Von ISS bis eFootball: Aufstieg und Fall von Pro Evolution Soccer
Special
Vom Platzhirsch zur traurigen Randfigur: Wir schauen uns die Geschichte von Konamis Pro-Evolution-Soccer-Reihe an.
"Die Serie drehte sich immer ums Gameplay", sagte Steve Merrett, Ex-PR-Chef von Konami, in einem Interview mit dem Guardian. Der Anspruch der Entwickler war es, den Geist des Spiels einzufangen. Während sich FIFA oft mehr auf extravagante Tricks konzentrierte, auf Fallrückzieher und spektakuläre Duelle, ging PES immer den realistischeren, fordernden Weg. Hier gab es keine 10:0-Endergebnisse, keine Einzelgänge. Hier gab es echten Fußball. Der Ball fand zwar seltener den Weg ins Tor, dafür war jeder Treffer aber absolut befriedigend: Mit einem gelupften Steilpass den Stürmer zu schicken, den herausgeeilten Keeper zu umkurven, die Pille aus der Distanz in den Winkel zu hämmern - es fühlte sich nach einer Leistung an, sich gegen die clevere KI durchzusetzen. Deren Fähigkeiten basierte nämlich auf dem Datensatz des Football Managers, der dank einer Kooperation mit Entwickler Sports Interactive zur Verfügung gestellt wurde.
Mit Pro Evolution Soccer 2 feierte dann auch endlich der ikonische Editor seinen Einstand. Plötzlich war es nicht mehr nur möglich, einen eigenen Spieler zu erstellen, sondern gleich ganze Mannschaften anzupassen. Lizenzprobleme gehörten so der Vergangenheit an. Die offiziellen Rechteinhaber zeigten sich zwar wenig begeistert. Community-Modder sahen sich öfters mit der Androhung juristischer Konsequenzen konfrontiert.
Dennoch hält sich bis heute eine lebendige Fan-Szene, die regelmäßig Datenbanken mit aktuellen Kadern, Spielergesichtern und Trikots zusammenbastelt.
Quelle: Konami
Das war in PES 2 auch bitter nötig. Der Konami-Kicker hatte nämlich keine Lizenz für die niederländische Nationalmannschaft bekommen. Also wurden die Spieler einfach als "Oranges" bezeichnet und dann durchnummeriert. Statt authentischer Vereine wurden erfundene Spitznamen genutzt, etwa Navarra für Real Madrid. Der FC Arsenal lief einfach unter dem Namen London auf.
Auf dem Platz zeichnete sich PES 2 dagegen durch eine gestiegene Geschwindigkeit und Beweglichkeit der Spieler aus. Es gab eine realistischere Ballphysik, neue Taktikoptionen und alles in allem einfach ein runderes Spielerlebnis.
Diese Qualität hatte sich auch langsam unter Spielern herumgesprochen: PES 2 war ein unglaublicher finanzieller Erfolg. In Japan verkauft es sich in den ersten sechs Wochen mehr als eine Millionen Mal.
In Europa wurde zum Release sogar FIFA 03 übertroffen. Auf der ECTS 2002 wurde der Titel zum "Besten Konsolenspiel" gewählt. PES hatte endgültig seinen Platz in der Sportspielwelt zementiert, und sollte in den kommenden Jahren nur noch besser werden.
Aufstieg und Höhenflug
Mit PES 3 landete die Serie erstmals auf dem PC. Da rückte man die Schiedsrichter mehr in den Vordergrund. Mit Pierluigi Collina prangte nicht nur ein Referee auf dem Cover, seine virtuellen Kollegen ließen im Spiel neuerdings auch Vorteil laufen und pfiffen Handspiele - ganz zum Ärger der Zuschauer auf den Rängen. Das Publikum reagierte mit dynamischen Fangesängen, was für beste Stadionatmosphäre sorgte.
Quelle: Konami
Hinter der Fassade hatte Konami vor allem an der Ballphysik gearbeitet, so vergrößerte sich der Wendekreis der Spieler beim Sprint, Bälle versprangen öfter als vorher und Schüsse landeten auch mal auf der Tribüne. Bei Freistößen in Tornähe bekam der Spieler jetzt sogar unterschiedliche Schussvarianten zur Auswahl.
PES 4 bot zum ersten Mal in der Seriengeschichte komplette Ligen, darunter drei lizenzierte: die italienische Serie A, die spanische La Liga und die niederländische Eredivisie.
Auf dem Platz herrschten jetzt wechselnde Bedingungen, die sogar Auswirkungen auf die Spieler hatten. Die machten sich bei einer Regenschlacht etwa ordentlich dreckig.
Auch der Referee war auf dem Platz zu sehen, animierte Linienrichter wurden zumindest bei Abseitsentscheidungen angezeigt. Schienbeintreter freuten sich über die etwas lockerere Linie der Schiris: Die griffen nicht direkt beim ersten Vergehen in die Hosentasche, sondern ließen das Spiel auch mal laufen.
Am Meister-Liga-Modus wurde ebenfalls weiter fleißig herumgedoktert: Ein Transfermarkt, eine Trainingsoption und ein neues Entwicklungsprotokoll der Spieler sorgten für mehr Tiefe. Eure Profis verbesserten oder verschlechterten sich jetzt je nach Saisonleistung. Außerdem führte Konami eine zweite Division und einen Champions-League-ähnlichen internationalen Wettbewerb ein.
