Mein erstes Mal: Wasteland - wenn Retro richtig stressig ist

Special Benedikt Plass-Fleßenkämper Lukas Schmid
Mein erstes Mal: Wasteland - wenn Retro richtig stressig ist
Quelle: Interplay / Medienagentur plassma

Diese Artikelreihe hat bereits mehrfach bewiesen: Alte Spiele neu zu entdecken, kann interessant und bereichernd sein. Allerdings muss man sich dafür zwangsläufig mit überholten Mechaniken und antiquierter Technik auseinandersetzen. Und das wiederum kann dazu führen, dass sich der Reiz eines ehrwürdigen Klassikers nur mühsam offenbart - wie im Fall des 1988 erschienenen Kult-Rollenspiels Wasteland.

Das 1988 für Apple II, C64 und PC veröffentlichte Wasteland ist ein echtes Urgestein des Rollenspiel-Genres, obwohl es mit seinen 32 Jahren gar nicht mal so alt ist. Schließlich gab es zu diesem Zeitpunkt bereits andere Klassiker wie Ultima, Wizardry oder The Bard's Tale, die von einer innigen Fan-Gemeinde lebten und mehrere erfolgreiche Fortsetzungen zustande gebracht hatten.

Das große Alleinstellungsmerkmal von Wasteland ist sein dystopisches Szenario: Man reitet nicht durch eine verschlafene Fantasy-Landschaft oder erkundet die Weiten des Weltalls. Stattdessen kämpft man sich durch eine von einem nuklearen Holocaust völlig zerstörte Welt.

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Dieses Szenario ist auch der Grund, warum mich der Titel anno 1988 kaltließ: Ich bin in Spielen kein allzu großer Freund der Endzeit. Zwar habe ich mir diverse Nachfolger oder den Konkurrenten Fallout angeschaut, dies aber vorrangig aus beruflichen Gründen. Andererseits faszinieren mich grundsätzlich innovative Spiele und deren Entstehungsgeschichte, weshalb der Historiker in mir ungemein gespannt auf "Mein erstes Mal" mit Wasteland (jetzt kaufen 17,00 € ) ist.

Ab in die Wüste

Bobby sorgt sich sowohl um seinen Hund Rex als auch um seine Freundin Jackie. <br> &nbsp; Quelle: Interplay / Medienagentur plassma Bobby sorgt sich sowohl um seinen Hund Rex als auch um seine Freundin Jackie.
 
Normalerweise würde ich für ein solches Experiment zu einer der damals veröffentlichten Originalversionen für Apple II oder C64 greifen. In diesem Fall wähle ich allerdings die Steam-Neuauflage aus dem Jahr 2013. Sie ist grafisch und inhaltlich nahezu identisch mit der ursprünglichen PC-Veröffentlichung, gewährt mir jedoch das Anlegen mehrere Rollenspiel-Partys. Wohlgemerkt steht mir pro Gruppe nur ein Speicherstand zur Verfügung. Sollte ich also einen schwerwiegenden Fehler begehen und danach speichern, dann gibt es kein Zurück mehr.

Des Weiteren verweist das Steam-Wasteland an manchen Stellen auf einzelne Textparagraphen, für die man damals die gedruckte Anleitung aufschlagen musste und die heute direkt im Spiel angezeigt und gar vorgelesen werden. Abschließend gibt es einen modernen Ambient-Soundtrack, den ich jedoch bewusst abschalte. Schließlich möchte ich mein Retro-Erlebnis nicht zu sehr verwässern.

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Mutierte Tiere gehören zu den ersten Gegnern, die ihr in Wasteland bekämpfen müsst. <br> &nbsp; Quelle: Interplay / Medienagentur plassma Mutierte Tiere gehören zu den ersten Gegnern, die ihr in Wasteland bekämpfen müsst.
 
Ansonsten habe ich keine Ahnung, was mich abseits des Endzeitszenarios erwartet. Freilich könnte ich mir die im PDF-Format beigelegte Anleitung durchlesen, worauf ich aber erst einmal keine Lust habe. Später vielleicht. Lieber springe ich mitten ins kalte Wasser - oder besser gesagt in die heiße Wüste der (ehemaligen) Vereinigten Staaten von Amerika, wo das Abenteuer stattfindet.

Ich starte im Ranger Center und darf entweder meine eigenen Charaktere erstellen oder mit einer vorgefertigten Truppe auf Streifzug gehen. Ich entscheide mich zuerst für letztere Variante, gebe aber nach etwa einer Probestunde auf und starte von Neuem. Der Grund hierfür sind die Skills, dank denen ich meine Gruppe individueller und vielschichtiger gestalten kann. Es erscheint mir jedenfalls sinnvoll, dass ich auf möglichst viele Fähigkeiten wie Heilen, Klettern oder Bombenentschärfen zurückgreifen kann.

Diese Tür ist zwar verschlossen, lässt sich aber leicht mittels Picklock-Fähigkeit knacken. Quelle: Interplay / Medienagentur plassma Diese Tür ist zwar verschlossen, lässt sich aber leicht mittels Picklock-Fähigkeit knacken. Mit dem erstmaligen Verlassen des Centers folgt die erste Überraschung: All die Jahre dachte ich, Wasteland würde optisch The Bard's Tale ähneln - schlicht, weil beide Spiele von US-Entwickler Interplay und aus einer ähnlichen Epoche stammen. Tatsächlich beschränken sich die Gemeinsamkeiten jedoch auf schick gezeichnete Gegner- und Monstergrafiken, die man im Kampf zu sehen bekommt.

Die meiste Zeit marschiere ich in einer kargen Blöckchengrafik durch die Ödnis - die frühen Ultima-Spiele lassen grüßen. Ich laufe gen Norden und betrete ein paar grellgelbe Felder, woraufhin mich das Spiel sogleich warnt: Achtung, hier ist es unangenehm warm! Deshalb kehre ich lieber um und steuere stattdessen das verwinkelte Gebäude zu meiner Linken an, das in einer Bergkette eingekesselt liegt. Bei näherer Betrachtung entpuppt es sich als eine kleine Stadt namens Highpool.

Aufgabe gesucht

Dieser nette Herr flickt euch wieder zusammen, allerdings nur gegen einen Batzen Bares. <br> &nbsp; Quelle: Interplay / Medienagentur plassma Dieser nette Herr flickt euch wieder zusammen, allerdings nur gegen einen Batzen Bares.
 
Obwohl in Highpool mehrere Gebäude stehen, darf ich nur drei von ihnen betreten. Darunter gehören eine Arztpraxis und ein kleiner Laden, in dem ich triviale Objekte wie beispielsweise ein Seil kaufen könnte. Allerdings ist meine Mannschaft bereits mit ein einigen nützlichen Utensilien ausgerüstet. Zudem besitze ich ohnehin kein Geld muss und deshalb meinen Konsumdrang noch etwas zügeln.

Nur wenige Schritte vom Verkäufer entfernt fällt mir eine verschlossene Tür auf, für die ich keinen Schlüssel parat habe. Sogleich kommen mir meine Skills in den Sinn, darunter das sogenannte "Picklock", mit dem ich vielleicht so eine Tür aufknacken könnte. Aber dazu brauche ich doch sicherlich einen Dietrich ... oder etwa nicht? Nun, wenn ich hier schon einmal stehe, dann probiere ich es einfach mal aus und ... hoppla, es klappt: Die Tür ist offen!

Während ich den folgenden Raum untersuche und unter anderem ein paar Notizen und Pläne entdecke, tauchen neben dem Verkäufer zwei Jugendliche auf, die mich anpöbeln. Sobald ich zu ihnen gehe, reagieren sie nicht. Trotzdem kann ich sie attackieren. Der Kampf selbst ist bemerkenswert schlicht: Ich greife einfach nacheinander mit sämtlichen Mitstreitern an, die durchweg mit Pistolen ausgestattet sind, und gewinne auf Anhieb, ohne einen Kratzer abzubekommen. Das war erstaunlich einfach!

Diesen tollwütigen Hund solltet ihr schnellstmöglich abschießen, bevor er euch zu Tode beißt. <br> &nbsp; Quelle: Interplay / Medienagentur plassma Diesen tollwütigen Hund solltet ihr schnellstmöglich abschießen, bevor er euch zu Tode beißt.
 
Nun gut. Ich verlasse den Laden und schaue mich weiter um. In der Südwestecke Highpools treffe ich auf einen weiteren Jungen, mit dem ich reden kann. Er schluchzt jedoch nur. Ich habe keinen blassen Schimmer, was ich mit dem armen Kerl machen soll.

Dazu müsst ihr wissen: Wasteland stammt aus einer Zeit, in der Adventures und Rollenspiele gerne Texteingaben vom Spieler abverlangten. In diesem Fall soll ich zur Tastatur greifen, sobald ich ein Gespräch mit einem NPC anfange. Das erinnert wiederum an Ultima, wo man grundsätzlich jede Figur nach "Name" und "Job" befragen durfte. Doch solche Standardphrasen gibt es hier anscheinend nicht.

Nach einer Weile strecke ich die Waffen und schaue ins offizielle Hintbook, das ebenfalls im Installationsverzeichnis meiner Steam-Version schlummert - und das mich nur noch mehr verwirrt. Es erzählt nämlich frei heraus, dass der Junge Bobby heißt und seinen Hund Rex vermisst. Zudem kann ich ihn über eine Höhle und ein vermisstes Mädchen namens Jackie befragen. Allerdings bleibt es für mich weiterhin ein Rätsel, wie man ohne Hilfe auf diese Fragen kommen soll.

Harrys Axt hat das Potenzial, euch schwere Verletzungen zuzufügen. <br> &nbsp; Quelle: Interplay / Medienagentur plassma Harrys Axt hat das Potenzial, euch schwere Verletzungen zuzufügen.
 
Okay, das will ich jetzt wissen! Also klappere ich klappere stoisch jeden einzelnen Winkel der Stadt ab. Und tatsächlich: Als ich erneut in den Laden gehe und eine bestimmte Wand streife, finde ich einen Zettel. Auf diesem sind völlig plump und zusammenhangslos die besagten Stichwörter notiert. Nicht gerade ein Meilenstein der alten Spieldesignkunst, wenn ihr mich fragt ...

Sei's drum: Zumindest habe ich jetzt eine Aufgabe, nämlich Jackie und den Hund zu finden. Bobby verrät mir zudem einen kleinen Anhaltspunkt, wo ich suchen sollte: Laut ihm befindet sich der Eingang der Höhle hinter ein paar Büschen. Aber wo zum Geier sind denn in Highpool Büsche? Ich sehe nur Bäume!

Die Lösung des Problems? Ist erneut wenig einleuchtend: Ich muss Bobby einfach nochmal nach der Höhle befragen. Dann redet er plötzlich von zwei Bäumen, die zwischen der Stadtmauer und dem See stehen. Dabei bricht der Junge in Tränen aus, fleht mich an, seinen Hund in Ruhe zu lassen - und läuft weg.

Höhlenkunde

Zutritt verboten: Die im Osten gelegene Stadt könnt ihr dank einer radioaktiv verseuchten Zone nicht von dieser Seite betreten. <br> &nbsp; Quelle: Interplay / Medienagentur plassma Zutritt verboten: Die im Osten gelegene Stadt könnt ihr dank einer radioaktiv verseuchten Zone nicht von dieser Seite betreten.
 
Ich gehe also ein paar Schritte nach Norden und stoße sogleich auf die gesuchten Bäume, jedoch auf keinen Höhleneingang ... Was fehlt denn jetzt? Wieder konsultiere ich das Hintbook, um zu verstehen, wie Wasteland überhaupt funktioniert: Es gibt einen ganz speziellen Skill namens Perception (auf Deutsch Wahrnehmung), den ich zwingend für das Finden von versteckten Objekten oder eben einem Höhleneingang anwenden muss. Obendrein benötige ich ein passendes Werkzeug, um sicher in die Tiefe zu steigen. Und was wäre da besser geeignet als eines der Seile, die meine Charaktere bei sich tragen?

Die Höhle ist so klein, dass ich bereits nach wenigen Schritten die hinterste Wand sehen kann. Nachdem ich dank eines weiteren Skills über Geröll klettere, greift mich Bobbys tollwütiger Hund an. Ich komme leider nicht drum herum, das arme Tier zu töten.

Als Nächstes falle ich bei einer weiteren Kletteraktion auf die Schnauze, und einer meiner Charaktere verletzt sich. Spätestens jetzt fängt die Steuerung an, mich richtig zu nerven: Um nämlich zu klettern, muss ich "U" wie "Use", die Ziffer für den zu kletternden Charakter, "S" wie Skill und erneut eine Zahl zur Auswahl des eigentlichen Klettern-Skills drücken. Und das für jeden einzelnen Versuch!

Nach einer Weile stolpere ich im hintersten Eckchen der Höhle über Jackie, die ich gar als zusätzliches Mitglied in meine Party aufnehmen kann. Zurück im Freien, vernehme ich wütende Rufe: Bobby will sich an mir rächen, weil ich seinen Hund getötet habe! Er hat allerdings keine Chance gegen meine schusskräftige Mannschaft und ist nach zwei Kampfrunden mausetot.

Bildergalerie

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