013 bei id Software: Hochbegabt, visionär und bisweilen sogar ein wenig "over the top". Wenn er in Interviews von seiner Jugend erzählt, beschreibt er sich als "unmoralischen kleinen Drecksack" - eben, weil er klüger als die meisten anderen Kinder war und dies auch gerne raushängen ließ. Seine Leidenschaft galt ganz dem Programmieren, schließlich hatte er am Computer die Kontrolle über seine eigene Kreation. Früh hackte er beispielsweise den Rollenspielklassiker Ultima 1 und veränderte die Charaktereigenschaften seines Avatars.
Seine "Gier" nach Computern ging so weit, dass er sogar in seine Highschool einbrach und dabei geschnappt wurde. Da er bei der psychologischen Untersuchung keine Reue zeigte, landete er ein Jahr im Jugendheim. Carmack war kein normaler Heranwachsender. Und da wundert wohl auch niemanden, dass er sein Programmierstudium an der University of Kansas abbrach und sich seine Brötchen als freier Programmierer verdiente, ehe er bei Softdisk anheuerte. Dort lernte er auch John Romero, Adrian Carmack und Tom Hall kennen.
Quelle: Moby Games
Rockige Musik, wuchtige Soundblaster-Klänge und schnelle Action: Doom verkörperte 1993 einen Lebensstil und drang schnell bis in den Mainstream vor. Allerdings mehrten sich aufgrund der expliziten Gewaltdarstellung auch kritische Stimmen.
Alle vier teilten die große Faszination für Computer- und Videospiele, waren charakterlich aber sehr verschieden. Dem extrovertierten Genie eines John Carmack stand ruhigere Persönlichkeiten wie Tom Hall und der künstlerisch veranlagte Adrian Carmack gegenüber. Hinzu kam der gerade in späteren Jahren laute und fast schon größenwahnsinnige John Romero, der sich nicht selten als Rockstar der Spieleindustrie inszenierte. Diese Mischung barg jede Menge Zündstoff in sich, aber war auch Nährboden für kreative Ideen, die die bis dato gesetzten Grenzen des Gamings durchbrechen sollten.
Der Shooter-Urknall: Wolfenstein und das frühe Doom
id Software gilt bis heute als enorm innovativ und progressiv. Dies zeigte sich etwa auch schon bei dem unterschätzten Jump'n'Run Commander Keen (1990). Dessen Erfolg legte letztlich die finanzielle Basis für die kommenden Projekte, die im Mainstream für Furore sorgen sollten. Auch wenn das 1993 veröffentlichte Doom oftmals als Shooter-Revolutionär gefeiert wird, so war es doch das ein Jahr zuvor von Apogee vertriebene Wolfenstein 3D, das bereits zeigte, in welche Richtung auf id Software gehen sollte.
Quelle: Moby Games
Ein ganz neues Spielgefühl: Mit Quake (1996) wagte id Software den Sprung in die „echte“ dritte Dimension. Schließlich lösten aus heutiger Sicht etwas kantige Polygonmodelle die etablierten 2D-Sprites ab.
Mit VGA-Grafik, der bereits in den bei Softdisk entwickelten Hovertank und Catacomb 3D erprobten Ray-Casting-Technologie und voller Soundblaster-Unterstützung bewaffnet, war der "Nazi-Shooter" Wolfenstein 3D ein enormer Erfolg. Die Gaming-Welt blickte auf id Software! Für viele Nutzer waren der schnelle Spielablauf, die Brutalität und natürlich auch das provokante Setting ein Augenöffner. id Software hatte sich mit einem Schlag einen Namen gemacht, auch wenn man mit Wolfenstein 3D noch nicht die breite Masse erreichte.
Das sollte sich mit Doom schlagartig ändern. Die Wellen, die dieses Spiel schlug, haben wir bereits in einem früheren Report anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von id Software genauer beleuchtet. Es war nicht allein die geradlinige Action, die Doom auszeichnete. Das Gameplay und das Design dahinter waren bahnbrechend. Dank der integrierten LAN-Funktion erlaubte der Shooter erstmals Mehrspielerkämpfe. Der Deathmatch-Modus feierte seine Premiere und ist bis heute aus keinem guten Shooter mehr wegzudenken. Die Netzwerkoptionen sorgten - wie heutige Online-Funktionen - für extreme Popularität und Langlebigkeit des Projekts.
Quelle: Moby Games
Mit der Quake-Serie konzentrierte sich id Software stärker auf den Multiplayer. Der in Deutschland indizierte dritte Serienteil verzichtete komplett auf Solo-Inhalte und stellte Multiplayer-Optionen in den Mittelpunkt.
Die auf dem Betriebssystem NeXTStep entwickelte Grafik-Engine erlaubte zudem dank Binary Space Partitioning die Darstellung größerer und weiträumigerer Levels - auch auf leistungsschwächeren Systemen. Trotzdem war Doom ein Technik-Innovator, der die aktuelle Hardware an ihre Grenzen brachte. Das wiederum rief Mitbewerber auf den Plan: id Software verdiente sich nicht allein mit den reinen Spieleverkäufen eine goldene Nase, sondern lizenzierte später auch seine Grafik-Engine. Unter der Führung von Technik-Genie John Carmack entstand die Marke id Tech, die zu einer der wichtigsten Grafiktechnologien der Welt heranwuchs. Das Lizenzieren der selbst entwickelten Grafiktechnologie ist heutzutage ein enorm wichtiges Geschäft, wie beispielsweise Epic Games mit seiner Unreal Engine
Online-Zugpferd: Die Quake-Serie
Auf die Doom-Revolution folgte mit der Quake-Serie der nächste große Schritt. Bereits beim ersten Teil von 1996 kamen dreidimensionale Polygon-Modelle zum Einsatz. Die Engine renderte die Umgebung in Echtzeit, zusätzliche Licht- und Textureffekte sorgten für einen insgesamt lebendigeren Look. Sie lösten die zuvor verwendeten 2D-Sprites ab und veränderten das Spielgefühl maßgeblich. Erstmals konnten wir also um unsere Gegner herumlaufen, ohne dass diese ruckelig von einer Animationsphase in die nächste sprangen. Diese Entwicklung war monumental. Und auch wenn Quake aus heutiger Sicht grob und kantig wirkt, so funktionieren moderne Shooter doch nach einem ganz ähnlichen Prinzip.
Quelle: Moby Games
Spielerisch war Doom 3 anders als bisherige Titel und setzt verstärkt auf Schockmomente und geskriptete Story-Elemente. Diese Neuausrichtung spaltet bis heute die Fangemeinde und macht das Spiel zum umstrittensten Ableger der Doom-Reihe.
Mit Quake konzentrierte sich id Software auch immer stärker auf den wachsenden Online-Markt. In dem 1999 veröffentlichten, aber hierzulande indizierten dritten Teil verzichteten die Entwickler vollständig auf Solo-Inhalte und setzten den Fokus stattdessen auf Multiplayer. Gegenüber dem Online-Magazin How-To Geek erklärte John Carmack: "Jedes Projekt hatte seine Momente und seinen Wert, aber der dritte Teil war mein persönlicher Favorit. Auf Multiplayer und 3D-Beschleuniger-Karten zu setzen, war eine mutige Entscheidung. Aber das Tech-Design war gut und ich persönlich hatte mehr Spaß beim Spielen als bei allen Spielen davor oder danach."
Der Ausreißer: Doom 3
Das 2004 veröffentlichte Doom 3 ist sicherlich das kleinste Licht auf der id-Software-Torte. Spielerisch tritt der Shooter auf der Stelle und setzt neben der Action vor allem auf Atmosphäre und jede Menge Schockeffekte. Das Mars-Abenteuer ist bis heute unter Fans umstritten - und auch unser Autor Olaf Bleich bezeichnete den Ableger in einer Kolumne bereits als "Wegweisend und trotzdem unwichtig".
Doom 3 zeigte jedoch, dass id Software bereit ist, Risiken einzugehen und etwas Neues auszuprobieren. Man kehrte zurück zum Singleplayer-Fokus und verstärkte das Storytelling mit Hilfe von geskripteten Ereignissen und düsterer Atmosphäre.
Quelle: Bethesda
Das Doom-Reboot von 2016 sah seiner Zeit beeindruckend aus und führte unter anderem die berüchtigten Glory Kills ein. Allerdings entpuppte sich das Spiel auf Dauer als etwas eintönig und langatmig.
In diesem Fall spielte allerdings die auf id Tech 4 basierende Engine die Hauptrolle, brachte sie doch die damalige Hardware an ihre Grenzen. Kein Wunder, in Echtzeit berechnete, dynamische Licht- und Schatteneffekte sorgten für eine nie dagewesene Ausleuchtung der Levels. Dazu besaßen die Charaktermodelle nun im Inneren Skelette, was natürlicher Animationen ermöglichte. Erweiterte Textureffekte mit Bump und Normal Mapping wiederum ließen Oberfläche plastischer erscheinen. Kurzum: Doom 3 war ein weiterer Technikmeilenstein.
Puzzle-Shooter: Doom Reboot und Doom Eternal
In der jüngeren Vergangenheit machte id Software durch ein Reboot der Doom-Serie auf sich aufmerksam. In Sachen Gameplay passte man hier vor allem die Möglichkeiten des Doom-Slayers an: Schneller, agiler und vielseitiger sollte der Supersoldat daherkommen. Wurde das 2016 auf Basis der id Tech 5 veröffentlichte Doom noch für seine spaßigen Glory Kills gelobt, hagelte es aber auch Kritik für die auf Dauer recht monotonen Abläufe.
Das sollte sich mit dem 2020 erschienenen Doom Eternal ändern: Hier griffen die bewährt wuchtige Shooter-Dynamik und das Ressourcenmanagement nahtlos ineinander. Waren einstmals vor allem schnelle Reaktionen notwendig, um in Doom zu bestehen, kam nun eine gehörige Portion Skill dazu. Die inzwischen für das Genre typischen Multiplayer-Optionen rundeten das famose Gesamtpaket ab.
Waren Doom und Doom Eternal revolutionär? Nein, aber sie bewiesen, dass id Software mit der Zeit geht und Innovationen nicht scheut.
Quelle: Medienagentur plassma
Doom Eternal ist kein Schlauch-Shooter. Stattdessen gestalten sich die Levels vergleichsweise weitläufig und beherbergen sogar Geschicklichkeits- und Rätselpassagen.
Was wird das nächste Kapitel?
Doom Eternal war der letzte große Hit von id Software. Diesen versorgt das Unternehmen aktuell mit zusätzlichen Inhalten und Erweiterungen. Noch im Dezember kam mit The Ancient Gods - Part One das vierte große Update mit neuem Master-Level, einem Master-Level-Modus und jeder Menge Herausforderungen raus. In einem offenen Brief an die Community) bedankte man sich zunächst für die Unterstützung in Zeiten der weltweiten Corona-Pandemie und betonte die damit verbundenen Umstellung auf Home-Office-Betrieb. Zugleich bestätigte id Software aber auch, dass man an der Finalisierung von The Ancient Gods - Part 2 und damit auch am Ende dieser Geschichte arbeitet.
Quelle: Medienagentur plassma
Doom Eternal erschien Ende 2020 sogar für die Nintendo Switch. id Software betraute Entwickler Panic Button mit der Portierung. Mit Erfolg: Das Spiel überzeugte trotz grafischer Zugeständnisse und lief vor allem zu jeder Zeit flüssig.
Interessanter sind allerdings die Gerüchte, die in den vergangenen Monaten im Netz umher geisterten. So arbeitet das Unternehmen anscheinend an einem brutalen VR-Spiel, das unter dem Namen "Project 2021A" eine Alterseinstufung in Australien erhielt und auch über Online-Optionen verfügen soll. Hierbei könnte es sich natürlich um eine VR-Variante von Doom Eternal handeln oder aber auch um ein komplett neues Spiel.
Ob hier das nächste große Kapitel der id-Software-Saga aufgeschlagen oder vielleicht doch nur eine weitere Seite umgeblättert wird, muss sich zeigen. Auch wenn die vier kreativen Köpfe von damals, also John Romero, John Carmack, Adrian Carmack und Tom Hall, schon lange aus dem Unternehmen ausgeschieden sind, so ist ihre früh festgelegte Handschrift bis heute spürbar.
Das bestätigte auch John Carmack selbst: "Rückblickend hätten einige Entscheidungen in der Vergangenheit besser ausfallen können. Aber ich bin stolz auf das, was id Software erreicht hat und glücklich darüber, dass das aktuelle Team dieses Erbe weiterführt." id Software wird nach der Übernahme durch Microsoft hoffentlich genau dort weitermachen dürfen, wo man die Reise 1991 begann: Bei knallharter, technisch ausgereifter Action, die Spieler und Hardware gleichermaßen an ihre Grenzen bringen wird.
