Die Geschichte der Wrestlingspiele in Europa und Nordamerika: Vom Pixelbrei zum Showsport-Spektakel
Special
Mit WrestleMania 34 steht an diesem Wochenende in New Orleans die größte Wrestling-Veranstaltung des Jahres auf dem Plan. Um den Showsport-Fans unter euch die Wartezeit bis zum Ertönen der Ringglocke zu verkürzen, erzählen wir euch in diesem Artikel die Geschichte der Wrestlingspiele und ziehen Parallelen zu tatsächlichen Ereignissen im Catch-Business.
Abgesprochene Kloppereien von eingeölten Muskelprotzen in bunten Badehosen erfreuen uns schon seit Jahrzehnten auf etlichen Plattformen. In diesem Special widmen wir uns der Geschichte der Wrestling-Spiele von den Anfängen im 8-Bit-Format bis zu den grafisch opulenten Showsport-Spektakeln der neuesten Generation und klären, wie sich die Veränderung des Wrestling-Business auch auf die Spiele ausgewirkt hat.
Die Geschichte der Wrestlingspiele
Schaut man sich Sportspiele wie FIFA, PES, Madden oder NHL an, erkennt man gut, dass diese Reihen mit der Zeit natürlich grafisch gewachsen sind und uns natürlich von Jahr zu Jahr mehr Realismus und spielerische Freiheit brachten. Doch keine Serie zu Eishockey, Fußball, Basketball oder Football spiegelt so sehr die Geschichte der eigentlichen Sportart wieder, wie es beim Wrestling der Fall ist. Genau wie beim echten beliebten Showsport gab es große Erfolge, bittere Pleiten, erbitterte Rivalen und überraschende Wechsel, die den Erfolg des einen Unternehmens und den Niedergang des anderen besiegelten. Die vergangenen Spiele stehen sinnbildlich für Territorial-, WrestleMania-, Attitude- und Ruthless-Aggression-Ära sowie die Zeit, in der der Marktführer konkurrenzlos dasteht und das Produkt stagniert.
Territorialkampf und Mainstream
Bis in die 80er Jahre hinein war das Wrestling innerhalb Nordamerikas auf verschiedene Gebiete aufgeteilt. Die heutige WWE veranstaltete hauptsächlich im New Yorker Raum, der spätere Rivale WCW in Georgia und weitere Mitbewerber wie Jim Crockett Promotions oder die von Stu Hart gegründete Liga Stampede Wrestling in ihren jeweiligen Territorien. Die WWF begann jedoch schon 1980 damit, kleinere Ligen aufzukaufen und als Vincent Kennedy McMahon die Liga von seinem Vater übernahm, wurde zum großen Schlag gegen die Konkurrenz ausgeholt. Die WWF lockte die Stars anderer Promotions zu sich und strahlte ihre TV-Sendungen in "fremden" Gebieten aus. Mit dem ersten WrestleMania-PPV im Jahr 1985 gelang McMahon mit seiner Liga schließlich der große Durchbruch und Wrestling erlangte die Aufmerksamkeit des Mainstreams.
Quelle: PC Games
The Big Pro Wrestling war der erste Catch-Titel für das NES.
Dieser Umbruch im Wrestling-Business selbst erklärt auch, warum die ersten Videospiele zum Showsport keinerlei Lizenzen hatten und somit nicht die großen Stars boten, die man mit dem Wrestling der 80er verbindet. 1983 erschien mit The Big Pro Wrestling das erste Spiel zur Sportart als Arcade-Automat. Das Spiel wurde von den späteren Double Dragon-Erfindern Technos entwickelt und bot Grappling, Slams und sogar Brawls außerhalb des Rings. Der Titel wurde zwei Jahre später für das NES umgesetzt, in Tag Team Pro Wrestling umbenannt und spielte sich aufgrund der technischen Limitierungen der Konsole einfach furchtbar. In Japan hingegen veröffentlichte Sega Appoooh, welches zwar ebenfalls keinerlei Lizenzen hatte, aber ihren Kämpfern abgewandelte Namen von WWF Superstars gab. Dieser H. Hogen war schon ein Teufelskerl! Das erste lizenzierte Wrestlingspiel kam mit MUSCLE erst 1986 auf den nordamerikanischen Markt. Doch auch dieses eher mittelprächtige Spiel hatte keinen Bezug zur WWF. Das vom japanischen Hersteller Bandai herausgegebene Spiel nutzte stattdessen die Lizenz zur Manga- und Anime-Reihe Kinnikuman.
Im gleichen Jahr erschienen sowohl für Nintendos NES als auch für Segas Master System jeweils ein Wrestlingspiel. Obwohl es sich dabei um unterschiedliche Spiele handelte, trugen beide den sehr kreativen Titel Pro Wrestling. Das Spiel für das Master System war wirklich gut, bot rundes Gameplay und hatte sogar ein rudimentäres Heel-/Face-System, bei dem die Bösewichter sogar mit Gegenständen auf ihre Gegner einprügeln durften, doch nur der NES-Titel wurde zu einem echten Klassiker. Das Balancing war teils hanebüchen, doch selbst heute macht Pro Wrestling noch Laune. Durch eine wunderschön falsche Übersetzung nach dem Sieg über den Champion Great Puma hat der Titel ohnehin seinen Platz in der Videospielgeschichte sicher: "A winner is you!"
Quelle: PC Games
WWF WrestleMania war 1989 das erste Wrestlingspiel mit der Lizenz der World Wrestling Federation.
Erst 1989 erschien mit WWF WrestleMania endlich ein Spiel mit offizieller Lizenz für das NES. Publisher Acclaim hatte sich die Rechte für mehrere Jahre gesichert und setzte das legendäre Studio Rare an die erste Auskopplung. Spielerisch entpuppte sich WrestleMania als ziemlich eingeschränkt, doch da man nun endlich mit Hogan, dem Macho Man oder André the Giant ins Seilgeviert steigen durfte, waren die Fans glücklich. Seltsam war allerdings, dass zufällig Power-Ups für die Kontrahenten in den Ring fielen. Während beispielsweise die Flamme für Bam Bam Bigelow verständlich ist, wirkt das Kreuz für Hulk Hogan trotz seiner Catchphrase "eat your vitamins and say your prayers" ein wenig befremdlich. Vitaminpillen hätten wohl aber zu schnell mit Steroiden verwechselt werden können und mit diesen kannte sich der Hulkster ja ziemlich gut aus. Immerhin waren hier bereits die echten Themes der vorhandenen Superstars zu hören.
Im gleichen Jahr erschien zudem der Arcade-Automat WWF Superstars von Technos, der mit tollen Figurenmodellen und mehr typischen Moves überzeugte. Allerdings wurde Superstars 1991 bereits vom Nachfolger WWF WrestleFest in nahezu jeder Hinsicht überflügelt. Der Titel sieht selbst heutzutage noch richtig gut aus, bot ein eingängiges Grappling-System und zum ersten Mal gab es sowohl Steel-Cage- als auch Royal-Rumble-Matches, in denen bis zu vier Spieler gleichzeitig gegeneinander antreten konnten. WrestleFest war großartig und wird zu Recht als Klassiker angesehen. Leider war es auch das letzte Wrestlingspiel von Technos, die 1996 sogar Bankrott gingen.
Quelle: PC Games
WWF WrestleFest ist ein wahrer Arcade-Klassiker.
Der Krieg ist nah
In der Realität bildete sich langsam Widerstand gegen das drohende Monopol von McMahon und seiner WWF. Medien-Mogul Ted Turner übernahm World Championship Wrestling kaufte die Namensrechte der gleichnamigen Promotion in Georgia und schloss sich mit der NWA zusammen. Die National Wrestling Alliance war vor dem Siegeszug McMahons die angesehenste Promotion und verwaltete quasi die Territorien. Die WCW erhielt somit bekannte Wrestler, Titelgürtel und natürlich mehr Leute, die McMahon eins auswischen wollten. Ende der 80er und Anfang der 90er war die WCW noch klar die Nummer 2, die Popularität wuchs jedoch stetig und für noch mehr Fans sollten natürlich Videospiele sorgen.
Quelle: PC Games
WCW SuperBrawl war das zweite Wrestlingspiel der Promotion aus Atlanta.
1990 wollte man mit WCW Wrestling auf den Markt drängen, allerdings verärgerte man nur die Fans. Der Titel war nichts anderes als ein Port des japanischen Games Superstar Pro Wrestling, in dem die vorhandenen Kämpfer Skins der WCW-Stars verpasst bekamen und sich Sting, Ric Flair und Co. Selbstverständlich überhaupt nicht so spielten wie ihre realen Vorbilder. Der Name und die Road Warriors auf dem Cover sollten wohl für leicht verdientes Geld sorgen. Erst 1994 versuchte es die Promotion aus Atlanta noch mal mit WCW SuperBrawl Wrestling auf dem Super Nintendo, doch sowohl das tolle WWF Royal Rumble als auch das Street Fighter-ähnliche Saturday Night Slam Masters von Capcom boten besseres Gameplay und hübschere Grafik. Da musste es die WWF auch nicht groß kümmern, dass die in diesem Zeitraum ebenfalls erschienenen Super WrestleMania, Superstars 2 sowie Steel Cage Challenge nicht nur auf Gegenliebe der Fans stießen.
Quelle: PC Games
WWF Royal Rumble und der Nachfolger WWF RAW setzten stark auf Button-Mashing, machten aber trotzdem Spaß.
WWF Royal Rumble und der Nachfolger WWF RAW für SNES und Sega Mega Drive spielten sich wunderbar flott, boten ein auf Button-Mashing basierendes, aber dennoch spaßiges Grappling-System und die 16-Bit-Kämpfer sahen ihren realen Vorbildern nicht nur ähnlich, sie hatten sogar ein speziell abgestimmtes Move-Repertoire. Die Spiele brachten ein wenig Simulation in den Spielablauf, glänzten jedoch weiterhin mit wunderbarem Arcade-Quatsch. So konnte man Gegner mit Eimern schlagen, sie gegen die Ringglocke schleudern (Ding!) oder sie mit einem beherzten Arschtritt über das oberste Seil aus dem Ring befördern. Bei so viel Lob sollte man aber noch das 95 für SNES, Mega Drive, Playstation und Sega Saturn erschienene WrestleMania: The Arcade Game von Midway erwähnen. Der Titel sah so aus wie ein gewisses beschlagnahmtes Spiel, zu dem es auch einen Film gibt, und spielte sich auch so. Das viel zu schnelle Spieltempo, hanebüchene Spezialattacken und eine hakelige Steuerung sorgten damals für wenig Spielspaß.
Trotz dieser Aufs und Abs gewann die WWF den Wrestling-Krieg auf der Konsole deutlich. Vor allem auch, da die bereits 1989 gestartete Fire Pro Wrestling-Reihe sowohl in Nordamerika als auch in Europa nie wirklich Fuß fassen konnte. Dabei ist vor allem der SNES-Ableger Super Fire Pro Wrestling Premium X ein geradezu fantastisches Spiel, das damals schon mit einem realistischen Kampfverlauf, passenden Aktionen und einem durchdachten Grappling-System sowie einem Editor punktete. In Sachen Gameplay ist SFPWPX immer noch das Fundament, auf dem heutige Wrestling-Games aufgebaut sind.
